FORUM

Das Wochenmagazin

26 Lebensart Facebook-Kochen 1

 Echt und   lecker 

Rezepte nur über Facebook auszutauschen, war irgendwann einfach nicht mehr genug: FORUM-Autor Rolf Klöckner hat sich mit einer Gourmet-Truppe aus dem Netz in der Realität getroffen und gemeinsam den Kochlöffel geschwungen.

Im Dezember hatte ich Ihnen in FORUM von meiner Kochgruppe auf Facebook berichtet. Seither hat sich die Gruppe vergrößert, unsere Themen wurden ausgeweitet. Meine sozialen Kontakte haben sich verändert, ich kommuniziere lieber mit Menschen im Netz oder am Telefon, die mit Herz und Verstand an das Thema Essen und Trinken gehen, als mit ewig Nörgelnden in der nächsten Eckkneipe. Denn das ewige Nörgeln scheint etwas mit dem gelieferten Ergebnis zu tun zu haben. Ich mag so viel Negatives nicht um mich, ich gehe ins Restaurant, vertraue dem jungen Koch und bin sehr oft begeistert. Vielleicht liegt das aber auch an der positiven Energie meiner genussvollen Begleitung. An Pfingsten war es so weit. 18 Mitglieder der Gruppe wollten ein kulinarisches Wochenende miteinander verbringen. Wir hatten ein Hotel mit 18 Betten gemietet, die Küche war verwaist, also konnten wir uns kulinarisch austoben. Riskant? Claus Schlemmer, sein Name ist Programm, beschrieb es auf seinem Blog so: „Face-Dingens-Gruppe. Piktogramme werden zu Gesichtern. Virtualität trifft Realität. Und zwar mit voller Wucht. Intensiv! Genau dahin, wo‘s gut tut! Du kommst an, obwohl dein Navi was dagegen hatte! Das doofe Ding führt dich tatsächlich auf einen Waldweg. Land- und Forstwirtschaft frei. Mindestens 50 Prozent Gefälle. Der Hesse hat Berge und Wälder – hab‘ ich gar nicht gewusst. Einer ist schon da. Zwei Stunden vor dem offiziellen Beginn. Wir hocken auf der Bank in der Sonne. Und erzählen. Wir legen einfach los. Kein Abchecken, kein Aufwärmen. Wozu auch? Eine Wellenlänge! So hab‘ ich das noch nie erlebt. Die anderen trudeln ein. 18 Menschen aus der ganzen Republik. Ich kenne keinen und doch alle. Wir umarmen uns, begrüßen uns. Wie man sich begrüßt, wenn man sich schon Jahre kennt.“

In der Hotelküche übernahmen die Netzwerk-Freunde das Ruder.

Gelandet war der ambitionierte Koch in Nordhessen – in der Nähe liegen Herborn, Limburg oder Wetzlar – in einem kleinen Landhotel, dem Berghof in Mittenaar. An dieser Stelle nochmals ein großes Dankeschön an die Betreiber, Familie Garotti, die „Dienstleistungen“ sehr großzügig interpretieren. Eingekauft war nach vorheriger Absprache alles oder wurde mitgebracht. Manfred bat um Hilfe beim Ausladen, er hatte den Kofferraum aber auch pickepackevoll. Es wurde ein großer Smoker (geschlossener Grill) ausgeladen und die Kühlkammern waren schnell voll. Wie immer, wenn ich mich mit Menschen aus Küche und Keller treffe, wurden besondere, kleine, wohlschmeckende Geschenke mitgebracht. Einmalig. Die Piktogramme erwiesen sich als sehr liebenswürdige, kompetente Menschen. Schlemmer notiert es so: „Ich gehe in die Küche. Nehme Fahrt auf. Alles ganz easy. Andere kommen, kochen, helfen, reden, trinken, gehen wieder. Zwischendurch genießen. Reden, trinken, scherzen. Und wieder Rhythmus aufnehmen. Die Zeit spielt keine Rolle, irgendwann wird‘s dunkel, irgendwann schwebe ich…“

Heidi Schurgers berichtet auf ihrem Blog „Gaumenkitzler“: „In der Küche treten wir uns gegenseitig auf die Füße. Es ist viel zu wenig Platz für so viele kreative Köche. Renke schnitzt Birnen, Manfred schneidet Kräuter für seine Frankfurter „Grie Soß“, Käptn Tom kocht Spargel, Petra arbeitet an ihrer Blutwurst-Trilogie, Claus kämpft mit seinen Sushi, ich wickele meine Schafskäsepäckchen, Sanne eilt jedem zur Hilfe, der etwas nicht finden kann, Sandra möchte zuschauen, Damir will helfen und über allem hinweg hört man die Stimme von Su, die schnippelt. Draußen feuert derweil Stefan seinen Wassersmoker an für die Spare Ribs. Später kommt er noch sehr ins Schwitzen, als die bestellten Flanksteaks sich als Bauchlappen erweisen und er mühsam jeden Fitzel Fleisch herausschneidet, um ihn dennoch perfekt auf den Punkt zu grillen. Das bestellte Lammkarree war ein kompletter Rücken, ein Glück, dass Heike neulich ihr Fleischseminar hatte und ihn gekonnt zerlegte.“

Es war eine große Freude, mit all diesen Genussmenschen zwei Tage zu verbringen. Allerdings, wenn gekocht wird, wird gekocht. Mit viel Lachen, einem Glas Wein, aber ohne Gnade. Alle hatten ein tolles Verständnis für Geschmack und Qualität. Das Menü fing eigentlich nie an, da schon von der ersten Sekunde an Essen und Wein auf dem Tisch standen, und hörte in den frühen Morgenstunden auf, da am Smoker draußen ja immer etwas ging. Und, wie gesagt, der Kühlschrank leerte sich nicht wirklich.

Sandra Gu hilft der gesamten Gruppe, packt an, wo es nötig ist. Hier serviert sie die fertigen Rippchen.

Ich bin seit Anfang an in dieser Gruppe dabei, nutze die Möglichkeiten für fachlichen Austausch und bloße Unterhaltung. Erst in Mittenaar habe ich mitbekommen, wer da alles in unserer Gruppe ist. Für Ahnungslose haben die nämlich alle viel zu gut gekocht. Stefan Müller etwa aus Schwäbisch-Gmünd ist Deutscher Grillmeister 2010 der Amateure und gewann den 1. Platz bei der Spare-Ribs-Grill- und Barbecue-Weltmeisterschaft 2011.

Natürlich ein geachteter Freund unserer saarländischen Weltmeister, Silvia und Thomas Zapp aus Ballweiler. Wusste ich aber nicht. Viele haben ja in dieser Gruppe ihren eigenen Food-Blog, gehören zu den meistgelesenen Bloggern in unserm Land, sie schreiben Bücher oder handeln auch mit den besten Viktualien. Sie werden zu besonderen Events eingeladen, geehrt und ausgezeichnet. Ich blicke immer noch nicht genau, wer alles in dieser Gruppe an „Ausgezeichneten“ unterwegs ist. Viele benutzen auch Pseudonyme wie „Arturs Tochter“, „Freundin des guten Geschmacks“, „Zorra Kochtopf“ „Ilse Landfrau“ oder „Bushcookkitchen“.

Aber, es sind auch ganz bestimmt Frauen und Männer dabei, die neben ihrem eigentlichen Beruf eine Passion haben: den verantwortungsvollen Umgang mit Viktualien. Die beim Bäcker kaufen, der ohne Backmischung auskommt, und die für ein gutes Stück Fleisch auch schon mal ein paar Kilometer weiter fahren. Allen gebührt mein höchster Respekt. Für mich waren dies Tage der Hoffnung, dass die Fast-Food-Welle niemals alle Menschen erreichen wird. „Genießer trifft Plastik“ wird es deshalb wohl mit uns nicht geben. So kümmerte sich Marion um Musik, Sanne organisierte phänomenal, Heike machte professionelle Fotos, Karin, Greta und ich wählten die Weine aus, Heidi machte dies, Damir das, Sandra präsentierte süße Kleinigkeiten, Ilse Landfrau ihr selbst gebackenes Brot und Corinna schnibbelte. Und ich habe jetzt bestimmt jemanden vergessen, der sich auch rührend um den Genuss für die Gruppe kümmerte. Verzeih mir. Es konnten ja noch nicht mal alle in die Küche, wir hatten ja so schon viel zu viel gekocht. Manfreds genialer Wurstsalat wurde deshalb ja auch kurzerhand zum Frühstück serviert.

Zum Schluss: Erdbeer-Rhabarber-Eis mit Frankfurter Pudding.

Die Facebook-Gruppe „Käptn‘s Dinner“ hat mein Leben bereichert. Vieles ist einfacher geworden. Wer hat ein gutes Rezept für Hühnersuppe, vielleicht einmal ganz anders? Es dauert zwei Minuten und ich habe 20 Vorschläge auf dem Monitor. Und dazu noch einige Erfahrungsberichte und Hilfestellungen. Trotzdem kaufe ich mir monatlich noch Bücher zu meinen Lieblingsthemen. Dies ist kein Widerspruch.

Es ist eigentlich wie mit den Handys. Ein Freund von mir benutzt sein Handy nur von 8 bis 18 Uhr. Danach kommt es in den Schrank. Er hat aber einen Wecker, ein Navigationssystem im Auto, eine Kamera, einen Taschenrechner, einen Notizblock, eine Wasserwaage, er kauft täglich drei Tageszeitungen – ich habe das alles nicht, ich habe ja mein Handy. Dort ist dies alles und noch viel mehr in Sekundenschnelle nutzbar.

Am Pfingstsonntag hieß es dann Abschied nehmen. Sie fuhren in alle Richtungen zurück in die Alltäglichkeit: Tom nach Hachenburg, Su nach Marburg, Claus nach Neuwied, Marion nach Zülpich bei Köln, Petra nach Weimar, Stefan nach Schwäbisch-Gmünd, Manfred nach Gründau in Osthessen, Karin nach Hannover, Greta nach Hamburg, Heidi nach Mönchengladbach, Corinna nach Odenthal bei Köln, Sandra ins südhessische Seeheim, Damir nach Stuttgart, Sanne nach Zypern, Heike nach Sinsheim, Ilse Landfrau nach Stuttgart, Renke nach Wiefelstede bei Bremen, Rolf heim nach Saarbrücken. Abends waren alle auf unserer Seite und der Käpt‘n stellte fest: „Ein paar Stunden sind ins Land gegangen, nach einem Treffen, welches wir alle noch lange in Erinnerung behalten werden – die Zeit in Mittenaar war grandios.“ Dann wurden die Herde angestellt und alles ging weiter. Doch jetzt sehe ich keine Piktogramme mehr auf dem Schirm, sondern einige ganz tolle Menschen.


Rolf Klöckner ist Ehrenmitglied des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Entscheidend für die Ernennung waren seine langjährigen und erfolgreichen Bemühungen, Kindern das Kochen als grundlegende Kulturtechnik zu vermitteln.

  1. Frau Kampi

    Und wieder fließt ein Tränchen über meine Wange…eins, weil ich leider nicht dabei sein konnte. Oder doch eins, weil ich mich sooooo freue das nächste Mal dabei sein zu können? Ich bin mir nicht sicher. Auf jeden Fall freue ich mich riesig, all diese Menschen zu kennen. Und so heißt es auch bald für mich: Virtuell trifft real life!

  2. Petra Hermann

    ja, ich war auch dabei und es war so, wie man es sich vorher nicht vorstellen konnte. menschen, die sich noch nie gesehen haben und doch alte bekannte sind. mit einer gemeinsamkeit: dem genussvollen und verantwortungsvollen umgang mit lebensmitteln und dabei noch so viel wie möglich spaß haben.

  3. Käpt´n Tom

    “Wir legen einfach los. Kein Abchecken, kein Aufwärmen. Wozu auch? Eine Wellenlänge! ….”

    Damit hat Rolf Klöckner den Nagel auf den Kopf getroffen. Danke Rolf, für den tollen Bericht, danke an alle, die ich in Mittenaar treffen durfte, für dieses wunderbare Wochenende.

  4. Manfred

    Ein super Artikel über einen tollen Event. Ich hätte nicht gedacht, dass man die Stimmung so treffend beschreiben kann. Sicher können sich jetzt auch diejenigen vorstellen was da lief, die leider nicht dabei waren.

  5. Marion P.

    Es war ein großes Fest für die Sinne! Nur ein Tag, aber an diesem Tag konnten wir so vieles endlich wirklich und gemeinsam “teilen”…
    Facebook gefällt mir, aber ECHT ist toller. Ich freu’ mich auf viele weitere reale Genussmomente mit Euch!

  6. Sandra Gu

    Vielen, vielen Dank für die schönen und tollen Worte, die Du für unser Treffen gefunden hast.
    Es wird wirklich ein unvergesslicher Tag bleiben – mögen noch viele Treffen folgen!

    Ich sag/sing nur:
    An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit
    An Tagen wie diesen, haben wir noch ewig Zeit
    Wünsch ich mir Unendlichkeit
    In dieser Nacht der Nächte, die uns so viel verspricht
    Erleben wir das Beste, kein Ende ist in Sicht
    ;-)

  7. Cora

    Auch ich war sehr ergriffen beim Lesen dieses einmaligen Berichts. Weil ich die tolle Zeit mit all den lieben Menschen sofort präsent hatte. Es war tatsächlich eine sehr spezielle und außergewöhnliche Erfahrung!
    Danke lieber Rolf und all ihr kochverrückten lieben Menschen, die ich im real-life kennenlernen durfte!
    Freue mich riesig auf eine Fortsetzung!

  8. Marija Komljen

    Lieber Rolf Genusskomplize , du hast perfekt berichtet von unserem tollen Event ! Ich kann es immer wiederholen , den Satz von Heidi in ihrem Blog —> Es war als wenn deine Lieblingscomichelden auf einmal zum Leben erwachen <—-
    Ich freue mich riesig auf unser nächstes Treffen , die meisten werden wieder dabei sein und auch einige neue , auf die ich mich freue :-)
    Herzlichen Dank für deinen super Artikel

    Grüsse aus Hamburg

    Greta / Marija

  9. Barafra

    Frau Kampi kenne ich ja schon seit kurzem in echt. Und ich wünsche, ich wäre schon beim ersten Mal dabei gewesen. Ich freue mich auch schon wie verrückt auf das 2. Treffen Ende September :-) Rolf, vielen Dank für den tollen Artikel!!! <3

    Liebe Grüße von Barbara :-)

  10. Marion Prosenz

    Danke! Eine wunderschöne Zusammenfassung für diesen Tag voller Genuss – für alle Sinne!
    Facebook ist toll und ich bin glücklich, dass wir uns dort getroffen haben. Doch was wir an diesem Wochenende “teilen” konnten, war so viel mehr und ist so viel wert… wenn es einen Gefällt mir-Button dafür gäbe, ich würde ihn nicht mehr loslassen. ECHT!

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