„Ich will weiterkommen“
Die Saarländerin Deana Zinßmeister gibt sich mit Mittelmaß nicht zufrieden. Mit ihrem Talent, mit Hartnäckigkeit, Disziplin, Geschäftstüchtigkeit und der Unterstützung vieler, die an sie glauben, hat es die erfolgreiche Buchautorin aus Heusweiler bis jetzt auch schon ziemlich weit gebracht.
Ihr fünftes Buch ist gerade erschienen, das sechste muss bis zum Frühjahr fertig sein. Verträge für weitere Bücher bis 2014 sind unterschrieben. Die Heusweiler Autorin Deana Zinßmeister ist richtig gut im Geschäft. Alles läuft rund. Ihre Historienromane gehen weg wie warme Semmeln.
„Der Hexenturm“, ihr neuester Roman, hat schon vor seiner offiziellen Vorstellung in einschlägigen Internetforen für Furore gesorgt. Von der Fortsetzungsgeschichte des „Hexenmals“, in dem fünf junge Thüringer vor ihren Häschern ins Saarland fliehen, erhofft sich der Goldmann Verlag eine Rekordauflage und zugleich auch eine Wiederbelebung des „Hexenmals“, das jetzt bereits in der dritten Auflage erschienen ist. Auch „Die Gabe der Jungfrau“ hat sich zum „Long-Seller“ entwickelt. Normal rechnet man auf dem Romansektor mit einer Lebensdauer von einem halben Jahr für ein Buch. Wenn dann ein Buch in die zweite oder gar dritte Auflage geht, ist das schon eine kleine Sensation.
Keine Frage, der Goldmann Verlag hat mit der 48-Jährigen auf „das richtige Pferd gesetzt“, hat ihr Potenzial erkannt und will deshalb den Gold-Fisch nicht mehr von der Angel lassen.
Der Chef des Goldmann Verlages höchstpersönlich hat kürzlich die Saarländerin zum Mittagessen in ein Nobel-Restaurant nach München eingeladen. Er hat große Pläne mit der ambitionierten Schriftstellerin. Deana Zinßmeister auch. Sie hat ihrem Chef zwischen Amuse-Gueule und Vorspeise klar gemacht, wo ihre Interessen liegen: „Ich will weiterkommen“, war ihre klare Ansage. Eine Einstellung, die dem Goldmann-Verlagschef Georg Reuchlein gefallen hat.
Die Zeiten, in denen die frühere Kinderboutique-Besitzerin abends nach Ladenschluss, sozusagen unter der Bettdecke, ihr Erstlingswerk „Fliegen wie ein Vogel“ schrieb, sind vorbei. Auch die Zweifel am eigenen Talent. Die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder weiß, dass sie nicht mehr länger von einer Karriere als Schriftstellerin träumen muss. Sie ist mittendrin in ihrem Traum, der spätestens mit dem Wechsel zum Goldmann Verlag im Jahr 2007 Realität geworden ist.
Ihre Boutique ist geschlossen, die Verkaufstheke hat sie gegen einen Schreibtisch mit Laptop getauscht. Statt abends wird nun tagsüber geschrieben – und wenn es sein muss – auch bis in die Nacht.
Ideen für ihre Bücher sprudeln aus ihr heraus wie Mineralwasser aus einer Druckluftflasche. Am Anfang ihrer Karriere musste sie noch eine 120-seitige Leseprobe beim Verlag einreichen. Heute reicht ein Telefonat.
Deana Zinßmeister skizziert kurz ihre Geschichte, sagt konkret, worüber sie schreiben will und kann loslegen. „All meine Ideen konnte ich bisher umsetzen. Nie habe ich ein „Nein, das wollen wir nicht“ gehört. Ich kann sogar bei der Titel- und Coverauswahl mitbestimmen“ – ein seltenes Privileg im knallharten Romangeschäft. Das weiß Deana Zinßmeister auch sehr wohl zu schätzen.

Bei der Premiere des „Hexenturms“ war auch Autor Stefan Gemmel mit dabei, der kürzlich mit dem ersten Saarländischen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde.
Was unterscheidet die talentierte Autorin von anderen? Erstens: ihre Fantasie. Ihre Bücher sind fesselnd, vielschichtig und spannend bis zum Schluss. Deana Zinßmeister baut ihre Geschichten so auf, dass der Leser sich mit jedem Satz mehr und mehr mit den Protagonisten verbrüdert, mit ihnen leidet und lacht und sich fragt, wie es wohl weiter geht. Anregungen für ihre Geschichten findet sie im Familien- und Freundeskreis und immer wieder in Gesprächen mit vielen unterschiedlichen Menschen, denen sie am Ende ihrer Bücher auch immer sehr ausführlich dankt. Eine schöne Geste, die ihre Bodenständigkeit unterstreicht.
Kürzlich hat sie einen Aufruf an alle Saarländerinnen und Saarländer gerichtet, ihr alte Geschichten, Legenden und Sagen zu berichten. Die Resonanz war überwältigend und soll auch in ihren nächsten Büchern Widerhall finden.
Was sie zum Zweiten von anderen Autoren unterscheidet, ist ihre Recherche. Sie gibt sich nicht mit ein paar historischen Randbemerkungen in ihren Büchern zufrieden. Sie webt die Schicksale ihrer Protagonisten in einen geschichtlich korrekten Kontext ein.
Hierfür durchstöbert sie Archive, liest Fachliteratur und Familienchroniken, führt lange Gespräche mit Historikern, Pfarrern, Heimatforschern, Archivaren sowie Forst- und Heimatführern. Ihre akribisch zusammengetragenen Fakten wirken nicht aufgesetzt oder belehrend, sie erklären vielmehr die Schicksale ihrer Akteure und die Zeit, in der sie leben.
Auf diese Weise entstehen im Kopf des Lesers Bilder, die ihn so schnell nicht mehr loslassen. Selbst angesehene Geschichtsprofessoren konnte sie für die Arbeit an ihren historischen Belletristik-Romanen gewinnen.
Das mag den einen oder anderen überraschen. Wer jedoch Deana Zinßmeister kennt, der weiß: Ihr charmantes Lächeln und ihre Hartnäckigkeit, mit der sie ihre Gesprächspartner löchert, lassen selbst verstaubte Historiker schwach werden. Ihre Sorge, dass Wissenschaftler ihre Anliegen nicht ernst nehmen, musste sie schnell revidieren. „Viele Professoren waren richtig froh, dass sich mal jemand für ihre Arbeit interessiert, der nicht bei ihnen eine Prüfung ablegen muss.“
So gehört zum Beispiel Prof. Dr. Johannes Dillinger, einer der weltweit angesehensten Hexenforscher und Dozent an der Universität in Oxford, zum engsten Beraterkreis der Autorin.
Für ihr Buch „Der Hexenturm“ hat sich die Autorin so sehr in die historischen Begebenheiten eingearbeitet, dass sie nachts die in Püttlingen als Hexen verurteilten Frauen an ihrem Bett stehen sah. „Das Schicksal dieser Frauen hat mich sehr belastet. Durch meine Recherchen erfuhr ich beispielsweise auch, dass im Saarland die verurteilten Hexen das Holz für den Scheiterhaufen selbst bezahlen mussten. Oder dass in dem saarländischen Ort Weierweiler während der Hexenverfolgung fast alle Frauen der Hexerei ‚überführt‘ und verbrannt wurden. Nur drei sollen diese dunkle Zeit überlebt haben. Wirklich schrecklich“.
Ihre dritte Stärke ist sicherlich ihr Geschäftssinn, gepaart mit einer hohen Leistungsmotivation. Das Leben einer Schriftstellerin sieht die ehemalige Geschäftsfrau ganz unromantisch.
„Ich stelle ein Produkt her, das ich unter die Leute bringen möchte. Hierfür muss ich ‚das Eisen schmieden, so lange es heiß ist‘.“
Soll heißen: Zurzeit sind ihre Mittelalter- und frühe Neuzeitromane gefragt. Der Leser will mehr davon. Sie kann sich jedoch nicht – wie bei ihrem Erstlingswerk – zwölf Jahre lang den Kopf über jedes einzelne Wort zerbrechen. Sie muss zügig und diszipliniert schreiben. Und das macht Deana Zinßmeister mit wachsender Professionalität.
Dass sie gerne noch ein Buch über die bewegte Flüchtlingsgeschichte ihrer Eltern kurz nach dem Mauerbau aus Ostberlin ins Saarland schreiben möchte, muss sie derzeit hinten anstellen. Jetzt muss ihre Fantasie im Mittelalter Purzelbäume schlagen.
Mit dieser Einstellung wird sie den Härten des neuzeitlichen Literaturbetriebes sicherlich auch ein Stück gerecht. Der idealistische Autor, der nur der schönen Worte und um Gottes Ehr‘ wegen zur Feder greift, hat im Zeitalter von Chat, Twitter und Blog kaum eine Überlebenschance.
Geschweige denn die Aussicht, von seiner Hände Arbeit und fantasievollen Einfällen leben zu können.
Mit dieser durchaus geschäftstüchtig zu nennenden Berufsphilosophie, ihrem Talent, ihrer Hartnäckigkeit, ihrer Disziplin und der Unterstützung vieler, die an sie glauben, hat es Deana Zinßmeister ja auch bereits geschafft, weiter zu kommen.
Monika Jungfleisch
Buchkritik: Packendes Mittelalterdrama aus dem Saarland
Sie sind der Meinung: „Belletristik ist leichte Kost? Und mittelalterliche Romane nur romantischer Kitsch um adelige Söhne, die sich gegen den Willen des Vaters in eine Magd verlieben und dafür Haus und Hof aufs Spiel setzen?“ Dann wird Sie der neue Roman der saarländischen Autorin Deana Zinßmeister eines Besseren belehren. „Der Hexenturm“ ist mehr als seichtes Gefühlsgequirle mit ein paar mittelalterlichen Einsprengseln. Das 448 Seiten starke Buch schildert detailgenau die rauhen Sitten des Mittelalters, zeigt regionale Besonderheiten der Hexenverfolgung im Saarland und webt dabei die Lebensgeschichten von fünf Protagonisten zu einem packenden Krimi mit Herzblut zusammen.
Schon nach den ersten Seiten ist man in der Geschichte drin, nämlich im Jahr 1618, kurz vor dem Ausbruch des 30-jährigen Krieges. Je mehr man liest, um so mehr taucht man in die Zeit der Hexenverfolgung und der ständigen Angst der Menschen vor göttlicher Bestrafung ein. Kein Wunder, dass die Menschen „Hexenerkennern“ bedenkenlos glauben, Fremde oft auf tödliches Mißtrauen stoßen und unbeugsame Frauen schnell der Hexerei beschuldigt werden. So ergeht es Johann und Franziska, Clemens, Katharina und Burghard, die es auf der Flucht vor ihren Häschern von Thüringen ins Saarland verschlagen hat. Selbst in Püttlingen, Saarwellingen oder Saarbrücken sind sie vor ihren Verfolgern nicht sicher. Ein bezahlter Mörder, ein missliebiger Mönch und der Magier Barnabas samt einer Kinderhexe machen den Fünfen das Leben schwer. Eine packende Geschichte, in der man sogar den saarländischen „Wettermüller“ des Jahres 2010 wiederfinden kann.
Selbst wer „Das Hexenmal“ nicht gelesen hat, wird leicht den Einstieg in den Fortsetzungsroman „Der Hexenturm“ finden. Der Leser kann sich auf eine hervorragend recherchierte Geschichte mit viel Wissenswertem rund um unsere Vorfahren freuen. Ein Buch, das man so schnell nicht aus der Hand legt. Der letzte Satz des Romans macht besonders neugierig und Lust auf mehr. Wird es eine Fortsetzung geben? •
Monika Jungfleisch
Deana Zinßmeister: Der Hexenturm. Roman. Goldmann Verlag 2010. 448 Seiten. ISBN 978-3-442-47248-2. Preis 9,99 Euro.
