FORUM

Das Wochenmagazin

32 Wirtschaft VDM Interview 1

„Wer kauft, hat Gründe, wer nicht, auch“

In der VDM Publishing Group erscheinen Bücher, die nur aus Wikipedia-Texten bestehen. Die Käufer müssen dafür tief in die Tasche greifen. Verlags- geschäftsführer Dr. Wolfgang Philipp Müller findet das in Ordnung. Für ihn entscheiden in der Marktwirtschaft nur die Kunden. Und die kaufen fleißig.

Sie beantworten Fragen zum VDM-Verlag nur schriftlich? Warum ist das so?
Weil ich nur mit meiner Frau und meinen Kindern telefoniere. Da Sie wie unsere Autoren weder zur einen noch zur anderen Gruppe gehören, telefoniere ich auch mit Ihnen nicht.

Ihr Verlag bringt unter anderem Bücher heraus, deren Inhalt aus Wikipedia kopiert worden ist und dann verkauft wird. Worin besteht dabei Ihre Eigenleistung, die den Verkaufspreis rechtfertigt?
Im Wiki-Segment beschäftigen wir ein kleines Team von etwa 40 Mitarbeitern, die nichts anders tun als Quellen mit freien Inhalten zu identifizieren, Themen zu überlegen, Einleitungen zu schreiben und passende Texte zusammenzustellen, um daraus Bücher zu machen, die unter diversen Pseudonymen veröffentlicht werden. Wikipedia ist dabei nur eine dieser Quellen. Ob der Preis gerechtfertigt ist oder nicht, entscheidet in der Marktwirtschaft immer nur einer: der Kunde.

Dr. Wolfgang Philipp Müller

Kritiker werfen Ihnen vor, Sie würden sich an fremdem Wissen bereichern. Wie begegnen Sie diesem Vorwurf?
Es gibt mehrere Milliarden Menschen auf der Welt, die keinen Internetzugang haben und Wikipedia gar nicht einsehen können. Auch viele ältere Menschen in Deutschland. Oder andere, die gar keine Lust haben, die 600seitige Geschichte der Päpste online zu lesen, sondern lieber das Buch für 49 Euro bei uns erwerben, obwohl sie wissen, dass sie sich das alles in stundenlanger Arbeit zusammenstellen und selber ausdrucken könnten. Wer kauft, hat Gründe. Wer nicht kauft, auch.

Auf Ihrem Blog haben Sie gesagt, dass Sie Qualitätsbewahrung in jeder Form für Zensur halten, um den Leser zu entmündigen. Sie halten das Internet für die demokratischste Form des Meinungsmarktes. Können Sie das erklären?
Qualitätsbewahrung impliziert immer die Meinung eines Oberlehrers. Ob das ein Verlagslektor, ein Fundamentalist oder ein Diktator ist, spielt im Grunde keine Rolle. In Ordnung ist das nur solange wie derjenige, der eine Meinung hat, nicht auch noch über die Macht verfügt, andere Meinungen zu unterdrücken. Dann ist es Zensur. Und die lehne ich ab.

In einschlägigen Foren wird kontrovers über Ihr Geschäftsmodell diskutiert. Die Tendenz dort ist eher negativ, weil viele Käufer vom Inhalt Ihrer Bücher enttäuscht sind und mehr erwartet haben als Wikipedia-Artikel. Was sagen Sie denen?
Alle unsere Wiki-Bücher haben auf dem Cover und im Klappentext den mehr als deutlichen Hinweis, dass es sich um frei verfügbare Wiki-Inhalte handelt. Hinzukommt ein generelles Rückgaberecht für bestellte Bücher im Internet und bei den Buchhändlern vor Ort. Dem Kunden, der den dicken Aufkleber auf dem Buch nicht sieht, den Klappentext auf der Rückseite nicht beachtet und von seinem Rückgaberecht keinen Gebrauch macht, kann man nicht mehr helfen. Entweder kann er nicht lesen oder er will das Buch kaufen, auch wenn es den Inhalt bei Wikipedia kostenlos gibt.

Glauben Sie, dass sich Ihr Verlag langfristig etablieren kann? Schließlich steht der VDM Verlag schon auf diversen Schwarzen Listen von Bibliotheken und die Beschwerden Ihrer Kunden nehmen zu.
Wir sind seit langem im Markt, beschäftigen mehrere Hundert Mitarbeiter und gehören mit 14 Fachverlagen zu den Großen der Branche. Monatlich gewinnen wir mehr als 3.000 neue wissenschaftlichen Autoren – das sind Akademiker, Dozenten, Professoren. Die sind gebildet und können differenziert denken. Außerdem haben wir mit unserem kostenlosen Angebot an die Wissenschaft ein weltweites Alleinstellungsmerkmal. Wer nicht mit dem Schmuddelkind spielen will, kann gerne zu den traditionellen Kollegen gehen und sich dort bei gleicher Leistung mit Druckkostenzuschüssen abzocken lassen. Komischerweise kommen die meisten Akademiker aber zu uns.

Ein einfaches Mietshaus in der Saarbrücker Dudweiler Landstraße 99 ist die Zentrale einiger Töchter der VDM Publishing Group.

Viele Verlage klagen, dass es Ihnen in Zeiten des kostenfreien Internets immer schwerer fiele, kostenpflichtige Bücher zu verkaufen. Wie ist die Situation bei Ihnen?
Das liegt daran, dass diese Verlage falsch arbeiten. Ein Fehler ist es, sich mit Inhalten zu beschäftigen. Klassische Modelle, bei denen der Verlag den Autor für seine Nichtleistung bezahlen lässt, funktionieren tatsächlich nicht mehr. Wer kreativ ist, hat keine Probleme.

Sie verzichten bei ihren Produkten auf ein Lektorat. Es sei zu teuer, heißt es bei Ihnen. Wer garantiert denn bei Ihren Büchern für eine angemessene Qualität?
Die meisten unserer Autoren publizieren ihre Magister- oder Doktorarbeiten, Dozenten und Professoren veröffentlichen Monograhien und Lehrbücher bei uns. Der strenge Fokus des Hochschulbetriebes garantiert die Qualität. Wie kommen Sie eigentlich darauf, dass andere Wissenschaftsverlage Lektorate haben? Ich kenne keinen, der an dieser Stelle nicht so arbeiten würde wie wir.

Für Ihr Haus arbeiten ausgesprochene Vielschreiber, die erstaunlich produktiv sind und in kurzer Zeit viele Bücher herausgeben. Leider tauchen diese Namen nur im Zusammenhang mit Ihrem Verlag auf. Das lässt Zweifel an der Existenz Ihrer Autoren zu. Können Sie uns einen Kontakt zu einem Ihrer Autoren vermitteln?

Auf den Homepages unserer Verlage VDM & LAP (www.vdm-publishing.com und www.lap-publishing.com) finden Sie Tausende Like-Me-Buttons, die auf unzählige Facebook-Profile unserer Autoren verweisen. Kontaktieren Sie diese Autoren doch einfach und fragen sie sie nach ihren Erfahrungen!

Steht in Ihrem Wohnzimmer ein Brockhaus? Halten Sie klassische Enzyklopädien für ein Auslaufmodell?

Der gedruckte Brockhaus erscheint schon seit vier Jahren nicht mehr. Vielleicht haben Sie das ja nicht mitbekommen. Wikipedia hat ihn kaputt gemacht. Ich hatte allerdings nie einen. Mir erschien das schon immer antiquiert.

Julia Zorn

Kommentieren

Sie können folgende HTML-Tags verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>