Abbau Ost
Vor 20 Jahren vereinigte sich der deutsche Fußball. Die Clubs der ehemaligen DDR betraten Neuland und mussten bitteres Lehrgeld bezahlen. In einer Serie berichten wir über die bekanntesten Ost-Vereine. Erster Teil: Dynamo Dresden.
Vielleicht wäre ja alles ganz anders gekommen, wenn die Leute in Dresden damals auf die Experten der Frankfurter Staatsanwaltschaft gehört hätten. „Als ausgesprochene Zockerpersönlichkeit“, beschrieben die Ermittler in den frühen neunziger Jahren den Bau-Unternehmer Rolf-Jürgen Otto. Der Pralinenliebhaber wog damals um die 130 Kilo, und schwergewichtig sollte auch sein Geldbeutel sein. So versprach er es jedenfalls. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung im deutschen Fußball. Die Bundesliga-Saison 1991/92 startete erstmals unter Beteiligung von Mannschaften aus der ehemaligen DDR-Oberliga. Dass der eher ungeliebte Underdog von Hansa Rostock einen der beiden begehrten Plätze belegte, konnten die Fußball-Fans in den neuen Bundesländern verschmerzen. Schließlich qualifizierte sich mit Dynamo Dresden der Kult-Klub schlechthin für die erste gesamtdeutsche Liga.
Es waren aufregende Zeiten. Der Fußball war dabei, seine Unschuld zu verlieren. Die privaten Fernseh-Sender drängten auf den Markt, versorgten die Profi-Vereine mit millionenschweren Finanzspritzen und bescherten den Klub-Oberen beträchtliches Renommee. Es war die Zeit, in der allerlei halbseidene Figuren in die Chefetagen der Erst- und Zweitligisten drängten, und dies nicht nur im Osten. Auf Schalke geriet eine Präsidenten-Wahl kurzerhand zum Amateur-Boxkampf, in deren Verlauf ein Kandidat vom Podium aus einen Saal-Diener per Faustschlag niederstreckte. In Frankfurt putschte sich ein Noname namens Joseph Wolff an die Macht, dessen Referenz es war, eine Autowaschanlage zu betreiben. Er hielt sich nur wenige Wochen im Amt. Sein Nachfolger, der Unternehmer Matthias Ohms, soll über gute Kontakte zur Unterwelt verfügt haben und räsonierte in den VIP-Räumen gerne mal darüber, ob man dem kritischen Frankfurter Publikum denn ,,einen Neger anbieten“ könne. Und in Nürnberg mühten sich der exzentrische Unternehmer Gerd Schmelzer und der Provinzpolitiker Gerd Voack eifrig im Wechsel, den Traditionsklub in den Konkurs zu treiben. Schließlich schob der Deutsche Fußball-Bund diesen Machenschaften einen Riegel vor und sorgte mittels einer Muster-Satzung für Lizenzvereine für Ruhe in den Präsidien.
Für Dynamo Dresden kam diese Hilfe zu spät. Als die Profi-Klubs endlich wie moderne Wirtschafts-Unternehmen geführt wurden, war der einstige DDR-Vorzeige-Klub bereits in den Niederungen der Regionalliga verschwunden. Dabei spielten die Schwarz-Gelben noch im Frühjahr 1989 um den UEFA-Pokal und schalteten dort den italienischen Spitzenklub AS Rom aus. Doch die friedliche Revolution fraß ihre Kinder. Sobald die Mauer gefallen war, tummelten sich gewiefte West-Funktionäre auf den Tribünen der Ost-Stadien. Leverkusens Boss Rainer Calmund soll in dieser Zeit stets sehr viel Bargeld mit sich geführt haben. Der Aderlass war nicht mehr zu bremsen. Top-Talente wie Matthias Sammer und Ulf Kirsten folgten dem Lockruf des Geldes. Doch mit den Transferentschädigungen konnten die unbedarften Ost-Manager wenig anfangen. Dynamo wurde zu dieser Zeit von Wolf-Rüdiger Ziegenbalg geführt, einem redlichen, wenn auch ziemlich naiven Radio-Händler. Er verkaufte die Markenrechte an das Saarbrücker Werbeunternehmen SORAD und legte so den Grundstein zur ersten Dynamo-Pleite nach der Wende. In Dresden werden Anekdoten erzählt, die könnte man als amüsant bezeichnen, würden sie nicht exemplarisch für die Probleme des Ost-Fußballs stehen. Im Zuge des Sammer-Transfers zum VfB Stuttgart wurde Dynamo von einem schwäbischen Sponsor mit einem Mannschaftsbus ausgestattet. Als dieser drei Jahre später von einem Tag auf den anderen abgeholt wurde, wunderte man sich im Elbflorenz: „Es wusste doch kein Mensch bei uns, was ein Leasing-Vertrag ist“, erinnert sich das langjährige Aufsichtsratsmitglied Jens Genschmar.
Es war ein Klima, in dem Schattengewächse wie Rolf Jürgen Otto gedeihen konnten. In seiner hessischen Heimat war der Leumund bereits ruiniert, also versuchte er sein Glück im Osten. Und nicht nur naive Sportfunktionäre fielen auf den massigen Bauunternehmer herein. Der Treuhand luchste er den einstigen Musterbetrieb „Meißen Hoch und Tief“ ab, für die Dresdner FDP zog er in den Stadtrat ein und den Provinz-Regenten war er ein gefragter Gesprächspartner. Es kostete den listigen Hessen keine allzu große Mühe, um die Macht bei Dynamo zu übernehmen. Gönnerhaft besorgte er dem maroden Klub eine Millionen-Bürgschaft, die er Präsident Ziegenbalg zur persönlichen Haftung unterschob. Als Otto seine Zeit gekommen sah, ließ er dem Dynamo-Chef eine Weihnachts-Botschaft der anderen Art zukommen: „Rüdiger“, so stand es in der Mitteilung, „du schuldest Deinem Verein 1,6 Millionen Mark. Ein Böser würde Dir jetzt persönliche Schwierigkeiten machen.“ Am Silvester-Tag 1992 warf Ziegenbalg schließlich entnervt das Handtuch und überließ Emporkömmling Otto das Präsidenten-Amt, der sich bald als Finanz-Jongleur der speziellen Sorte entpuppen sollte.
Legendär sein Trick, als er eine vom DFB zum Erhalt der Lizenz geforderte Millionen-Bürgschaft auf den Tag genau per Kontoauszug nachweisen konnte, um sie nur wenige Stunden später nach Erhalt der Zulassung wieder zurückzuüberweisen. Wolfgang Holzhäuser, heute Finanzchef in Leverkusen und damals für das Lizenzierungsverfahren beim DFB verantwortlich, ahnte schon 1993, dass man sich an der Elbe zum Spezialisten für kreative Buchführung entwickelt hatte. ,,Das ist ein Arschloch im Quadrat“, ließ Otto nach Frankfurt ausrichten. Seine Macht sicherte der West-Import dadurch, dass er Dynamo einen Mitgliederzuwachs der besonderen Art bescherte: Gerüchten zufolge sollen bis zu 400 Mitarbeiter aus Ottos Baufirmen zu einem Beitritt genötigt worden sein.
Sportlich schien das Spiel ohne Grenzen eine Zeit lang aufzugehen. Zwar lebten die Gelb-Schwarzen mehr vom Ruhm der vergangenen Tage, aber die Zugehörigkeit zur deutschen Elite-Liga konnte ein paar Jahre gesichert werden. Auf der Trainerbank wurden Ost-Ikonen wie Klaus Sammer und Ralf Minge verbrannt und durch im Westen wenig erfolgreiche Übungsleiter wie Siggi Held und Horst Hrubesch ersetzt. Otto und seine Entourage sorgten für Schlagzeilen, wenn auch meist für negative. Als Technischen Direktor installierte er mit seinem hessischen Spezi Willi Konrad einen halbseidenen Spielervermittler, der schon während des großen Bundesliga-Skandals in den siebziger Jahren als Funktionär von Kickers Offenbach eine höchst ungute Rolle gespielt hatte. Bei Dynamo fiel Konrad eigentlich nur durch Provisionsforderungen in astronomischer Höhe auf und durch einen makabren Auftritt vor laufenden TV-Kameras, als er eine kritische Reporter-Frage mit einem wiederholten „Sie Dreckschwein, ich schlag Ihnen in die Fresse“-Stakkato konterte.
Im Frühjahr 1995 war schließlich das Ende der Fahnenstange erreicht. Sportlich ohnehin abgeschlagener Letzter wurde der Klub auf Grund einer verweigerten Lizenz in die dritte Liga durchgereicht. Am 2. August wurde Rolf-Jürgen Otto frühmorgens verhaftet. Seine noble Suite im Bellevue-Hotel musste er mit einer Gefängnis-Zelle tauschen. Immerhin: Dynamo erging es besser als seinen Firmen. Der Klub überlebte, wenn auch auf bescheidenem Niveau. „Erholt haben wir uns von dieser Geschichte eigentlich nie“, sagt Ex-Aufsichtsrat Genschmar.
Heute dümpelt Dynamo im Mittelfeld der Dritten Liga. Rolf-Jürgen Otto lebt nach verbüßter Strafe zurückgezogen in Frankfurt am Main. Zu den Vorkommnissen von damals will er sich nicht äußern. Auch nicht zu den Vorwürfen, er habe Vereinsgelder gemeinsam mit seinem mittlerweile verstorbenen Kumpel Konrad am Roulette-Tisch des Bellevue verspielt. Eine „ausgeprägte Zockerpersönlichkeit“ eben. Aber das wollten sie in Dresden vor Jahren nicht wahr haben.
Dominique Rossi

Immer wieder interesseant wenn man von Kumpels aus der Wendezeit liest. Bestens zum Nachlesen geeignet die 3. Ausgabe von ‘Wild Wild Ost’ wo der ‘Duce’ Otto glänzen darf