Abstruse Fernsehwelten
Weihnachtszeit ist Fernsehzeit, schließlich sind die immer gleichen Geschichten von Mama, Papa, Tante, Onkel oder Bruder schnell erzählt. Dann hilft der Griff zur Fernbedienung, die quälende Stille zu zerstreuen. Echte Entdecker lassen dabei die Fernbedienung qualmen. Auf den hinteren Plätzen des Satellitenfernsehens tummelt sich Seltsames – und das auch noch unverschlüsselt.
Wenn das All unendlich ist, muss das Angebot von dort riesig sein. Logisch. Gleich mehrere hundert deutschsprachige TV-Sender rangeln auf dem TV-Satelliten-Astra um die Gunst der Zuschauer. Nicht jeder hat dabei unsere Aufmerksamkeit verdient. Zwischen den Sternen tummelt sich nämlich gar Abstruses.

TV-Satelliten haben nur eine begrenzte Lebensdauer und müssen ab und an ausgewechselt werden.
So bietet zum Beispiel Astro TV Lebenshilfe aller Art an. Das sieht dann ungefähr so aus: An einem Schreibtisch im jahreszeitlich geschmückten Studio (etwa mit einer schönen Plastiktanne versehen) sitzt eine junge Dame mit langem blondem Haar, die sich alsbald als Freya (sic!) vorstellt. Prominentester Gegenstand auf dem Schreibtisch ist ein Telefon, denn Freya präsentiert uns eine Call-In-Sendung. „Intensive Lebensberatung für jedermann“ steht laut Sendeplan auf dem Programm. Man könne absolut anonym anrufen und auch über intimste Dinge mit ihr plaudern, versichert Freya. Natürlich ist sie auch gern bereit, ihre magischen Steine zu befragen, wie es um die Zukunft der Anrufer bestellt ist. Man möge nur schnell anrufen, denn die Zeit sei schließlich begrenzt. Schnell wird noch der Preis für den Anruf eingeblendet und schon meldet sich die erste Zuschauerin. Nun geht es Schlag auf Schlag. Allerdings bedarf es offenbar einiger Geduld, um wirklich bis ins Studio vorzudringen. Einige „Kundinnen“ berichten, sie hätten bis zu 30 Mal anrufen müssen, bis sie endlich Glück hatten – und durften natürlich jedes Mal die Anrufgebühr berappen.
Derartige Sendungen finden sich einige im Programm von Astro TV. Mal ist es Lebensberatung, dann wieder wird nach dem Schutzengel der Anrufer gefahndet. Und immer spielen esoterische Gegenstände – Pendel, Steine, Karten und anderer Schnickschnack – eine Rolle. Das wundert nicht, denn genau so etwas soll dann im Astro-TV-Shop an den Mann gebracht werden.
„Standbildsender sind nichts weiter als bunte Plakatwände“
Betreiber von Astro TV ist die Questico AG, die eine ganze Reihe sogenannter Beratungssender betreibt. Deren Idee ist immer gleich: In jeder Lebenslage, bei jedem noch so kleinen Problem, hilft ein Spezialist. Egal, ob der Hibiskus nun gelbe Blätter hat oder sich die Frau scheiden lassen will – Questico hat immer den richtigen Ansprechpartner. Gegen entsprechendes Kleingeld, versteht sich. Eine Minute Telefonberatung kann schon mal bis 1,99 Euro kosten, wenn man denn sofort durchkommt.

Shoppingsender wie HSE 24 sprechen besonders Hausfrauen auf dem Land an, weil dort Läden fehlen.
Ganz hübsch sind auch Sender wie der Evangeliumsrundfunk und Bibel TV. Dahinter steht echte Prominenz. Geschäftsführer ist Henning Röhl, der vorher Chefredakteur von ARD-Aktuell und Fernsehdirektor des Mitteldeutschen Rundfunks war. Die Idee hatte Norman Rentrop, der sein Geld mit einer ganzen Reihe von Loseblattsammlungen gemacht hat, die im Abo zu beziehen sind. Bibel TV finanziert sich weitgehend aus Spenden und bietet christlichen Kirchen und Sekten aller Richtungen eine Plattform für ihre Programme.
Im Mittelpunkt stehen hier – wie der Name schon sagt – natürlich die Bibel und die christliche Ideologie. Reportagen, Talkshows, Musiksendungen, Spielfilme und christliche Serien machen dabei einen großen Teil des 24-stündigen Programms aus.
Nach eigenen Angaben schreibt der Sender seit 2006 mit diesem Geschäftsmodell schwarze Zahlen. Der jährliche Etat liegt derzeit deutlich jenseits der fünf Millionen Euro.
Überhaupt stellen Glaubensfragen beim Satellitenfernsehen offenbar ein beliebtes – und auch lohnendes – Sujet dar. Neben Bibel TV, das so etwas wie die Spitze des Eisbergs ist, hat sich u. a. EWTN Europe der Verkündigung des Glaubens verschrieben. WWTN steht für Eternal Word Television Network und ist der weltweit größte religiöse Fernsehsender. Gegründet hat ihn die Franziskanerklarissin Mutter Angelica in Birmingham (Alabama/USA). Glaubt man den offiziellen Presseverlautbarungen des Senders, war dafür starker Glauben, 200 Dollar und viel Überzeugungskraft nötig. Inzwischen erreicht der ausschließlich durch Spenden finanzierte Sender mit seinem englischen und spanischen 24-Stunden-Programm weltweit mehr als 140 Millionen Haushalte in 144 Ländern auf allen Kontinenten.

Wer es mag, kann sich über Weihnachten von Mutter Angelica im Fernsehen missionieren lassen.
Wer sich lieber Technik- als Glaubensfragen widmet, könnte bei Dr. Dish TV richtig aufgehoben sein. Der Sender von Fernsehfreaks für Fernsehfreaks kann auf eine vergleichsweise lange Geschichte zurückblicken, produziert das Team um Cristian Maas-Protzen – alias Dr. Dish – doch bereits seit 1994 Fernsehsendungen. Gut ein Dutzend unterschiedlicher Sendeformate stehen hier täglich auf dem Programm, die rund um die Uhr gesendet und in einer Schleife wiederholt werden. Zweimal im Monat kommen neue Ausgaben der Sendungen ins Programm. Der Fan muss sich also eigentlich keine Sorgen machen, seine Lieblingssendung zu verpassen.
Inhaltlich bietet Dr. Dish TV Informationen zu allen Aspekten des – vorwiegend digitalen – Rundfunks und Fernsehens. Dabei gibt es auf der einen Seite Einführungen in die technischen Aspekte der Angelegenheit, auf der anderen Seite Produkttests und Kauftipps. Hierbei testet die Redaktion viele der Geräte selbst, und es kann auch einmal einen rustikalen Verriss geben. Ein reiner Technik-Jubelkanal ist Dr. Dish TV also nicht. Allerdings will es bisweilen so scheinen, dass sich die eine oder andere Werbesendung, als redaktioneller Inhalt getarnt, ins Programm mogelt. Das wundert wenig, schließlich dürfte die Werbung eine Haupteinnahmequelle des Senders darstellen. Dazu sind die einzelnen Beiträge sauber, aber meist wenig aufwändig produziert, was die Produktionskosten im Rahmen halten sollte.
Einen weiteren, nahezu unüberschaubaren Bereich, bildet die Sportberichterstattung. Hier findet sich wirklich für jeden Geschmack etwas – und nicht nur Fußball, Boxen und Motorsport. Allerdings werden die meisten Programme hier verschlüsselt übertragen. Neben den bekannten Sportsendern wie DSF oder Eurosport kommen nur wenige frei empfangbare Spezialprogramme. „Equi 8 TV“ beispielsweise kümmert sich ausschließlich um Pferderennen – und damit die ganze Angelegenheit nicht zu langweilig wird, haben die Zuschauer die Möglichkeit, Pferdewetten abzuschließen. Das sorgt für die nötige Spannung in den heimischen Wohnzimmern und das nötige Kleingeld in der Senderkasse.
Hinter „Equi 8 TV“ steht die Firma RedSpiderNetworks und Paul Borgetto, ein alter Hase der TV-Branche. Borgetto hat sein Handwerk beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen gelernt und ist nach vielen Umwegen beim Quizsender Neun Live gelandet. Kein Wunder, dass „Equi 8 TV“ ähnlich funktioniert. Hunden statt Pferden widmet sich „Global Draw Greyhounds“, ansonsten ist das Prinzip gleich, wie beim Pferdenarrensender.
Auch in Sachen Musik gibt es eine große Auswahl. Hier finden sich auch unverschlüsselt eine Menge Sender, die alle jedoch mehr oder weniger ähnliche Programme ausstrahlen und nur wenig originell daherkommen. „Deluxe Music“ strahlt zum Beispiel 24 Stunden am Tag Musikvideos aus. Als Zielgruppe gilt hier das etwas ältere Publikum, das für gewöhnlich weder mit VIVA, noch mit MTV allzu viel anzufangen weiß. „Deluxe Music“ wird von der „Deluxe Television GmbH“ produziert. Die Firma bietet neben diesem unverschlüsselten Programm noch einige musikalische Spartensender an, die dann allerdings nur im Abo zu empfangen sind. Insofern kann man „Deluxe Music“ also als Appetithäppchen und Köder für die Zielgruppe verstehen.
Für die Sender stellt das Satellitenfernsehen also durchaus eine lohnende Angelegenheit dar. Ob der Fernsehzuschauer gleichermaßen davon profitiert, erscheint jedoch fraglich. Aber letztlich muss natürlich jeder selber entscheiden, wie er seinen Tag verbringen möchte.
Jürgen Brück
