Als die Deiche brachen
In der Nacht vom 16. zum 17. Februar 1962 brach über Norddeutschland die schwerste Flutkatastrophe des 20. Jahrhunderts herein. 318 Menschen starben in Hamburg, vor allem, weil die Deiche nicht genügend kontrolliert worden waren und die Behörden viel zu spät reagierten. Doch Norddeutschland hat aus dem Desaster gelernt.
Sirenengeheul und Kirchenglocken, die Sturm läuten, verhallen in einem tosenden Orkan. Mit einer Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern bläst er die Warnungen einfach davon, während die Deiche der Nordsee zu bröckeln beginnen: 61 davon brechen in dieser Februarnacht 1962 in Niedersachsen, indessen steigt das Elbwasser auf über fünf Meter über Normalnull – zu viel Druck für den Hochwasserschutz in der Hansestadt. 63 Deiche brechen hier, das Wasser schießt in die Stadt. Ein Fünftel des Stadtgebietes wird überflutet, alleine im Stadtteil Wilhelmsburg sind 60.000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten, 222 von ihnen sterben, in Hamburg sind 315 Todesopfer zu beklagen. Insgesamt sterben in dieser Nacht 340 Menschen.
Dabei hätten aus heutiger Sicht viele Tote verhindert werden können. Denn zu dieser Zeit lebten auf Europas größter Flussinsel noch immer vor allem Kriegsflüchtlinge in provisorischen Baracken, die von den Fluten niedergerissen wurden. Die Menschen wurden im Schlaf überrascht, die Behörden hatten viel zu spät reagiert, denn die Beamten waren trotz Sturmwarnungen schon im Feierabend. Erst gegen 9 Uhr abends riefen sie die höchste Gefahrenstufe aus. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete bereits die Zeit gegen sie, denn der Orkan drückte große Mengen Meerwasser in die Elbe und gegen die Hamburger Deiche.
Schmidt handelt gewohnt pragmatisch

Mit einer Medaille drückte Hamburg den Soldaten seinen Dank aus. Innensenator Schmidt überreichte sie.
Da die Behörden nicht mehr besetzt waren, liefen die Hilfsmaßnahmen nur langsam an. Der damals frisch ernannte Innensenator Helmut Schmidt, der später ins Bonner Kanzleramt wechseln sollte, handelte gewohnt pragmatisch: Er rief die Bundeswehr zur Hilfe – eigentlich ein eklatanter Rechtsbruch zur damaligen Zeit, war doch der Einsatz der Bundeswehr im Innern schlicht untersagt. Erst Jahre später gestattete ein neues Gesetz, dass auch Soldaten bei innerdeutschen Katastrophen helfen dürfen. Denn es zeigte sich, nur mit ihrer Hilfe war es möglich, viele Eingeschlossene per Hubschrauber oder Boot zu retten und zu versorgen. 40.000 Bundeswehrsoldaten waren damals im Einsatz und mit ihnen Tausende Helfer vom Katstrophenschutz oder Freiwillige, die unermüdlich Sandsäcke füllten, um die Löcher in den Deichen provisorisch zu stopfen – zum Großteil eine gewaltige Kraftanstrengung, die sich in das kollektive Gedächtnis Norddeutschlands eingegraben hat.
In den damals betroffenen Gebieten sind deshalb derzeit zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen geplant, die besonders mithilfe von Augenzeugenberichten an jene Katastrophe erinnern, die von Menschenhand geschaffene Bauten in Sekundenbruchteilen scheinbar mühelos davonfegte.
„Viele haben gar nichts mitbekommen“
So erinnert eine Internetseite der Hamburger Verwaltung (www.sturmflut.hamburg.de) an die Ereignisse vor 50 Jahren, lässt zahlreiche Menschen zu Wort kommen und hat umfangreiches Medienmaterial wie Bilder und Flutkarten zusammengestellt. „Viele in unserer Gegend haben in dieser Nacht gar nichts mitbekommen“, berichtet dagegen Dr. Timothy Saunders vom Museum Nordenham in den Wesermarschen. Die Gebiete nahe Bremerhaven hatten dabei Glück im Unglück, hier hielten fast alle Deiche. Ansonsten wäre das unter dem Meeresspiegel liegende Land in dieser Nacht untergegangen. Dass dies nicht geschehen ist, lag auch an den vielen Helfern in dieser Nacht. Ihnen sollte nach der Flut eigentlich ein Bundesverdienstkreuz verliehen werden, doch sie weigerten sich – sie hätten nichts Herausragendes geleistet, ließen sie die Bundesregierung damals wissen. Vor allem an jene oft namenlosen Helfer erinnert eine Ausstellung im Museum Nordenham.

Mit Schlauchbooten werden nach der Sturmflut Menschen in Wilhelmsburg aus ihren Häusern gerettet.
„Die Menschen waren zunächst erschrocken, als sie sahen, dass das Wasser über die Deichkronen schwappte“, berichtet Saunders. Im Vorfeld der Ausstellung sprach er mit Menschen, die diese Nacht noch vor Augen haben. Sie berichteten, wie die Fluten Deiche aushöhlten und Erde zum Abrutschen brachten – die Bollwerke gegen das Wasser mussten dringend abgedichtet werden. „Weil die Zugangswege zu den Deichen aufgeweicht waren, schleppten die Helfer die Sandsäcke zu Fuß kilometerweit von der Befüllungsstation bis zum Deich.“ Leichter wurde es, als die ersten Hubschrauber der Bundeswehr und sogar der US-Armee anrückten, um zu helfen. Als das Wasser zurückging, kam die Angst vor der nächsten Flut. Innerhalb kürzester Zeit mussten alle Deiche gesichert werden. Das funktionierte, weil die Befestigungen in den Wesermarschen besser in Schuss waren als die Deiche Hamburgs. „Zur Zeit der Sturmflut hatte Norddeutschland schon begonnen, die Deiche aufzurüsten“, erklärt der Museumsleiter. „Im Zweiten Weltkrieg hatte man auf ihnen Bunker gebaut oder sie als Flakstellung missbraucht, dementsprechend waren viele durchlöchert. Nach dem Krieg schon begann man, sie auszubessern.“ Als eine gewaltige Sturmflut 1953 die Niederlande, Teile von Belgien und England heimsuchte, entwickelten die deutschen Behörden einen Sicherungsplan für die deutschen Küsten. „Vor allem passten sie die Deichformen an die Angriffskraft des Meeres an, die je nach geografischer Lage unterschiedlich ist“, so Saunders. 1962 zeigte sich dann, dass die Maßnahmen richtig waren und die Bewohner Bremerhavens und Bremens größtenteils verschont blieben. Dagegen hatte die Hansestadt Hamburg noch lange mit den Nachwirkungen der Flut zu kämpfen, lernte aber aus der Katastrophe. Die Investitionen in den Hochwasserschutz stiegen, er wurde neu organisiert, in der Stadtverwaltung gebündelt und eingehend erforscht. So hat das Norddeutsche Klimabüro des Helmholtz-Zentrums im schleswig-holsteinischen Geesthacht prognostiziert, dass der derzeitige Hochwasserschutz für die kommenden 20 Jahre ausreicht. Bis Ende des 21. Jahrhunderts erwarten die Forscher allerdings Sturmfluten, die bis zu elf Zentimeter höher ausfallen als derzeit – vor allem wegen des Meerwasserspiegels und sich ändernder Windverhältnisse infolge des Klimawandels. Das, was Norddeutschland und vor allem Hamburg derzeit an Geld und Material in den Deichschutz investieren, soll deshalb langfristig einem Meerwasserspiegel trotzen, der mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter steigen wird. Die UN geht davon aus, dass der Meeresspiegel bis ins Jahr 2100 um bis zu 59 Zentimeter steigen wird – damit verdreifacht sich der Anstieg gegenüber dem vorangegangenen Jahrhundert und könnte sogar noch höher ausfallen, wenn sich die Schmelzprozesse in der Antarktis und in Grönland weiter verstärken. Hinzu kommen laut den Erkenntnissen des Klimabüros vor allem stärkere Stürme aus Richtung West und Nord und damit aus den Richtungen, die dafür sorgen, dass sich höhere Wassermassen an den norddeutschen Küsten anstauen. Noch ungenügend erforscht sind die regional bedingten Wasserstände, die durch Veränderungen der Küstenlandschaft und der Regionen am Meeresboden beeinflusst werden, Wellenlauf und Gezeiten. Große Forschungsprojekte sollen diese weißen Flecken in der Hochwasserforschung künftig mit neuen Erkenntnissen füllen.
Norddeutschland sieht sich also nicht nur dazu genötigt, zukünftig die Deiche weiter zu erhöhen, sondern auch, sie in kürzeren Abständen zu kontrollieren. Heute werden die Deiche nicht alle 30 Jahre überprüft, wie es damals üblich war, sondern alle zehn Jahre. Doch Hochwasserschutz ist teuer: Von 2007 bis 2012 hat Hamburg nach eigenen Angaben in den Hochwasserschutz und seine 103 Kilometer lange Hauptverteidigungslinie gegen das Wasser 600 Millionen Euro investiert, die Deiche für Fluten in einer Höhe von bis zu 8,50 Meter über Normalnull gewappnet. Der Querschnitt dieser Dämme beträgt mittlerweile mehr als 50 Meter. Dutzende Fluttore sollen die Stadt schützen, vor allem der Stadtteil Wilhelmsburg gilt wegen seiner besonderen geografischen Lage als „Badewanne“, die schnell vollläuft, und ist von einem Deichwall eingeschlossen. Klar ist, solch eine Katastrophe wie in der Nacht auf den 17. Februar 1962 soll sich nie mehr wiederholen – aber ein Restrisiko bleibt immer.
Falk Enderle
