Als Rudi den Ayatollah ärgerte
Vor 25 Jahren sorgte Rudi Carrell mit einem kurzen TV-Gag für Lacher in Deutschland und Wutausbrüche im Iran. Er hatte sich über den Staats- und Religionsführer Khomeini lustig gemacht.
Erinnern Sie sich noch an „Rudis Tagesshow“, die in den 80ern sonntags nach der Tagesschau lief? Neben Rudi Carrell sorgten dort Klaus Havenstein, Beatrice Richter und Diether Krebs mit ihren Sketchen für Lacher. Ein Markenzeichen der satirischen Nachrichten-Persiflage waren aus Archivmaterial und „Zwischenschüssen“ zusammengebastelte Filmchen, die so manche Polit-Prominenz durch den Kakao zogen: Da schäkert Richard von Weizsäcker mit einer Bordsteinschwalbe, Norbert Blüm steckt Carrell geheime Akten zu oder CDU-Kandidaten treten sich unterm Tisch gegenseitig ans Bein. Doch an einem Sonntag, dem 15. Februar 1987, überschritt der sangesfreudige Showmaster mit dem Schalk im Nacken eine Tabu-Grenze: In einem kurzen Film sah man das damalige Oberhaupt des iranischen Kirchenstaates und der schiitischen Glaubensgemeinschaft, Ruhollah Musavi Chomeini, besser bekannt unter seinem religiösen Titel Ayatollah Khomeini. In oben erwähnter Manier wurden Filmszenen des iranischen Fernsehens so mit anderen Szenen zusammengeschnitten, dass es aussah, als ob jubelnde weibliche Fans dem Ayatollah Damenunterwäsche schenken würden.
Khomeini alsPopstar dargestellt

Böser Blick, der Rudi Carrell gilt? Ayatollah Khomeini fühlte sich von dem Entertainer verunglimpft.
Khomeini wurde als umschwärmter Popstar dargestellt. Ein aus heutiger westlicher Sicht ziemlich harmloser Gag und höchstens nur dann als „schlüpfrig“ zu bezeichnen, wenn man es unbedingt auf das Wortspiel mit den Schlüpfern anlegen möchte. Doch der Witz bestand gerade darin, den Ayatollah als Symbol der strengen islamistischen Moral mit Damenwäsche werfenden Fans als Symbol westlicher Freizügigkeit in Verbindung zu setzen, den radikalen Islamisten Khomeini dadurch lächerlich zu machen. Und dieser Witz kam bei den meisten Iranern gar nicht gut an. Hätte die Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ geheißen, aus Teheran wäre ein klares „Kalla“ (Nein) gekommen. Erstens war Khomeini das Staatsoberhaupt der von ihm erputschten Islamischen Republik, und so fühlten sich eine Menge Iraner in ihrem Nationalstolz gekränkt. Noch schlimmer aber wog die religiöse Beleidigung. Denn wer Khomeini verunglimpfte, verunglimpfte dessen Religion und die dazugehörige Glaubensgemeinschaft gleich mit. So jedenfalls die Sichtweise der entsprechend Gläubigen. „Ein in unseren Augen harmloser Gag von fünf Sekunden erschütterte die islamische Welt“, erinnerte sich Rudi Carrell später. Im Iran gingen die Menschen auf die Straße, es kam zu Massenprotesten. Die Iranischen Generalkonsulate in Hamburg und Frankfurt sowie das Büro der Iran Air in Frankfurt wurden vorübergehend geschlossen, ein am Montag nach der Sendung fälliger Flug von Frankfurt nach Teheran gestrichen. Zwei Diplomaten aus der deutschen Botschaft in Teheran mussten das Land verlassen. Und der Protest setzte sich fort. Der iranische Botschafter Mohammad Djavad Salari marschierte mehrfach höchst angesäuert zum Staatsminister Jürgen Möllemann (FDP). Die Stimmung war ohnehin schon gereizt, denn elf Tage zuvor hatte Salari den berühmten Prominenten-Fragebogen im Wochenmagazin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen – und Kanzlerberater Horst Teltschik hatte dort die Frage, welche Personen in der Geschichte er am meisten verachte, so beantwortet: „Menschenschinder wie Stalin, Hitler und Khomeini“. Offizielle Beschwerden erreichten auch die ARD und das Auswärtige Amt in Bonn. Der damalige iranische Premierminister Mir Hussein Mussawi warf dem Deutschen Fernsehen Beleidigung des „Heiligen“ und damit aller Iraner vor. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Hans Stercken (CDU), sagte im Saarländischen Rundfunk, zwar sei die Darstellung Khomeinis „nicht originell und nicht angemessen“ gewesen, die Reaktion der Iraner sei jedoch überzogen. Mittwochs wurde das Goethe-Institut in Teheran geschlossen. Das dafür verantwortliche Religionsministerium erklärte, die Sendung des Deutschen Fernsehens habe die Heiligtümer der Islamischen Revolution im Iran beleidigt und die Muslime der Welt verärgert. Die Ausstrahlung der Sendung sei ein Ausdruck des Hasses gegenüber dem Islam und der Islamischen Republik Iran gewesen. „Wenn die Entfaltung der Meinungsfreiheit bei uns die religiösen Gefühle anderer Völker und Menschen verletzt, tut es mir aufrichtig leid“, bedauerte Willy Brandt (SPD) als Alterspräsident des Bundestages. Die Stimmung zwischen Teheran und Bonn war auf dem Nullpunkt. Der Iran forderte von der Bundesregierung eine formelle Entschuldigung, was diese jedoch ablehnte, da sie wegen der Pressefreiheit keinen Einfluss auf die freie Meinungsäußerung ihrer Medienvertreter habe. Der Schwarze Peter lag also jetzt bei „Tagesshow“-Macher Rudi Carrell. Der erhielt mehrere Morddrohungen.
Und nahm sie ernst – schließlich hätte ihn solch ein Scherz im Iran locker Kopf und Kragen kosten können. Die Anzahl der im Iran hingerichteten politischen Gegner ging damals schon in die Tausende und steuerte auf den traurigen Höhepunkt der Massaker an Oppositionellen 1988 zu. Mittwochs, am Tage drei nach Ausstrahlung der Fernsehsendung, erklärte Rudi Carrell öffentlich: „Wenn mein Gag mit dem Ayatollah Khomeini im Iran Verärgerung verursacht hat, bedaure ich das sehr und möchte mich beim iranischen Volk entschuldigen.“ Die nächste neue Folge der „Tagesshow“ musste unter Polizeischutz und strengen Sicherheitsvorkehrungen gedreht werden. Und ihre Ausstrahlung erreichte eine Rekord-quote: 52 Prozent aller Fernseh-Haushalte waren am 22. Februar vor der Flimmerkiste, um zu sehen, ob und wieRudi Carrell auf den Vorfall reagieren würde. Und das tat er auf seine Weise: Zu Beginn der Sendung trat nicht Carrell selbst auf, sondern der Schauspieler Horst Tappert in seiner Rolle als Kommissar Derrick. Der ließ einen prüfenden Blick durchs Studio schweifen und gab dann per Funkgerät Entwarnung: „Bitte, Herr Carrell, Sie können kommen!“ Carrell nahm’s also mit Humor. Doch der Clip vom 15. Februar 1987 ward nie wieder irgendwo zu sehen. Auch auf den gängigen Internetportalen wie YouTube wurde die Szene wieder rausgeschnitten. Aus Respekt vor religiösen Gefühlen – oder aus Angst vor radikalen Islamisten?
Peter Böhnel
