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07 Lebensart Senioren 1

Alt, aber nicht verbraucht

Früher machte man mit 70 den „Abgang“, heute wollen 80-Jährige eine neue Hüfte und den dritten Bypass. Von Werbeplakaten lächeln uns Senioren mit strahlenden Kukident-Zähnen, lässig über die Schulter geworfenem Pulli und Golfschläger entgegen. So schön kann das Alter sein. Dabei sieht die Realität oft anders aus, ist geprägt von Einsamkeit und körperlich-geistigem Verfall.

Walter Eichhorn ist 70 Jahre alt. Er bringt gerade seine fünfjährige Enkelin Melina in die Turnhalle. In der Halle hilft der Pensionär kurz beim Umziehen, ein kurzes Abschiedsküsschen, und schon ist Melina in einem Meer von kleinen kichernden Mädchen verschwunden.

Seine Enkelin ist sein „Ein und Alles“. Er freut sich, wenn er mit ihr dienstags nachmittags zusammen sein kann. Nach dem Turnen marschieren beide nach Hause. Zusammen mit seiner Frau Hiltrud betreut er einmal die Woche sein Enkelkind. Der frühere Hauptabteilungsleiter der Postbank genießt es, mit Melina spazieren zu gehen, ihr die Natur zu erklären oder ihr Märchen vorzulesen. Im Sommer will er ihr Fahrradfahren beibringen. Das Zweirad ist für den vitalen Senior ein wichtiger Teil seiner Freizeitgestaltung.

Prof. Dr. Thomas Altenhöner, Gesundheitswissenschaftler von der HTW.

Biologisch gesehen ist Walter Eichhorn ein alter Mann. Doch der passionierte Sportler zählt sich noch lange nicht zum „alten Eisen“. Fast täglich schwingt er sich auf sein Rennrad. Anlass, sich krank und einsam zu fühlen, hat er nicht; dafür steht er zu aktiv im Leben. „Seit meiner Pensionierung im Jahr 2000 habe ich endlich Zeit, meinen Hobbys nachzugehen und mich ausgiebig um meinen Garten zu kümmern“, sagt er fröhlich. Im Turnverein Walpershofen ist er seit Jahrzehnten aktiv, einst als Jugendtrainer und Hobby-Volleyballer, heute beschränkt er sich mehr auf Gymnastik. Zusammen mit seiner Frau und Freunden organisiert er Fahrradtouren, geht regelmäßig schwimmen, besucht Theater- und Konzertaufführungen, trifft sich mit früheren Arbeitskollegen und sitzt freitags abends immer mit seinen Nachbarn am Stammtisch. „Das ist besser, als morgens aufzustehen und zum Arzt zu fahren“, meint der begeisterte Hobbygärtner.

Der Köllertaler passt so gar nicht in die Vorstellung der wachsenden Gesellschaft voller Rollator-Schieber, Demenzkranker, Pflegebedürftiger. Er hat sich auf das Abenteuer Leben eingelassen. Er hat Chancen auf Veränderungen genutzt, hat sich nicht starr an Bekanntes und Festgefügtes geklammert, sich nicht aufs Altenteil schieben lassen. „Damit hat er eine wichtige Voraussetzung für ein gesundes Leben im Alter erkannt“, meint Prof. Dr. Annelie Keil. Die Bremer Gesundheitswissenschaftlerin sprach kürzlich auf einer Tagung der Hochschule für Technik und Wissenschaft (HTW) Saar in Saarbrücken über das Thema: „Älterwerden als Abenteuer“. „Sich Neuem öffnen zu können, neugierig zu bleiben, Herausforderungen anzunehmen, gebraucht werden, eigene Fähigkeiten erkennen und nutzen, zu hoffen, dass jeder Tag neue Überraschungen bringt, das hält jung“, sagt die 71-jährige Soziologin. Sie selbst ist das beste Beispiel dafür, wie man mit dem Älterwerden, dem Krankwerden und dem Wieder-gesund-werden umgehen kann. Mit 40 Jahren erlitt sie einen Herzinfarkt, mit 50 Jahren bekam sie Brustkrebs. Heute steht sie mit grauen Locken, schwarzem Pulli, roten Pumphosen und Sandalen auf dem Podium der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saar (HTW), eine Alt-68erin mit strahlendem Lächeln, Selbstironie und Mut machender Herzlichkeit.

„Das Leben ist ein Geschenk und ein Experiment zugleich“, sagt Annelie Keil, „eine große Abenteuerreise mit unbekanntem Ziel und von ungewisser Dauer. Leben ist gefährlich. Die Kunst zu leben ist der Versuch, mit diesen Gefährdungen umzugehen“.

Die Frage „Warum bin gerade ich krank geworden?“ hat sie ausgetauscht durch die Fragen „Was kann ich tun, um weiterzuleben?“ und ganz wichtig: „Warum will ich überhaupt weiterleben?“ Fragen, die jeder individuell beantworten muss. „Wir wissen heute: Wenn Oma nicht mehr weiterleben will, dann stirbt sie an einem Oberschenkelhalsbruch.“ Hat sie noch ein Lebensziel, kann sie Herzinfarkt, Schlaganfall, Beinamputation und Krankenhausvirus überleben, weil sie zum Beispiel für ihre vier Enkel oder ihren Kirchenchor noch da sein will.

Die Soziologin Prof. Dr. Annelie Keil referierte kürzlich in Saarbrücken.

Wie wichtig auch soziale Kontakte im Alter für Wohlbefinden und Gesundheit sind, zeigen aktuelle Recherchen von Prof. Dr. Thomas Altenhöner und Mirjam Philippi vom Department Gesundheit und Pflege der HTW. „Soziale Unterstützung in ihren unterschiedlichen Formen ist eine wichtige Ressource für Gesundheit und Lebensqualität im Alter“, sagt der Saarbrücker Gesundheitswissenschaftler Altenhöner. „Ob sich ältere Menschen gesund oder krank fühlen, hängt nicht nur von den körperlichen und psychischen ärztlichen Diagnosen ab, sondern auch von der subjektiven Einschätzung der eigenen gesundheitlichen Lage. Immer mehr Menschen leben alleine. Fehlt es Menschen jedoch an sozialen Kontakten, Zuwendung, Anerkennung, Lob, Herausforderungen und Hilfe durch andere, kann es sein, dass sie sich kränker fühlen, als sie es eigentlich sind.“

„Emilie kann von dem Teufelskreis aus Einsamkeit, Traurigkeit und zunehmenden gesundheitlichen Beschwerden ein Lied singen“, erzählt Annelie Keil aus ihrer beruflichen Praxis. „Die 74-Jährige ist seit acht Jahren verwitwet. Die Kinder sind aus dem Haus, die frühere Verkäuferin fühlt sich einsam und wertlos. Kontakt zu ihrer ältesten Tochter hat sie nur per Telefon, seit diese der Arbeit wegen nach Wuppertal gezogen ist. Das Verhältnis zu ihrem Sohn und seiner Familie ist angespannt. Die Schwiegertochter meint, sie mische sich zu viel in das Leben der kleinen Familie ein und sie verwöhne ihre Enkelin Lara zu sehr. ‚Mir fehlt die Kleine‘, klagt Emilie. ‚Früher hat sie mich regelmäßig besucht. Mir ging es gut. Ich hatte keine Wehwehchen. Jetzt stehe ich oft tagelang am Fenster, schaue auf die Straße und hoffe, Lara kommt. Ich fühle mich kraftlos, kann schlecht schlafen, habe keinen Appetit, Herzrasen. Manchmal schaffe ich es nicht, morgens aufzustehen, für wen auch?‘“ Was Emilie fehlt, ist eine Aufgabe. „Die wissenschaftliche Befundlage zeigt, dass ältere Menschen, die stabile soziale Beziehungen haben, besser mit ihren Erkrankungen umgehen können als Personen, die sich alleine gelassen fühlen“, fasst Prof. Altenhöner seine Erkenntnisse zusammen. Doch was tun, wenn es keine familiären Bande mehr gibt? Im Saarland wird laut Statistischem Landesamt im Jahr 2030 jeder Dritte über 65 Jahre und jeder Zwölfte über 80 Jahre alt sein. Von denen lebt jede zweite Frau und jeder fünfte Mann alleine. Ein Trend, der sich verstärken wird. In den letzten zehn Jahren haben rund 50.000 junge Saarländer ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Das entspricht der Einwohnerzahl einer mittelgroßen Stadt wie Neunkirchen oder Völklingen. Im Alter werden die wenigsten über funktionierende Familienbande verfügen.

Walter Eichhorn ist 70 Jahre alt. Seiner fünfjährigen Enkelin Melina liest er gern Geschichten vor.

Annelie Keil hat hierfür pragmatische Ratschläge: Warum gehen die Alten nicht zu den Jungen? Es müssen ja nicht die eigenen Enkelkinder sein. Es gibt genügend Kinder, die sich eine Märchenoma wünschen. Sich Gedanken über den eigenen Tod oder seine Pflegebedürftigkeit zu machen, hält Annelie Keil auch wichtig für die seelische Hygiene. „Tante Auguste will ich auf meiner Beerdigung nicht sehen“, könne man durchaus in seinem Testament verfügen, meint Keil. Oder: „Hühnersuppe mag ich nicht, lieber Kartoffelbrei“. Dann weiß das Altenheim, womit man Opa eine Freude machen kann.

Ratschläge und Erfahrungen, die die 67-jährige Eugenie Schönbucher beherzigt hat. Die Riegelsbergerin gehört zu der Gruppe Senioren, die trotz Schicksalsschlägen nicht verzweifelt. Sie hat ihr Leben selbst in die Hand genommen. Als ihr Mann im Februar 2008 plötzlich verstarb, zog sie sich zurück. „Ich wollte nur noch alleine sein. Ich war so traurig, konnte es nicht ertragen.“ Eugenie Schönbucher ging ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes in Rente, was sie wie eine erneute Abkopplung vom Leben empfand. Ihre erwachsene Tochter Corine wohnt in Esslingen, ihr Sohn Felix lebt bei seiner Freundin in Merzig. Das große Haus ist oft leer. Die Seniorin drohte, in den Strudel der Altersisolation zu rutschen. Doch Eugenie Schönbucher besinnt sich auf ihre Stärken: „Ich will mich nützlich machen, mich einbringen in die Gemeinschaft“. Eugenie Schönbucher erkundigt sich bei der Arbeiterwohlfahrt, wie und wo sie sich ehrenamtlich engagieren könne. „Letztendlich entschied ich mich für ein Engagement in der Kindertagesstätte Riegelsberg“. Einmal die Woche liest sie Kindern Märchen vor, hilft den Erziehern bei allem, was anfällt: die Kleinen anziehen für den Spaziergang, die größeren Kinder zum Turnen in die Turnhalle begleiten und wieder abholen, Burgen bauen, singen, kuscheln. Zusätzlich kümmert sich die vitale Seniorin einmal die Woche um zwei demente Freundinnen, singt bei den „Chro-Y-Feen“ im Frauenchor Riegelsberg und geht regelmäßig ins Fitness-Studio und zum Turnverein. Wirbelsäulengymnastik, Pilates, Body Balance, Qi Gong stehen auf ihrem Programm. Seit einem Jahr ist sie Oma. Theresa ist ihr ganzer Stolz. So oft sie kann, besucht sie ihre Tochter und deren junge Familie in Baden-Württemberg.

In den Wintermonaten wird ihr hier und da noch schwer ums Herz. Sowie es wieder wärmer und heller wird, sieht man Eugenie Schönbucher in ihrem Garten: einsäen, Unkraut rupfen, Gemüse und Blumen pflanzen, hegen und pflegen. Blutdrucksenker, Mittel zur Herzstärkung, Antidepressiva oder Ähnliches, was immer mehr Senioren von ihren Hausärzten verschrieben bekommen, all das braucht Eugenie Schönbucher nicht. Sie erlebt das Alter als Abenteuer.

Monika Jungfleisch

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