Auf dem Weg zum Paradies
In 20 Jahren Unabhängigkeit ist aus dem einstigen Gemüsegarten der Sowjetunion das Armenhaus Europas geworden. Touristen verirren sich nur selten in das sanfte grüne Hügelland zwischen Prut und Dnjestr, nach Moldawien. Dennoch keimt mancherorts Hoffnung auf wirtschaftlich bessere Zeiten.
Leicht nach vorne gebeugt und mit einer Aktenmappe unter dem Arm trotzt er seit Jahrzehnten Hitze, Kälte und allen politischen Richtungswechseln. In seinem fleckig gewordenen Mantel und mit der Schiebermütze auf dem Kopf schaut Genosse Lenin ganz entspannt auf die Hauptstraße von Comrat. Dass statt der sowjetischen nun am klotzigen Regierungssitz hinter ihm die moldawische Trikolore und die blau-weiß-rote Flagge der autonomen Republik Gagausien weht, stört ihn ebensowenig wie die restaurierte orthodoxe Kirche gegenüber, in der das Vaterunser in großen, blutroten russischen Buchstaben an der Wand hängt. Ein Mütterchen im türkis geblümten Kleid fegt mit einem Reisigbesen unermüdlich den ohnehin schon blitzblanken Kirchenboden. Viel hat sich hier seit dem Ende der Sowjetunion anscheinend nicht verändert.

Kommunalwahlkampf in Chisinau: Ein riesiges Plakat der Liberaldemokraten ziert einen alten Plattenbau.
Hauptstadt nennt sich das Kleinstädtchen Comrat im Süden Moldawiens, Hauptstadt der Gagausen, ein Turkvolk, das sich vor Jahrhunderten in der Steppenlandschaft des südlichen Bessarabiens niederließ. Seine Geschichte erzählt das welweit einzige gagausische Museum – neben der blau-goldenen Kirche gelegen – am staubigen Dorfanger von Beschalma, einem verschlafenen Nest einige Kilometer weiter südlich. In langatmigen Vorträgen erklärt die Museumsleiterin auf Russisch und Gagausisch die Geschichte jedes Ackergeräts, jeder der in Vitrinen ausgestellten Trachten und jedes der Ölbilder, die die schon etwas vergilbten Wände des düsteren Museums zieren. Kein Wunder, verirren sich doch nur selten Fremde in diesen verlassenen Winkel Osteuropas. Gerade einmal 160.000 Gagausier gäbe es noch, erklärt die Museumschefin, zu Hause spreche sie, wie die meisten, ihre dem Türkischen verwandte Muttersprache. Nach dem Ende der Sowjetunion, das die Politiker in der moldawischen Hauptstadt Chisinau ebenso überraschte wie die Gagausier, erkämpften sich Letztere gewaltfrei ihre Autonomie.
Weniger glimpflich endete das Sowjetreich im Osten des Landes. Nach einem dreiwöchigen Krieg erklärte sich der schmale, überwiegend russisch- und ukrainischsprachige Landstreifen jenseits des Flusses Dnjestr zur Nistrischen Moldawischen Republik: ein Staat mit Währung und Präsidenten, den kein Land auf der Welt anerkennt. Grenzer, die noch die alten breiten sowjetischen Mützen mit dem roten Stern tragen, kontrollieren die Ein- und Ausreisenden. Ausländer müssen eine Einreisekarte ausfüllen, deren Daten die Wachmänner im Ein-Finger-Suchsystem in uralte, vergilbte Computer tippen. Das kann dauern.
Die schönste und vor allem bequemste Aussicht auf das geheimnisvolle Schein-Land jenseits des Flusses bietet Ion Gîlca mit seiner Firma Navatur Service. Wenn tatsächlich mal Touristen kommen, putzt er seine „Moskwa“, tankt voll und macht für die Gäste die Leinen los. Wer weiß, wie das blitzblanke blau-weiße sowjetische Ausflugsschiff in die zwischen Moldawien und Transnistrien geteilte Stadt Ribniza gekommen ist. An Bord servieren der Kapitän, seine junge Tochter und die zwei Mann Besatzung Berge von selbstgekochten Leckereien. Ist ein Glas leer, schenkt der Chef sofort Rotwein aus dem hauseigenen Weinberg nach. Zu moldawischer Volksmusik, die aus den altersschwachen Bordlautsprechern mehr scheppert als klingt, tuckert die „Moskwa“ gemächlich über den träge dahinfließenden braun-grünen Dnjestr. An beiden Ufern dösen Dörfer friedlich in der Sonne. Die saftig grünen Hügel der Landschaft spiegeln sich im Wasser. Am Ufer grasen Kühe, die sich, anders als die Menschen, in der Mittagshitze auch ins Wasser trauen. Ab und an sieht man Jugendliche, die sich im Gras sonnen. Vom Militär des angeblich hochgerüsteten Überwachungsstaates am anderen Flussufer keine Spur. Auf der transnistrischen Seite hat sich ein Mann ein Armeefloß zum Hausboot umgebaut. Eine Plane mit Tarnnetz dient als Dach.
„Wenn Du wissen willst, wo Moldawien liegt, frage nach dem Paradies”, schrieb einst ein moldawischer Autor, „es liegt irgendwo auf dem Weg dorthin.” An der Strecke sind auch einige Roma sesshaft geworden. Sie haben sich am Stadtrand von Soroca ein eigenes Viertel gebaut. Zwischen ärmlichen Behausungen ragen hier auf dem sogenannten Zigeunerhügel reichverzierte mehrstöckige Villen in den Himmel. „Bau mir das nach”, soll einer der Zigeunerbarone zu seinem Architekten gesagt haben. Dazu hielt er dem Baumeister einen 50-Dollar-Schein unter die Nase. Legende oder nicht: Die goldene Kuppel, die das Viertel überragt, ähnelt dem Washingtoner Kapitol auf der Dollar-Note. Der Bau darunter ist nicht fertiggeworden. Dem großspurigen Bauherren sei das Geld ausgegangen, heißt es. Auf dem Grundstück ist tatsächlich niemand zu sehen. In der Siedlung sind Touristen eine Attraktion. „Woher kommt Ihr”, fragen Kinder wie Erwachsene. Manche wollen den Besuchern ihre Häuser zeigen, andere erzählen von Verwandten in Deutschland. Fast ein Drittel der Moldawier lebt im Ausland, weil es zu Hause kaum bezahlte Arbeit gibt. Wer rumänische Vorfahren nachweist, bekommt von der Regierung in Bukarest auf Wunsch einen rumänischen Pass und damit die Eintrittskarte in die Europäische Union. Seit die Kommunisten 2009 die Wahlen verloren haben fühlen sich die meisten Moldawier freier. Das Geld reicht trotzdem bestenfalls zum Überleben.
Robert B. Fishman
Moldawien
Anreise: Wer rechtzeitig bucht, bekommt ein Ticket ab deutschen Flughäfen mit der Lufthansa oder der Austrian Airlines nach Chisinau für weniger als 200 Euro. Von München dauert der Flug knapp zwei Stunden.
Landesinfo: Moldawien ist etwa so groß wie Nordrhein-Westfalen (18 Millionen Einwohner), hat aber nur rund 3,3 Millionen Einwohner. Davon leben schon fast eine Million in oder rund um die Hauptstadt Chisinau. Statistisch gilt das Land mit einem Durchschnittsgehalt von nicht einmal 200 Euro als das ärmste Europas. Landwirtschaft ist fast überall noch reine Handarbeit. In den Dörfern sieht man ebenso viele Pferdefuhrwerke wie Autos. Gesprochen wird Moldawisch, ein Dialekt des Rumänischen. Russisch verstehen die meisten, Englisch nur wenige gut ausgebildete junge Leute.
Kosten: Das Leben in Moldawien ist für Westeuropäer günstig. Lebensmittel kosten etwa ein Drittel weniger als in Deutschland. Ein Doppelzimmer in einem Drei-Sterne-Hotel wie dem Cosmos in Chisinau bekommt man schon für weniger als 30 Euro. Auf dem Land sind die Hotels noch günstiger, aber sehr rar gesät. Ausflüge sollte man daher sorgfältig planen oder bei einheimischen Agenturen buchen.
Fortbewegung: Zwischen den größeren Städten verkehren Busse und Sammeltaxis, die in Chisinau am Rande des großen Marktes (Strada Armeniasca) abfahren. Vom Bahnhof im Süden der Hauptstadt fahren Züge nach Tiraspol und in einige andere Städte der Region. Die Straßen sind holprig. Obwohl es Staus, wenn überhaupt, nur im Einzugsbereich der Hauptstadt gibt, kommt man nur langsam voran.
Reiseveranstalter: Wenige Veranstalter bieten Reisen nach Moldawien und Transnistrien an, in Deutschland zum Beispiel Travel & Personality: Telefon 0711-7586777, www.reiseseminare.de

