Bauer mischt den Tatort auf
„Heimatfront“ packt ein heißes Eisen an: Soldaten, die aus Afghanistan zurückkehren. Kriegserfahrungen machen es ihnen schwer zurückzufinden. Wie gehen Familien und Gesellschaft damit um? Ein Thema mit aktueller Brisanz durch den Einsatz der Saarlandbrigade. FORUM sprach mit Tatort-Redakteur Christian Bauer.
Herr Bauer, wenn am 23. Januar der neue SR-Tatort „Heimatfront“ ausgestrahlt wird, werden 650 Soldaten aus dem Saarland und der Westpfalz bereits in Afghanistan eingetroffen sein und vielleicht ähnlich traumatisierende Kampfeinsätze erleben wie ihre vier Tatort-Protagonisten. War es Zufall, dass Sie gerade jetzt einen Tatort zu dieser Thematik verfilmt haben?
Wir haben über ein Jahr an der Stoffentwicklung für den SR-Tatort gearbeitet. Im Mai 2010 wurde der Film abgedreht. Natürlich wussten wir, als wir anfingen, nicht, wie sich die Situation in Afghanistan entwickeln wird. Aber der Bezug zu der Thematik war durch die Saarlandbrigade gegeben. Und es lag auf der Hand, dass wir dieses Thema unbedingt anpacken wollten. Dass unsere Geschichte durch die aktuelle Situation zusätzliche Brisanz erhält, ist offensichtlich.
Als Regisseur konnten Sie Oscar-Preisträger Jochen Alexander Freydank („Spielzeugland“) gewinnen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Während des Max-Ophüls-Festivals 2008 stellte mir unser SR-Tatortkommissar Gregor Weber den Nachwuchsregisseur Jochen Freydank vor. Gregor kannte ihn durch seine Mitarbeit in dem Kurzfilm „Spielzeugland“. Wir redeten darüber, wie für uns ein guter Film aussieht. Irgendwann entstand die Idee, einen Tatort gemeinsam zu drehen. Das war aber lange, bevor es den Oscar für „Spielzeugland“ gab. Nach der Oscarverleihung war es für mich umso schöner, dass Jochen Freydank Wort hielt.
Wie war es, mit einem Oscar-Preisträger zu arbeiten?
Die Zusammenarbeit verlief unspektakulär. Wir haben nicht in allem übereingestimmt und uns im Dienst der Sache auch gezofft. Jochen nahm Kritik meinerseits nicht persönlich, ich die seine auch nicht und so konnten wir professionell zusammen arbeiten.

Pfarrer, Vater und Tatort-Redakteur: Christian Bauer. Für den Tatort entwickelt er Geschichten aus vorgegebenen Themen.
Der erste Tatort, für den Sie als Redakteur verantwortlich waren, sorgte nach seiner Ausstrahlung im Januar 2010 für Furore. „Hilflos“ thematisierte Mobbing unter Schülern und setzte den Zuschauern harte Kost vor. Welche Reaktionen gab es darauf?
Ich habe rund 200 Briefe und E-Mails bekommen, manche mit argen Beschimpfungen, aber auch viel Lob. Ich habe fast jedem geantwortet, auch wenn das etwas gedauert hat. Der Film selbst brachte uns eine gute Einschaltquote. Über 8,62 Millionen Fernsehzuschauer sahen „Hilflos“. Für einen SR-Tatort ist das eine prima Zahl.
Wie müssen sich unsere Leser die Arbeit eines Tatort-Redakteurs vorstellen?
Die Redaktion gibt ein Thema vor, das sie als gesellschaftlich relevant einstuft. Denn die Reihe Tatort spiegelt ja gesellschaftliche Entwicklungen wider. Dann suchen wir Autoren, meistens zwei, mit denen wir die Geschichte zusammen entwickeln. Mit diesem Konzept gehen wir für die SR-Tatorte neue Wege. Neu für die SR-Tatorte ist auch, dass wir junge Autoren, junge Schauspieler, junge Regisseure und junge Themen aufgreifen. Die Millionärsgattin, die aus Eifersucht ihren Mann ermordet, gibt es im realen Leben ja gar nicht so häufig. Aber gemobbte Schüler wie in „Hilflos“ oder zerstörte junge Männer, die aus Einsätzen der Bundeswehr im Ausland zurückkommen, wie in „Heimatfront“, die gibt es. Für die Ausarbeitung des Drehbuchs kann man bis zu einem Jahr Zeit rechnen. Wir arbeiten mit den Autoren eng zusammen. Ich lasse die Autoren ihre Geschichte in ihrer Sprache erzählen. Durch die enge Abstimmung weise ich während des Drehbuchschreibens auf Unebenheiten hin, zeige auf, was nicht funktionieren kann und lasse die Autoren dann nach ihren eigenen Lösungen suchen. Bis das Drehbuch letztendlich steht, haben wir im Schnitt die fünfte Fassung. Neben der Begleitung der Drehbuchentwicklung sucht ein Tatort-Redakteur das Milieu aus, in dem die Geschichte spielen soll. Er kann Drehorte vorschlagen, Schauspieler und den Regisseur. Für „Heimatfront“ wollte ich als Autor unbedingt jemand mit psychologischem Hintergrundwissen. Bei Christiane Hütter wurde ich fündig. Sie hat zusammen mit Christian Heider das Drehbuch geschrieben, Uwe Wilhelm hat es bearbeitet.
Werden Ihnen viele Drehbücher zur Verfilmung vorgelegt?
Drehbücher für den Tatort kommen nicht mehr viele. Hin und wieder mal ein Exposé. Die meisten davon sind auch gut. Aber wir gehen für die SR-Tatorte wie gesagt neue Wege. Wir geben ein Thema vor und entwickeln dann eine Geschichte. Das hat sich mittlerweile unter den Autoren auch herumgesprochen. Anders ist das bei Angeboten für Kino- oder Spielfilmproduktionen. Hier landet schon noch das eine oder andere Drehbuch auf meinem Schreibtisch.
Was hat sich neben der Themenauswahl mit Ihnen als Redakteur für die SR-Tatorte noch geändert?
Wir wollen jüngere Zuschauer ansprechen, deshalb setzen wir neben der Themenauswahl auch auf jüngere Schauspieler. Außerdem arbeiten wir eng mit dem Max-Ophüls-Film-Festival zusammen und bieten damit dem deutschen Film-Nachwuchs eine Plattform auch im Tatort. Wie bereits im vergangenen Jahr werden wir den neuen Tatort während des Festivals auch dem Publikum zeigen. Und am Sonntag nach der Ophüls-Preisverleihung, am 23. Januar, läuft er dann um 20.15 Uhr im Ersten.
Haben Sie einen Lieblings-Tatort-Kommissar/in?
Ich bin mit meinen beiden Hauptkommissaren Kappl und Deininger ganz glücklich, sehe aber auch die anderen Tatort-Ermittler gerne. Es gibt eigentlich keinen, den ich gar nicht mag. Neben unseren finde ich aber die Bayern Batic & Leitmayr besonders gut. Und den Undercover-Ermittler der Hamburger Polizei Cenk Batu finde ich klasse, auch weil da ebenfalls mal was anderes versucht wird. Denn auch der Tatort lebt davon, dass er sich weiterentwickelt.
Mit welchen Schauspielern würden Sie gerne mal zusammenarbeiten?
Wir haben schon viele meiner Wunschkandidaten gehabt. Bei „Heimatfront“ zum Beispiel Julia Jäger. Die will wohl jeder Mal besetzen. Auch mit Christine Paul oder Jürgen Vogel (in einer fiesen Rolle) würde ich gerne mal arbeiten.
Gibt es eine Örtlichkeit, in der Sie gerne einen Tatort drehen würden?
Die Völklinger Hütte finde ich sehr reizvoll. Das Thema sollte aber nichts Klischeehaftes haben.
Wie schätzen Sie die saarländischen Drehbuchautoren und Schauspieler ein?
Ich beobachte die Szene genau. Es gibt viele, die noch nicht so weit sind, dass sie für den Tatort in Frage kommen. Aber es muss ja nicht immer gleich ein Tatort-Drehbuch oder eine Hauptrolle sein. Die Szene ist dabei, sich zu etablieren. Es gibt eine neue private Schauspielschule in Saarbrücken. Es gibt junge Autoren, die sich langsam an das Drehbuchschreiben herantasten. Ich biete dazu zum Beispiel Drehbuch-Workshops an der Uni an. Es gibt überhaupt keinen Grund für die regionale Szene, dem Rest der Republik gegenüber Minderwertigkeitsgefühle zu haben. So haben wir für „Hilflos“ alle Nebenrollen im Saarland besetzen können, und zwar nicht aus Lokalpatriotismus, sondern weil die Leute hier gut sind.
Merken Sie in der Redaktion die finanziellen Engpässe, mit denen der Saarländische Rundfunk kämpfen muss?
Klar, ein begrenztes Budget macht sich immer bemerkbar. Ich würde statt einem lieber zwei Tatorte pro Jahr drehen. Aber wir haben diese Möglichkeiten leider nicht. Und wenn im Drehbuch steht „Es ist Nacht, und ein Hubschrauber landet“, dann kann ich gleich sagen: Da ist das halbe Budget weg, das geht so nicht. Aber die finanziellen Begrenzungen haben auch ein Gutes: Sie fördern die Kreativität. Bei „Hilflos“ haben wir uns auf wenige Orte und Rollen beschränkt. Das hat dem Film gut getan. Gerade die Arbeit der Schauspieler war da umso intensiver.
Haben Sie zu Schauspielern freundschaftliche Bande knüpfen können, oder bleiben die Beziehungen eher im Unverbindlichen?
Zu Maximilian Brückner, Gregor Weber und auch zu vielen anderen Schauspielern habe ich ein gutes Verhältnis. Aber wir machen Filme zusammen. Meistens bleiben die Kontakte auf die berufliche Ebene beschränkt.
Betreuen Sie neben dem SR-Tatort noch andere Projekte?
Wir sind als SR im Jahr 2010 unter anderem noch an zwei Kinokoproduktionen beteiligt gewesen. Da arbeiten wir dann auch mit Kollegen anderer Sender zusammen. Und auch für 2011 versuchen wir wieder ein bisschen frischen Wind in die Kinolandschaft zu bringen.
Sind die Arbeiten für den nächsten SR-Tatort schon angelaufen?
Der Arbeitstitel steht fest: „Verschleppt“. Zurzeit sind wir beim Casting.
Sie selbst haben nun auch einen Krimi geschrieben: „Der nackte Arsch“. Soll er verfilmt werden?
Ich habe den Krimi geschrieben, nachdem ich von der Leiter gefallen war und wegen eines Beckenbruchs für drei Monate außer Gefecht gesetzt war. Vorher hatten der Anfang und das Gerüst des Krimis jahrelang in der Schublade gelegen. Es gibt befreundete Regisseure, die das Buch für visuell halten. Aber ich kann ganz gut damit leben, dass „Der nackte Arsch“ vermutlich nicht verfilmt wird.
Haben Sie neben dem Krimischreiben noch andere Hobbys?
Ich spiele die Tasteninstrumente und die Mundharmonika in zwei Bands, ich mag erdigen Blues, bin als gebürtiger Kölner 1. FC Köln-Fan und leide unter den miserablen Leistungen der Jungs.
Herr Bauer, von Haus aus sind sie evangelischer Pfarrer. Jetzt betreuen Sie als Redakteur den Tatort des Saarländischen Rundfunks. Ein ungewöhnlicher Lebensweg. Wie kam es dazu?
Nach meiner Ausbildung zum Pfarrer habe ich 1993 bis 1994 ein Volontariat beim Saarländischen Rundfunk als Hörfunk- und TV-Journalist absolviert. Danach leitete ich als Pastor im Sonderdienst sieben Jahre das Büro für Öffentlichkeitsarbeit der drei evangelischen Kirchenkreise an der Saar. Die Stellensituation war in meiner Kirche damals aber so, dass es für meine Qualifikationen keine für mich befriedigende Verwendung gab. Also habe ich mich umgeschaut und mich auf eine Ausschreibung bei SR2 KulturRadio beworben. Das klappte und so habe ich beim SR als „fester freier Mitarbeiter“ angefangen. 2007 übernahm der SR den Vorsitz der ARD-Anstalten und ich wurde stellvertretender ARD-Sprecher. Seit 2009 kümmere ich mich um den SR-Tatort.
Kann man Sie eigentlich noch als Pfarrer auf der Kanzel sehen?
Natürlich, ich habe nur den Job gewechselt, nicht meine Haltung. Gottesdienste zu gestalten, macht Spaß. Die haben auch eine Dramaturgie und starke Auftritte und Szenen. Aus dem Freundes- und Bekanntenkreis kommen schon mal Anfragen. Früher waren es Trauungen, jetzt sind es eher Kindtaufen. Im vergangenen Jahr habe ich zum zehnten Mal mit Jörg Metzinger die Heilig-Abend-Mette um 24 Uhr in der Saarbrücker Johanneskirche gehalten. Das waren immer ein wenig andere Gottesdienste.
Monika Jungfleisch

hier mal was zu seinem Lebenslauf, Gregor Weber meint er hat auch noch eine eigene Produktionsfirma!