Botschafter in kurzen Hosen
Das Image von Kevin Kuranyi war alles andere als gut. Vor knapp zwei Jahren „flüchtete“ er nach Russland. Dort läuft es sportlich prima. Und auch menschlich kann er punkten.
Als Kevin Kuranyi im Frühjahr 2010 ankündigte, Schalke 04 und die Bundesliga Richtung Dynamo Moskau zu verlassen, war das Erstaunen riesig und das Verständnis gering. Russland? Ausgerechnet Russland? Gilt die dortige Liga, die Premjer Liga, doch als bestenfalls zweitklassig und als Durchgangsstation für junge Spieler aus Afrika oder Südamerika, die sich für Verträge in Westeuropa empfehlen wollen. Endlose Auswärtsreisen, von denen manche in Kriegsgebiete führen und Spiele vor Kulissen, wie man sie aus deutschen Drittliga-Stadien kennt. Ein Hooliganproblem, das nur schwer in den Griff zu bekommen ist. Zudem gilt das Sportinteresse der Russen vornehmlich dem Eishockey, das dem Fußball nur ein Schattenplätzchen lässt.

Kevin Kuranyi hat sich als Torjäger von Dynamo Moskau einen Namen gemacht und die Kritiiker widerlegt.
Allerdings ist das nur die eine Seite der Medaille, auf der anderen Seite steht der Aufschwung des russischen Fußballs. Angetrieben von der Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2018 tut sich einiges zwischen Kaliningrad und Wladiwostok. Neben den dringend nötigen neuen Stadien gilt das Augenmerk hierbei vor allem namhaften Spielern, die mit teilweise astronomischen Summen nach Russland gelockt werden, um das Image und die Konkurrenzfähigkeit der Liga zu erhöhen. Für Kicker aus Osteuropa war Russland schon lange ein lukratives Pflaster, da sie in der Regel weniger Berührungsängste vor russischer Kultur und Sprache haben. Längst aber werden die Fühler auch nach bekannteren Größen ausgestreckt. Der dreifache Champions League-Sieger Samuel Eto‘o kam so zu Anschi Machachtschkala, wo er nun pro Jahr 20 Millionen Euro für seine Dienste einstreicht.
Teamkollege des Kameruners ist kein Geringerer als der einstige brasilianische Weltmeister Roberto Carlos, der sich seine alten Tage auch in Russland versilbern lässt. Sollte Kuranyi das Bedürfnis haben, über einstige Bundesligazeiten zu reden, ist der Weg nicht weit. Im Kader von Dynamo Moskau stehen mit Andrey Woronin (einst Leverkusen und Hertha) und Zvejzdan Misimovic (Bochum, Wolfsburg) alte Bekannte, mit denen sich in der Vergangenheit schwelgen lässt. Schlagzeilen machte zudem das inzwischen schon wieder beendete Engagement des einstigen niederländischen Weltstars Ruud Gullit, der für kurze Zeit Trainer von Terek Grosny war. Kein Zweifel, die Premjer Liga mausert sich. Dass mit Zenit St. Petersburg und ZSKA Moskau zwei russische Clubs im Achtelfinale der Champions League stehen, ist mehr als nur Zufall.

Kevin Kuranyi und Bundestrainer Joachim Löw hatten zuletzt ein schwieriges Verhältnis.
Die Finanzierung solcher Deals ist kein Problem, schwerreiche Oligarchen oder Unternehmen decken alle Kosten. Dynamo Moskau hängt am Tropf der größten Bank des Landes, der Wneschtorgbank (WTB). Sechs Millionen Euro lässt sie sich Kuranyis Dienste Jahr für Jahr kosten. Bis zum Eto‘o-Transfer war Kuranyi damit der bestverdienende Akteur der Premjer Liga. Kein Wunder also, dass es in erster Linie wohl das Geld war, das den 29-Jährigen zu einem Wechsel in die russische Hauptstadt motivieren konnte. Den Wechsel aber ausschließlich auf finanzielle Motive zurückzuführen, greift ein wenig zu kurz und unterschlägt den ewigen, meist erfolglosen Kampf Kuranyis mit der deutschen Fußball-Öffentlichkeit um die ihm gebührende Anerkennung. Kuranyi war es einfach leid, immer und immer wieder als Sündenbock abgestempelt zu werden. Selten wurde er für seine zahlreichen Treffer gewürdigt, sondern eher für vergebene Chancen verantwortlich gemacht. Dass er acht Bundesliga-Saisons in Folge zweistellig traf, wissen wohl nur findige Statistiker. Eine Leistung, deren Außergewöhnlichkeit dadurch unterstrichen wird, dass sie sonst nur Gerd Müller und Manfred Burgsmüller gelang, aber keinem Klaus Fischer, keinem Jupp Heynckes, keinem Karl-Heinz Rummenigge oder anderen hervorragenden Stürmern der Bundesliga-Geschichte. Oft hatte Kritik an ihm aber auch wenig mit sportlichen Aspekten zu tun. Immer wieder war sein starkes Lispeln Anlass für Parodien. Gerne und mit spöttischem Unterton wurde auch der Aufwand thematisiert, den Kuranyi unübersehbar in Frisur und Bartpflege steckt.
Das Leben machte er sich selbst schwer
Längst aber ist so etwas kein Thema mehr und abenteuerliche Haarschnitte sowie zahllose Tätowierungen unter Fußballern alltäglich, doch musste Kuranyi ziemlich viel dafür einstecken, dass er großen Wert auf sein Äußeres legt und als Posterboy in Mädchenzimmern taugt. Die gern zitierte Weisheit „Wichtig is‘ auf‘m Platz“ galt für ihn offenbar nicht. Natürlich hat sich Kuranyi, der die deutsche, die panamaische und die brasilianische Staatsbürgerschaft besitzt, das Leben auch selbst schwer gemacht und mit der Flucht aus der Nationalmannschaft viel Kredit verspielt. In der Halbzeitpause eines WM-Qualifikationsspiels verdrückte sich Kuranyi aus Frust über seine kurzfristige Ausbootung eigenmächtig nach Hause. Ein emotionaler Schnellschuss, für den er sich zwar längst entschuldigt hat, aber immer ein Makel in seiner Karriere bleiben wird. Natürlich zog Jogi Löw umgehend die Notbremse und verbannte Kuranyi aus der Nationalmannschaft. Wegen des derzeitigen Überangebots an hervorragenden Stürmern wird der Bundestrainer wohl auch nicht in die Verlegenheit kommen, über eine Begnadigung Kuranyis nachzudenken. Gegner an jenem schicksalhaften 11. Oktober 2008 in Dortmund war übrigens Russland. Eine Ironie der Geschichte, dass Kuranyi ausgerechnet dort wieder aufblüht.

Unter Trainer Felix Magath spielte Kuranyi auf Schalke stark, blieb aber umstritten.
Als fahnenflüchtiger, zu viele Chancen vergebender Schönling abgestempelt, hatte der in Rio de Janeiro geborene Kuranyi also wenig zu verlieren, als das Angebot aus Moskau eintrudelte. Zudem lief der Vertrag auf Schalke aus, den der Verein nur zu reduzierten Bezügen verlängern wollte. Trotz seiner beachtlichen 71 Bundesliga-Tore in fünf Schalker Jahren schien die Chemie nie so richtig zu stimmen. Die im Ruhrgebiet so sehr geschätzte uneitle Malocher-Aura ging Kuranyi ab, so dass er die Massen dort nie für sich gewinnen konnte, wenngleich er auf dem Platz durchaus selbstlos agierte. Trotzdem galt Kuranyi auf den Rängen der Arena stets als einer, für den der Verein viel mehr Arbeitgeber denn Identitätsstifter gewesen ist und war damit gefangen in der Imagefalle. Symptomatisch für das angespannte Verhältnis zwischen Spieler und Fans war die von Hackern im Februar 2009 auf der Schalker Webseite platzierte Falschmeldung, dass sich der Club fristlos von Kuranyi trennen würde. Ausreichend Gründe für einen Tapetenwechsel.
Für einen wie ihn, dessen Vater von Deutschland nach Brasilien auswanderte, dessen Mutter aus Panama, dessen Großvater aus Ungarn stammt und der erst als Teenager nach Deutschland kam, ist so ein Sprung ins Fremde sowieso keine allzu große Herausforderung.
Kuranyi fühlt sich in der Weltstadt Moskau sichtlich wohl
Dass seine Frau Viktorija des Russischen mächtig ist, machte das alles noch ein wenig leichter. Da überrascht es nicht, dass sich Kuranyi ohne Probleme zurechtfinden konnte und auf Anhieb überzeugte, auch wenn es manchmal seltsam wird. Bei Dynamo Moskau, zu Zeiten des Eisernen Vorhangs dem Geheimdienst KGB unterstellt, ist es Tradition, dass die Spieler gelegentlich zur Kalaschnikow greifen, um ein Schusstraining der etwas anderen Art zu absolvieren.
Sportlich läuft es rund, sowohl für Kuranyi persönlich, der im vergangenen September von Russlands größter Sportzeitung „Sport Express“ zum Spieler des Monats gewählt wurde, als auch für Dynamo, das sich als Dritter für die Endrunde der besten acht Teams qualifiziert hat, die die Meisterschaft unter sich ausspielen. Ein einmaliger Modus und Folge der Umstellung des Spieljahres auf den internationalen Fußball-Kalender, wie wir ihn aus der Bundesliga kennen. Bislang spielte man in Russland zwischen Frühjahr und Herbst. Kuranyi fühlt sich wohl in der Weltstadt Moskau und genießt das Gefühl, mit seinem Wechsel die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Er gilt als Liebling der Dynamo-Fans, die es Kuranyi hoch anrechnen, dass er nicht als abkassierender Fußballvagabund auftritt, sich offen auf Russland und dessen Eigenheit einlässt und zügig in die Rolle des Botschafters in kurzen Hosen geschlüpft ist. Nicht zuletzt deshalb bezeichnet ihn Vereinskollege Igor Semschow als wichtigster Spieler der Liga. Wertschätzung, die Kevin Kuranyi in Deutschland stets vermisst hat.
Von Matthias Ehlers
