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27 Das war Hongkong 1

Chinas mächtiger Motor

Vor 15 Jahren begann für Hongkong eine neue Ära – unter chinesischer Aufsicht. Für Großbritannien war die Rückgabe der Kronkolonie am 30. Juni 1997 der Schlussstein, der das Weltmachtstreben des Königreichs endgültig zu einem Denkmal der Geschichte machte. China erhielt die Kontrolle über einen gut geölten wirtschaftlichen Motor, der das Land seit Jahrzehnten vorantreibt.

Es ist, als würde China in Sichtweite von Hongkong ein Spiegelbild der ehemaligen britischen Kronkolonie errichten: Shenzhen, ein Städtchen, das per Dekret zur Wirtschaftsmetropole erklärt wurde, liegt auf dem chinesischen Festland, nur durch zwei Flussläufe von Hongkong entfernt, und gilt als eine der boomendsten Städte des Reichs der Mitte. Seit China seine autoritär-kapitalistische Modernisierung verinnerlicht hat, ist Hongkong nicht mehr die alleinige Perle am Perlfluss, der hier ins Südchinesische Meer mündet.

Hongkongs letzter Gouverneur Chris Patten (rechts) nimmt die eingeholte britische Fahne vor seinem Regierungssitz entgegen.

Das war einmal anders, und schuld daran sind die Briten: Seit 1842 stand Hongkong unter Kontrolle des Empire. Besetzt hatten es die Truppen Queen Victorias wenige Jahre zuvor im Ersten Opiumkrieg. Damit zwangen die Briten den amtierenden chinesischen Kaiser, seine Märkte auch für britische Waren zu öffnen – vor allem für Opium, was die britische Handelsbilanz schlagartig verbesserte, die Kassen der mächtigen East India Company klingeln ließ und Hunderttausende Chinesen in die Opiumabhängigkeit trieb.

Zu jener Zeit war Hongkong nicht mehr als ein spärlich besiedeltes Fleckchen Erde im Perlflussdelta, aber die Briten machten es zu ihrem wichtigsten Umschlagplatz im Ost-West-Handel, dem Tor zu Südchina. Die Stadt wuchs dank ihres Freihandelsstatus so sehr, dass die Kronbeamten mehr Gebiete von China pachten mussten, um zu gewährleisten, dass es genügend Wasser und Lebensmittel für die immer schneller wachsende Bevölkerung gab. 1898 erhielt Großbritannien daher die um Hongkong liegenden Gebiete Kowloon und 235 kleine Inseln für die Dauer von 99 Jahren. 1997 sollten die Gebiete allesamt an China zurückfallen, so der Pachtvertrag – die Pacht, die die Briten entrichteten, belief sich auf den Spottpreis von jährlich 5.000 Hongkong-Dollar. Umgerechnet sind das nach heutigem Kurs knapp 515 Euro. Außerdem stimmte China zu, dass Hongkong am Ende des Vertrages, 1999, seinen Sonderstatus als liberalste Marktwirtschaft der Welt behalten darf.

Der Zweite Weltkrieg aber machte dem wirtschaftlichen Aufstieg erst einmal ein Ende: Die japanische Armee eroberte Hongkong nach mehrwöchigem Kampf und regierte die Stadt mit harter Hand. Zurück blieben zerstörte Wohn- und Geschäftsviertel, hungernde Menschen. Doch erneut hissten die Briten hier den Union Jack und übernahmen die Kontrolle.

Mit dem Sieg der Roten Armee in China und der Machtübernahme der Kommunistischen Partei spülten die politischen Ereignisse im Nachbarland Tausende von Flüchtlingen in die Stadt, kurz darauf brach der Koreakrieg aus. Das darauf folgende Handelsembargo der Weltgemeinschaft gegen China beraubte die Stadt ihrer Wirtschaftsgrundlage – ihr Status als Zwischenhandelsplatz zwischen Asien und dem Rest der Welt war dahin. Aber die Kolonie hatte zwei nicht zu unterschätzende Vorteile: billige Arbeitskräfte und ein liberales Wirtschaftssystem. Auf dieser Basis errichteten die britischen Gouverneure zwischen den 1950er -und 1970er-Jahren eine der effizientesten und produktivsten Marktwirtschaften Asiens. Eines aber wurde immer deutlicher: Das wirtschaftliche Wachstum Hongkongs war endlich, denn es war gekoppelt an seinen begrenzten Raum, eingeklemmt zwischen der Volksrepublik, dem Perlfluss und dem Meer. Schon 1887 hatten die Briten begonnen, Land aufzuschütten. Mit der Öffnung des chinesischen Kommunismus, die Maos Nachfolger Deng Xiaoping eingeleitet hatte, und den neu eingerichteten Sonderwirtschaftszonen in China erhielt Hongkong eine neue Perspektive: platzraubende Produktionsstätten nach China auszulagern. Die Sonderzone Shenzhen in Sichtweite von Hongkongs Skyline wurde zum Vorhof der Boomtown und so zur rasant wachsenden Wirtschaftsmetropole. Heute versorgt die Zwölf-Millionen-Stadt Shenzhen die Acht-Millionen-Stadt Hongkong mit Strom, Nahrungsmitteln und Angestellten, die sich die astronomisch hohen Mieten nicht leisten können – Platz ist knapp in Hongkong, selbst „Kistenwohnungen“, zwei auf zwei Meter groß, kosten etwa 900 Euro monatlich, 40 Euro pro Quadratmeter sind für Mietwohnungen die Regel.

Feierliche Rückgabe der Kronkolonie am 1. Juli 1997: Chinas Staats- und Parteichef Jiang Zemin steht am Rednerpult.

1984 unterzeichneten Großbritannien und China schließlich eine gemeinsame Erklärung, die die Rückgabe der Stadt vorbereiten sollte. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1997 war es so weit: In einem feierlichen Festakt wechselten 1.100 Quadratmeter Land den Besitzer. Die Übergabezeremonie an die neuen Machthaber, den von China bestimmten Regierungschef Tung Chee-hwa und Chinas Präsident Jiang Zemin, wurde live auf dem Pekinger Tiananmen-Platz übertragen. Der letzte britische Gouverneur, Chris Patten, ließ dabei die Flagge einholen, stieg zusammen mit Prinz Charles an Bord der königlichen Jacht und warf einen letzten Blick auf die Kronkolonie, die Schlag Mitternacht zur „Special Administrative Region“ Chinas wurde.

Heute ist Hongkong zum bedeutenden Motor der chinesischen Wirtschaft geworden. Laut Deutscher Hongkong-Gesellschaft stammen fast die Hälfte aller Investitionen in Chinas neuen Großstädten aus Hongkong. 60.000 Firmen beschäftigen in der Region Hongkong zehn Millionen Menschen. Die Stadt ist beliebt bei vielen kleineren Unternehmen, die nach Festlandchina expandieren wollen. Hier finden sie das nötige Know-how in Sachen Handel und chinesischer Gepflogenheiten vor, eine Schnittstelle zwischen West und Ost noch heute. Ein weiteres Plus: Hongkong erhebt keine Steuer auf Kapitaleinkünfte, Dividenden oder Einkünfte aus dem Ausland; ein Eldorado einheimischer Investoren, die die Stadt zum Brennpunkt von Handel und Dienstleistung Asiens geformt haben.

Doch der wirtschaftliche Aufschwung in China, der nicht zuletzt von Hongkong aus gesteuert wird, hat Schattenseiten: Mittlerweile beschweren sich viele Hongkonger, dass reiche Festlandchinesen die Stadt überschwemmen, darunter schwangere Mütter. Denn hier gilt nicht die rigide Ein-Kind-Politik wie in China, in Hongkong geborene Kinder erhalten automatisch das Recht, in der Metropole zu wohnen. Hier darf Kritik an der KP-Führung in Peking geäußert werden, misstrauisch von den chinesischen Behörden beäugt, aber notgedrungen geduldet. Denn noch immer gelten westlich geprägte freiheitliche Grundrechte auf dem Gebiet der Sonderrechtszone – anders als in China. Diese Rechte sind ein zentraler Aspekt Hongkongs, den Tung Chee-hwa bei der Übergabezeremonie 1997 mit „ein Land, zwei Systeme“ umschrieben hat. Laut völkerrechtlich bindendem Vertrag hält China die liberalen, kapitalistischen und freiheitlichen Rechte mindestens bis 2047 aufrecht. Aber klar scheint trotzdem: Hongkong hat statt Land diesmal die Freiheit nur gepachtet.

Falk Enderle

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