Das wundersame Leben des Dr. Shatterhand
Karl May, der Erfinder von Winnetou und Old Shatterhand, war ein Reiseschriftsteller, der erst am Ende seines Lebens auf Reisen ging. Bis dahin hatte er Zehntausende von Seiten über Abenteuer in Wildwest und Fernost verfasst. Am 25. Februar 1842 wurde er geboren.
Er war der Blutsbruder Winnetous, der beste Freund von Hadschi Halef Omar, ein perfekter Schütze mit dem „Henrystutzen“, ein Weltenbummler und Abenteurer, ein Wildwest-Held und Orientkundiger, kurzum: der Superheld des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Sein Name: Dr. Karl May aus Dresden.
Doch halt! Eigentlich hat sich Karl May das alles nur ausgedacht, um nicht zu sagen, Karl May hat sich diesen Karl May ausgedacht. Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen, wenn es um Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und ihren Schöpfer geht.
Der große Autor war zuvor nie in den USA oder in Mexiko
In den USA oder Mexiko war er nie gewesen, als er seine Erzählungen schrieb, höchstens mit dem Finger auf der Landkarte. Trotzdem gehört er zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren des vergangenen Jahrhunderts. Wie er das geschafft hat, ist relativ einfach zu erklären: unbändige Fantasie und clevere Reklame. Dies und unzählige Quellen, die er während seines facettenreichen Lebens ausgewertet hat, machten ihn berühmt. So berühmt, dass er bis heute weltweit in unzählige Sprachen übersetzt wurde und noch heute die Leser begeistert. Leser wie Günter Fell. Den Anfang nimmt die Faszination Karl May oft in der Jugend, so wie bei ihm. „Ich war neun, als ich das erste Mal ein Karl-May-Buch gelesen habe – ‚Winnetou II‘.“ Denn der erste Band war in der Bibliothek ausgeliehen. Heute ist der 67-Jährige Mitglied im Karl-May-Stammtisch Saar und hat das umfangreiche Werk des schreibwütigen Sachsen mehrfach durchgelesen. Und wie ihm ging es vielen Bekannten, die sich eines Abends an der Theke über Karl-May-Romane unterhielten und feststellten, dass sie ein gemeinsames Hobby teilten. Seither trifft sich der saarländische Stammtisch, immerin fast 20 Fans, immer am letzten Donnerstag eines Monats im IPA-Heim in Sulzbach, um über die Werke und Karl May selbst zu sprechen. Besonders in diesem Jahr gibt es viel zu reden: Am 25. Februar feiern Fans aus aller Welt Karl Mays 170. Geburtsjubiläum, am 30. März seinen 100. Todestag mit einer Fülle von Veranstaltungen, so auch im Saarland. Dabei geht es jedoch nicht nur um den Wilden Westen oder Kara Ben Nemsis Abenteuerreisen durch den Orient.
Weniger bekannt als die Reiseromane sind seine Kolportageromane, die er zunächst schrieb, erbauliche Groschenromane für zwischendurch, die immerhin fast 30.000 Seiten umfassen. „Das sind keine Meisterwerke“, gibt Günter Fell zu, sie sicherten aber dem Zeitungsredakteur Karl May ein Auskommen. Fells besondere Aufmerksamkeit gilt dem Alterswerk Mays, das immer weniger von den Abenteuern erzählt. Sein Lieblingsroman ist Mays Spätwerk, darunter „Am Jenseits“. „Hier erzählt er, ein bisschen esoterisch angehaucht, vom Fegefeuer am Tag des Jüngsten Gerichts. Das habe ich fünf Mal gelesen bisher. Ansonsten bin ich weniger der Fan der Wildwest-Romane, eher der Orientromane“, erzählt Fell von seiner Leidenschaft, die in diesem Jahr neuen Aufschwung erlebt. Denn Filmvorführungen und Gesprächsrunden werden das Jubiläumsjahr des Karl-May-Stammtischs bestimmen, was zeigt: Die Popularität des sächsischen Schriftstellers ist wie zu seinen Lebzeiten ungebrochen, auch wenn er keine Hochliteratur geschaffen hat. Dabei war Karl Mays Leben zu Beginn ganz und gar nicht erfolgsverwöhnt: Geboren wurde er als fünftes von 14 Kindern eines armen Webers in Ernstthal, heute im Landkreis Zwickau, von denen neun jung starben. Vitaminmangel führte wahrscheinlich zu einer vorübergehenden Blindheit im Alter von fünf Jahren, die jedoch geheilt werden konnte.
Karl war eines von fünf Geschwistern, die überlebten
Zwar studierte er auf Lehramt, jedoch verhinderten kleinere Diebstähle und seine ständige Hochstapelei als Arzt oder gar Geheimpolizist, dass er eine ehrbare bürgerliche Existenz aufbauen konnte. Erst nach einer Gefängnisstrafe von dreieinhalb Jahren wandelte sich Mays Gesinnung allmählich. Er fand eine Stelle als Zeitschriftenredakteur und begann, Geschichten zu schreiben, die man heute als triviale Groschenromane bezeichnen würde. Sein Durchbruch gelang, nachdem er sich mit dem Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld 1891 anfreundete und sie gemeinsam „Carl Mays Gesammelte Reiseromane“ herausgaben. Auch sein Spätwerk, darunter „Im Reich des Silbernen Löwen“ oder „Ardistan und Dschinnistan“ sind weniger bekannt, zeugen aber nach wie vor von seiner reichhaltigen Fantasie. Obwohl May erst spät Reisen in die USA und in arabische Länder unternahm, erschuf er eine stimmige Welt – „mithilfe von Atlanten oder Lexika“, erzählt Günter Fell, „aber vor allem aus Reiseberichten von Menschen, die tatsächlich dort waren.“ Darunter war beispielsweise das Buch „Wie ich Livingston fand“ von Henry Morton Stanley. Oder die Geschichte von „Emin Pascha“, dem deutschen Afrikaforscher Eduard Schnitzer, dessen abenteuerliches Leben als afrikanischer Gouverneur im Sudan abrupt durch Sklavenhändler beendet wurde.

Die Villa Shatterhand in Radebeul: das Wohnhaus des großen Dichters.
Die Fiktion tat Mays Ruhm keinen Abbruch, seine Bücher wurden Bestseller. Die heutige Rezeption seiner Werke ist jedoch nicht unumstritten. Kritiker werfen May vor, ein Rassist gewesen zu sein. Die Schilderungen von feindlichen Indianern, die nach Fett stinken, ihre Gegner foltern und skalpieren, dienen hierfür als einer von vielen Belegen. Dem hält Günter Fell das Maysche Spätwerk „Et in terra pax“ (Und Friede auf Erden) entgegen. In diesem Werk sollte eigentlich die westliche Überlegenheit während des chinesischen Boxeraufstandes gepriesen werden, May sollte nach dem Willen des Verlegers eine entsprechende Abenteuergeschichte beisteuern.
Der jedoch lieferte bewusst eine zutiefst pazifistische Geschichte ab und weigerte sich, sie nach den Vorgaben des Verlags zu überarbeiten. „Natürlich lebte May in Zeiten des Kolonialismus, in denen sich die Europäer überlegen fühlten. Man denke aber an den Anfang von Winnetou I, eine einzige Anklage an die rücksichtslosen westlichen Einwanderer Nordamerikas, oder die Mahdi-Trilogie, in der May den Sklavenhandel verurteilt“, zählt Fell auf. Hinzu kommt, dass Personen wie der Apatschen-Häuptling Winnetou das genaue Gegenteil des blutrünstigen Teufels zu sein scheinen, als den May manchen Indianer schildert: besonnen, weitblickend, im Einklang mit der Natur lebend.
Damals warf man May schamlose Selbstreklame vor
Deshalb wird May häufig auch als Exotist bezeichnet, als Europäer, der der Faszination fremder Kulturen zu Zeiten des Kolonialismus erlegen ist. Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi waren möglicherweise Mays Versuche, aus der gestrengen wilhelminischen Bürgerlichkeit auszubrechen, ohne den Schreibtisch zu verlassen.
Doch auch andere Aspekte seines Schaffens zogen Kritik nach sich. Schon zu Lebzeiten warfen ihm Journalisten schamlose Selbstreklame vor. Diese gipfelte darin, dass er sich tatsächlich selbst als ebenjenen Dr. Karl May aus Dresden ausgab, der im Westen als Old Shatterhand, im Osten als Kara Ben Nemsi berühmt sei. „Vielleicht ein PR-Gag, würde man heute sagen – er war wirklich ein großer Flunkerer, aber nach seiner Orientreise kurz vor seinem Tod war auch diese Episode vorbei“, erklärt Fell.
Noch lange nicht vorbei ist Mays Erfolg, vor allem in der Freizeit von Günter Fell. „Tatsache ist, ich kann beim Lesen meine Fantasie spazieren gehen lassen“, fasst der in Dudweiler lebende Karl-May-Fan sein Leseerlebnis zusammen. „Zu Weihnachten gab es einen E-Book-Reader, da habe ich mir als erstes all seine Werke draufgeladen.“ Und wenn er liest, dann mit einem Atlas daneben, so wie Karl May vermutlich auch seine Bücher geschrieben hat. „Die Orte, die er beschreibt, gibt es wirklich – auch wenn es dort nicht so aussieht wie in seinen Büchern geschildert.“ So verschwimmen Fiktion und Realität noch heute. Vielleicht ist es das, was die ungebrochene Faszination von Karl May ausmacht. Günter Fell jedenfalls liest weiter.
Von Falk Enderle
