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Der Meister hat es allen gezeigt

Harte Zeiten für die Linkspartei: Die Umfragen sinken, die Piratenpartei  macht ihnen Konkurrenz, die SPD klaut ihnen das Thema „Mindestlohn“. Die Linke muss sich drehen, glaubt Gregor Gysi, Fraktionschef seiner Partei im Bundestag. Es brauche einen neuen linken Zeitgeist. Der liegt für ihn im Internet.

Herr Gysi, was ist ein linkes Lebensgefühl?
Sehr ursprünglich. Das hat was mit Gleichheit zu tun, mit der Vorstellung von einer Chancengleichheit zwischen den Menschen. Es ist okay, dass man Menschen nach ihrer Leistung, ihrer Begabung, ihrer Verantwortung unterscheidet. Es ist nicht okay, dass schon bei der Geburt, tausend Welten zwischen dem einen Säugling und dem anderen liegen, weil der eine aus der Familie A kommt, der andere aus der Familie B. Das ist im Kern ein linkes Lebensgefühl. Das bedeutet aber nicht, dass alle gleich behandelt werden müssen. Es ist okay, dass die etwas begabtere Sängerin etwas mehr bekommt. Aber erst mal brauchen wir eine Chancengleichheit und davon sind wir meilenweit entfernt.

Eigentlich waren Sie doch mal gut dabei. 1989 haben Sie im Osten mit dem Slogan „Unsere Geschichte beginnt nicht 1989“ gepunktet. Später hieß es „Armut per Gesetz“, womit sie auf die Hartz-IV-Gesetze angespielt haben. Wo ist denn Ihr Gefühl für den Zeitgeist verlorengegangen?
Es ist halt nicht so einfach, den Zeitgeist zu erfassen, was daran liegt, dass man zu wenig die Kultur beachtet. Das wiederum liegt daran, dass die Kultur in Deutschland derzeit nicht links genug ist.

Was heißt das?
Es fehlt uns ein linksintellektuelles Feld. Es gibt einfach kaum noch Leute, die linksintellektuell diskutieren. Deshalb mangelt es uns auch ein wenig an Impulsen von außen. Das zweite ist, sie können einen Wahlkampf, der 1989 erfolgreich war, nicht 2011 noch mal führen.

Darum geht es auch nicht. Ich frage nach dem Gespür für linke Aufregerthemen. 1989 im Osten war das Stasi, 2005 war das Hartz IV, 2011, was war da? Ich habe bei Ihnen keines gesehen.
Weil jede Zeit andere Antworten hat. Schauen Sie, wir sind doch nicht die einzige Partei, die immer wieder neue Antworten sucht.

Nennen Sie bitte mal ein Beispiel.
Nehmen wir mal ein unpolitisches Thema. Als Guildo Horn für Deutschland beim Grand Prix auftreten sollte, sprach alle Welt nur vom Meister, selbst die Tagesschau. Das Lied kam an, weil der Schlager in der Krise und das Lied selber eine Persiflage auf den Schlager war. Es hat gepasst, aber nur in diese Zeit. Heute wäre das Lied kein Erfolg mehr.

Und was möchten Sie uns jetzt damit sagen?
Genau in dieser Zeit hat Jürgen Möllemann seinen FDP-18-Prozent-Wahlkampf gemacht. Er ist mit dem Fallschirm gesprungen, solche Sachen, war absolut erfolgreich, hat den Zeitgeist von jungen Selbstständigen getroffen. Westerwelle hat das später kopiert, Sie erinnern sich an die 18-Prozent-Schuhe, hat aber nicht mitbekommen, dass all diese jungen Selbstständigen mittlerweile pleite waren, längst wieder der Schlager von Ralf Siegel gehört wurde und nicht mehr der Meister. Da passte die ganze Form des Westerwelle-Wahlkampfes nicht mehr in die Zeit. Das zu sehen ist die eigentliche Kunst und natürlich nicht leicht.

Okay, und was bedeutet das heute?
Für mich ist die Unterhaltungsbranche ein Seismograph des Zeitgeistes. Ich gebe zu, als ich das der Fraktion zum ersten Mal erzählt habe, haben sie gelacht. Dann haben sie aber verstanden, was ich meinte, und versuchen das jetzt auch zu beachten.

Also hört die Partei jetzt geschlossen Schlager?
Wer es mag. Aber im Ernst. Man darf sich vom Zeitgeist auch nicht inhaltlich, nur in der Form treiben lassen. Die Piraten fordern zum Beispiel die kostenlose Nutzung des Berliner Nahverkehrs. Wir finden das witzig, lehnen das aber ab, weil so der Berliner Haushalt nicht saniert werden kann. Aber wir müssen die Form beachten, müssen begreifen, wie diese Leute eigentlich denken. Wenn wir das geschafft haben, müssen wir versuchen, sie mit unseren Inhalten zu erreichen. Das gelingt nicht von oben herab, durch Agitation oder Belehrung, sondern indem wir verstehen, warum sie das fordern und damit dann umgehen.

Also doch die Piratenpartei?
Es geht mir um den Ansatz. Um die Offenheit für neue Strömungen, für neue Sichtweisen. Wir dürfen uns dem nicht verschließen. Natürlich ist das nicht immer leicht und den alten Genossen bei uns fällt das gelegentlich schwer. Aber wenn wir an die jungen Wähler herankommen wollen, dann ist das der Weg. Ich habe bereits 2009 gesagt, dass uns das Milieu derjenigen, die Piratenpartei wählen, noch beschäftigen wird. Damals hat mir keiner geglaubt.

Und was macht die Linke jetzt konkret aus Ihrer Erkenntnis? 
Dass wir das Lebensgefühl der Generation verstehen müssen, habe ich schon gesagt. Dann müssen wir uns darauf einlassen. Wenn wir das getan haben, müssen wir schauen, inwieweit wir da mitgehen oder nicht. Das müssen wir richtig klären. Dann kann man mit ihnen Gespräche führen und dann hat man einen Zugang. Wenn man einen Zugang hat, gewinnt man erstens einen Teil der Leute. Zweitens kommt man selbst mit denen, die man nicht überzeugen kann, ins Gespräch.

Wollen die das denn? Der Altersunterschied zwischen Ihrer Partei und denen ist ziemlich groß.
Sie übertreiben, unser Altersspektrum ist recht groß. Aber natürlich ist das  nicht immer einfach. Einige Ältere haben auch gemeint, sie hätten keine Beziehung dazu. Ich hatte das lange auch nicht, gebe ich zu. Aber das Internet ist die Sprache der Jugend. Wenn wir uns dort nicht bewegen, kommen wir nicht vor. Manches bleibt mir auch ein Rätsel.

Ich erkläre es Ihnen, wenn ich kann…
Danke, so schlimm ist es nicht. Aber wenn ich mir meine Reden auf YouTube anschaue, frage ich mich manchmal schon, warum diese Rede 80.000 Mal angeklickt wurde und jene nur 3.000 Mal. Nach was geht das, warum ist diese Rede so erfolgreich, die andere nicht? Ich finde das spannend, die Klickzahlen sind ja auch eine Art Qualitätskontrolle. Da müssen wir uns öffnen.

Die Linke soll also der Piratenpartei Konkurrenz machen?
Darum geht es nicht. Es geht um ein Lebensgefühl. Wir können wahrscheinlich nicht so einfach das Lebensgefühl dieser Generation übernehmen, aber ich verstehe schon, dass da etwas Neues heranwächst. Und ich sage Ihnen, eine neue Partei hat nur immer dann eine Chance, wenn sie ein Lebensgefühl vermittelt, das andere nicht zum Ausdruck bringen. Deshalb gebe ich ihnen auch eine Chance.

Interview: Martin Busche

Gregor Gysi (63) ist in der DDR aufgewachsen, hat deshalb zwei Abschlüsse. Zum einen ist er Facharbeiter für Rinderzucht, zum anderen war Gysi einer der wenigen freien Rechtsanwälte in der DDR. In dieser Funktion verteidigte er auch Systemkritiker und Ausreisewillige, darunter bekannte Personen wie Robert Havemann, Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs, Bärbel Bohley und Ulrike Poppe. 1976 erfolgte seine Promotion zum Dr. jur. Er war seit 1967 Mitglied der SED und später auch der PDS. Als er 1989 in den Blickpunkt der Öffentlichkeit trat, arbeitete er an einem Reisegesetz mit. Am 4. November 1989 sprach Gysi vor 500.000 Menschen auf der Massenkundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz und forderte ein neues Wahlrecht für die DDR.

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