Eine Abrechnung
Diese Woche rechnet Kolumnist Rolf Klöckner mit Politikern und vermeintlichen Genuss-Experten ab. Viele deutsche Konsumenten haben sich seiner Meinung nach in „opferbereite Hypochonder“ verwandelt. Sein Fazit: Es gibt weder eine besonders gesunde Ernährung, noch einen Weg zu einem besonders gesunden Leben.
Zum Thema Ernährung und zum Thema Saarland lese ich in letzter Zeit immer groteskere Stellungnahmen. In der Sonntagsbeilage der „Süddeutschen Zeitung“ werde ich belehrt, dass „Sushi wahrscheinlich das schwulste Essen der Welt” sein soll.
Hallo, geht’s noch? Es zeigt mir jeden Tag deutlicher, wohin eine Gesellschaft driftet, die sich ein neues Lieblingsthema gesetzt hat – nämlich Essen und Getränke, und jeder meint, mitreden oder mitschreiben zu können.
Bleiben wir bei den Schwulen. Schwule und Feinschmecker haben eins gemeinsam: Es sind kleine Gruppen in der Gesellschaft, je nachdem, nach welchen Untersuchungen man geht, zwischen sieben und 20 Prozent der Menschen. Alle anderen haben damit nichts zu tun. Also jedenfalls bei den Feinschmeckern. Bei den Schwulen bin ich mir da nicht so sicher, weil viele sogenannte Heterosexuelle sie leider immer noch diskriminieren.
Doch zurück zu den Pseudogenießern. Natürlich ist es heute so, dass sich jeder als „Gourmet“ geben muss, um mitreden zu können. Selbst wenn er, Lichtjahre entfernt, aus „genussfernen Schichten“ stammt. Viele Unternehmer und Politiker sind Menschen, die ich nicht als besonders genussfähig wahrnehme. Klar, Ausnahmen bestätigen die Regel. Doch in diesen Gruppen scheinen die Exemplare vorzuherrschen, die lieber Geld als genussvolle Zubereitungen essen. Ich bin mir sicher, dass da welche den Kühlschrank nachts plündern und sich eine ganze Handvoll Scheine in den Mund schieben.

Seit 1983 gibt es ihn nun schon: Heinz Becker aus Bexbach im Saarland alias Gerd Dudenhöffer. Rechts: Sabine Urig als seine Frau Hilde.
Sie müssen ja auch keine Ahnung von Genuss haben, sie sollen nur bitte schön vorher einmal klar denken, bevor sie sich äußern. Es ist unerträglich, dass die „Meinungsmacher“ in der deutschen Gesellschaft über dieses Thema so viel Unsinn erzählen. Dabei haben sie ihre eigenen Hausaufgaben nicht gemacht. Statt mit sichtbaren Ergebnissen zu überzeugen, heizen sie lieber irreführende Diskussionen an. Vor allem im Saarland.
Wer von der Zugspitze bis zur Waterkant unterwegs is(s)t, der sieht auch, was uns unsere saarländischen Politiker vorenthalten und was in der übrigen Republik in den letzten Jahrzehnten so entstanden ist: prachtvolle Veranstaltungs- und Sporthallen, in denen mehr als 15.000 Zuschauer Platz finden, die schönsten Fußballstadien der Welt, wo das Spiel zelebriert wird und die dem Zuschauer all die Dynamik und den Zauber dieses Sports näherbringen.
Das Saarland? Pustekuchen, seit den 90er-Jahren kommen die großen Fernsehshows nicht mehr ins Saarland und die Top-Acts, wie das neudeutsch heißt, können in den kleinen Hallen hier nicht auftreten oder haben vom Saarland noch nie gehört.
Und das hat was mit den Gestaltern im „schönsten Bundesland Deutschlands“ zu tun. Die Saarlandhalle war mal, Mitte der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts, das größte Fernsehstudio des ZDF. Doch die technische Fortentwicklung wurde verschlafen, die Buchungen blieben aus.
So meldet sich der Ur-Saarländer Heinz Becker am 24. März in „Welt Online“ zu Wort: „Sie (die Saarländer, Anmerkung der Redaktion) haben alles – und machen nichts draus.“ Fehlendes Selbstbewusstsein sieht Dudenhöffer als Hauptmangel seiner Landsleute. Der Mundart-Experte weiter: „In Bayern heißt es stolz ‚Mia san mia‘, Baden-Württemberger protzen mit ‚Wir können alles – außer Hochdeutsch.‘“ Die Saarländer hingegen gäben sich kleinlaut, duckmäuserisch gar, vor allem in der Fremde: „Wo ich herkomme, das kennen Sie gar nicht“, mimt Dudenhöffer, „das liegt da irgendwo bei Frankreich.“ Und zu Hause zähle gesellschaftlich nur, wer von außen gekommen sei. So hat es Manuel Andrack, das Nachtschattengewächs von Harald Schmidt, allein deshalb in der promibefreiten Zone Saar zu regionaler Berühmtheit gebracht, weil er dort hingezogen ist.
Badener sind Badener, Franken sind Franken, Westfalen sind Westfalen, sie alle leben nicht in einem eigenen Bundesland. Muss der Saarländer in einem eigenen politischen Verwaltungsbezirk Saarland leben, um Saarländer sein zu können? Ich glaube ja, die „Entschuldigen-Sie-dass-ich-geboren-bin-Mentalität“ ist in diesem ruralen Landstrich so groß, dass es ein eigenes Bundesland bleiben muss. Der gemeine und auch oft unterwürfige Saarländer will auch schließlich wissen, vor wem er auf die Knie fällt, um seine Ziele zu erreichen. Und das geht bei Annegret aus Püttlingen oder Heiko aus Saarlouis besser als bei Kurt, Wilfried oder Karl aus Mainz, Stuttgart oder Düsseldorf.
Das Saarland ist in den letzten 30 Jahren immer biederer geworden. Die Deutschen lieben ihre Verwaltungen. Am besten zweifach, dreifach, vierfach. Und immer wieder neue Verwaltungsvorschriften. Verwaltungen schaffen sich schließlich selber Arbeit – ob sinnvoll oder nicht, sei mal dahingestellt – um die Steuergelder auszugeben.
Und wenn die Ampelkennzeichnungen der Lebensmittel – ein gigantischer Schwachsinn, der Fälschern von Lebensmitteln auch noch das Etikett „gesund“ geben würde – nicht durchsetzbar ist auf europäischer Ebene, dann finden die Schildkröten in den Verwaltungen etwas anderes.

Die Saarlandhalle ist Zeugnis vergangener, ruhmreicher Zeiten in Saarbrücken. Inzwischen ist sie leider total veraltet.
Die Deutschen sind ein Volk von Denunzianten. Im Gegensatz zu den Franzosen haben die Deutschen das in den Genen. Ich dachte früher, der Blockwart sei eine Erfindung des „Tausendjährigen Reiches“. Damals wohnte ich noch in der Petersbergstraße in Saarbrücken, da machte ich die Bekanntschaft eines Nachbarn, der die gelben Müllbeutel kontrollierte, ob sie korrekt gefüllt sind. Also wird es meiner Ansicht nach den Blockwart in Deutschland immer geben. Jetzt hat eine Behörde den Schnüfflern ein neues Ziel verschafft. Es ist die Hygiene, was wirklich nicht wundert. In einem Land, in dem man glaubt, dass immer das in einer Packung drin ist, was draufsteht, und nicht zur Kenntnis nimmt, dass vieles gar nicht deklariert werden muss, was krank machen könnte, gibt es auch den Wahn, keimfrei zu essen und auch sonst die Annehmlichkeiten des modernen Lebens ohne Viren und Bakterien zu genießen. So haben sich viele deutsche Konsumenten in opferbereite Hypochonder verwandelt. Dies machte sich das Verbraucherschutzministerium zunutze, indem es die grün-gelb-rote Qualitätsampel, die es den Lebensmittelproduzenten ersparte, den Gasthäusern und Restaurants vorschrieb.
Beurteilen soll die mehr oder weniger zufriedenstellende Sauberkeit eines Restaurants der Kunde, dessen persönlicher Eindruck somit über die Bewertung eines Gastronomiebetriebs entscheidet. Gott bewahre uns vor den Saubermännern. Dies ist der Offenbarungseid als Aufsichtsbehörde. Was macht es für einen Sinn, in vielen Talkshows die Lobbyisten der Lebensmittelkonzerne zu Wort kommen zu lassen, um im Streitgespräch den richtigen Weg für eine gesunde Ernährung herauszuarbeiten? Altmeister Wolfram Siebeck merkt auf seinem Blog dazu an: „Wie soll ein Volk, dass sich so eine derartig imbezile Regierung wählt, in den Regalen der Supermärkte nach besseren Produkten suchen wollen?“ Es gibt weder eine besonders gesunde Ernährung, noch einen Weg zu einem besonders gesunden Leben. Das Leben endet immer mit dem Tod.
Was ich vermisse? Dass man nicht mit so viel Gutgläubigkeit an all die Sachen herantritt. Es gibt kein Sicherheitsdenken, welches alles regelt. Das Leben ist gefährlich. Sie können Verträge abschließen, um dann zu der Erkenntnis zu kommen, die der Volksmund so beschreibt: Verträge sind da, um gebrochen zu werden.
Man kann allerdings viele Dinge im Leben entscheiden. Ein Bundesland ist dann attraktiv, wenn es innovative Ideen für Probleme entwickelt. Prof. Robert Leonardy hat dies gerade getan, indem er eine abgespeckte, aber finanzierbare Konzeption für eine Philharmonie entwickelt hat. Das macht attraktiv. Essen und trinken kann so einfach sein, wenn man den Verführern nicht auf den Leim geht und sich um das Wesentliche kümmert. Gut ist dabei, wenn man weiß, wo die Lebensmittel herkommen. Und nicht den Regelungen und Gesetzen glaubt, die ja gut gemeint sein mögen, oft aber nichts bringen.
Wie sagte der brasilianische Nobelpreisträger für Medizin, Drauzio Varella, im Jahre 1995? „In der heutigen Welt wird fünfmal mehr in Medikamente für die männliche Potenz und Silikon für Frauen investiert, als für die Heilung von Alzheimerpatienten. Daraus folgernd haben wir in ein paar Jahren alte Frauen mit großen Titten und alte Männer mit hartem Penis, aber keiner von denen kann sich daran erinnern, wozu das gut ist.“ Das soll fürs Erste genügen.
Rolf Klöckner ist Ehrenmitglied des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Entscheidend für die Ernennung waren seine langjährigen und erfolgreichen Bemühungen, Kindern das Kochen als grundlegende Kulturtechnik zu vermitteln.

Es ist allerhöchste Zeit in Lebensmittel mehr zu investieren und vor allen Dingen, von wo es herstammt, was drin ist und was auf den Packungen steht.
Wobei ich mich schon lange, bei dieser Rechtslage, auf Packungseintragungen überhaupt nicht verlasse! Das Schlimmste, was da drin ist, braucht gar nicht angegeben zu werden…
Und wenn alles angegeben würde, könnte es ohne Lupe eh keiner lesen, denn bei der Schriftgrösse der Zutatenlisten hat die Industrie die Nanowelt bereits voll erschlossen.
das Wichtigste: jeder muss entscheiden, ob ihm der Metzger, Bäcker, Gemüsehändler, Affineur oder Chocolatier wichtiger ist, als der Hausarzt. Denn, die andern sind absolute Vertrauenspersonen, der Hausarzt verdient nur an mir, wenn er feststellt, dass ich nicht gesund bin! Da ist mein Vertrauen sehr begrenzt! Wie bei den Lebensmittelmüllhalden !!! Was immer das für den Einzelnen heißen mag….