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13 Politik methodos 01

Eine Schule fürs Leben

Junge Freiburger haben sich von der Schule abgemeldet und ihr Abitur selber in die Hand genommen. Nun sind sie Schüler und Arbeitgeber zugleich. Das bedeutet: morgens Englisch pauken und nachmittags Rechnungen schreiben. Das freie Abiturprojekt „methodos“ ist ein Schülerparadies mit Schattenseiten.

Mittwoch Morgen, neun Uhr ,in Freiburg. Knappe sechs Wochen sind es noch bis zum schriftlichen Abitur. Alia, Jaska, Eva und Florian haben zwei Stunden Geschichte vor sich. Ihr Lehrer Ulrich Winterhager lehnt lässig auf seinem Drehstuhl, blättert im Geschichtsbuch und fragt nach einigem vertrauten Palavern: „Was wollt ihr heute von mir?“„Untergang von der DDR“, lautet die Antwort.

Diese Schule ist anders. Die Schüler sind nur zu sechst, der Lehrer ist der Uli und allen Ernstes ihr Angestellter.Kündigungsrecht haben beide Seiten, Schüler wie Lehrer. Das ist so bei „methodos“, einem freien Abiturprojekt, in dem Schüler und Lehrer gemeinsam für das Abitur lernen. Ihren Tagesablauf und ihr Lernen organisieren sie selbst. Ganztags, meist von neun bis 17 Uhr, im Freiburger Haus der Jugend.
Wer im Südwesten der Republik keine Lust mehr auf die offizielle Schule hat, dort auch nicht mehr hingehen muss, weil er vielleicht zu alt ist, kann ein sogenanntes Abi für „Schulfremde“ machen, sich also ohne Schule auf die Prüfung vorbereiten. Der Andrang von rund 30 Schülern reicht aus, um das Projekt am Leben zu halten. Gelernt wird in der Kleingruppe. Die Prüfungen nehmen dann Gymnasiallehrer des dortigen Regierungsbezirkes ab.

Mit der Englischlehrerin Maria Maier sind die Schüler und Schülerinnen beim „methodos“-Projekt per Du.

Seit vier Jahren gibt es das Projekt und es hat gezeigt: Erfolgreiches Lernen geht zur Not auch in einem Jugendzentrum, braucht aber den unbedingten Willen aller, das Ziel tatsächlich auch erreichen zu wollen. Der „methodos“-Unterricht ist ein Schülerparadies mit Schatten. Denn Lehrer Winterhager findet, „Untergang von der DDR“ sei keine gute Frage. Er lässt die vier Schüler deshalb ein bisschen raten. Auf zweierlei möchte er hinaus: die Rettung des Genitivs und eine Diskussion. „Kann man sagen, die DDR sei in sich zusammengestürzt?“, fragt er in die Runde. „Keine Ahnung“, antwortet ihm Alia. „Das dürfen normale Schüler sagen“, stichelt Ulrich Winterhager zurück, „ihr nicht.“

Winterhager kennt auch Unterricht an herkömmlichen Schulen. „Methodos ist nicht mit einer konventionellen Schule zu vergleichen“, findet er. „Diese Schüler erarbeiten den Stoff selbst und verwenden mich als Experte für offene Fragen und Zusammenhänge. Sie sind sehr selbstständig und kommen, was den Stoff angeht, immer top vorbereitet.“ Überhaupt müssen „methodos“-Schüler anders gestrickt sein als ihre Altersgenossen. Sich das Wissen im Alleingang anzueignen, erfordert eine hohe Disziplin und Motivation. Um bis zum Abi nichts anbrennen zu lassen, haben die Schüler deshalb weniger Ferien und längere Lerntage verordnet bekommen als ihre Altersgenossen das gewohnt sind. Nur an Weihnachten gab es eine Woche frei. Den Stoff zu lernen ist ein Teil des „methodos“-Konzeptes, fürs Leben lernen der andere. „Selbstverantwortung übernehmen“ heißt deshalb ein Hauptfach. Das gilt auch für die Finanzen. Was vorne nicht reinkommt, fehlt hinten. Schön ist das nicht. Niemand erinnert Alt-Schüler gerne an überfällige Beitragsrückstände, die Lehrer müssen bezahlt oder auch mal vertröstet werden, wenn das Geld nicht reicht.

150 Euro kostet der Raum im Jugendbildungswerk monatlich. Lernen kostet Geld. Pro Schüler 150 Euro monatlich, deutlich zu wenig, um alle Kosten zu decken. 11.000 Euro Miese im Jahr bleiben offen, müssen durch Sponsoren und Spender gedeckt werden. Lehrer werden übrigens pro Stunde bezahlt, bekommen Honorar, Festanstellungen sind finanziell nicht drin. Und auch wenn es hart klingt: Lehrer, die nicht ins Konzept passen, müssen wieder gehen, werden gekündigt, von den Schülern.

Für Teenies herkömmlicher Schulen mag das ein Traum sein, für Alia nicht. „Seinen Lehrer zu kündigen ist nicht so einfach, wie man sich das vorstellt“.
Wer mit „methodos“ sein Abitur „bauen“ will, muss vorher einen richtigen Schülervertrag unterschreiben. Auch der macht Arbeit, ist derzeit nicht „wasserdicht“, hat sich gezeigt, weshalb Eva jetzt zum Anwalt muss, um einen besseren mitzubringen. Soviel Engagement kommt an in der Erwachsenenwelt. „Hinter dem selbstorganisierten Abitur steht ja, dass jemand in jungen Jahren Verantwortung trägt und eine wichtige Entscheidung mit Konsequenz trifft“, sagt Roman Ringwald, Ausbildungsleiter bei der Freiburger Sparkasse, die in den letzten beiden Jahren zu den Sponsoren von „methodos“ gehörte. „Das zeigt Reife, besonderes Engagement, Selbstvertrauen und Mut.“

Martin Jost

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