Fastnacht im Fokus der Wissenschaft
Nicht nur Volkskundler, auch Soziologen, Hirnforscher, Pädagogen und Psychologen interessieren sich für närrische Bräuche. Pünktlich zur Faasenacht erklären sie, warum der Mensch seit Jahrhunderten gerne lacht und ausgelassen feiert. Fest steht: Lachen ist ansteckend und daran ist unser Gehirn schuld.
Humor, Feiern und Verkleiden stehen im Zentrum des karnevalistischen Brauchtums. Ob witzige Büttenreden bei der Sitzung, Musik, Tanz und Singen beim Umzug oder in der Kneipe und die Lust an Maske und Kostüm – närrische Bräuche werfen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Fragen nach Ursprung und Funktion auf.
Beispiel Humor und Gehirn: Der Verstand versuche immer, Ordnung ins Chaos der Welt, ihre Gegensätze und Paradoxien zu bringen, meint der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen. „Um mit unauflöslichen Widersprüchen umzugehen, wurden uns drei Möglichkeiten mitgegeben: der Traum, der Witz und die Psychose. Gesünder sind die ersten beiden.“ Lange hat es gedauert, bis Forscher im Gehirn den Humor gefunden haben. Erst moderne bildgebende Verfahren ermöglichen es, dem gesunden Gehirn beim Lachen zuzuschauen. Und siehe da, auch hier hat das Dopaminsystem seine Dendriten im Spiel. Dieses Lustzentrum im Gehirn setzt emotionale und motivierende Prozesse in Gang, die über die Nervenverbindungen dazu führen, dass im Frontalhirn körpereigene Opiate ausgeschüttet werden. Das macht Spaß!

Dem Alltag entfliehen und den „Hasen aus der Glotze lassen“, dachte sich dieser Jeck.
Hat das Gehirn den Stimulus „Pointe“ entdeckt und entschieden, ob etwas komisch ist oder nicht, wird im limbischen Gefühlszentrum des Mittelhirns das Belohnungssystem aktiv, besonders der Nucleus accumbens, der Mandelkern und das ventrale Tegmentum, die an allen guten Gefühlen beteiligt sind. Dopamin wird freigesetzt und sorgt für die Ausschüttung von Endorphinen, körpereigenen Opiaten. Ein Gefühl von Heiterkeit entsteht. „Diese Region hat etwas mit der Freude über unerwartete Belohnungen zu tun“, sagt Barbara Wild, Neurologin an der Uniklinik Tübingen. „Das trifft exakt die Situation beim Witze-Erzählen: Schließlich enthalten Pointen ja etwas Unerwartetes.“
Und wer in lachende, lustig geschminkte Gesichter schaut, freut sich automatisch mit, selbst wenn er den Witz nicht begreift oder die Sprache nicht beherrscht. Denn Lachen ist ansteckend, auch daran ist das Gehirn schuld. Sieht ein Mensch jemanden, der sich freut, werden die gleichen Gehirnstrukturen aktiv, die bei selbst empfundener Freude feuern. Dafür sorgen die sogenannten Spiegelnerven im Gehirn: Sie sind für Bewegungssteuerung und für Mitgefühl zuständig, lassen uns mitleiden, wenn sich jemand verletzt oder ein Unglück erleidet und machen uns fröhlich, wenn wir in ein lachendes Gesicht schauen.
Ebenso das gemeinsame Singen von Karnevalsliedern, sei es beim Schunkeln am Straßenrand, bei einer Sitzung oder beim Kostümball, „vermittelt ein Gemeinschaftsgefühl, das mit dem eines Orchesters oder einer Sportmannschaft vergleichbar ist“, erklärt der Soziologe Thomas Blank von der Universität Bielefeld. Singen habe viele Wirkungen. Neurobiologische und physiologische Studien zeigten, dass Singen unter anderem zur vermehrten Produktion von Glücks- und zum Abbau von Aggressionshormonen führe. „Das fördert das Wohlbefinden von Menschen, was wiederum offener und empathischer gegenüber anderen macht.“ In einer Studie mit 500 Kindergartenkindern konnte Blank zudem zeigen, dass Singen auch die Gehirnentwicklung fördert. Von den viel singenden Fünfjährigen waren nach den Befunden der Schuleingangsuntersuchung durch das Gesundheitsamt Münster 88 Prozent schulfähig, von denjenigen, die wenig singen, nur 44 Prozent. Blank sieht durch seine Ergebnisse den Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther bestätigt, der das Singen als „Kraftfutter für Kinderhirne“ bezeichnet.
Von wenig Empathie allerdings zeugt die rheinische Tradition übermütiger Frauen, Männern an Weiberfastnacht die Krawatte mit der Schere abzuschneiden. Küchenpsychologen behaupten, dass die Schlipsjägerinnen mit diesem Brauch ihre latenten Kastrationsfantasien ausleben. „Alles Quatsch“, kommentiert der emeritierte Bonner Karnevalsforscher Wolfgang Herborn. Der Schlips sei früher ein Statussymbol gewesen. „Der beherzte Griff an die Kehle des Vorgesetzten sollte beim Betriebskarneval wenigstens für einen Tag die Rangunterschiede zwischen Chef und Angestellten aufheben.“
Auch räumt der Kulturhistoriker mit anderen verbreiteten Klischees auf: „Karneval hat nichts mit den Winteraustreibungs- oder Fruchtbarkeitsriten der Römer oder Germanen zu tun, sondern er hat eindeutig christliche Wurzeln.“ Vor Beginn der christlichen Fastenzeit mussten Fleisch, ursprünglich auch Eier und Milchprodukte, aus den Speisekammern verschwinden.
Der abgeschnittene Schlips löst die Rangunterschiede
Die Hühner mussten geschlachtet werden, um die Eierproduktion möglichst gering zu halten. Auf diesen Zusammenhang verweist auch der Begriff „Fastnacht“, die Nacht vor Beginn der Fastenzeit. „Außerdem liegt der Karnevals-Termin nicht fest, sondern richtet sich schon seit dem Mittelalter nach dem Beginn der vorösterlichen Fastenzeit.“ Die wichtigste Rolle spielte damals der Faschingsdienstag: Familien und Freunde besuchten sich, aßen und tranken zusammen reichlich und waren jedes Mal, wie der Kölner Bürger Hermann Weinsberg im 16. Jahrhundert festhielt, „frolich gewest“.
Zum ersten Mal erwähnt wird beispielsweise der Kölner Karneval 1341. Maskierungen schienen laut Herborn auch damals schon üblich zu sein. Die Obrigkeit sah das aber nicht gerne: Im Februar 1431 erließ der Kölner Rat ein öffentliches „Vermummungsverbot“ – vor allem wohl aus Angst vor Verbrechen. Augenscheinlich ließen sich die Kölner ihren Spaß aber nicht verderben. Das Verbot musste in den Folgejahren immer wieder aufs Neue ausgesprochen werden, selbst nachdem sich Anfang des 17. Jahrhunderts unter dem Einfluss der Gegenreformation die karnevalsfeindliche Stimmung verstärkte. „Vor allem der Brauch, sich als Mönch oder Nonne zu verkleiden, erregte Anstoß“, berichtet Herborn. 1601 erließ der Rat der Stadt Köln dann ein grundsätzliches Verkleidungsverbot, das auch für Privatfeiern galt. „Helfen tat es nicht, obwohl die Stadt Denunzianten nicht nur Diskretion zusicherte, sondern sogar eine Belohnung versprach.“

Im Gehirn wird die Freude anderer gespiegelt, deshalb ist Lachen ansteckend.
Für komplexe Gesellschaften, wie die der Frühen Neuzeit, stellte Karneval dann eine von verschiedenen Auszeiten dar, erklärt Hasso Spode, Soziologe an der Freien Universität Berlin. Zu diesen kleinen und großen, individuellen und kollektiven Auszeiten gehörten zum Beispiel die Jagd, die Pilgerfahrt, der Besuch von Tavernen, Freudenhäusern, Gaukler- und Theatervorstellungen sowie zahlreiche Spiele, vom Ritterturnier bis hin zu Schach. Die Funktion des frühneuzeitlichen Karnevals war es, die Hierarchie auf den Kopf zu stellen. „Der Bettler wurde zum Bischof geweiht, der Hure eine Krone aufgesetzt“, sagt Spode. „Die groben Scherze und gewalttätigen Ausschreitungen folgten dabei einer eigenen, strengen Logik und fungierten als ‚Sicherheitsventil‘ der Ständegesellschaft.“ Eine zentrale Rolle in der vormodernen Welt spielten die Trinkexzesse, wie das in den Kirchen ausgeschenkte „Pfingstbier“, bei denen bis zur Bewusstlosigkeit zugeprostet werden musste. „Sie stärkten sowohl den sozialen Zusammenhalt als auch die Erkenntnisfähigkeit, da der Rausch die Pforte zur übersinnlichen Realität aufstieß“, erläutert Spode. Selbst für heutige Karnevalisten bedeutet der Fasching eine wichtige Auszeit, meint Wolfgang Oelsner, Pädagoge und Jugendpsychotherapeut aus Köln. „Die Modernität des Karnevals liegt über Mummenschanz und Larvenspiel hinaus in seinem realistischen Spielcharakter.“ Im Kostüm kann man sich in einer neuen Rolle ausprobieren, mit einer anderen Identität spielen, was ansonsten nur Schauspielern oder Kindern vorbehalten ist, nicht aber normalen, etablierten Erwachsenen. Die Verkleidung kann das Gegenteil zum normalen Leben darstellen oder eine Überhöhung der Realität: mit einer Feder am Hut als Prinz für einen Abend, Rugbyspieler mit Riesenmuskeln oder neckische Miezekatze. „Karneval ist die vollendete, wenn auch zeitlich begrenzte Form des Second Life, einer künstlichen Parallelwelt, in welcher der Mensch zum Chamäleon wird, das seiner Kindheit und seinen Träumen nachhängt.“ Masken seien Erholung von der eigenen Person, zitiert Oelsner den Entertainer Hape Kerkeling. Hinter ihnen kann man mal etwas riskieren, was man sich sonst nicht traut.
Ebenfalls dem Ursprung der karnevalistischen Schlachtrufe „Alaaf“ oder „Helau“ sind Forscher auf den Grund gegangen. „Zum ersten Mal tauchte ‚al-aff‘ (‚alles ab‘) im 15. Jahrhundert als Trinkspruch auf Bierkrügen auf“, erläutert Walter Hoffmann, emeritierter Landeskundler der Universität Bonn. Im 18. Jahrhundert erscheint „al-aff“ in Zusammenhang mit einem Lotterie-Gewinn.
Nach wiederholten Änderungen von Schreibweise und Betonung lässt die Narrenschar heute mit „Alaaf“ vor allem hochleben: Nichts geht über die Heimat, die Karnevalsprinzessin, den Büttenredner. Der in vielen Gegenden übliche närrische Jubelruf „Helau“ etablierte sich als Karnevalsruf in Düsseldorf vermutlich in den 1830er-Jahren, in Mainz 100 Jahre später.
„Alaaf“ war ursprünglich ein Trinkspruch
Manche Forscher führen „Helau“ auf den kirchlichen Jubelruf „Halleluja“, andere auf das englische „hello“ zurück. Die Erklärung, das Wort stamme von „hellblau“ oder „halbblau“ – im Gegensatz zu dem Zustand „völlig blau“ –, dürfte ins Reich der Kalauer gehören. Ebenso wenig ist der Ursprung des Wortes „Karneval“ eindeutig geklärt. Belegt ist es bereits seit dem 17. Jahrhundert. „Der Karneval könnte von dem italienischen Wort ‚carne vale‘ abstammen, was in etwa ‚Fleisch, lebe wohl‘ heißt und an die bevorstehende Fastenzeit erinnert“, sagt der Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Wahrscheinlicher sei jedoch, dass das Wort noch ältere Wurzeln hat. „Es könnte auf den lateinischen Begriff ‚carrus navalis‘ zurückgehen, ein Schiffskarren, der bei feierlichen Umzügen mitgeführt wurde“, vermutet Hirschfelder. Im gesamten Römischen Reich, auch den germanischen Provinzen, spielte dieser kultische Schiffskarren eine zentrale Rolle bei Umzügen. Er war ein kunstvoll gezimmertes Schiff, das auf einem Wagen gezogen wurde und in grellbunten Farben bemalt war. Darin standen Figuren der Göttin Isis, die ägyptische Göttin der Fruchtbarkeit und des Todes, und der Göttin Nerthus, eine germanische Schutzgöttin – also fast wie die heutigen Prunkwagen im Karnevalszug.
Ob „Helau“, „Alleh Hopp“ oder „Alaaf“, Fasching oder Faasenacht, Clown oder Hexe – es gibt viele gute Gründe, Karneval zu feiern.
Von Margit Mertens
