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08 Leute Gras-Jupp 1

Foto-Otto ist immer dabei

„Gras-Jupp“ hat mit seinen Fotos ein halbes Jahrhundert Geschichte des 1. FC Saarbrücken dokumentiert. „Foto-Otto“ Josef Gras gehört zum Inventar des FCS. Und der weiß viel zu erzählen. Etwa, dass es nach dem legendären Spiel der Malstatter gegen Bayern war, als Beckenbauer sich von Neuberger nach New York verabschiedet hat.

Boppard am Rhein ist nicht gerade eine Fußballhochburg. Dennoch hat jemand, der dort aufgewachsen ist, eine große Liebe zum Fußballsport entwickelt. Und fast zu seinem Lebensinhalt gemacht. Josef Gras, vielen Saarländern besser als „Gras-Jupp“ bekannt, begleitet seit 45 Jahren seinen Lieblingsverein 1. FC Saarbrücken zu allen Spielen. Dessen Ergebnisse und seine Erlebnisse dokumentiert Gras mit beeindruckenden Fotos und Statistiken.

FCS-Bank 1977: Harry Ellbracht, Dieter Ferner, Spielausschussvorsitzender Heinz Schmidt, Trainer Hans Tilkowski und Reporter Sammy Drechsel (von links).

Nach seiner Jugendzeit, in der er nur kurz mal als Torwart selbst aktiver Fußballer war, siedelte Jupp Gras aus beruflichen Gründen nach Düsseldorf um und entdeckte dort bei der Fortuna das aufregende Leben eines Fans. Als ihn sein Job 1967 nach Saarbrücken führte, wandte sich der damals 25-Jährige dem FCS zu und wurde einer seiner treuesten Anhänger. Seither hat er fast alle Spiele seines Clubs gesehen, daheim wie auswärts. Immer dabei war seine Kamera, sodass er heute ein riesiges Sortiment an Fotos besitzt, das die vielen Höhen und Tiefen der Malstatter nachzeichnet.

„De Gras-Jupp“ ist durch seine rege Foto-Tätigkeit schnell bei Spielern, Trainern und Offiziellen aufgefallen und irgendwann gehört er irgendwie einfach dazu. Nicht nur bei den Spielen des FCS war Jupp dabei, sondern auch bei vielen gesellschaftlichen und privaten Club-Veranstaltungen – hat fotografiert, was Kamera und Objekte seiner Leidenschaft hergaben.

Über 30 Trainer hat er seit den 70er-Jahren miterlebt, zahlreiche Vorstände und Sponsoren und natürlich unzählige Spieler. „Mit allen hatte ich ein gutes Einvernehmen, das Fotografieren hat mir die Türen geöffnet“, betont Gras, der auf seiner Trainer-Prioritätenliste Uwe Klimaschefski weit vorne platziert: „Er war meiner Meinung nach der erfolgreichste Coach.“ Zu ihm wie zu etlichen anderen früheren Akteuren hat Gras noch heute Kontakt.

Abseits vom Sportplatz zückte Gras auch bei einigen Spieler- und Funktionärs-Hochzeiten die Kamera. So hat er etwa die familiären Hochzeitsmomente von Bernd Förster und Werner Lorant wunschgemäß im Bild festgehalten und kann von solchen privaten Fototerminen manche Anekdote erzählen. Aber der „FCS-Hoffotograf“ weiß genau, wo er zu schweigen hat. Denn er hat doch einiges mitbekommen, was besser unter dem Siegel der Verschwiegenheit aufbewahrt werden sollte. „Jupp, du erzählschd besser nix“, hieß es dann mal wieder. Gern erinnert sich Gras noch an den 50. Geburtstag von Klaus Meiser, dem die heutige Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer ein Ständchen sang und die bei ihrem 50. in diesem Jahr auf eine „Revanche“ des Parteifreundes wartet. Die damalige Ministerin nahm Gras sogar einmal von der Gründungsfeier der Rudi-Kappés-Stiftung in ihrem Auto mit zurück nach Saarbrücken, damit er ihr unterwegs ausführlich vom legendären 6:1-Sieg der Blau-Schwarzen gegen den FC Bayern erzählen konnte.

Lieblingsthema: das Bayern-Spiel 1977

Überhaupt: Das 6:1 aus dem Jahr 1977 ist eines von Gras-Jupps Lieblingsthemen. Da gerät er heute noch ins Schwärmen und zeigt Dutzende von Fotos des damaligen Höhepunkts, der für Spieler beider Mannschaften nachts im legendären Club 1900 endete. „An diesem Abend hat sich Franz Beckenbauer von DFB-Präsident Hermann Neuberger verabschiedet, um zu Cosmos New York zu wechseln“, weiß Gras noch wie heute.

Wenn Gras etwas in Sachen FCS macht, dann genau. Auf seine Statistiken griff auch der Nürnberger Club zurück.

Seine ganze Foto-Tätigkeit mitsamt der oft aufwendigen Reisen hat sich Jupp Gras selbst finanziert, ist oft im Zug zu den Spielen gereist, manchmal auch im Bus der FCS-Fans, die er unterwegs mit Späßen des Komikers Otto Waalkes unterhielt. „Die haben mich dann im Stadion mit ‚Foto-Otto‘-Sprechchören begrüßt, wenn ich am Spielfeldrand fotografierte.“ Einmal durfte er sogar im Mannschaftsbus mitreisen, aber ansonsten war er stets privat auf Tour. „Dafür ist jahrzehntelang mein gesamter Urlaub draufgegangen“, gesteht Gras, der nach wie vor Junggeselle ist, aber eine Lebensgefährtin hat, die sein Hobby toleriert.

Seit 2005 ist Gras Rentner und hat nun noch mehr Zeit für seine Hobbys. Neben dem Fotografieren ist dies ganz besonders auch das Erstellen von Statistiken. Damit hat Gras lange Jahre berufliche Erfahrungen gesammelt. Und was lag da näher als seine akribischen Aufzeichnungen auch auf den Fußball zu übertragen? Seit der Saison 1974/75 hat er alle Spielzeiten sorgfältig in einer ausgeklügelten Übersicht dokumentiert. Da fehlt kein Detail.

Jupp Gras hat alles festgehalten: Sechs Mal musste Torwart-Ikone Sepp Maier 1977 im Ludwigspark hinter sich greifen. Weder er noch Franz Beckenbauer konnten verhindern, dass allein Roland Stegmayer viermal traf.

Endstände, Halbzeitstände, Tore vor und nach der Pause, Torschützen, Ein- und Auswechslungen: Jupps am Zeichenbrett erstellte Statistiken bleiben keine Auskunft schuldig. Zudem wird der jeweilige Tabellenstand nach jeder Partie in einer „Fieberkurve“ auf den aktuellsten Stand gebracht, neuerdings sogar in Farbe. Solche Statistiken haben sogar einst Hennes Weisweiler so begeistert, dass Gras auch eine für den Trainer-Altmeister angefertigt hat. Als Gegenleistung erhielt er einen von den Gladbachern unterschriebenen Ball, den er dann für die „Hilf mit“-Aktion spendete. Auch andere Clubs, wie der FC Nürnberg und Bayern Hof, haben bereits auf Jupps detailgenaue Aufzeichnungen zurückgegriffen. Als Egon-Schmitt-Fan fertigte Gras natürlich auch seinem Idol eine Statistik an: Auf einer großen runden Holzplatte mit Egons Portrait sind alle 79 Einsätze des ehemaligen FCS-Liberos in der Amateur-Nationalmannschaft aufgelistet.

Noch heute hält Gras Kontakt zu vielen alten Sportkameraden und ist bei den derzeitigen Malstattern und Journalisten ein viel gefragter Informant, wenn es um Daten aus der Vereinsgeschichte geht. Manchen Ehemaligen des FCS gratuliert Gras seit ein paar Jahren mit einer Zeitungsanzeige zu runden Geburtstagen. „Die haben mir früher geholfen, und mit diesen Anzeigen gebe ich ihnen jetzt etwas zurück“, kommentiert der Hobbyfotograf diesen schönen Brauch.

Gras sorgt sich um „seine Lieben“

Er sorgt sich eben um „seine Lieben“: So war es für ihn selbstverständlich, dass er dem kürzlich schwer erkrankten Ex-FCS-Trainer Manfred „Manni“ Kraft umgehend telefonisch seine Genesungswünsche übermittelte. Trotz seiner vielen Fototouren hat Jupp Gras immer darauf Wert gelegt, kein Pressefotograf zu sein. „Ich habe immer nur privat fotografiert.“ Erst seit seiner Pensionierung ist er doch eine Art Fotojournalist geworden. „Das habe ich aber nicht richtig gelernt und ich besitze bis heute auch kein eigenes Fotolabor.“ Gelegentlich arbeitet Gras auch als Reporter und Informationslieferant für die saarländische Ausgabe der „Bild-Zeitung“.

Zu sehen sind Jupps Fotos also vor allem im privaten Bereich oder bei Vereinsveröffentlichungen, wie dem Buch zur 100-Jahr-Feier des 1. FC Saarbrücken. Etwa zwei Dutzend seiner Schnappschüsse sind dort abgedruckt worden. Und er selbst ist als FCS-Haus-Fotograf natürlich auch zu sehen. Anlässlich dieses Jubiläums ließ Jupp Gras sogar für die Redaktion der „Saarbrücker Zeitung“ eine blau-schwarze Marzipantorte mit dem Abbild des Ludwigsparks anfertigen.

Jupp Gras, der in diesem Jahr stolze 70 Jahre alt wird, ist ein wandelndes Lexikon in Sachen 1. FC Saarbrücken. Und wenn er in seinem Element ist, in Fotokisten und Erinnerungen kramt, wird schnell ein intensives Stück FCS-Geschichte lebendig. Da wird so mancher Erfolg wieder greifbar und manche längst vergessen geglaubte Geschichte noch mal zutage gefördert.

Von Peter Schmidt

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