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08 Sport Handball 1

Graues Mittelmaß

Zum ersten Mal finden die Olympischen Spiele ohne die deutschen Handballer statt. Doch das „Aus“ bei der Europa­meister­schaft kam nicht sonderlich überraschend. Die Nationalmannschaft
ist nicht mehr als Durchschnitt, müssen auch Experten einräumen.

Oliver Roggisch war ehrlich in diesem Moment des sportlichen Grauens. Der 33-jährige Abwehrchef der deutschen Handball-Nationalmannschaft sagte, was er dachte – und das war sehr nahe an der Wahrheit: „Wir haben die zwei Spiele gegen Dänemark und Polen nicht gut gespielt. Und dann hast du es nicht verdient, ins Halbfinale einzuziehen.“ Doch noch viel schlimmer als das Verpassen der EM-Vorschlussrunde in Serbien wog die Tatsache, dass das deutsche Team darüber hinaus seine letzte Chance auf ein Olympia-Qualifikationsturnier vergab. Die Olympischen Sommerspiele 2012 in London finden also ohne das Mutterland des Handballs statt – zum ersten Mal. Was sich vor einem Jahr mit dem katastrophalen elften Platz bei der WM in Schweden bereits angedeutet hatte, ist nun Gewissheit. „Es ist schwer, Worte zu finden“, sagte Holger Glandorf. Da konnte der siebte Platz in der Endabrechnung der EM – und damit eine Verbesserung gegenüber den vergangenen Turnieren –nicht trösten.

Dementsprechend fiel auch das Fazit von Horst Bredemeier, dem Vizepräsidenten des Deutschen Handballbundes (DHB), aus: „Mit dem reinen Ergebnis der EM bin ich zufrieden. Immerhin haben wir Mannschaften wie Polen, Weltmeister Frankreich und Rekordeuropameister Schweden hinter uns gelassen. Insgesamt hat die Mannschaft einen Schritt nach vorne gemacht, auch wenn sie die zwei Chancen auf das Erreichen des Halbfinales nicht zu nutzen vermochte. Enttäuschend allerdings ist das Verpassen der Olympia-Qualifikation.“

Tatsächlich muss man diese EM differenzierter bewerten als nach dem reinen Ergebnis, sprich dem Verpassen des Qualifikationsturniers. Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist die deutsche Mannschaft nicht mal ansatzweise mit jenem Weltmeisterteam zu vergleichen, das im Jahr 2007 mit Routiniers wie Christian Schwarzer und Markus Baur im eigenen Land triumphierte. Es fehlt ihr schlicht an der nötigen Qualität. Zum anderen, und das ist ein seit Jahren in der Diskussion befindlicher Punkt, fehlt es ihr an der Quantität. Nicht umsonst sagte Bundestrainer Martin Heuberger: „Wir müssen noch mehr deutsche Spieler für die Nationalmannschaft ausbilden. Wir brauchen einfach einen noch größeren Auswahl-Pool.“ Heuberger formulierte aber bewusst keinen Vorwurf an die Bundesliga-Clubs. Er achtet in dieser Hinsicht darauf, sich von seinem Vorgänger Heiner Brand zu unterscheiden, der sich im ständigen Abnutzungskampf um mehr Spielzeiten für deutsche Akteure selbst zermürbte.

Doch es sagt schon viel aus, wenn Deutschlands Kreisläufer Christoph Theuerkauf zur neuen Spielzeit vom TBV Lemgo zu einem potenziellen Abstiegskandidaten wie der HBW Balingen-Weilstetten wechselt.

In den Bundesliga-Clubs spielen zu viele Ausländer

Bob Hanning, Manager der Füchse Berlin und unter Brand Co-Trainer des DHB-Teams, sagte gegenüber Sport1: „2005 habe ich gesagt: Wer wird eigentlich Nachfolger von Christian Schwarzer? 2007 ist er dann zurückgetreten. Und jetzt muss Deutschlands Kreisläufer Nummer eins, Christoph Theuerkauf, zu einem Verein wie Balingen wechseln, der um den Klassenerhalt kämpft. Nichts gegen Balingen, nichts gegen Theuerkauf. Aber das zeigt unser Problem.“

Schlechte Stimmung herrschte nach dem Ausscheiden bei den Spielern des deutschen Teams.

Es ist ein Problem, das seit Jahren bekannt ist und sich dennoch nicht ändert. Weil die deutsche Liga vermutlich die stärkste Liga der Welt ist, spielen hier eben auch die besten Spieler der Welt. Das ist gut für die Zuschauer, gut für den Wettbewerb und gut für die Teams. Nur für den deutschen Nachwuchs nicht. Denn trotz der Erfolge im Nachwuchsbereich – Deutschland wurde unter Heubergers Leitung 2009 und 2011 Weltmeister – schaffen viele Talente den Sprung nicht nach ganz oben. Oftmals sitzen sie auf der Bank. Hanning sagt dazu: „Wenn wir der Sportart helfen wollen, müssen wir den Anschlusskader der Nationalmannschaft verbessern.“ Ein guter Ansatz. Nur: Wie soll das gelingen? Denn die Frage ist ja nicht neu. Im Gegenteil: Sie wird seit Jahren diskutiert. Denn Hanning weiß aus aus seiner eigenen Erfahrung heraus um die Problematik, er sagt: „Der Erfolgsdruck der Vereine ist immens, das muss man den Managern zugutehalten.“

Doch den Erfolgsdruck hat auch die Nationalmannschaft, neben dem Verpassen der Olympischen Spiele muss das Team nun auch mühsame Qualifikationsspiele gegen Bosnien-Herzegowina absolvieren, um sich die Teilnahme an der WM 2013 in Spanien zu sichern. Beim Erreichen des Halbfinales hätten Roggisch und Co. das quasi in einem Aufwasch erledigt. Angesichts der Ausgangssituation muss das Turnier aber dennoch als Schritt in die richtige Richtung gewertet werden. Wer hatte der Mannschaft denn vor der EM das Halbfinale zugetraut? Nur die größten Optimisten. Zumal der verheerende Auftakt mit der Niederlage gegen Tschechien Anlass zur tiefen Sorge gab. Doch genau in jener schwierigen Situation wuchs die DHB-Auswahl zusammen und erkämpfte sich den hauchdünnen Sieg gegen Mazedonien, der Selbstvertrauen vermittelte und so in einem weiteren Erfolg gegen Schweden mündete.

Gerade jener Sieg gegen Mazedonien war der Wendepunkt. Hätte die deutsche Mannschaft hier verloren, das Turnier wäre das nächste Desaster gewesen. So kämpfte sich das Team ohne die große Masse an überragenden Einzelspielern von Spiel zu Spiel in die EM und punktete dank des famosen Torhüters Silvio Heinevetter gegen Gastgeber Serbien. Und plötzlich war sie da, die Chance aufs Halbfinale und auf das vorolympische Qualifikationsturnier. Damit wuchsen auch die Erwartungen. Erwartungen, die zu groß waren und verfrüht kamen – wie die beiden Niederlagen gegen Dänemark und Polen zeigten. Die deutsche Mannschaft ist noch nicht so weit, aber es fehlt weniger zur Weltspitze, als Anfang des Jahres noch angenommen wurde. Die „Süddeutsche Zeitung“ analysierte: „Die EM ist für die deutschen Handballer besser verlaufen als erwartet.“ Und weiter: „Die Deutschen sind mit ihrer mittelmäßigen Mannschaft in guter Gesellschaft.“

Man mag sich gar nicht vorstellen, was möglich gewesen wäre, wenn Kapitän Pascal Hens nur annähernd Normalform erreicht hätte in Serbien. Aber der 31-Jährige Rückraumspieler vom HSV Hamburg entwickelte sich zur tragischen Figur, saß teilweise ganze Partien auf der Bank oder leistete sich grausame technische Fehler. Ein Hens in Normalform als verlässlicher Rückraumschütze hätte Heubergers Equipe gerade in engen Spielsituationen sehr gut zu Gesicht gestanden. Heuberger vermied jedes Wort der Kritik an Hens, gab ihm viele Chancen, die Hens aber nicht nutzte. Es war das Warten auf eine Leistungsexplosion, die den entscheidenden Schub hätte bedeuten können. Vergeblich. Nach dem Turnier trat Hens schließlich zurück, er wolle kürzertreten mit Blick auf seine weitere Karriere im Club.

Naturgemäß entstand in den Tagen nach dem Aus eine Trainerdiskussion: Ist Heuberger der richtige Mann? Kann er den Umbruch gestalten? Allerdings wird erstens der ganz große Umbruch mangels Alternativen ausbleiben und zweitens sagte Bredemeier: „Stand heute gehe ich davon aus, dass er seinen Vertrag bis 2014 erfüllen wird.

„Der Trainer war nicht das Problem bei diesem Turnier“

Der Trainer war nicht das Problem bei diesem Turnier.“ Und zum Thema Umbruch fügte er an: „Dazu haben wir gar nicht die Leute. Wir müssen mit dem leben, was wir aus der Bundesliga bekommen.“ Heuberger selbst sagte direkt nach dem Ausscheiden, angesprochen auf einen möglichen Rücktritt: „Aufgeben kann man ein Päckchen auf der Post. Ich werde nicht aufgeben, solange man mich weiterarbeiten lässt.“ Und das macht der DHB wohl.

Zumal jetzt die Stärken von Heuberger zum Tragen kommen. Denn die wenigen Talente, die nachrücken, kann er formen, sie behutsam einbauen. Er hat ja eindrucksvoll bei den Junioren bewiesen, dass er das kann.
Auch seine Mannschaftsführung fand viel Zuspruch in Serbien. Heuberger bindet die Spieler ein, fragt sie um Rat. Nach dem Turnier sagte er: „Entscheidend ist für mich, wie die Mannschaft hier miteinander umgegangen ist und wie wir zusammengefunden haben als Team. Das baut mich auf und zeigt mir, dass der Weg in die richtige Richtung geht.“ Und ganz kämpferisch sagte er: „Es wird weitergehen mit dem Handball in Deutschland.“

Von Matthias Hendorf

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