Höhepunkt der Hochzeit
Obwohl die Hochzeitsnacht rechtlich und kulturell an Bedeutung verloren hat, ist sie emotional immer noch für viele Brautpaare sehr wichtig. Sie soll „perfekt“ sein: romantisch, leidenschaftlich, prickelnd. Eben die Nacht der Nächte, die unvergesslich bleibt. Doch Vorsicht: Gerade dieser Anspruch kann zum Debakel führen.
Totgetanzte Beine, Blasen an den Füßen, Kopfweh von zu viel Rotwein und ein quietschendes Gästebett. Oder: verstreute Rosenblüten in der Suite, sanfte Gitarrenmusik und der Whirlpool blubbert zur Einstimmung. Welche Variante würden Sie bevorzugen? Überlegen Sie gut, denn es liegt an Ihnen, wie Sie Ihre Hochzeitsnacht verbringen.
Diese Wahl haben Pärchen noch gar nicht lange. Als es noch normal war, jungfräulich vor den Altar zu treten, war die Brautnacht mit vielen Ritualen und Bräuchen verbunden. Sie war der Höhepunkt der Hochzeit, da die Eheleute zum ersten Mal miteinander intim wurden; nicht nur intim werden durften, sondern auch intim werden mussten. Dies war keine Privatangelegenheit, sondern ein Ereignis der gesamten Hochzeits- oder Dorfgesellschaft, um das sich bizarre Geschichten ranken: Von Gästen, die vor der Schlafzimmertür warteten. Vom Jubel über das blutfleckige Leintuch, das der Bräutigam triumphierend vorzeigte. Und von Zeugen, die gar im Schlafgemach anwesend waren, um sicher zu gehen, dass der Akt tatsächlich stattfand. Denn in vielen Kulturen musste der Geschlechtsverkehr „vollzogen werden“, damit die Ehe gültig war. So auch im germanischen Recht. Hier besiegelte nicht die Trauung die rechtmäßige Eheschließung, sondern erst der Beischlaf. Deshalb all die Geschichten um die Hochzeitsnacht. Von Frauen, die fliehen wollten, von Männern, die ihre Macht demonstrieren sollten. Nur von Romantik und Zärtlichkeit, da hörte man nichts.
Früher war der Akt zur Gültigkeit einer Ehe nötig
Das hat sich im letzten Jahrhundert in Deutschland grundlegend geändert. Heutige Brautpaare kennen sich meist schon lange, konnten sich bereits intim kennenlernen und haben sich gegenseitig ausgesucht. So hat die Brautnacht kulturell an Bedeutung verloren, trotzdem ist sie immer noch ein wichtiger Bestandteil jeder Hochzeit. Große Erwartungen sind mit ihr verbunden, immerhin geht es um den ersten Sex als verheiratetes Ehepaar. Deshalb richten sich hohe Ansprüche an ihn. Er soll romantisch sein, wild, leidenschaftlich, verführerisch und natürlich absolut unvergesslich. Es geht um den besonderen Reiz, um die Atmosphäre, den Zauber. Doch all diese Wünsche stellen sich nicht von alleine ein. Es kann und muss nachgeholfen werden.

Den ganzen Tag gefeiert und jetzt soll es die romantischste und heißeste Nacht werden?!
Wer drei Grundregeln beherzigt, kommt dem Traum von einer unvergesslich schönen Hochzeitsnacht näher. Erstens: auswärts übernachten. Nicht im eigenen Bett, in das vor langer Zeit schon der Alltag eingekehrt ist. Lieber in ungewohnter Umgebung, in prickelnder Atmosphäre, wo noch alles neu und frisch und aufregend ist. Am besten eignen sich Hotels mit Hochzeitssuiten, die mit einem Himmelbett, verstreuten Blüten, Kerzenschein, Sekt und einem Whirlpool für die nötige Stimmung sorgen. Doch selbst wer keine teure Suite bezahlen möchte und Rosenblätter als Firlefanz ansieht, ist mit einem Hotelzimmer gut beraten. Denn sonst besteht die Gefahr, Opfer des Schabernacks der Hochzeitsgesellschaft zu werden. Viele Trauzeugen finden es nämlich lustig, die gesamte Einrichtung in Alufolie zu verpacken, Harzer Käse in jeder Schublade zu hinterlassen, zehn Wecker mit unterschiedlichen Klingelzeiten zu verstecken oder Knallerbsen unter die Matratze zu legen. Wem das nicht passt, der nächtigt lieber auswärts. Denn ein Hotelzimmer bietet nur eingeschränkte Möglichkeiten für Streiche. Und wer den kreativen Ideen ganz entgehen möchte, verrät erst gar nicht, wo er übernachtet. So ist für Ungestörtheit in diesen besonderen Stunden gesorgt.
Der zweite Tipp: Dekoration. Das Schlafzimmer mit Kerzen, Blüten und Herzen in ein Liebesnest verwandeln. Oder lieber verrucht im Rotlicht-Stil. Oder mit romantischen Erinnerungsstücken an das erste Kennenlernen. Dazu ein sinnlicher Duft und die passende Musik. Mit nur wenigen Accessoires lässt sich eine besondere Atmosphäre zaubern. Doch auch wenn viele Männer keinen Wert auf diesen „Schnickschnack“ legen, sollten sie die Empfehlung beherzigen. Denn bei einem Großteil ihrer Ehefrauen schafft ein dekoriertes Schlafzimmer mehr Lust – was wiederum beiden Partnern nutzt.
Rat Nummer drei: Reizvolle Unterwäsche. Gerade die Frauen, die meist in Weiß einen wunderschönen Anblick abgegeben haben, sollten auch beim Ausziehen mit den Tageseindrücken mithalten können. Am besten eignen sich neue Dessous, die der Partner noch nicht kennt und somit einen Aha-Effekt für ihn bereithalten. Doch der Rat zu feiner Unterwäsche geht nicht nur an die Frauen, sondern auch an ihre Ehemänner. Sie sollten sich ebenso bemühen und nicht unbedingt den Feinripp-Schlüpfer oder die Homer-Simpson-Shorts tragen. Denn – eine Tatsache, die noch nicht überall angekommen zu sein scheint: Auch für Herren gibt es verführerische Unterwäsche.

Frauen wissen, auch drunter muss es perfekt passen.
Doch selbst wer diese drei Grundregeln beachtet, kann einen Reinfall erleben. Der größte Lustkiller heißt: „zu hohe Erwartungen“. Dabei ist bekannt, was passiert, wenn zu hohe Erwartungen im Spiel sind: Man wird enttäuscht. Nur selten kann die Realität halten, was sich die überbordende Fantasie ausgemalt hat. Doch es kann noch schlimmer kommen als bloße Enttäuschung, denn der Anspruch, alles müsse in der Hochzeitsnacht perfekt und besonders sein, baut psychischen Druck auf. Das Resultat ist Verkrampfung, die den Sex im unglücklichsten Fall gar nicht mehr zulässt.
Ein weiterer Stolperstein auf dem Weg zu einer genussvollen Hochzeitsnacht ist der Alkohol. Denn wer auf seiner Feier mit jedem Gast angestoßen hat und jede Runde Schnaps, jeden Wein zum Essen und jeden Cocktail an der Bar mitgetrunken hat, wird kaum noch zu sexuellen Höchstleistungen fähig sein. Betrunken kann so eine Nacht zwar auch unvergesslich werden, jedoch nicht im gewollten Sinn.
Der Hauptgrund, warum manche Hochzeitsnächte ausfallen, hat aber einen noch einfacheren Grund: eine zu lange Feier. Viele Pärchen sind vom aufregenden Tag erschöpft. Meist geht es schon frühmorgens los. Frisör, Makeup, Ankleide. Dann der psychische Stress: Klappt alles? Welche bösen Überraschungen wird es geben?
Das Brautpaar muss nicht bis zum Schluss mitfeiern
Dann die Massen an Essen, das Tanzen in den neuen Schuhen und der ungewohnte Star-Status. Jeder will Zeit mit Braut und Bräutigam verbringen, jeder will anstoßen, will ein Foto, will ein Gespräch. Jeder will etwas und das Brautpaar will meist all den Ansprüchen gerecht werden. Eine Mammut-Aufgabe, der man bei größeren Gesellschaften kaum gewachsen sein kann.
Angesichts der Belastung war es früher angenehm, dass Hochzeiten in der Regel um Mitternacht beendet wurden. Heute jedoch ist auch das anders, so dass oft bis in die frühen Morgenstunden getanzt und getrunken wird. Doch wie viel Zeit und wie viel Energie bleibt für die Hochzeitsnacht, wenn die Frischvermählten erst um vier Uhr morgens von der Feier gehen? Dabei muss das Brautpaar gar nicht bis zum Schluss bleiben und auch noch den letzten Gast per Handschlag verabschieden. Die Eheleute dürfen schon früher gehen und sich zum Höhepunkt zurückziehen.
Vielleicht wird die Hochzeitsnacht dann ein romantischer Hochgenuss. Vielleicht wird sie verrucht und hemmungslos. Vielleicht wird es auch nur ein schneller Quicky. Ja, vielleicht wird die Hochzeitsnacht nicht das Highlight des sexuellen Lebens, vielleicht wird sie trotz aller Vorbereitung nur Mittelmaß. Aber trotzdem: Verzichten sollte man keinesfalls auf sie, denn sie ist und bleibt etwas Besonderes. Die erste Nacht als Ehefrau und Ehemann, das gibt es nur ein einziges Mal.
Steffi Geihs
