In der Fremde glücklich
Ein Saarländer im Profi-Fußball – das gibt es nicht allzu oft. Aber Frithjof Kraemer hat es geschafft. Als Geschäftsführer von Alemannia Aachen trägt der gebürtige Saarbrücker die Verantwortung für die Finanzen und die Organisation beim Fußball-Zweitligisten.
Frithjof Kraemers Geschichte im deutschen Profi-Fußball beginnt auf einem Schrottplatz in Ostfriesland. Es ist zu einer Zeit, als Kraemer für eine Düsseldorfer Wirtschaftsprüfungs-Agentur arbeitet. Eigentlich soll er sich in dem Unternehmen um den Bereich Sport kümmern. Doch dazu kommt es nicht, sein Aufgabenbereich fällt plötzlich weg, so dass Kraemer das übliche Kerngeschäft erlebt. Und dazu gehören eben Schrottplätze in Ostfriesland. Das ist nicht unbedingt befriedigend. 14 Tage dauert die Prüfung Ende der 90er Jahre auf dem laut Kraemer größten Schrottplatz Deutschlands. Danach fasst er einen Entschluss: „Das ist nichts für mich. Das möchte ich nicht machen.“ Kraemer sagt: „Das war mein Aha-Erlebnis. Für mich stand fest: Das ist nicht meine Welt.“
Beim FCS in der Geschäftsführung
Seine Welt, das ist für den 37-Jährigen der Fußball. Das merkt er schon während des Studiums an der Universität Saarbrücken, er belegt die Fächer Betriebswirtschaftslehre und Politikwissenschaften. Es ist für ihn die ideale Ergänzung: Sein fachliches Wissen, gepaart mit der Note Unberechenbarkeit und Emotion, die der Fußball nun einmal bereithält. Als im Jahr 2000 schließlich das Angebot kommt, beim 1. FC Saarbrücken in der Geschäftsführung zu beginnen, muss er nicht lange überlegen. Er sagt zu. Endlich ist er angekommen in seiner Welt. Saarbrücken ist gerade in die 2. Liga aufgestiegen, die Euphorie ist groß und Kraemer ist dabei. Er, der gebürtige Saarbrücker. Er, der langjährige Fan. Er, der seit Jahren Mitglied ist. Das ist nun elf Jahre her. Und Frithjof Kraemer hätte damals wohl kaum geglaubt, dass er elf Jahre später Geschäftsführer bei Zweitligist Alemannia Aachen ist. Ein Job, von dem er sagt: „Ich arbeite in meinem Traumberuf. In Aachen etwas bewegen zu können, ist grandios.“

Frithjof Kraemer posiert vor der Geschäftsstelle des Fußball-Zweitligisten Alemannia Aachen.
Aachen, ein Dienstag im Spätwinter. Frithjof Kraemer betritt den kargen Raum im Inneren des neuen Tivoli. Er ist auffällig unauffällig gekleidet. Gestreiftes Hemd, grauer Pullover, blaue Jeans und schwarze Schuhe. Ein bisschen sieht er aus wie ein junger Universitäts-Professor. Kollegen von Kraemer tragen schon mal feinen Anzug, was in manchen Momenten durchaus aufgesetzt wirken kann. Kraemer ist alles andere als aufgesetzt: Er sagt, was er meint. Und umgekehrt. Das ist in diesem Geschäft nicht selbstverständlich. Und belebt ein Gespräch, das schließlich 66 Minuten dauern wird. Erste Frage: Herr Kraemer, wie geht es Ihnen als Saarländer in Aachen? „Mir geht es gut. Ich bin ja jetzt seit vier Jahren hier. Die Rheinländer sind ein nettes Völkchen und in vielen Dingen den Saarländern ähnlich. Das ist ein schönes Fleckchen Erde.“ Es bleibt nicht die letzte Antwort, in der Kraemer seine Heimatverbundenheit dokumentiert. Von Zeit zu Zeit streut er immer mal wieder Sätze ein wie: „Ich bin ein voll überzeugter Saarländer.“ Oder: „Ich halte in Aachen die Saarland-Fahne hoch.“
Es sind Sätze, die zeigen, dass Kraemer seinen Abschied aus Saarbrücken verwunden hat. Das ist nicht selbstverständlich. Er ist damals ja nicht im Frieden gegangen. Nach zwei Jahren in der Geschäftsführung steigt er 2002 zum Geschäftsführer des 1. FC Saarbrücken auf. „Das war eine tolle Sache für mich“, sagt Kraemer. Doch schon ein Jahr später muss er gehen. Gegen seinen Willen, wie er betont. Er erinnert sich noch gut, wie ein Vereinsfunktionär beim Abschied zu ihm sagt: „Mensch Frithjof, wer weiß wofür es gut ist?“ Ein Satz, den Kraemer zu dieser Zeit nicht nachvollziehen kann, er hört sich an wie der blanke Hohn. Aber Kraemer merkt sich den Spruch. Tatsächlich erweist sich die Trennung später als Segen, er kommt im Organisationskomitee (OK) der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 unter. „Das war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Kraemer. Schon in Saarbrücken hat er beispielsweise durch die Lizenzierung Kontakt zum Deutschen Fußball-Bund (DFB). Diese Verbindung kommt ihm nach dem Rauswurf in Saarbrücken zugute, über sein Netzwerk erhält er die Stelle im WM-OK. Eine Stelle, die ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholt, wie er heute sagt. „Man fängt dort an und denkt, man hätte viel Ahnung, weil man ein paar Zweitliga-Spiele geplant hat. Ich habe dann schnell gemerkt, dass der DFB und die WM eine ganz andere Hausnummer sind“, erinnert sich Kraemer und ergänzt: „Es war der Sprung ins kalte Wasser.“
Drei Jahre Arbeit für das WM-Spiel gegen Costa Rica
Anfangs fürchtet er, er könne scheitern. Doch Kraemer kämpft, arbeitet sich in seinen Aufgabenbereich ein. Er ist Referent im Volunteer-Programm, verantwortlich für Vertragswesen und die Integration von Vereinen und Verbänden. „Das war ein Stahlbad. Aber wie das im Leben so ist: Wenn man es schließlich geschafft hat, reift man dadurch“, sagt Kraemer. Drei Jahre arbeitet er auf den 9. Juni 2006 hin, den Tag des Eröffnungsspiels zwischen Deutschland und Costa Rica. Kraemer lernt die Unterschiede zwischen der Vereins- und der Verbandsarbeit kennen. Beim DFB zählt nur: Wenn die WM losgeht, muss alles perfekt sein. Dem muss sich alles unterordnen. „Das Ziel war ja, dem Fußball-Weltverband zu zeigen: Seht her, wir organisieren eine perfekte WM. Was uns am Ende ja auch gelungen ist“, sagt Kraemer. Von den Spielen selbst bekommt er zunächst wenig mit, die meiste Zeit ist er im Zug oder während der Spiele im Stadioninneren, um alles zu überwachen. Aber er sitzt auf der Tribüne, als Deutschland in Dortmund im Halbfinale gegen Italien ausscheidet. Und er sieht das WM-Finale Italien gegen Frankreich, trifft hinterher sogar Franz Beckenbauer. „Das sind Momente, die man nie mehr vergisst“, sagt Kraemer. Wenn Kraemer über diese Zeit spricht, muss er seine Worte nicht suchen. Sie fliegen aus seinem Mund. Man merkt, Kraemer ist stolz, an dieser WM unmittelbar mitgearbeitet zu haben. Und schließlich entwickelt sich sein Job im WM-OK als Karriere-Sprungbrett. Während der drei Jahre hat er alles miterlebt, was ein Fußball-Event ausmacht: Sicherheit, Medienbetreuung, Stadion-Infrastruktur oder Ticketing. Das kommt ihm zugute, als Ende 2006 sein Vertrag beim DFB ausläuft und sich eine Entscheidung über einen möglichen Anschlussjob hinzieht.

Das Aachener Tivoli ist seit 2009 die neue Heimat der Alemannia.
Da legt ihm ein Kollege die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ auf den Schreibtisch. Per Anzeige sucht der damalige Bundesligist Alemannia Aachen einen Geschäftsführer. Der Kollege sagt: „Mensch Frithjof, das ist doch genau das, wovon du uns drei Jahre lang vorgeschwärmt hast.“ Okay, sagt sich Kraemer, kann ja nicht schaden, mal eine Bewerbung hinzuschicken. Ohne große Erwartungen. Er erhält eine positive Rückmeldung. Zunächst gehört er zu den besten 14 Bewerbern, dann zu den besten sieben, schließlich ist er einer von zwei Endkandidaten. Ende Dezember 2006 erhält er die Zusage. „Ein grandioser Moment, das Gefühl ist unbeschreiblich“, erinnert sich Kraemer. Hinterher erfährt er, dass mehr als 360 Interessenten sich auf die Stelle beworben hatten. Aber nur einer hat sie: Frithjof Kraemer. Unter anderem deshalb, weil er durch seine Zeit beim DFB bereits weiß, was ein modernes Stadion ausmacht. Und bei der Alemannia ist gerade ein neues Stadion in der Planung. Kraemer ist also der richtige Mann zur richtigen Zeit.
Sein Job entwickelt sich zum Sprungbrett
Allerdings muss er sich zunächst umstellen, im Profi-Fußball ist jede Woche ein Spiel, nicht nur ein Event alle vier Jahre. Kraemer sagt: „Das ist viel interessanter, weil es einfach direkter und näher ist.“ Da kommt es schon mal auf eine fehlende Frittenbude an. Kleinigkeiten eben. Nichts, was Kraemer nicht entscheiden muss. Doch diese Macht gefällt ihm ein Stück weit. „Ich bin sehr gerne ein Entscheider“, sagt er. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Seine Arbeitstage sind lang, auch wenn der Verein mit Erik Meijer Anfang 2010 einen Geschäftsführer Sport einstellt.
Wie Kraemer sagt, ist er morgens um halb acht im Büro, zwölf Stunden später verlässt er es. Doch Kraemer versucht sich Freiräume zu schaffen. Wo andere Sport-Funktionäre während des Gesprächs ständig auf ihr Handy schauen, um hektische Betriebsamkeit zu dokumentieren, ist Kraemer gelassen. Zuhause hat er kein Arbeitszimmer, keinen PC, sein Telefon legt er dann auf Seite. „Das ist gut für die Birne“, sagt Kraemer ganz entgegen seiner sonst so korrekten Ausdrucksweise. Nach Feierabend gehört seine Aufmerksamkeit seiner Frau und seiner dreijährigen Tochter, nur in dringenden Fällen ist er dann noch zu erreichen. Das wissen auch die Journalisten. „Das ist ein typisches Problem der Branche: Es wird sich zu wichtig genommen. Es gibt mehr als nur Fußball. Zu 90 Prozent ist es nur harte Arbeit wie jeder andere Beruf auch“, sagt Kraemer.
Neben seiner Tochter hat Kraemer aus einer früheren Beziehung noch einen Sohn, ein- bis zweimal pro Monat versucht er, das Kind in Saarbrücken zu besuchen. Seine Eltern wohnen ja noch in Saarbrücken, auch sein Bruder Frank, der als selbstständiger Mediziner in der Landeshauptstadt arbeitet. Selbst im Ludwigspark war er diese Saison schon, im November gegen Unterhaching. Allerdings war das kein schönes Erlebnis. „Zu meinem Bedauern habe ich den Ludwigspark so vorgefunden, wie ich ihn in Erinnerung hatte“, sagt Kramer und ergänzt: „Zwar ist in Aachen beim Stadionbau auch nicht alles perfekt gelaufen, aber jetzt steht das Stadion und der Verein ist zukunftsfähig. Man kann sich auch in Konzeptionen verzetteln, siehe Saarbrücken.“
Nichtsdestotrotz verfolgt er die Ergebnisse des FC Saarbrücken, seine Freunde aus der Heimat halten ihn stets auf dem Laufenden. Kraemer erinnert sich auch noch gut an den Abstieg in die Fünftklassigkeit, als 2008 die Qualifikation für die neue Regionalliga verpasst wurde. „Da gab es eine schwer durchzechte Nacht, um die Wunden zu lecken“, sagt Kraemer. Eine Rückkehr zu „seinem“ Verein möchte er nicht ausschließen, „es wäre blöd, eine solche Aussage in diesem schnelllebigen Geschäft zu treffen“. Privat bleibt das Saarland ohnehin seine Heimat – „und das wird auch immer so sein“. Ohnehin könne er sich eine Arbeitsstelle bei einem Club ganz im Norden oder Süden Deutschlands nicht vorstellen, „ich glaube, damit hätte ich ein Problem“, sagt Kraemer mit Blick auf die Entfernung nach Saarbrücken.
Auch über einen Vereinsaustritt beim 1. FC Saarbrücken hat Kraemer nie nachgedacht. „Meine Mitgliedschaft hat ja nichts mit handelnden Personen oder Unstimmigkeiten aus der Vergangenheit zu tun. Der Mitgliedsausweis ist Ausdruck meiner Verbundenheit zu dem Club“, sagt Kraemer und ergänzt: „Ich habe dem Verein ja auch viel zu verdanken.“
Matthias Hendorf

Rührend.-Und wo bleibt der Erfolg? Oder kommt der erst in Liga 3? Vielleicht hätte er doch besser in Saarbrücken bleiben sollen…-Seit seiner Anwesenheit ist Alemannia aus der 1.Liga abgestiegen, trudelt momentan der 3. Liga entgegen, hat einen Arsch voll Schulden wegen einem völlig sinnlosen neuen Stadion, weil dort nächstes Jahr noch soviel Zusachauer sein werden, daß man bei den Knüller-Spielen gegen Burghausen oder Jena sein eigenens Echo hören kann.
Ja, man merkt ihm seine Verbundenheit zu Saarbrücken an. Er war wohl nicht 1oo % mit dem Herzen bei Alemannia. Und das ist sehr bedenklich.
Recherchiert ihr eigentlich oder stellt Ihr Bewerbungen online? Der Typ ist in Saarbrücken achtkantig rausgeflogen (Stichwort: Schlösser ausgetauscht) und hat jetzt innerhalb weniger Jahre einen solventen Verein an den Rande des wirtschaftlichen Ruins “gearbeitet”. Bei Zitaten wie „Zwar ist in Aachen beim Stadionbau auch nicht alles perfekt gelaufen, aber jetzt steht das Stadion und der Verein ist zukunftsfähig.” kommt mir fast die Galle hoch! Der Verein WAR zukunftsfähig und zwar BEVOR Friethjof Kraemer seine Zelte dort aufschlug. Ich glaube im Inneren sehnt er sich doch immernoch auf seinen Schrottplatz zurück, denn Alemannia Aachen hat er gerade in einen verwandelt.
Das Saarland ist das größe Dorf der Welt und den Rheinländer mit Saarländern zu vergleichen ist eine Frechheit. Es ist schon seltsam wie Positionen besetzt werden. Schade, dass unfähige Leute einen bis dato wiederbelebten Verein in eine solche Situation bringen. Hoffe er kann sich erstmal um seine Kinder kümmern! 12 h im Büro – der hätte sich den Arsch aufreißen sollen um gern’ auch mal 18 h im Büro zu verbingen wie es z.B. in der Wirtschaftsprüfung üblich ist.
Er hat auf einem Schrottplatz angefangen und hat in Aachen einen solchen hinterlassen. Da schließt sich einfach der Kreis.