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32 Das war Hesse 1

Klimbim in Stockholm

Einige Werke – „Unterm Rad“, „Siddhartha“, „Der Steppenwolf“ – des Schriftstellers Hermann Hesse sind bekannt – als Pflicht­lektüre aus Schulzeiten. Kaum einer weiß, dass ein Besuch in Saarbrücken bei dem Literatur-Nobelpreisträger einen ganz besonderen Eindruck hinterlassen hat. Am 9. August jährt sich der 50. Todestag des berühmten Dichters.

Er ist ein origineller Kauz, aber ohne Strenge und Schläge geht‘s nicht. Denn er versteht je nach Notdurft zu kommandieren und zu schmeicheln“, schreibt die Mutter über ihren anderthalbjährigen Sohn Hermann an eine Freundin.

Hermann Hesse ist 1877 in Calw/Württemberg als Sohn des Missionars Johannes Hesse und seiner Frau Marie geboren. Im Hause Hesse werden Hermann und die Geschwister Adele, Marie und Hans streng und religiös erzogen, Sparsamkeit, Unterordnung, Disziplin werden von den Kindern verlangt.

Als 14-Jähriger hat er schreckliche Angst vor einer Prüfung, die er bestehen muss, um als Stipendiat an der Klosterschule Maulbronn zum Studium der evangelischen Theologie angenommen zu werden. Nach sieben Monaten läuft er davon, als er zur Strafe eingesperrt wird, schreibt er das Gedicht „Der Karzer“. In „Biographische Notizen“ skizziert er seine Lage: „Im Seminar fingen meine Nöte an. Die Not der Pubertätszeit traf zusammen mit der der Berufswahl, denn es war mir schon damals durchaus klar, dass ich nichts andres als ein Dichter werden wollte, ich wusste aber, dass dies kein anerkannter Beruf war und kein Brot einbrachte.“

1892, nach einem Selbstmordversuch, wird er in der Nervenheilanstalt Stetten untergebracht. Er besucht das Gymnasium und beginnt danach eine Buchhändlerlehre in Esslingen, gibt sie aber nach nur drei Tagen auf. In einem Brief an die Eltern schreibt er: „Nie hatte ich den Mut, meine Absichten und Wünsche Euch zu sagen, denn ich wusste, dass sie mit den Euren nicht übereinstimmten, so kamen wir immer weiter auseinander.“ In Tübingen klappt es mit der Buchhändlerlehre, die er als „Sprungbrett und Umweg“ zu seinem Ziel ansieht. Im Oktober 1898 erscheint sein erstes Buch, die Gedichtsammlung „Romantische Lieder“, die er auf eigene Kosten in 600 Exemplaren drucken lässt.

1904 heiratet Hermann Hesse Maria Bernoulli, an Stefan Zweig schreibt er: „Und nun bin ich ein verheirateter Mann, und mit dem Zigeunern hat es einstweilen ein Ende.“ Das Paar lebt am Bodensee, später in Bern und bekommt drei Söhne: Bruno, Heiner und Martin. Die Ehe wird 1923 geschieden. Hesse geht noch zwei weitere Ehen ein.

Hermann Hesse ist 34 Jahre alt, als er zu einem Autorenabend nach Saarbrücken eingeladen wird. Diese Veranstaltung misslang so nachdrücklich, dass der Literat zu einer Erzählung inspiriert wurde, in der Saarbrücken zu „Querburg“ mutiert. Der „Verein der Württemberger“ meinte mit dem Calwer Landsmann einen Alleinunterhalter engagiert zu haben. Das Erlebnis ist dem Autor so nachdrücklich im Gedächtnis geblieben, dass er Anfang der 50er-Jahre in der amüsanten Erzählung „Autoren-Abend“ die Publikumsreaktionen beschreibt: „Eine Reihe von grinsenden, fassungslosen, enttäuschten, zornigen Gesichtern sah mich an, etwa sechs Leute erhoben sich verstört und verließen diese unbehagliche Veranstaltung. Ich wäre am liebsten mitgegangen.“ Wie es seinerzeit zu diesem Missverständnis gekommen war, ist nicht überliefert, immerhin war Hesse zum damaligen Zeitpunkt schon mit „Peter Camenzind“ – das Buch erschien 1904 und war nach 14 Tagen bereits vergriffen – berühmt geworden, auch „Unterm Rad“ (1906) und der Roman „Gertrud“ (1911) waren schon gedruckt. 1911 hatte er, einer Indienreise wegen, seine Lesereisen unterbrochen und war nach seiner Rückkehr im März 1912 zunächst in Wien und am 22. April bei jenem denkwürdigen Autorenabend in Saarbrücken.

Hermann Hesse erregt Missfallen mit Texten für den Frieden

Im Jahr 1916 treffen Hesse Schicksalsschläge, sein Vater stirbt, sein Sohn Martin erkrankt, bei seiner Frau bricht Schizophrenie aus, Hesse begibt sich in psychotherapeutische Behandlung. Drei Jahre später verlässt er die Familie und zieht nach Montagnola/Tessin. Er beginnt zu malen. Er veröffentlicht unter dem Pseudonym Emil Sinclair, nicht zuletzt deshalb, weil er mit zahlreichen politischen Artikeln in Zeitungen und Zeitschriften während des Ersten Weltkrieges Missfallen mit seinem Einsatz für den Frieden erregt hat. Bereits 1922 wendet er sich gegen die aufkommenden Nationalsozialisten und deren Antisemitismus, den er als „blödsinnige, pathologische Judenfresserei“ bezeichnet. 1927 erscheint sein zu Lebzeiten erfolgreichstes Buch: „Narziß und Goldmund“. Ab 1939 werden Hesses Werke in Deutschland nicht mehr gedruckt, sein Haus in der Schweiz wird Anlaufstelle für viele deutsche emigrierte Autoren. Sein Buch „Das Glasperlenspiel“ – sein letztes großes Werk – wird 1943 in der Schweiz gedruckt. Drei Jahre später schreibt er an einen Freund: „Heut ist in Stockholm der Klimbim, erst Nobel-Gedenkfeier in großer Gala, dann Bankett, wobei auch ein Spruch von mir verlesen werden soll.“ Hesse hat sich Zeit seines Lebens nicht um Literaturkritik, aber um seine Leser gekümmert. Tausende von Zuschriften hat er selbst beantwortet.

Der Leiter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass, Dr. Sikander Singh, hat sich als Wissenschaftler mit Hermann Hesse beschäftigt – er ist einer der Autoren des neuen Hesse-Buches „Heimweh nach Freiheit“ – und empfiehlt als Einstiegslektüre „Siddhartha“: „Das ist die Geschichte eines Mannes, der vielen Wegen und Irrwegen folgt, bevor er versteht, dass wir erst dann werden können, wenn wir die fortwährenden Wünsche und Hoffnungen unseres Selbst hinter uns lassen und der Stille in uns Raum geben.“ Der Literaturwissenschaftler kennt gute Gründe, warum man auch heute noch Hesse lesen sollte: „Weil Hermann Hesse ein Humanist, aber kein Moralist ist, weil gute Literatur zeitlos ist und weil die Beschäftigung mit seinen Werken stets auch eine Selbstbegegnung ist.“

Hermann Hesse starb an einem Hirnschlag. Am Morgen des 9. August 1962 wundert sich Ninon Hesse, dass ihr Mann nicht aufgestanden war. „Er lag in seiner gewöhnlichen Schlafstellung, friedlich entspannt.“

Michaela Auinger

 

Info:
Lesetipps zu Hermann Hesses 50. Todestag

Heimweh nach Freiheit. Resonanzen auf Hermann Hesse. Klöpfer & Meyer 2012. 356 Seiten. ISBN 978-386351-030-5. Preis 19,90 Euro. www.kloepfer-meyer.de
Hermann Hesse: Autoren-Abend in Saarbrücken. Gollenstein Verlag Merzig. 115 Seiten. Das Buch ist nur beim Verlag verfügbar.
www.gollenstein.de

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