FORUM

Das Wochenmagazin

08 Lebensart Krabbel 1

Knackiges von der Krabbelkarte

Das, was Europäer angewidert mit dem Finger wegschnippen, landet in Asien vielfach auf dem Mittagstisch: Insekten könnten das Welthungerproblem lösen, sagen die Vereinten Nationen. Und ihr „ökologischer Fußabdruck“ sei besser als der von Rind und Schwein.

Einen leckeren Achtbeiner als Vorspeise naschen, etwas Knackiges zwischendurch knabbern, eine Tüte gegrilltes Allerlei anstelle von Chips – warum nicht? Was die westliche Zivilisation eher schaudern lässt und dem einen oder anderen Ekel bereitet, ist für mehr als die Hälfte der Menschheit seit Urzeiten völlig normal: Insekten auf dem täglichen Speiseplan.

Ernährungswissenschaftler sehen das Thema eher nüchtern und sachlich. Es soll auf der Welt rund 1.700 Sorten genießbarer Insekten geben, laut UN verzehren etwa 2,5 Milliarden Menschen täglich Insekten. Diese besitzen, so wissenschaftliche Studien, für den menschlichen Körper lebenswichtige Proteine und Aminosäuren, wenig Fette, sind im Überfluss vorhanden – von zehn Tieren sind acht Insekten –, können relativ einfach gezüchtet werden, belasten weit weniger die Umwelt als beispielsweise die Rinderzucht in den USA oder Südamerika. Insekten produzieren zudem pro Kilogramm Insektenfleisch wesentlich weniger Treibhausgase als Rinder und Schweine. Dies schlussfolgerten Wissenschaftler der Wageningen University, die in Zusammenarbeit mit der Regierung und Betrieben untersuchen, ob die Zucht von Insekten zu einer nachhaltigeren Eiweißproduktion beiträgt. Die weltweite Viehzucht, so die Hypothese der Forscher, sei für einen großen Teil der Produktion von Treibhausgasen verantwortlich. Um die Nachhaltigkeit von Insektenfleisch beurteilen zu können, haben die Wissenschaftler der Wageningen University die Produktion von Treibhausgasen von bestimmten essbaren Insektensorten gemessen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der renommierten Online-Zeitschrift „PLoS ONE“ veröffentlicht.

Die Wissenschaftler haben zuerst gemessen, wie viel Treibhausgase Insekten pro Kilogramm Produkt produzieren. Hierbei ging es vor allem um Methan (CH4) und Lachgas (N2O). Die Ergebnisse zeigten, dass Insekten wesentlich weniger Treibhausgase ausstoßen als konventionelle Produktionstiere, wie Rinder und Schweine. So produziert ein Schwein zehn bis 100 Mal mehr Treibhausgase pro Kilogramm Wachstum als zum Beispiel Mehlwürmer. Auch der Ammoniakausstoß scheint deutlich geringer zu sein. Ein Schwein stößt acht bis zwölf Mal mehr Ammoniak pro Kilogramm Wachstum wie Grillen und bis 50 Mal so viel wie Grashüpfer aus. Ein anderer Vorteil von Insekten im Gegensatz zu Säugetieren sei, dass sie ihre Nahrung schneller in Fleisch umsetzten.

Essbar: Skorpion

Die Untersuchung zeigt, dass von Insekten stammende Eiweiße eigentlich eine umweltfreundliche Alternative zu Fleisch bieten, das von herkömmlichen Produktionstieren stammt. Weitere Forschung sei jedoch nötig, um herauszufinden, ob die Produktion von einem Kilo Insekteneiweiß auch umweltfreundlicher ist als konventionelle tierische Eiweiße, wenn gesamte Produktionsketten untersucht werden.

Dritte-Welt-Länder mit hungernden Menschen könnten mithilfe der Insekten ihre Not ein wenig lindern, denn Insekten sind laut UN-Weltgesundheitsorganisation aufgrund ihrer vorteilhaften Eigenschaften ein kostengünstiges Grundnahrungsmittel. Hinzu kommt der nicht zu vernachlässigende wirtschaftliche Faktor. Denn Insektenzüchten oder das Einsammeln, die Verarbeitung und Veredelung der kleinen Tierchen sowie der Verkauf sorgen für dringend notwendige Arbeitsplätze in den armen Ländern.

Die asiatischen Länder, allen voran Thailand und China, haben schon lange die „Vorzüge“ von Insekten für die tägliche Ernährung entdeckt. Aber auch in Afrika landet so manches Insekt auf dem Tisch. Wer im asiatischen Raum abseits der Touristenströme unterwegs ist und sich auf den bunten Märkten tummelt, dem dürften Insekten in einer uns eher unbekannten Form des Öfteren über den Weg „krabbeln“. Veredelt, versteht sich, zum Beispiel gegrillt, geröstet, gekocht, gebacken oder für uns mehr oder wenig appetitlich verarbeitet: In der Pfanne geröstete Heuschrecken, in heißem Öl frittierte Bambuswürmer, gegrillte Schaben, zu Pastetchen verarbeitete gekochte Maden oder Raupen, knackige heiße Käfer als Salatzugabe. Der Anblick oder allein der Gedanke sind für Europäer gewöhnungsbedürftig und machen vielleicht nicht unbedingt Appetit auf mehr. Krankheiten übertragen die Tierchen im Übrigen nicht, denn sie sind ja alle durch heißes Öl oder durchs Feuer gegangen, bevor sie auf den Tisch kommen. Es gibt aber auch Sorten, die roh vertilgt werden. Aber das ist Geschmackssache.

Gebraten oder roh genießen

Trotz der Forschungen, die zum Verzehr von Insekten ermutigen, Insekten futtern erinnert uns eher an Überlebenstraining. In Großstädten wie Berlin erfreuen sich die „Krabbelkarten“ dennoch wachsender Beliebtheit.

Sicherlich weniger aus ernährungstechnischen Gründen, sondern vielmehr aus Neugierde oder als Mutprobe. Der Geschmack der kleinen Biester ist vielfach neutral und gewinnt erst durch die uns altbekannten Soßen.

Doch wo ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Krabbe oder einem Hummer und einer Heuschrecke? Letztendlich enthalten sie alle lebenswichtige Proteine. Gleiches gilt wohl für Schnecken oder Froschschenkel.

Während der Hummer bei uns als Delikatesse durchgeht, verdreht sich beim Gedanken, genussvoll in eine Heuschrecke zu beißen, schon der Magen. Ist es doch eher der uns anerzogene Ekel, der uns abschreckt, herzhaft in eine Heuschrecke hineinzubeißen. Von Schaben einmal ganz zu schweigen, die wir darüber hinaus mit Dreck und Unrat in Verbindung bringen. Gammelfleisch lässt grüßen. Auch in so mancher Wurst steckt mehr drin als man meint. Und die Rezeptur bleibt wohl besser ein gut gehütetes Betriebsgeheimnis.

Die Insekten, so sagen die Wissenschaftler, treten auf jeden Fall den Siegeszug nach Europa an. Mit den geeigneten Marketing-Ideen sollte der Vormarsch der fliegenden und krabbelnden Tierchen doch auch in Europa gelingen. Im Internet kann unter einschlägigen Adressen bereits munter bestellt werden – im „Trau-dich-Shop“ oder bei „Braidy Snacks“. Vielleicht ist ein bitterer „Tarte aux Cafards“ mit süßem „püriertem Nacktschneckenmus“ und eine „saure Ameisencreme“ schon bald der Knüller auf der Speisekarte oder der Renner auf der nächsten Gartenparty. Geschmäcker sind verschieden und kennen keine Grenzen. Probieren geht über studieren. Nur Mut.

Armin Neidhardt

Kommentieren

Sie können folgende HTML-Tags verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>