Kochen online
Wer kocht, trifft im Internet Gleichgesinnte, ob bei Facebook oder privaten Kochblogs. Dabei werden nicht nur Rezepte ausgetauscht, sondern auch gemeinsam Wein verkostet und gelacht: Genuss mit einem Schuss Virtualität.
Die Gesellschaftet driftet auseinander. Nicht nur in oben und unten, sondern auch in Benutzer und Nichtnutzer. Es gibt Zeitgenossen, die machen alles mit ihrem Computer. Andere benutzen ihr Handy nur als Telefon. So eine Art „sprechender Knochen“. Andere Funktionen hat das Ding für sie nicht. Bei mir ist das Handy Uhr, CD-Player, Radiosender, E-Mail-Programm, Diktiergerät, Navigationsgerät und vieles mehr.
Natürlich bin ich auch bei Facebook. Wie 20 Millionen andere Deutsche auch. Kritiker merken dazu immer an, dies sei zu unsicher. Doch vor Kurzem mussten wir alle zur Kenntnis nehmen, dass Vater Staat der Spion ist, der uns die Trojaner in das Gerät setzt. Völlig egal, ich mache mir da keine Illusionen, wirklich Privates kommt mir gar nicht in den Computer. Und wer horchen will, der horcht.
In vielen Küchen ist der PC heute dabei
Ich habe zwei Seiten auf Facebook: „Klöckners Genuss Agentur“ mit meinem Lebensthema Essen und Trinken. Auf meiner persönlichen Seite geht es um Vorlieben, Austausch, Infos zu bevorzugten Hobbys und Themen. In vielen Küchen ist der Computer heute dabei. Für große Köche ein sehr preisgünstiges Medium, um ihre Gäste zu informieren, für andere eine simple Möglichkeit, informiert zu werden. Als eine Freundin von mir vor Kurzem ein Geburtstags-essen in der Nähe von Stuttgart kochte, überzeugte sie ihre Gäste mit vielen selbst hergestellten Leckereien. Nur bei den Venusmuscheln hakte es. Also kurz auf Facebook, Anfrage versenden. Petra schrieb: „Hier scheppert‘s und quirlt‘s und duftet‘s und schmeckt‘s nach allem durcheinander. Bayerisch Creme ist fertig, Himbeer-Erdbeer-Mark ist fertig, Melonen-Portweinsauce auch, nun sprenkelt das Mousse au Chocolat durch die Küche… au weia. Nur habe ich noch keine Ahnung, wie ich mit den Venusmuscheln umzugehen habe… die sind ja bisschen zickig im Kühlschrank, oder?“ Ich: „Sie heißt ja auch die Venusmuschel. Bei dem Namen ist Zickenalarm vorprogrammiert. Venusmuscheln ganz einfach: zubereiten mit Gemüse, etwas Weißwein, Schalotten, Knobi auf Spaghetti… altes italienisches Rezept.“ So schnell geht das. Sie brauchte ihr Kochen nicht zu unterbrechen, mit dem Laptop in der Küche kommt Hilfe. Mittlerweile haben sich in sozialen Netzwerken viele Gruppen organisiert, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Francesco Strazzanti stellt regelmäßig Fotos seiner Gerichte, wie Honig-Ingwer-Hühnchen, online.
Ich bin Mitglied in „Weintrinker“, „Bordeaux und der Rest der Welt“, „Olivenölforum“ und bei einer ganz besonderen Gruppe: „Käptn‘s Dinner“. In dieser Gruppe haben sich rund 200 Leute versammelt, die Spaß am Kochen, Chatten und Lachen haben. Denn allzu ernst geht es hier nicht zu, obwohl hier richtig gut gekocht wird. Nicht jeder ist mit seinem richtigen Namen dabei: „Zorra Kochtopf“, „Klärchen Kompott“, „Ilse Landfrau“, „Freundin des guten Geschmacks“ oder „Tina Foodina“ heißen sie.
Gruppengründer Thomas R. Schäfer klärt auf: „Essen bedeutet für mich durch Kaufentscheidungen direkte Einflussnahme auf Angebot und Nachfrage. Dazu zählen natürlich auch die Entscheidungen gegen gewisse Produkte. Für mich ist Essen deshalb Wertschätzung guter Produkte.“ Also, eine klare Meinung ist hier gefragt. Andere Mitglieder der Gruppe formulieren ihre Leidenschaft zum Kochen auch sehr klar. Peter G. Spandl schreibt: „Meine Motivation, bei ‚Käptn‘s Dinner‘ mitzumachen, möchte ich einfach mit einem Zitat von Virginia Woolf beantworten: Essen ist ein menschliches Grundbedürfnis, das zum Glück im Verlauf der Evolution verfeinert wurde, aber nichts von seiner lebenswichtigen Rolle eingebüßt hat. Auch wenn manche Menschen so tun, als sei das so. Für mich gilt deshalb als Lebensmotto: One cannot think well, love well, sleep well if one has not dined well”, zu Deutsch: Man kann nicht gut denken, nicht gut lieben, nicht gut schlafen, wenn man nicht gut zu Abend gegessen hat. Heike von Au sagt es kurz und direkt: „Drei Dinge, die zur Arterhaltung dringend notwendig sind: Essen, Trinken, Sex. Alle drei sollte man doch bitte so gut wie möglich machen. Leider sieht das nicht mal in meinem eigenen Freundeskreis jeder so, also suche ich im Netz nach Gleichgesinnten. Also, zumindest, was Essen und Trinken angeht.“ „Klärchen Kompott“ schreibt: „Kochen ist Genuss, Genuss ist Kunst, Kunst ist Geschmack, Geschmack ist Leben, Leben ist Hochgenuss. Um Hochgenuss zu erleben, muss man sich ernähren. Ernähren ist Kochen, Kochen ist Genuss. Bewusstes Leben ist für mich das A und O, und ich denke, man sollte jeden Atemzug genießen. Und wenn man sich den Moment verschönern kann, sollte man nichts auslassen. Mein Motto ist ‚mit allen Sinnen genießen‘.“
Bei den Mädels ist er der Star: Francesco Strazzanti. Jeden Abend stellt der Italiener seine Kreationen mit tollen Fotos ins Netz. Warum? Signore Strazzanti: „Also, für mich ist das Kochen Entspannung und Erholung von meinem Alltag. Ich arbeite viel und hart und es ist sehr anstrengend. Beim Kochen kann ich endlich ein bisschen was für mich machen. Manchmal etwas aufwendiger – meistens nicht. Ich koche nie nach Rezept. Ich benutze Zutaten, so wie ich Farben benutze, wenn ich was gestalte – und das habe ich auch nicht gelernt. Es macht mir auch so viel Spaß und gibt mir so viel, dass ich es gerne mit anderen teilen möchte. Ich mache einfache Sachen und stehe dazu – so bin ich und so ist mein Essen. Wenn es anderen Menschen gefällt, finde ich es wahnsinnig schön, und wenn sie dadurch animiert werden, selber was zu machen, macht es mich richtig stolz.“ Auch eine bekannte Saarländerin gehört der Gruppe an. Silvia Zapp, die mit ihrem Mann Thomas ihre Firma „Grill-Mäschda“ betreibt und schon viele Preise gewonnen hat: „Ich bin sehr angetan, was in der Gruppe so alles an klasse Gerichten auf die Teller gezaubert wird, mit welchen Leckereien die Köchinnen und Köche ihre Gäste und sich selbst verwöhnen. Die Bereitschaft, einem behilflich zu sein, wird in der Gruppe sehr großgeschrieben. Auch die verschiedenen Projekte etwa, dass ‚Arthurs Tochter‘ in Kindern die Lust und Neugier auf Lebensmittel weckt, gefällt mir sehr gut. Die Zusammengehörigkeit in der Gruppe ist enorm und ich bin stolz darauf, zu dieser Gruppe zu gehören. Ich bin der Meinung, man lernt nie aus, und in dieser Gruppe kann man noch einiges lernen. Meine Motivation in der Gruppe ist auch, mal zu zeigen, dass man gehobene Küche nicht nur am Herd zubereiten kann, sondern auch auf verschiedenen Grills.“
Da sind also keine Ahnungslosen am Werk, hier arbeiten Profis mit. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die meisten einen eigenen Kochblog schreiben. Ich bin überzeugt, hier wird 24 Stunden gekocht. Irgendeine steht immer am Herd, irgendeiner schreibt immer etwas von einem Marktbesuch, einem genussvollen Produkt, einem Auftritt in einer Fernsehshow, einem neuen Gewürz oder einer nächtlichen Kochaktivität. Meine Hamburger Kochkomplizin Greta kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in ihrem Restaurant arbeiten. Ihr Mann hat umgeschult, aus einem Werbefachmann wurde ein ambitionierter Koch. Wenn er dann nachts müde nach Hause kommt, hat ihm Greta ein frisches Essen zubereitet. Ab Mitternacht wird dann gemeinsam nach Lösungen für das beste Ergebnis gesucht. Mit schnellen Bildern mit dem Handy. Basilikum oder Oregano für die kleinen Kartoffelspalten heute Abend? Basilikum für die Nudeln morgen, Oregano für die Kartoffeln heute? Man (und frau) hilft sich gegenseitig, es wird miteinander gekocht, nicht gegeneinander.
Es wird miteinander gekocht
Alle Fragen rund um das Kochen kommen auf das Tablett. Was kostet Lamm zurzeit? Hat schon jemand eigene Pralinen gemacht? Wo bekomme ich Rezepte her? Kein Problem: Einige Minuten später hängt die Antwort an der Pinnwand. Und dies alles mit sehr viel Spaß und Kreativität. Woche für Woche wurden in den letzten Monaten Produkte beschrieben und Rezepte gepostet: Quitten, Schwarzwurzeln, Grünkohl, Bœuf bourguinnon. Die Themenliste ließe sich beliebig fortsetzen. Sandra Schölzel hat dann auf ihrem Blog alle Rezepte zum Bœuf zusammengefasst. Damit nichts verlorengeht: kuechevonfraukampi.blogspot.com
Bei aller Arbeit kommt der Spaß nie zu kurz. Es sind genügend Spaßvögel am Start. Weinhändler Axel Hörig aus Düsseldorf postet: „Für mich hat sich schon gelohnt, dass ich Bratkartoffeln endlich als rohe Würfel aus der Pfanne hinbekomme. Immer! Bisher hat sich meine Frau Gerlinde standhaft geweigert und das mit Mehrarbeit begründet. Inzwischen sagt sie nix mehr und serviert ihrem Alten Bratkartoffeln. Die, die ich gerade gegessen habe, mit einem paniertem Hähnchenschnitzel, haben mich an Pommes erinnert. Klasse!“
Wenn dann alle gekocht haben, wird sich mit Musikvideos der Rest des Abends vertrieben. Französische Nacht: Schon laufen die Videos von Patricia Kaas, von ZAZ, Gainsbourg oder Jeanne Mas. Warum soll ich noch Fernsehen schauen? Hier im Netz sind meine Themen angesagt, und ich bin ja auch noch bei „Weintrinker“ aktiv. Dort schaue ich mal nach, wer da ist, und mache mir mit ihnen die gleiche Flasche Wein auf. Da gibt es dann eine Menge zu posten.

die grandiose idee unserer berliner freundin betti b. witt, diese gruppe zu gründen, hat eine eigendynamik bekommen die mir manchmal ein wenig den atem nimmt.
täglich werden in der gruppe ” käptn´s dinner ” kreationen dargeboten, die den genießer jubilieren lassen….und sie tun es mit spass und freude und ohne irgendwelche attituden wie pure selbstdarstellung oder eitles pseudo- gourmet gehabe…..alle haben sich dem genuß verschrieben, aber nicht um jeden preis…..eine maxime, die hochgehalten wird ist der respekt vor dem produkt und vor den produzenten guter produkte.
ein reibekuchen erfährt die gleiche aufmerksamkeit, wie das kalbsbäckchen oder der seeteufel.
ich freue mich jeden tag auf die menschen, die diese gruppe mit leben füllen.
Ui, welch schöner Artikel! Freut mich sehr. Gruß von Ilse
Lieber Rolf Klöckner,
Vielen Dank für diesen aufklärenden Artikel!
Meine “echten” Freunde wundern sich darüber,daß ich viel Zeit mit Facebook “verschwende”
und können sich nicht vorstellen,daß Gruppenmitglieder hier auch sehr,sehr gute Freunde sind.
Ich glaube,daß manch ein Psychotherapeut weniger Arbeit hat,weil man sich hier gegenseitig
hilft und auch offen “Probleme” angeht.
Facebook ist jedenfalls besser als sein Ruf und wenn man aufpasst und nicht zuviel persönliches
(intimes) von sich preisgibt auch völlig ungefährlich.
Nochmals Danke und weinfröhliche Grüße vom “WEINTRINKER” Axel Hörig
Lieber Rolf,
ich mag deine Artikel immer sehr und lese sie mit Begeisterung. In Diesem erwähnst du u.a. FB-Gruppen und FB-Freunde, die mir selbst auch vertraut und schon länger ans Herz gewachsen sind. In deine Favoritengruppe “Käptn‘s Dinner“ von Thomas R. Schäfer, habe ich mich soeben eingeschrieben und bin herzlich empfangen worden. Die vielen interessanten Beiträge muss ich mir mal im Laufe der Zeit nach und nach vornehmen. Ich sehe aber schon jetzt, dass diese Gruppe ein Volltreffer ist. Ich schließe mich den weinfröhlichen Grüßen von unserem lieben Freund Axel Hörig an wünsche dir weiterhin gute Genüsse aller Art! LG Bernd
lieber rolf !
das ist schon ein hammer, was sich aus der idee unserer berliner freundin betti b. witt entwickelt hat.
diese dynamik die diese gruppe erreicht hat macht mich oft sprachlos…..und ich bin sehr dankbar für deinen tollen artikel und für all diese super typen im KÄPTN´S DINNER , die alle eine große leidenschaft teilen, nämlich den respektvollen umgang mit dem lebensmittel und dessen veredelung in den unterschiedlichsten varianten !
euch allen eine genußvolle zeit .
tom
Lieber Rolf,
vielen Dank für diesen super schönen Beitrag. Treffender hättest Du es nicht beschreiben können und bisher habe ich in den besagten Gruppen auch noch keinen kennengelernt, der sich dort nicht wohlfühlte, keine Hilfe bekam, keinen Spaß hatte oder gar ausgegrenzt wurde.
Lieben Gruß
Klärchen Kompott
Lieber Rolf- jetzt auch von mir ein öffentliches “Dankeschön” für das schreiben über unsere schöne Freundeskreis im Internet! Ich bin sehr dankbar dafür und stolz darauf dort dabei zu sein- es beflügelt sehr!
Ich wünsche Dir und alle Leser, Genuss Grenzenlos! So muss das sein!
aus Frankfurt,
Francesco
Lieber Rolf,
Danke für den Beitrag hier. Ja unser Genussdampfer ist schon eine tolle Gruppe, die auch du mit deinem fundierten Wissen und deinem Humor auf das trefflichste belebst. Danke, dass ich dich zu mindest virtuell kennenlernen darf!
Liebe Grüße, Sandra alias Frau Kampi
Der Artikel ist echt klasse – und die Gruppe “Käpt’ns Dinner hat ein neues Mitglied
Wie gut, dass ich dieser Gruppe beigetreten bin.
Viele neue Menschen kennen gelernt, wenn auch nur virtuell, und viel Spaß macht es auch.
Ein sehr guter Artikel.
Danke Rolf Klöckner.
Lieber Genusskomplize Rolf ,
es war mir eine echte Freude , diesen Artikel von dir zu lesen !
Du hast genau die Worte der / unserer Leidenschaft für das Geniessen getroffen , was uns alle in dieser Gruppe vereint … mit Diskussionen die auch manchmal hitzig sein können .
Ich freue mich auch , daß du mich als “Nachtschicht” erwähnt hast ( Greta ) … Merci dafür !
Toll finde ich auch deine Beiträge und Kommentare zu den unseren unterschiedlichen Posts und Fotos … es macht einfach Spass und ich möchte diese Gruppe jemals missen !
Herzliche Grüsse aus Hamburg von deiner Genusskomplizin !
Das ist doch mal was ehrliches,der Artikel gefällt mir sehr gut..Danke