Kult aus Köpenick
Union Berlin freut sich: In der kommenden Saison gibt es wieder ein Derby gegen Hertha BSC. Denn der etwas andere Verein aus der Hauptstadt hat sich im Profifußball etabliert. Auch, weil seine Fans etwas Besonderes sind.
Am Ende waren es 55 Schnäpse. 55 Schnäpse an 34 Spieltagen! Stammgäste in der Wirtschaft „Zur Traube“ in Berlin müssen vor allem organisch zwei Voraussetzungen erfüllen: Die Leber sollte noch in Takt sein – und das Herz muss für Union schlagen. Für Union Berlin, den Zweitligaclub aus dem Ostteil der Stadt. „Die Köpenicker“, wie Reporter die Kicker gerne bezeichnen. Die „Eisernen“, wie sie sich selber nennen.
Die Wirtschaft „Zur Traube“ ist keine schicke Bar, kein angesagtes Szene-Lokal – vielleicht noch nicht mal eine Kneipe im herkömmlichen Sinne. Die „Traube“ ist eben ein Wirtshaus vom alten Schlag: Tritt der Gast ein, könnte genauso gut das Jahr 1966 geschrieben werden; vielleicht der 20. Januar, der Gründungstag des 1. FC Union Berlin.

Bei der Finanzierung des Umbaus der „Alten Försterei“ ging der Verein neue, kreative Wege, um Geld einzuspielen.
Damals wusste allerdings niemand in dieser Gegend der heutigen gesamtdeutschen Hauptstadt, dass es ab sofort einen neuen Fußballverein in der Im-Osten-damals-schon-Hauptstadt geben sollte. Denn die „Traube“ steht im Stadtteil Neukölln, und das war immer schon Westberlin. Dass es ausgerechnet hier Menschen gibt, die Union huldigen, ist bemerkenswert. Schließlich gingen die „Eisernen“ 1966 aus einem Ost-Verein hervor, sie sind also ein Club mit 24-jähriger DDR-Tradition. Ein Kultclub, um genau zu sein. Und zwar nicht erst seit der Wende.
Der Ruf „Die Mauer muss weg“ ertönte im Stadion „An der alten Försterei“ in Köpenick bereits bei Freistößen für Union, als von Montagsdemonstrationen und Wiedervereinigung in Ostberlin noch lange keine Rede gewesen ist: Zu DDR-Zeiten galt Union als Sammelbecken all jener Fußballanhänger, die in der Hauptstadt nicht den BFC Dynamo unterstützten, den erfolgreichen Club von Stasi-Chef Erich Mielke also. Die Union-Fans waren Arbeiter, sogenannte Werktätige, für die nicht die Titel im Vordergrund standen, sondern der Verein selbst, das Wir-Gefühl von Gleichgesinnten, eine verschworene Gemeinschaft – „Union“ eben. Und das ist bis heute so. In Köpenick wird der Begriff Fankultur mit einer Art von Leben gefüllt, die einzigartig ist im deutschen Fußball. Selbst der unbestritten, ebenfalls kultige Hamburger Kiezclub FC St. Pauli kann da nicht mithalten. Und wer glaubt, die – zumindest gefühlte – jahrzehntelange Benachteiligung gegenüber dem staatsnahen BFC Dynamo habe zu einer Ablehnung der DDR-Vergangenheit geführt, täuscht sich gewaltig. Bei Union wird „Image-Pflege Ost“ betrieben. Und das ist hier ausdrücklich positiv gemeint.
Die Vereinshymne komponierte und singt Nina Hagen. Zwar erst seit 1998 – als Deutschland bereits wieder eins war. Aber wenn die Ost-Rockröhre die Textzeilen vor dem Anpfiff zu jedem Heimspiel über den Rasen röhrt, donnert voller Inbrunst aus Tausenden Kehlen: „Wer lässt Ball und Gegner laufen? Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?“ Und die Antwort schwillt stets zu einem stimmgewaltigen Orkan an: „Eisern Union! Eisern Union!“ Und beide Fragsätze sind keine leeren Phrasen.
Sie sind allerdings auch nicht als Ablehnung des Westens zu verstehen; der Text ist vielmehr Ausdruck eines Selbstbewusstseins, mit dem die Anhänger des Vereins bisher allen Widrigkeiten getrotzt haben. Und das ist wörtlich zu nehmen: Als der Club Mitte der 90er-Jahre vor dem Bankrott stand, gingen die Fans auf die Straße und sammelten Geld („Fünf Mark für Union“). Okay – das gibt es bei anderen Clubs auch: Aber bei Union führte die Aktion zum Erfolg. Bis Anfang der 2000er-Jahre wieder die Insolvenz drohte; und die Anhänger buchstäblich zum Aderlass zwang: „Bluten für Union“ hieß die ungewöhnliche Spende. Man könnte auch sagen: Lebenselixier für Lebenselixier. Das eine spenden, das andere erhalten. Der Verein nimmt den Fans viel – und gibt ihnen alles.
Herzblut und Seele – damit überlebte Union Berlin bisher jede Krise. „Und die Seele“, so sagt es Union-Präsident Dirk Zingler, „das ist unser Stadion. Hier singen wir gemeinsam, hier feiern wir die Mannschaft. Das Stadion ‚An der alten Försterei’ ist unser Zuhause!“ Und auch das im Wortsinn.
Vier Jahre ist es her, da begann eine der ungewöhnlichsten Aktionen, die es im deutschen Profifußball je gegeben hat. Weil ihr Club kein Geld für die notwendige Stadionsanierung hatte, griffen die Union-Fans selbst zu Schaufel und Spachtel und taten das, was in heimischen Stadien meist als verpönt gilt: Sie rührten Beton an.
Gut 2.000 Anhänger bauten in mehr als 300 Tagen und insgesamt 140.000 Arbeitsstunden die Heimstätte des Vereins eigenhändig um und aus – ehrenamtlich. Inklusive Drehen des Spielfeldes und Neubau von Tribünen und Überdachungen.
Klar, dass diese Fans seitdem mehr denn je so was wie ein Heimatgefühl empfinden, wenn sie in die „Alte Försterei“ strömen. Auch, weil vielen von ihnen dieses Stadion buchstäblich gehört: Im vergangenen Dezember hat der Club 58 Prozent seiner Vereinsanteile an Mitglieder und Sponsoren abgegeben – um fünf Millionen Euro wurde dadurch das Vereinskapital aufgestockt: mittels 10.000 Aktien zu je 500 Euro.
500 Euro, das ist sehr viel Geld für den durchschnittlichen Union-Fan. Daher war auch Ratenzahlung möglich: fünf mal 100 Euro oder 20 mal 25 Euro zum Beispiel. Erlaubt waren höchstens zehn Aktien pro Person, denn niemand sollte die anderen übervorteilen können, wenn es zukünftig nun per Aktionärsbeschluss darum geht, den Stadionnamen zu ändern (geht nur mit Zweidrittelmehrheit) oder Catering- und Sponsorenrechte zu veräußern. „Wir nennen das, was es in unserm Stadion gibt ‚Fußball pur’“, erläutert Präsident Zingler: „Bei uns wird ein Eckball nicht von irgendwem gesponsort. Während des Spiels gibt es keinen Werbeblock. Nichts lenkt von der besonderen Atmosphäre im Stadion ab.“

Liebe in der Hauptstadt: Die Fans der „Eisernen“ zeichnen sich durch besondere Treue zu ihrem Verein aus.
Besonders deutlich wird das jedes Jahr am 23. Dezember. Und zwar besonders „besonders“: Einen Tag vor Weihnachten ist immer Winterpause in den deutschen Ligen, es findet nie ein Spiel statt – und doch ziehen am Vortag von Heiligabend Tausende in Rot und Weiß gewandete Männer und Frauen, Jungen, Mädchen, Omas und Opas in die „Alte Försterei“ – und singen Weihnachtslieder. Im vergangenen Jahr waren es 18.000. Es gibt Glühwein, ein Pfarrer spricht, ein Kinderchor singt auch.
Angefangen hat diese Tradition mal als „illegales“ Weihnachtssingen: Am 23. Dezember 2003 kletterten 89 „Eiserne“ über die Gitter in die „Alte Försterei“ und sangen im Stadion „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Statt die „Eindringlinge“ zu bestrafen, machte der Verein aus der Aktion eine Tradition – mit ungeahnten Folgen: 2009 berichtete sogar die 20-Uhr-Tagesschau live vom Weihnachtsingen des vielleicht ungewöhnlichsten deutschen Zweitligisten.
Als der Stadionsprecher die Union-Fans damals über die Fernsehausstrahlung zur Primetime im Ersten informierte, hallte es nur Sekunden später von den Rängen: „Siehst Du, Hertha, so wird das gemacht!“ Am Ende der besagten Spielzeit 2009/10 stieg der große Stadtkonkurrent aus dem Westen aus der ersten Bundesliga ab – und Union in der Sympathie der Berliner weiter nach oben. Tendenz: steigend.
Da klingt die erste Textzeile der Union-Hymne von Nina Hagen nahezu wie eine Prophezeiung: „Wir aus dem Osten gehen immer nach vorn!“ Und mittlerweile folgen auch immer mehr aus dem Westen – von auswärts Zugezogene, Studenten und typische Berliner Lebenskünstler. Der Verein zieht nach wie vor die kleinen Leute an und gibt Ostbiografien eine Konstante, die sie durchs Leben führt. Aber mehr und mehr machen auch hippe Szenemenschen keinen Hehl daraus, dass sie dem Charme der „Köpenicker“ erlegen sind. Und das Erstaunliche ist: Die Melange funktioniert. Der Vereinsaufkleber der „Eisernen“ ziert heute nicht nur Autoheckscheiben in Köpenick, Pankow oder Lichtenberg, sondern auch WG-Kühlschränke in Kreuzberg und Schöneberg oder die bei den viel zitierten Latte macchiato trinkenden Kreativen angesagten Moleskine-Notizbücher im mehr und mehr gentrifizierten Neukölln. Ihr Herz haben sie bereits an Union verloren, der Verein hat 7.500 Mitglieder.
Aber das mit der Leber und den Schnäpsen muss noch aufgeklärt werden: Im Wirtshaus „Zur Traube“ wird an jedem Zweitliga-Spieltag die Partie der „Eisernen“ im Fernsehen übertragen – und für jedes Union-Tor gibt es für jeden Gast einen Schnaps aufs Haus. Im vergangenen Jahr waren das 55. „Hart sind die Zeiten, und hart ist das Team“, stellt Nina Hagen in der Hymne von Union eben nicht nüchtern fest, sondern leidenschaftlich.
In der vergangenen Spielzeit reichten 55 Schnäpse für 48 Punkte für Union Berlin und Rang sieben in Liga zwei. Die Stammgäste im Gasthaus „Zur Traube“ in Neukölln sind guter Hoffnung: Die kommende Saison wird wieder an Herz und Leber gehen.
Mark Diening

