Nachhilfe in Sachen Genuss
Nahrungsaufnahme sollte mehr sein, als die tägliche Pflicht, den knurrenden Magen zu füllen. Unzählige Geschmackserlebnisse und Gaumenkitzler machen Essen zum wahren Genuss. Doch nur wer das Gute vom Schlechten trennen kann, lernt richtig zu genießen.
Guten Genuss wünsche ich…“, so verabschiedete mich Herr Jösch von Zigarren-Jösch immer, als er noch selber seinen Zigarrenhandel am Saarbrücker Rathaus betrieb. Das ist schon ein paar Jahre her. Aber es hat mich immer wieder gefreut, eine so positive Botschaft mit auf den Weg nach draußen zu bekommen. Ich habe als Kind schon genießen gelernt. Spätestens mit 14, als ich meine Ferien immer bei „meiner“ Pariser Familie verbracht habe. Aber eigentlich schon früher, denn meine Mutter sorgte immer dafür, dass es bei uns zuhause genussvoll zuging. Das werde ich auch nie vergessen.
Vor Kurzem, genauer am 23. Mai., stieß ich auf einen sehr interessanten Artikel im Magazin „Markenartikel“. Die Überschrift lautete: „Die Unfähigkeit zu genießen“. In einer Untersuchung im Auftrag der Firmen Diageo und Pernod Ricard in einer Kombination aus tiefenpsychologischer und repräsentativer Befragung hatte ein Sozialforschungsunternehmen die ‚Genuss-DNA‘ entschlüsselt. Die erste Feststellung ließ mich aufhorchen: „Für 91 Prozent der Menschen in Deutschland macht Genuss demnach das Leben erst lebenswert. Niemals waren die Genussangebote so vielfältig wie heute. Theoretisch könnten wir immer und überall genießen.“
Das war mir neu. Meine Beobachtungen, vielleicht nicht repräsentativ, aber immerhin über einen langen Zeitraum, fast 40 Jahre, sind andere. Ich hatte auch noch die Sätze von Deutschlands Gastropapst, Wolfram Siebeck, die er vor ein paar Wochen der „Süddeutschen Zeitung“ diktierte, in Erinnerung: „Der Restaurantkritiker Wolfram Siebeck (83) hält die Deutschen für genügsam und reklamegläubig. Sie glauben ja, dass alles lecker ist“, urteilte er in seiner gnadenlose Manier.

Gastro-Papst und gefürchteter Kritiker: Wolfram Siebeck.
Ich habe mich ja auch an dieser Stelle schon öfters darüber beschwert, dass viele Menschen den Unterschied zwischen etwa einem Lachs und so etwas ähnlichem, was nach deutschem Lebensmittelrecht auch so genannt werden darf, nicht wirklich schmecken. Natürlich beobachte ich, dass Menschen, die nie viel kochten, plötzlich viele Kochbücher ihrer Kochstars aus dem Fernsehen kaufen. Dann nach Hause gehen, die verschiedenen, meist gruseligen Kochshows anstellen, während die Fertigpizza aus dem Discounter die Mikrowelle belästigt. Das ist auch deutsche Realität. Okay, jetzt gibt es eine neue Untersuchung, im Auftrag zweier renommierter Firmen, die Neues belegen. Kenne ich die falschen Leute? Kann sein. Aber die nächsten Zeilen ließen an Deutlichkeit keine weiteren Fragen für mich offen. In der Studie heißt es weiter: „Aber die Realität sieht anders aus: 46 Prozent der Menschen in Deutschland haben den Eindruck, dass es ihnen im stressigen Alltag immer seltener gelingt, wirklich etwas zu genießen. Unter den 18 bis 39-Jährigen geben sogar 55 Prozent der Befragten an, immer seltener genießen zu können.“
Und es kommt noch dicker. „Die Menschen haben ganz offensichtlich die Fähigkeit verloren, sich aktiv und bewusst gehenzulassen. 51 Prozent der Befragten fällt es oft schwer, einmal loszulassen. Aber die psychologische Untersuchung zeigte auch, wie sehr sich die Menschen nach Loslassen sehnen.“
Ich erinnerte mich an eine Autofahrt mit einem sehr erfolgreichen Menschen. Nach einem hammerharten Tag bestellte er zu Hause über Autotelefon Pellkartoffeln mit Quark. Ich weiß nicht, ob ihm das sein „Fitnesscoach“, wie das nun ja Neudeutsch heißt, vorschrieb, oder ob es andere Gründe hatte. An seiner Frau liegt es nicht, ich weiß, dass sie eine wundervolle Köchin ist.
Ich schaue nochmals in Siebecks Artikel, denn der polterte in der „Süddeutschen“ weiter: „Wenn ich im Fernsehen einen Spot sehe, egal für wen, da sind immer zwei blonde Kinder, ein niedlicher Hund und junge hübsche Eltern im Eigenheim dabei. Ob die Kartoffelchips ins heiße Wasser schmeißen oder Nudelsuppe – es ist Werbung für Schund, der angeblich glücklich macht. Wenn man sich bei Nudelsuppe bescheißen lässt, dann wählt man auch die falsche Partei, dann ist man einfach prädestiniert, ein dummer Konsument zu sein.“

In der asiatischen Küche muss das gesamte Ambiente stimmen, nicht nur das Essen selbst.
Recht hat er. Morgens gehen sie joggen, mittags essen sie Schund in all den überflüssigen Kantinen. Ein gesundes Leben sieht wohl anders aus. Werden wir mal theoretisch. Die „Maslowsche Bedürfnishierachie“ ist eine sozialpsychologische Theorie des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow. Darin versucht er zu ergründen, was unsere Urbedürfnisse sind und warum wir auch noch andere Motivationen haben. Holen wir uns daraus einen ganz kleinen Aspekt heraus: Körperliche Liebe und Essen. Essen und körperliche Liebe sind beides körperliche Grundbedürfnisse und auf der sogenannten „Maslowschen Bedürfnispyramide“ auf der gleichen Stufe angesiedelt. Bei beiden Aktivitäten kann man viel über den eigenen Körper (und den des anderen) erfahren, das bewusste und intensive Genießen trainieren, und man balanciert in beiden Fällen häufig im Spannungsfeld zwischen „ich sollte eigentlich“ und „ich möchte aber lieber“ entlang. Bei beiden Aktivitäten zeigt sich auch schnell, ob die Partner gemeinsam genießen können…
Nur, während die Menschheit bei dem einen Thema nie auf die Idee käme, im Supermarkt oder Discounter mit dem Billigsten ihr Glück zu finden, scheint es viele Menschen zu geben, die bei dem anderen Thema ihr Glück mit dem Schlechtesten und Billigsten befriedigen können. Obwohl beide Triebe auf einer Stufe stehen und Urtriebe der Menschen sind. Das soll mir mal einer erklären.
Heute Mittag war ich in dem Saarbrücker Restaurant „Krua Thai“ in der Mainzer Straße. Ein Restaurant, welches ich seit Jahren schätze. Früher hat mich die Mutter mit außergewöhnlichen Spezialitäten verwöhnt, bevor die Tochter den Laden übernahm und uns diese Küchenkultur genau so herzlich, demütig und wunderbar präsentierte. Da wird Genuss noch umfangreicher dargeboten, als es in Europa üblich ist. Es ist ein wundervoller Genuss, in Demut diese herrlichen Viktualien, die dieser Planet uns bietet, mit großen Blumenarrangements, heißen Tüchern und beruhigender Musik genießen zu können. Mein Buchtipp dazu: Thai Food von David Thompson aus dem Heyne-Verlag.
Das Glück kommt nicht vom billigsten Produkt im Regal
Auf dieses Buch kam ich durch eine Freundin aus London, Supanika – es ist so schön das Wort Panik im Vornamen tragen zu dürfen – die mir während einer Kommunikation über Essen bei „Käptn´s Dinner“ via Facebook erklärte: „Rolf, für eine Thai genügt es nicht, etwas Gutes zu kochen. Da muss der Wohlfühlfaktor, das Ambiente, die Präsentation und vieles mehr stimmen!“ Das ist wahrer Genuss. Was sagt die Studie noch so alles über unser Leben in Deutschland? Was ist eigentlich Genuss? Was sind die zentralen Elemente, was ist die psychologische DNA von Genuss? Oberflächlich betrachtet wird Genuss mit Themen wie Essen, Trinken, Natur oder Urlaub in Verbindung gebracht. Bei genauerer Analyse entdeckt man aber schnell, dass diese vordergründigen Themen nicht ausreichen, das Thema Genuss zu erklären. „Genuss setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen und ist dabei mehr als die Summe seiner Teile“, so Ines Imdahl, Geschäftsführerin des Marktforschungsunternehmens Rheingold-Salon, „bewusste Vorbereitung, Loslassen-Können sowie ein Überraschungsmoment und ein ganzheitliches Gefühl sind die unabdingbaren Elemente des Genusses.“
Hoffnung macht sich breit, Genuss scheint also lernbar zu sein.
Rolf Klöckner ist Ehrenmitglied des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Entscheidend für die Ernennung waren seine langjährigen und erfolgreichen Bemühungen, Kindern das Kochen als grundlegende Kulturtechnik zu vermitteln.

Was ist denn eigentlich Genuss? Austern, Kaviar, Champagner? Oder mein Spiegelei, an dem ich jahrelang gearbeitet habe und das jetzt für mich perfekt ist? Jenseits aller Tipps von Fernsehköchen. Oder womöglich Bratkartoffeln mit Butterbrot? Oder muss es was molekulares sein?
Natürlich genieße ich es wenn ich Biogemüse zubereite und Fleisch aus artgerechter Haltung. Und niemals wieder werde ich ein Käfighuhn kaufen. Aber habe ich deshalb mehr Genuss als andere die Tütensuppen und Dosenravioli essen? Genießen die ihr Essen nicht auch?
Habe ich nicht genug Kopfschütteln geerntet wenn ich Wurst, Schinken und Käse mache? Von Leuten, die dann mit größtem Genuss ihren Strammen Max mit aufgespritztem Formschinken, Schmelzkäse und einer Cocktailkirsche in der Dosenananas essen. Die genießen auch. Halt anders.
Ich glaube sogar, wir leben heute in der besten aller Zeiten was den Genuss angeht. Wer möchte kann sein Steak vom Simmentaler Rind haben oder ein Bœuf bourguignon oder ein molekulares Nichts auf dem Teller. Aber wer es mag, der kann sich auch mit Hilfe von Fixprodukten und TK-Pizza ernähren. Und deswegen von seinem Standpunkt aus nicht weniger genießen.
Lieber Manfred,
das ist mal ein sinnvoller Text. Genuss ist ganzheitlich und sollte von Jedem für sich entschieden werden … aber es gibt eben auch diese LebensmittelLobby, die uns vorgauckeln möchte, dass sie Genuss verkaufen und “Gutes” tun und genau da ist der Ansatz!
Genuss ohne Dogma, aber bitte schön auch Lebensmittel ohne Pfusch und Lug + Trug!
Als SlowFoodMitglied halte ich meine Fahne hoch für gut – sauber + fair und zwar für ALLE Bereiche!
Und gutes Essen ist nicht elitär und auch nicht teuer … regional und vom Feld auf den Tisch ..
In diesem Sinne … Genuss pur … mich leitet das Produkt!
Diesen Satz von Siebeck, daß die Deutschen reklamegläubig seien und glauben, daß alles lecker sei…kann ich nur unterstreichen. Wenn ich sehe, was sich vor allem die selbst ernannten “Genießer” alles kritik- und ahnungslos unterjubeln lassen, wie sich alle stets auf die neueste, von der verkaufssüchtigen Nahrungsmittelindustrie promovierte (Gastronomie)Welle stürzen, wenn ich so lächerliche Bezeichnungen wie Retro-Gemüse und Baby-Auberginen lese, wenn ich lese, daß sie beim Kauf eines Stücks iberischen Schweins glauben, sie hätten das Fleisch eines Tieres erhalten, das im Freien lebt und nur Eicheln futtert, dann kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß sogenannte Genießer in Deutschland vor lauter Anstregung, das Produkt zu ergattern und so modisch zuzubereiten, wie es gerade IN ist, kaum zum Genießen kommen. Jemand, der sich eine Fertigpizza zubereitet und die dann gemütlich verspeist, kann u.U. wirklich ein Genießer sein….
Geschmack ist individuell, Genuss ist es ebenso. Genuss für mich ist z.B. eine Kombination von Ambiente, Entspannung, einem guten Essen und einem guten Glas Wein.
Ich möchte den Genuss nicht an irgend welchen Parametern festzurren, wie es gerne in unserer von Standards und Vorgaben geprägten Gesellschaft versucht wird zu definieren. Ebensowenig lass ich mich dabei von Werbeaussagen über den ja so tollen Geschmack eines Produktes in die Irre leiten.
Für mich ist Genuss auch situationsbedingt. Ich kann im Elsass in einer kleinen Ferme Auberge meinen Flammkuchen mit einem Gläschen Riesling geniessen, mich aber in einem Sternerestaurant unwohl fühlen.
Geniessen kann man lernen, aber das hat neben der Qualität der Speisen auch mit der eigenen Einstellung und mit der eigenen Fähigkeit zur Entschleunigung zu tun. Hier ist es wichtig, sich die Zeit zu nehmen um das Essen zu zelibrieren, es zu geniessen.
Auf der anderen Seite bedeutet Genuss auch für mich der bewusste Umgang mit Lebensmitteln. Geniesserisch (mental) kann ich mich eher auf ein Qualitätsprodukt, z.B. ein Stück Fleisch aus artgerechter Haltung einlassen, als auf ein Stück Fleisch aus Massentierhaltung.
So werde ich heute Abend, zu Hause, mir ein elsässisches Bauernomelette zubereiten und dazu ein Gläschen Edelzwicker aus dem Elsass trinken und alles zusammen in Ruhe geniessen, bevor ich mich an meine Buchhaltung mache.
…wer nicht genießt, wird ungenießbar…. schon oft gebraucht, aber eben auch mein wahlspruch.
genießen hat viel, aber nicht immer nur, mit essen zu tun. genießen ist eine lebenseinstellung und eine frage des richtigen tempos, egal wobei.
Genuss ist ganzheitlich. Da halte ich es mit Freundin Supanika. Und auf Genuss muss man sich einlassen können. Mir nutzt das edelste Fleischteil nichts, wenn es zwar gut zubereitet, aber dann von irgendwem nebenbei “reingefressen” wird. Gutes Essen und Genuss sollten immer ein wenig zelebriert werden, damit es auch wirklich ein Genuss wird. Das Bewusstmachen, was ich auf dem Teller hab, mit welcher Liebe das Produkt hergestellt und vielleicht von einem lieben Menschen (oder einem großen Koch…egal) zubereitet wurde, nette Gesellschaft am schön gedeckten Tisch…sich einfach in den Genuss fallenzulassen, das ist das besondere. Und es ist oft gar nicht so schwer, sich das zu gönnen. Für mich kann auch eine gute Pellkartoffel mit einem Stich frischer Butter und etwas fleur de sel ein absoluter Hochgenuss sein