Goldenes Jubiläum
Goldenes Jubiläum
9. Januar 2015

Bis heute ist „Goldfinger“ einer der beliebtesten Filme der James-Bond-Reihe. Er löste eine weltweite Bond-Manie aus, von der die Produzenten noch heute zehren. Für Gert Fröbe war es der internationale Durchbruch, wohingegen die Karrieren seiner weiblichen Co-Stars weitgehend im Sande verliefen. Vor 50 Jahren feierte der Film seine Deutschlandpremiere.

Der dicke Mann war zunächst etwas skeptisch. Ob das wirklich die richtige Rolle für ihn wäre? Seine Frau Beate hatte auf Anhieb erkannt, welches Potenzial in dieser James-Bond-Reihe steckte. „Das ist die größte Chance deines Lebens“, hatte sie gesagt. Zuvor war Gert Fröbe nach London gereist, um bei den Filmproduzenten Harry Saltzman und Albert R. Broccoli vorzusprechen. Es ging um die Besetzung der Titelrolle des dritten Films der Reihe, „Goldfinger“, nach dem Roman von Ian Fleming.

Die Rolle Seines Lebens

Saltzman hatte sich an diesen fiesen Deutschen erinnert, den er 1958 in der Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ in der Rolle eines Kindermörders gesehen hatte. Man zeigte Fröbe die ersten beiden Bondfilme, aber eigentlich war ihm das alles fast zu blutig. Außerdem: Er als Deutscher solle einen Größenwahnsinnigen spielen, der einen Massenmord mittels Giftgas plant, kaum 20 Jahre nach Kriegsende? Dennoch hörte er auf den Rat seiner Frau und kam so zu der Rolle seines Lebens.


Ein Problem gab es aber: Fröbe sprach zwar Englisch, aber nicht sonderlich gut – und vor allen Dingen viel zu langsam. Die Lösung dafür war zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich: In der englischen Version des Filmes wurde er von dem Schauspieler Michael Collins synchronisiert. Das wurde damals häufig gemacht, auch bei englischsprachigen Schauspielern, wenn Stimme oder Akzent unpassend erschienen. Das „Golden Girl“ des Films Shirley Eaton war berüchtigt für ihren starken Cockney-Akzent. Sie wurde von der gebürtigen Deutschen Nikki van der Zyl nachsynchronisiert.

Van der Zyl, Tochter eines Berliner Rabbiners, war mit ihrer Familie vor den Nazis nach England geflohen und hatte sich im Laufe der Jahre für derlei Aufgaben einen Namen gemacht. In „Dr. No“ (1962) hatte sie ihre Stimme sowohl Ursula Andress als auch Eunice Gayson geliehen, in „Feuerball“ (1965) sprang sie für Claudine Auger in die Bresche. Bei „Goldfinger“ fungierte sie zusätzlich als Sprechtrainerin für Gert Fröbe, damit dieser zumindest die Mundbewegungen im richtigen Tempo hinbekam. Das große Geld hat sie damit nie verdient, in den Abspännen der Filme wurde sie nie erwähnt, und die betreffenden Damen reagieren meist immer noch äußerst pikiert, wenn sie darauf angesprochen werden. Dennoch ist Nikki van der Zyl bis heute stolz auf ihren Beitrag zur Filmhistorie.

Ein anderes Problem war ein Logikfehler in Flemings Romanvorlage. Denn dort versucht Auric Goldfinger tatsächlich, den Goldvorrat aus Fort Knox zu stehlen. Findige Leser aber rechneten aus, dass der Abtransport des Goldes mindestens zwei Wochen dauern würde. Drehbuchautor Richard Maibaum machte aus der Not eine Tugend: Im Film gibt Bond selbst den Schlauberger, der Goldfinger die scheinbare Undurchführbarkeit seines Plans vorrechnet. Daraufhin erklärt dieser, er wolle das Gold gar nicht stehlen, sondern lediglich radioaktiv verseuchen, um so den Wert seines eigenen Goldes um ein Vielfaches zu steigern.

Und auch die berühmteste Szene des Filmes ist im Original etwas anders: Im Roman droht Goldfinger nicht etwa, Bond mit einem Laserstrahl zu zerschneiden („Erwarten Sie von mir, dass ich rede?“ – „Nein, ich erwarte von Ihnen, dass sie sterben!“), sondern greift auf die klassische Methode mit der Kreissäge zurück. Das war den Produzenten dann aber doch zu altbacken. Getreu Albert R. Broccolis Credo, die Bondfilme müssten ihrer Zeit immer einen Schritt voraus sein, musste der riesige Laser her, obwohl ein derartiges Gerät damals nicht einmal ansatzweise existierte.

Der Aston Martin wurde Legende

„Und dieser interessante Wagen, den Sie da fahren…“, spottet Goldfinger, nachdem er Bond gefangen hat. Natürlich spricht er vom Aston Martin DB5 mit den eingebauten Gimmicks, ein Gemeinschaftswerk von Regisseur Guy Hamilton, Produktionsdesigner Ken Adam und Stuntkoordinator John Stears. Ausgerüstet mit drehbaren Nummernschildern, einem Radarsystem, Maschinengewehren, Reifenschlitzern, Kugelfang, Ölsprüher, Nebelmaschine und natürlich dem Schleudersitz war der Wagen eine Sensation und wurde zur Legende. Später baute man für „Feuerball“ zusätzlich noch einen Wasserwerfer ein. Eines der Original-Filmautos wurde 2010 für 4,6 Millionen Dollar versteigert, bis heute gibt es unzählige Miniaturmodelle des Fahrzeugs unterschiedlicher Qualität auf dem Markt, die sich nach wie vor glänzend verkaufen.

Weniger Glück mit dem nachfolgenden Ruhm hatten die Darstellerinnen des Films. Honor Blackman alias Pussy Galore war vorher bereits in England ein TV-Star gewesen, unter anderem als Vorgängerin von Diana Rigg in der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“. Wirklich lukrative Angebote blieben später aus, doch auch heute noch übernimmt sie hin und wieder kleine TV-Rollen – trotz ihres Alters von inzwischen fast 90 Jahren. Tanja Mallet war eigentlich Fotomodell. Sie spielte die Rolle der Tilly Masterson, die zuerst von Bond mittels Reifenschlitzer gestoppt wird und später den Tod durch die stahlgeränderte Melone von Goldfingers Handlanger OddJob findet. Es blieb ihre einzige Filmrolle. Shirley Eaton, weltberühmt geworden wegen ihres Filmtodes durch Vergoldung, hielt sich zeitweise noch mit kleinen Rollen in diversen Horrorfilmen über Wasser, doch ihre Filmkarriere endete bereits 1969.

Mehr Glück hatte eine andere Dame: Shirley Bassey, die Sängerin des Titelsongs. Die Waliserin hatte zwar zuvor schon einige kleinere Hits gehabt, war aber außerhalb Großbritanniens kaum bekannt. Das änderte sich mit „Goldfinger“ schlagartig, es war der Auftakt für eine Weltkarriere. Später sollte sie noch für zwei weitere Bondfilme, „Diamantenfieber“ (1971) und „Moonraker“ (1979), das Titellied singen. 1999 wurde sie für ihre lang andauernde Karriere und ihre besondere Wertschätzung durch die königliche Familie von der Queen geadelt.

Waren die beiden ersten Filme der Reihe durchaus ansehnliche Erfolge gewesen, so war „Goldfinger“ der Beginn des großen Bond-Booms der 60er-Jahre. Der Film wurde zur Blaupause des Agentenfilms, irrsinnige Schurken mit wahnwitzigen Plänen gehören immer noch zum Standard-Repertoire des Genres, ebenso wie fantastische Fahrzeuge mit unglaublichen Fähigkeiten. „Goldfinger“ war der erste Bondfilm, der einen Oscar bekam (Norman Wanstall für den besten Tonschnitt), und er spielte seine Produktionskosten von drei Millionen Dollar innerhalb von zwei Wochen wieder ein – Weltrekord für die damalige Zeit. Ian Fleming erlebte den Sensationserfolg seiner Schöpfung jedoch nicht mehr. Zwar hatte er im Frühjahr 1964 noch die Dreharbeiten besucht, erlag jedoch im August des Jahres einem Herzinfarkt.

Fleming Starb kurz vor der Premiere

Bei der Premiere in London im September 1965 kam es zu einem solchen Andrang an Schaulustigen, dass eine Schaufensterscheibe des Kinos zerbarst. Glücklicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt. In New York mussten die Kinos rund um die Uhr geöffnet bleiben, um den Zuschaueransturm bewältigen zu können. Der Legende nach habe irgendwann das Popcorn knöchelhoch in den Gängen gelegen. Die Deutschlandpremiere war dagegen eher eine geruhsame Veranstaltung. Sie fand am 14. Januar 1965 in Köln statt – natürlich in Anwesenheit von Gert Fröbe, mit einem Aston Martin und einem Spalier ganz in Gold gekleideter junger Damen. Am 26. Januar folgte dann der bundesweite Kinostart, und die Bond-Manie war auch in Deutschland nicht mehr aufzuhalten. Insgesamt sahen damals etwa fünf Millionen Deutsche den Film in den Kinos.

Auch in Israel war der Film zunächst ein großer Erfolg. Doch dann bekannte Gert Fröbe in einem Interview allzu freimütig, dass auch er einmal NSDAP-Mitglied gewesen sei. Als 16-Jähriger war er, geblendet von falschen Versprechungen, 1929 eingetreten, seine Mutter hatte die Beiträge bezahlt. 1937 war er wieder ausgetreten. Die britische Boulevardpresse machte daraus die reißerische Schlagzeile „Natürlich war ich ein Nazi!“ Es entstand eine Kontroverse, für acht Wochen kamen „Goldfinger“ und alle anderen Fröbe-Filme in Israel auf den Index. Bis sich schließlich eine jüdische Familie meldete und berichtete, Fröbe habe sie in Wien versteckt und versorgt, selbst als er noch Parteimitglied gewesen war.

Kontroverse um Fröbe in Israel

Fröbe spielte den Schurken so überzeugend, dass es 1971 sogar Pläne gab, „Goldfinger“ in „Diamantenfieber“ als dessen ebenso bösen Zwillingsbruder wieder auferstehen zu lassen, doch die Idee wurde wieder verworfen. Gert Fröbe starb 1988 nach einer langen und glanzvollen Karriere in Hamburg. Die Welt kennt ihn meist nur als den bösen Mister Goldfinger. Hierzulande hat man das Glück, ihn auch als großartigen Komödianten zu kennen.

 Heiko Baumann

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