Mehr als nur ein Zwischen-Stopp
Mehr als nur ein Zwischen-Stopp
15. April 2013

Längst ist Singapur nicht mehr nur ein beliebtes Zwischenziel, um nach Bali oder Australien weiterzufliegen. Die lebhafte, kontrastreiche Hafenmetropole hat viele Vorzüge und Annehmlichkeiten, die nur wenige Weltstädte bieten, zumal sie sehr sicher und sauber ist.

Ungefähr 14 Stunden Flugzeit sind es von Düsseldorf oder Frankfurt in den asiatischen Stadtstaat Singapur. Ein Mann streckt im Flugzeug seine Beine aus. Die meisten Airlines bieten ein Zahnputz-Set, sodass es den einen oder anderen noch mal auf die Toilette zieht. Angekommen. Der Jetlag macht sich durch die sieben Stunden Zeitunterschied kaum bemerkbar, denn der klimatisierte Flughafen beeindruckt mit einer vergleichbaren Fünf-Sterne-Ausstattung: 4D-Kino, Schwimmbad, Fitnessstudio, Spa-Bereich und noch vieles mehr. Die Flughafenhalle wirkt penibel sauber. Der Teppich weist keinerlei Flecken auf, als ob der Flughafen gerade eröffnet worden wäre. Wie machen die Singapurer das nur?

Gaumenfreuden: Reisnudeln mit frischem Thaibasilikum sollte jeder probiert haben.

 

Die Ordnungsliebe zeigt sich auch beim Sicherheitscheck. „Reisepass und Flugticket, bitte! Wo halten Sie sich in Singapur auf?“, fragt der Sicherheitsbeamte. Man möchte sichergehen, dass sich niemand illegal in der Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole einnistet. Das Handgepäck wird durchsucht. „Kaugummis sind verboten“, sagt der Mann in der Uniform. Kaugummis sind nur auf Rezept in der Apotheke erhältlich. Viele Regeln bestimmen den Alltag. Für das Ausspucken eines Kaugummis auf der Straße, Essen oder Trinken in der
U-Bahn MRT (Mass Rapid Transit) wird eine Geldstrafe von 500 Singapur Dollar (SGD) (etwa 321 Euro) verhängt. Das betrifft auch die beliebte Stinkfrucht Durian, die in den öffentlichen Verkehrsmitteln verboten ist. Allerdings ist diese Frucht, die wie alter Käse riecht, verbreitetes Kulturgut. Von einer Strafe wird daher abgesehen. Vor bösen Blicken im Bus oder in der MRT ist man dennoch nicht gefeit.

Nachdem das Sicherheitspersonal die Mitbringsel gefilzt hat, erleidet man beim Verlassen des Flughafens fast einen Hitzeschock. Jetzt wird klar, warum jeder vom tropischen Stadtstaat spricht. Die Hitze-Attacke überrascht auch eine blonde Frau: „Ist das heiß! Ich glaube, mir hält jemand einen Föhn entgegen!“ Ein Amerikaner bleibt wie versteinert stehen: „Ich laufe gegen eine heiße Wand!“ Das Flughafengebäude ist wie alle anderen öffentlichen Räumlichkeiten, also Restaurants, Shopping-Zentren und Hotels, in Singapur eisig klimatisiert, sodass der Temperaturunterschied enorm sein kann.

Singapur hat mit seinem tropisch heißen Regenwaldklima das ganze Jahr über konstante Temperaturen von 30 bis 34 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit von mindestens 90 Prozent. Die Nachttemperaturen gehen gering auf 23 bis 27 Grad zurück. Kurze Zeit später wechselt das Klima schlagartig. Die Wolken verdichten sich, der Himmel ist pechschwarz und es prasselt sintflutartiger Regen. Es donnert, blitzt und die Menschen versuchen, sich irgendwo unterzustellen. Für Touristen ist diese Laune der Natur ein Spektakel – ein Pärchen aus Neuseeland lacht: „Es fühlt sich an, als ob dir jemand einen Eimer voller Wasser überschüttet.“ Binnen kurzer Zeit ist tatsächlich alles überschwemmt.

Die täglichen unvermittelten, kurzen Monsun-Regenfälle mit teilweise schweren Gewittern sind sehr typisch für die Stadt Singapur. Früher galt die Trockenzeit von März bis Oktober und in den Wintermonaten die Regenzeit. Diese Theorie hat der Klimawandel mittlerweile überholt, sodass die Empfehlung auf eine spezielle Reisezeit entfällt. Nichtsdestotrotz sind wegen der frostigen Klimatisierung und der heftigen Regengüsse, ein Schirm sowie eine dicke Strickjacke ratsam. Manche Singapurer laufen auch mit den angesagten Moonboots herum.

Die Statue des Merlion ist das Wahrzeichen Singapurs, ein Mix aus Meerjungfrau und Löwe.

Bei der Entdeckung Singapurs empfiehlt sich das sehr gut ausgebaute und für seine Verhältnisse preiswerte Personennahverkehrssystem. Mit der U-Bahn und den Bussen gelangt man in kurzer Zeit von A nach B. Jedoch gibt es keine festen Fahrpläne. Für den strukturierten, pünktlichen Deutschen ist das etwas gewöhnungsbedürftig. Aber auch eine Inderin aus London, die für den TV-Sender National Geographic arbeitet, wie sie erzählt, fragt sich: „Wann kommt der Bus 956? Weiß keiner, wann welcher Bus fährt?“ Tatsächlich ist davon auszugehen, dass die Busse ungefähr alle zehn Minuten fahren und die MRT alle zwei bis fünf Minuten.

Wer jedoch nach dem Weg oder einer Haltestation fragt, darf nicht mit einem freundlichen oder hilfsbereiten Busfahrer rechnen. Ein schnippisches „I don’t know. I can’t tell you!“ ist gängig und wohl darauf zurückzuführen, dass die meisten Busfahrer als Einwanderer der englischen Sprache nicht mächtig sind. Bei Barzahlung geben die Busfahrer in der Regel kein Wechselgeld raus, daher ist es ratsam, sich in der MRT-Station eine EZ-link-Karte für die bargeldlose Buchung zu kaufen. Die EZ-link-Karte kann man jederzeit wieder aufladen.

Das Wort Singapur bedeutet übersetzt „Löwenstadt“ und kommt aus dem Sanskrit. Belustigt lacht ein Tourist mit Strohhut: „Singapur soll die Löwenstadt sein, hat aber als Wahrzeichen einen halben Löwen mit Fischschwanz.“ Ein Löwe mit Flosse? Vor dem Fullerton Hotel in dem hippen und glamouröses Hafenstadtteil Marina Bay, steht das Wahrzeichen Singapurs, der Merlion, dessen skurrile Gestalt aus einer Sage hervorgeht. Der Hafen der Marina Bay ist ein absoluter Publikumsmagnet. Nirgendwo in Singapur machen so viele Touristen Fotos. Auf der einen Seite der Merlion, auf der anderen das berühmte Bauwerk Marina Bay Sands, das schon durch das Formel 1-Nachtrennen bekannt ist. Dieses imposante Objekt besteht aus drei Gebäuden, die rund 200 Meter in die Höhe ragen. Für
20 SGD (ungefähr 13 Euro) geht es mit dem Fahrstuhl in die 55. Etage in den legendären Skypark, die futuristische Nachempfindung eines Schiffs. Hotelgäste des Marina Bay Sands genießen den eindrucksvollen Ausblick auf die Stadt in einem extravaganten Infinity Pool (Endlos-Schwimmbecken). „Der Ausblick ist wie in New York“, kommentiert ein japanischer Tourist, der wie wild Fotos schießt. In den Abendstunden beeindruckt die Illumination der Skyline, welche tatsächlich ein wenig an New York erinnert.

Von der Aussichtsplattform aus erblickt man die ungewöhnliche Architektur des ArtScience Museums, das Wissenschaft und Kunst miteinander vereint. „Das sieht aus wie eine Hand“, ruft ein kleines Mädchen. „Nein, das ist eine Blume“, widerspricht ihr der nebenstehende Junge. „Ein Ufo“, sagt ein weiteres Kind. Tatsächlich hat es die Form einer Lotusblüte, auf die nachts manchmal eine eindrucksvolle Lasershow projiziert wird. Doch Singapur bietet noch viel mehr als Glamour, imposante Bauwerke und die Formel 1.

Singapur ist ein Land, das verschiedene Kulturen und Religionen miteinander vereint. Im Stadtteil Little India duftet es exotisch nach herrlichen Räucherstäbchen, Gewürzen und indischer Küche. Frauen in Sari und Männer mit Turbanen und in dem typischen Beinkleid Lunghi genießen die leckere, vegetarische Küche bei Ananda Bhavan oder Komala. Obwohl Singapur sonst ein sehr systematisches Land ist, erinnern Little India und vor allem seine Restaurants an das sehr chaotische Indien. Nicht wundern, wenn die Toiletten sich, wie zum Beispiel bei Komala, in der Küche befinden. Ein Gast schaut in die Küche und möchte nicht so richtig glauben, dass sich hier die Toilette befindet: „Entschuldigung, ähm, wo finde ich denn das WC?“ Die drei Köche fangen an zu lachen und amüsieren sich himmlisch: „Du musst einmal quer durch unsere Küche. Die Toilette ist in der Ecke.“ Der Gast geht etwas verstört in das Gemach der indischen Kochkünstler, um seinen menschlichen Bedürfnissen nachzugehen. Aber keine Sorge, die Hygienestandards in Singapur sind sehr hoch und die meisten Gäste tragen es mit Humor.

Mit der MRT kommt man nur ein paar Stationen weiter den chinesischen Ursprüngen im Chinatowns Heritage Centre auf die Spur. Chinatown ist nicht nur mit seiner einmaligen Architektur einen Besuch wert, sondern auch wegen der typischen, bonbonfarbenen Geschäfte und deren Besitzern. Jeder zweite chinesische Kaufmann hat das zwingende Bedürfnis, Touristen eine winkende Glückskatze, eine Fußreflexzonenmassage oder das „beste Essen“ der Stadt

anzudrehen.

Traditionelle Bauten sind die eine Seite Singapurs – Wolkenkratzer die andere.

Ein Tipp beim Shopping: Sei der erste Kunde! Chinesen sind sehr abergläubisch. Es heißt: Wenn der erste Kunde nichts kauft, ist der Tag für den Händler von Pech und Verlust begleitet. Daher ist es geschickt, sich das aufdringliche Verkaufsverhalten der Chinesen zum Vorteil zu machen. Ein junger, ausländischer Student scheint dieses zu wissen: „Was kostet die chinesische Gebetsrolle?“ Der Verkäufer antwortet: „Heute ist Special-Offer – ich gebe dir 10 Prozent auf alles.“ Der Student wirkt unbeeindruckt und desinteressiert. Etwas sauer redet der Händler förmlich auf den jungen Mann ein, doch es ändert nichts. Irgendwann kommt ein völlig verärgertes und verzweifeltes: „Ok, auf alles im Laden bekommst du 50 Prozent.“ Gesagt, getan – der Student kauft die Gebetsrolle. Für Händler ist es das Allerwichtigste, dem ersten Kunden etwas zu verkaufen.

Rückzugsmöglichkeiten von Singapurs hektischem Trubel bieten tropische, grüne Oasen. Das MacRitchie Reservoir liegt fernab von den berühmten Shopping-Zentren, der Entertainment-Insel Sentosa oder den halsbrecherischen Taxifahrern. Es ist ein beliebter Ort für Naturfreunde und Sportbegeisterte. Jogger oder Wanderer nutzen den zwölf Hektar großen Dschungel, Familien picknicken hier.

Ein zwölf Kilometer langer Pfad um den See verspricht neben der seltenen Fauna die Beobachtung exotischer Tiere. Viele Affen tummeln sich hier übrigens um die Touristen und einer reißt sogar einem jungen Mädchen die Plastiktüte aus der Hand. Die Kleine ist erschrocken und erheitert zugleich: „Gib mir meine Tüte wieder!“, schreit sie. Doch die muss erst einmal von dem Rudel sorgfältig inspiziert werden. Die Affen haben sich mittlerweile sehr an die Menschen gewöhnt. Deswegen ist es nicht unüblich, dass die dreisten Geschöpfe den Besuchern die Sachen direkt aus der Hand stibitzen. Füttert man sie, lässt der Wunsch nach mehr sie durchaus auch aggressiv werden. Ein Mitarbeiter des MacRitchie Reservoirs empfiehlt: „Lieber gucken als anfassen. Auch bei den Schlangen ist Vorsicht geboten. Keine schnellen Bewegungen! Bleiben sie ruhig und gehen Sie langsam zurück.“

Sie gehören zum Stadtbild dazu: wilde Affen, in diesem Fall Makaken.

Neben der exotischen Tierwelt im MacRitchie bietet das Nachtleben Singapurs eine weitere tierische Erfahrung. Wenn Tagesgäste abends den Zoo verlassen, öffnet bis Mitternacht die Nightsafari und präsentiert das einmalige Erlebnis, nachtaktive Tiere zu beobachten. „Die Erklärungen zu den Tieren sind informativ, aber dennoch nicht langweilig. Für mich der schönste Zoo, den ich je gesehen habe“, sagt eine Frau im Blümchenkleid. Dann lacht sie und fügt hinzu: „Allerdings nur mit Mückenspray“, und zeigt dabei auf die roten Flecken an ihrem Bein.

Wer auf Mosquitos keine Lust hat, stürzt sich am besten in das breitgefächerte Nachtleben Singapurs. Nach dem heißen Tropenbesuch wirkt ein kühles Tiger-Bier im „BluJazCafe“ sehr erfrischend. Dazu genießt man kleine Leckereien mit Live-Jazzmusik. Wenn es etwas luxuriöser sein soll, ist die „New Asia Bar“ im
71. Stock des Swissotels ein glamouröser Zielpunkt. Mit Blick auf die Löwenstadt trinkt die Hautevolée Singapurs ihren Cocktail.

Wem der Magen knurrt, der muss sich in Singapur keine Sorgen machen. Neben exquisiten Restaurants findet sich an jeder Ecke ein Food Court oder Hawker Centre mit kulinarischer Küche. Jeder Wohnblock hat mittlerweile ein Hawker Centre, das eine günstigere, aber weniger gemütliche Variante zu den Food Courts darstellt.

Besondere Vorlieben der Singapurer sind neben der Stinkfrucht Durian: Laksa, eine Kokosnuss-Curry-Suppe mit Nudeln und Shrimps oder Hainanese Chicken Rice, Hähnchen mit Duftreis und Chili-Soße. In der Regel werden Hähnchen und Ente samt Knochen zusammen gekocht. „Das schmeckt sehr gut! Das ist Fish Head Curry (Fischkopfcurry). Solltest du unbedingt probieren“, sagt ein Chinese, während er ein wenig später vor sich hin pupst und rülpst – ein Zeichen dafür, das die Küche wirklich sehr gut schmeckt. Die Singapurer genießen die Köstlichkeiten und spucken die Knochen ungeniert auf den Tisch oder auf den Boden.

Die Stadt Singapur ist mit ihren Eigenheiten und Skurrilitäten eine Reise wert. Schon längst ist sie nicht mehr nur ein Finanz- und Wirtschaftsmekka,  sie bietet wie kaum ein anderer asiatischer Staat ein vielseitiges, faszinierendes und facettenreiches Angebot. Imposante Hochhäuser, zauberhafte Tempel, riesige Einkaufspaläste, unzählige Moscheen und Grünoasen, runden die vielseitige Auswahl Singapurs ab. Der Tourismus in Singapur boomt und verzeichnete zuletzt mehr als
11,6 Millionen Gäste im Jahr.  

Janine M. Domnick

Singapur
Landessprache: Englisch,
Chinesisch, Malaiisch, Tamil.
Reisedokumente: Reisepass, mindestens sechs Monate gültig.
Zeitzone: Mitteleuropäische Sommerzeit plus 10 Stunden.
Reisezeit: Ganzjährig.
Impfungen: Wie in Deutschland, bei Tagesausflug nach Malaysia zusätzlich Hepatitis A und B.
Airlines: Lufthansa, Singapore Airlines, Quatar Airways, Emirates, China Eastern Airlines.
Weitere Infos: Bei Einreise erhält man ein kostenfreies Touristenvisum für 90 Tage, die nicht überschritten werden dürfen, sonst drohen Strafen. Für Drogenverstöße wird die Todesstrafe verhängt. Essen und Trinken ist in öffentlichen Verkehrsmitteln und MRT-Stationen verboten, ebenso Müll oder Kaugummi liegen zu lassen. Trinkgeld ist in Restaurants und Taxen unüblich. Bei Tempel-Besuchen bedeckende Kleidung wählen, Schuhe ausziehen. Unbedingt auf die Zollvorschriften achten.

Merken

Merken

Bild der Woche