Tanz der Geister
Tanz der Geister
8. April 2016

Im Nordosten von Thailand in der Provinz Loei regieren einmal im Jahr beim Phi-Ta-Khon-Festival die Geister. Drei Tage lang dauert das traditionelle Fest, das die Stadt Dan Sai in einen farbenprächtigen Ausnahmezustand versetzt.

Zuerst höre ich nur Trommeln und Sprechgesang, dann sehe ich das Schimmern eines Lichtes. Gleich darauf nähert sich aus der Dunkelheit eine Gruppe von Menschen. Ein grauhaariger Mann, ganz in Weiß gekleidet, führt den Zug an. Seine Hände umfassen fest einen geflochtenen Korb, den er vor sich herträgt. An dessen Rand ragen zwei brennende Kerzen nach oben, mit unruhig flackernden Flammen. Quer über den Rand des Korbes liegen drei weitere gelbe Kerzen, die angezündet werden sollen, bevor die jetzt brennenden Kerzen abgebrannt sind. Die Flammen, so scheint es, dürfen keinesfalls verlöschen. Der Mann, ein sogenannter Por Saen, ist auf dem Weg vom Mun-Fluss zum Ponchai-Tempel.Er bringt heilige Steine dorthin, die vom Bett des Flusses geholt wurden. Das macht er jedes Jahr: Das Herbeiholen der Steine ist der Auftakt des Phi-Ta-Khon- Festivals in Dan Sai im Nordosten Thailands. Kurz vor 5 Uhr erreicht der Zug, noch immer im Dunklen, den Ponchai-Tempel. Die Männer, die dem Por Saen folgen, tragen ebenfalls weiße Hemden, aber zum Teil andersfarbige Hosen. Viele von ihnen halten dünne Stangen in die Luft. An einigen davon befinden sich Schirme, an anderen drei untereinander liegende Bambusringe. Im Tempel kniet der Por Saen nieder, stellt das Bastkörbchen vor sich auf den Boden und ein Helfer drückt ihm einige große, handbeschriebene Papierblätter in die Hand. Aus der Dunkelheit knallt plötzlich ein Schuss, kurz darauf folgt ein dröhnender und wummernder dumpfer Ton. Zwei Männer schlagen einen Kupfergong, den sie an einer dicken Bambusstange befestigt haben und mit sich tragen. Nun liest der Por Saen langsam und mit lauter Stimme eine Beschwörung, mit der sich die Menschen das Wohlwollen und den Schutz der Geister sichern wollen. Ein Vorgang, der mehrmals wiederholt wird, um die Geister in allen vier Himmelsrichtungen zu erreichen. Die Wege zwischen den einzelnen Segnungsstätten legen die Prozessionsteilnehmer dabei zum Teil tanzend zurück.

Ein Medium mit direktem Zugang
zur Geisterwelt

Der Por Saen, der Anführer der nächtlichen Prozession, ist eine wichtige Person in Dan Sai, einer 10.000-Einwohner Stadt in der thailändischen Provinz Loei, etwa 500 Kilometer nordöstlich von Bangkok. Und doch ist er nur ein Helfer. Der wirkliche spirituelle Führer hier ist der Jao Por Guan. Er ist das Medium, das die Menschen aus der Region mit den Geistern ihrer Vorfahren verbindet. Seit mehr als 25 Jahren ist der mittlerweile 67-jährige Tavorn Cheauboonme Dan Sais direkter Zugang zur Geisterwelt. In seinem Haus versammeln sich die Teilnehmer des Zuges, aber auch andere Bewohner des Ortes, später am Tag. Während Ventilatoren leise klappern, hocken die meisten Besucher in kleinen Gruppen auf dem Boden, meist rund um ein Tablett, das auf einer Bastmatte steht und auf dem sich kleine Schüsselchen aneinanderreihen, mit Currys, Fleisch und scharfen Soßen gefüllt. Nur der Jao Por Guan hat gerade keine Hand frei zum Essen, denn zwei Helfer umwickeln seine beiden Handgelenke mit weißen Fäden. Vor ihm steht ein pyramidenförmiges Objekt, das unter anderem aus Bananenblättern, Kerzen, Blumen und Schmuckbändern besteht. Seitlich ist es mit einigen weißen Blüten geschmückt, in der Spitze der Bananenblattpyramide steckt eine orangefarbene Blüte. Dieses sogenannte Bai Sri ist ein Symbol des Lebens – doch wie bei fast allen Objekten und Ritualen hier, gibt es verschiedene Deutungen und Erklärungen.

So auch für das gesamte dreitägige Festival, das in der Regel im Juni zelebriert wird und meist Phi-Ta-Khon-Festival genannt wird. „Phi“ steht für Geist, und viele Leute übersetzen Phi Ta Khon deshalb mit „Geist, der den Menschen in den Ort folgt“. Vielleicht ist damit ja der Geist des toten Mönchs Phra Upakud gemeint, der durch kleine Steine symbolisiert wird, die vom Grund des Mun-Flusses geholt wurden, und die bei der morgendlichen Prozession in den Ponchai-Tempel gebracht worden sind. Vor allem, um Schutz durch Phra Upakud zu erhalten, sind viele Dorfbewohner schon seit 3 Uhr morgens unterwegs.

Mittlerweile hat das Geisterfest aber auch andere Namen. Statt von Phi Ta Khon sprechen manche von der thailändischen Walpurgisnacht oder von einem thailändischen Halloween. Ich hingegen fühle mich am Nachmittag eher wie auf einem lebensfrohen und bunten thailändischen Karneval. Dutzende von Gruppen, die oft einheitlich kostümiert sind, ziehen mit viel Lärm durch den Ort. Im Tempel und auf der Kaew Asa Straße, der Hauptstraße des Ortes, stehen drei Meter hohe Riesenfiguren. Sie sind mit bunten Stofftüchern behängt, ihre Gesichter sind zum Teil grimmig verzogen. Unübersehbar sind die überzeichneten Brüste beziehungsweise die überdimensionierten erigierten Penisse. Dieser Teil des Festes hat wenig gemein mit der konzentrierten Andacht während des morgendlichen Rituals. Denn während des Festivals vermischen sich ganz unterschiedliche religiöse Traditionen. Trotz buddhistischer Lehre und hinduistischer Prägung sind animistische Glaubenssysteme noch ebenso lebendig wie alte Fruchtbarkeitsrituale. Dazu kommen Elemente des thailändischen Raketenfests „Bun Bang Fei“. Am zweiten Tag des Festivals zischen mehr als ein Dutzend etwa einen Meter lange, selbstgebaute Raketen zum Himmel und ziehen dabei dicke Rauchwolken hinter sich her. Der Tradition zufolge sollen sie den Bauern der Umgebung den lang erwarteten Regen bringen.

Unterschiedliche religiöse Traditionen vermischen sich

Während der ersten zwei Festivaltage, meist im Juni oder Anfang Juli, gleicht die Stadt einem Hexenkessel. Viele der Maskierten sind mit Glocken behangen und halten ein langgezogenes Holzstück in der Hand, eine Mischung aus Schwert, Lanze und Holzpenis. Wollten Soziologen eine Studie zur Rolle von Phallussymbolen in alten Fruchtbarkeitskulten machen, hier fänden sie mehr als genug Anschauungsmaterial. Fast alle Phi-Ta-Khon-Geister haben eine große, krummgebogene Holznase. Und sehr kunstvoll gestaltete Gesichter. Das war früher anders. Da zogen viele Teilnehmer mit einfachen braunen Gewändern durch die Straßen und hatten umgedrehte Bambuskörbe auf dem Kopf, auf denen ein weißes Gesicht mit schwarzen Konturen aufgemalt war. Heute sind die Kostümierungen bunt und vielfältig – und zuweilen echte Kunstwerke. Typisch ist ein großer, manchmal geschlossener, meist aber weit aufgerissener Mund mit überdimensioniert wirkenden Zähnen.

Junge Männer aus dem Ort haben sich in 15 Clubs zusammengeschlossen. Schon etliche Wochen vor dem Festival beginnen sie mit den Vorbereitungen und wetteifern darum, wem das originellste Design gelingt. Etwa sechs Tage brauchen ehrenamtliche Aktivisten, wie der 26-jährige Doi, um eine Maske fertigzustellen. Neben Bambus, das meist für den Hut verwendet wird und oft ein zweckentfremdeter Bambus-Reisdämpfer ist, nutzen sie auch Teile von Kapokbäumen und Kokospalmen. Sind alle Elemente zusammengefügt, beginnt die Hauptarbeit: Die Maske kunstvoll von Hand zu bemalen. Beim Dansai Classic Style Club sind dabei ausschließlich junge Männer aktiv. Während des Festivals jedoch ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, ob sich ein Mann oder eine Frau hinter einer Maske verbirgt. Nantiwa Tongput, eine Lehrerin, die sehr stolz auf die örtliche Tradition ist, verliert die Orientierung allerdings so gut wie nie. Sie war bereits im Alter von sieben Jahren das erste Mal bei dem Phi-Ta-Khon-Umzug mit dabei und weiß genau, worauf man achten muss: „Wenn ich auf die Hände oder die Füße schaue, kann ich fast immer erkennen, ob es eine Frau oder ein Mann ist“, sagt sie.

Überall ertönt Musik vom Band oder von Bühnen

Am zweiten Tag des Festivals, dem Hae-Phra-Tag, scheint Dan Sai erst recht aus allen Nähten zu platzen. Überall ertönt Musik, aus der Konserve oder live von den Bühnen, zum Teil auch von kleinen Gruppen, die mit Trommeln, Tamburinen und Flöten umherziehen. Dazu kommt ein beständiges Bimmeln, Klappern und Scheppern. Fast alle maskierten Umzugsteilnehmer tragen an ihrem Hosenbund ein traubenartiges Bündel mit kleinen Metallglocken, die bei jedem Schritt Krach machen. Inmitten der Parade erspähe ich auch eine Gruppe von mehr als 30 Männern, die über und über mit Schlamm beschmiert sind. Sie tragen kurze Hosen und halten Bambusstäbe in den Händen. Ihre Gesichter und ihre Haare sind überzogen mit braunem Dreck. Ein Wunder, dass Mund und Augen nicht völlig verklebt sind.

Am Spätnachmittag zieht ein weiterer Prozessionszug zum Ponchai-Tempel. Tavorn Cheauboonme, der spirituelle Anführer, der Jao Por Guan, ist mit dabei. Er sitzt im Reiterstil auf einer Sänfte aus Bambusstangen, die mit bunten Bändern umwickelt sind. Vor sich hat er eine vergoldete Schüssel – und immer wieder winkt er den Menschen zu und wirft Bonbons in die Menge. Der geistige Führer des Ortes, nun wirkt er fast wie ein winkender Karnevalsprinz, der sich von rund einem Dutzend Männer durch die Menschenmenge tragen lässt. Auf kleineren Sänften vor ihm, die nicht aus Bambusstangen, sondern aus Holzbrettern bestehen, sitzen buddhistische Mönche in orangefarbenen Roben. Dreimal umrundet der Zug die Hauptgebäude des Ponchai-Tempels, danach beginnt im Tempelinneren eine Zeremonie. Doch auch Stunden später, wenn diese lange vorbei ist und die letzte Bambusrakete längst zum Himmel geschossen worden ist, feiern und tanzen die Einheimischen weiter, zum Teil bis weit nach Mitternacht. Denn wenn die Geister in Dan Sai einmal Ausgang haben, dann geht niemand früh schlafen.

Rainer Heubeck

 

 

INFO:
Anreise: Thai Airways bietet täglich Nonstop-Flüge von Frankfurt nach Bangkok an. Reservierung unter Telefon 069-92874444 oder unter
www.thaiairways.de. Weiterreise nach
Dan Sai per Bus ab Bangkok (Busterminal Mor Chit, Direktbus Bangkok – Dan Sai Phu Rue, Tickets am Schalter Nr. 41/42, www.phetprasert.com) oder über die Provinzhauptstadt Loei, die sowohl per Bus wie auch per Flugzeug erreichbar ist. Die Inlandflüge mit Air Asia (www.airasia.com) oder Nok Air (www.nokair.com) nehmen vom Flughafen Don Mueang aus Kurs Richtung Loei.
Einreise: Touristische Aufenthalte bis zu 30 Tage sind für Deutsche, Österreicher und Schweizer visafrei. Der Reisepass muss noch mindestens sechs Monate gültig sein.
Übernachten: Wer während des Geisterfests nach Dan Sai fährt, sollte mehrere Monate im Voraus buchen. Günstig gelegen, weil nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, ist das Mountain Green Resort, das auch Campingmöglichkeiten bietet. Buchung zum Beispiel über www.booking.com.
Für Selbstfahrer empfiehlt sich das weiter außerhalb gelegene Phu Pha Nam Resort & Spa, eine wunderschöne Anlage mit Pool, in lieblicher Hügellandschaft:
www.phuphanam.com
Geisterfest: Der genaue Termin des Geisterfests hängt vom Mondkalender und der Entscheidung des geistigen Führers ab und wird meist erst einige Monate vorher festgelegt. Ein möglicher (aber noch nicht sicherer) Termin für 2016 ist die Zeit vom
24. bis 26. Juni.
Mehr Infos:
Thailändisches Fremdenverkehrsamt Bethmannstraße 58
60311 Frankfurt/Main
Telefon 069-138-1390
info@thailandtourismus.de
www.thailandtourismus.de

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