„Spiegeln, was  im Land los ist“
„Spiegeln, was im Land los ist“
7. April 2017

Vom 28. April bis zum 2. Juli findet die 11. Landes­kunst­ausstellung unter dem Titel „SaarArt“ statt. Kuratiert wird sie von der Leiterin des Museums St. Wendel, Cornelieke Lagerwaard, die insgesamt 92 Künstlerinnen und Künstler an 13 Standorten zeigt.

Ein Mammutprojekt, mit anderthalb Jahren Vorbereitungszeit  ist knapp bemessen. Die Ernennung von Cornelieke Lagerwaard zur Kuratorin der diesjährigen Landeskunstausstellung durch Kultusminister Ulrich Commerçon erfolgte im September 2015. Zu wenig Zeit auch, um das immer wieder diskutierte dezentrale Format der Landeskunstausstellung zu überdenken und infrage zu stellen, wie die 1955 in Haarlem geborene Kunsthistorikerin Lagerwaard konstatiert.

Die Kunst-Mega-Schau im Saarland

Die Landeskunstausstellung, die seit 1987 – anfänglich im Zweijahresrhythmus, und seit 1997 alle vier Jahre – stattfindet, soll eine repräsentative Bestandsaufnahme des aktuellen Kunstschaffens liefern, die sowohl künstlerische Entwicklungen verfolgt als auch neue Tendenzen aufspürt. Im Jahr 1997 hatte sich der Auswahlmodus geändert. In den ersten zehn Jahren war das Wahlverfahren einer Jury unterstellt, seither obliegt die Auswahl der Künstler und das Gesamtkonzept einem einzigen Kurator, der vom Kultusminister ernannt wird.

Für die Landeskunstausstellung werden Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die im Saarland geboren sind oder hier leben, für eine begrenzte Zeit im Saarland gewirkt und künstlerische Impulse fruchtbar gemacht oder hier studiert haben. Neben Malerei, Grafik, Skulptur, Video, Fotografie sowie Licht- und Klanginstallationen, sind in diesem Jahr erfreulicherweise auch subkulturelle Kunstformen wie „graphic novel“ und Urban Art erstmals von der Kuratorin berücksichtigt worden.

Gemeinsam mit ihrer Projektassistentin Friederike Steitz führte Cornelieke Lagerwaard im Jahr 2016 rund 200 Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern. Auch sie hat „blinde Flecken“, wie sie das nennt, hat im Internet und in Katalogen recherchiert und schließlich vor Ort in den Ateliers und Werkstätten ihre Entscheidung getroffen. „Die Landeskunstausstellung soll spiegeln, was im Land los ist, aber es ist letztlich meine ‚Brille‘, meine persönliche Auswahl. Diejenigen, die ich jetzt ausgesucht habe, haben Qualität. Man muss immer ehrlich mit den Künstlern sein, und meistens wird das auch akzeptiert“, erläutert Lagerwaard ihre Auswahl. Die vorgelegte, 92 Namen umfassende Künstlerliste reicht von Aan’t Heck bis Zöllner, dazwischen altbekannte Namen wie Leslie Huppert, Bettina van Haaren und Sigrun Olafsdóttir, ergänzt durch jüngere Künstlerinnen wie etwa HBK-Studentin Ida Kammerloch, die mit dem Peter-und-Luise-Hager-Preis 2017 ausgezeichnet wurde.

Der größte Ausstellungsort ist in diesem Jahr ein nicht-musealer Raum, nämlich die Lehrwerkstatt des ehemaligen Ausbesserungswerks der Bahn in Saarbrücken-Burbach. Neu hinzugekommen sind als Ausstellungsorte die Saarländische Galerie in Berlin, das Forschungszentrum für Künstlernachlässe in Saarlouis und das ehemalige Kultusministerium, der Pingusson-Bau. Diese neuen Spielstätten seien notwendig gewesen, da sowohl die Moderne Galerie – früher der zentrale Ausstellungsort der Landeskunstausstellung – und das Albert-Weisgerber-Museum in St. Ingbert wegen Bauarbeiten nicht zur Verfügung stehen.
In der Lehrwerkstatt wird zudem ein pädagogisches Programmangebot aufgelegt, vormittags für Schulen, nachmittags Kreativkurse für Erwachsene. Sogar einen Klangkunst-Workshop für Blinde und Sehbehinderte möchte man ins Programm aufnehmen. Das Konzept „playfull learning“ ist Lagerwaard wichtig. Das sei gerade „in“ in der Museumspädagogik. Kinder, die in Begleitung ihrer Eltern die Ausstellung besuchen, erhalten einen Fragebogen, der sie altersgerecht an die Kunstwerke heranführt. Eine Schnitzeljagd ist damit ausdrücklich nicht gemeint, sondern eine spielerische Herangehensweise, die die Lust an der Entdeckung der zeitgenössischen Kunst für Kinder und Jugendliche fördert.


Mit der Organisation der Landeskunstausstellung an 13 Standorten – vier Standorte mehr als im Jahr 2013 – und einem umfangreichen Begleitprogramm hat Cornelieke Lagerwaard eine Herkulesaufgabe zu meistern. Doch ist überhaupt eine solche „Nabelschau“ im eigenen Land von Nöten? „Um nach außen wirken zu können, braucht es eine solche Plattform wie die Landeskunstausstellung. Viele blicken immer nur auf die Resonanz, die ein Künstler außerhalb seines Wirkungskreises erzielt. Auch das ist wichtig, aber wir brauchen uns auch hier im Land nicht zu verstecken“, begründet Lagerwaard die wichtige Funktion einer Landeskunstausstellung.

Ein umfangreiches Begleitprogramm

Was bedeutet für die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler die Einladung zur Landeskunstausstellung? Klaudia Stoll, die von 1993 bis 1999 an der HBK Saar Neue Medien studierte, wurde von Lagerwaard für die aktuelle Landesschau gleich zwei Mal ausgewählt: Einmal als Solo-Künstlerin mit Zeichnungen und einer Videoarbeit für den Standort Neunkirchen und als Duo „Stoll & Wachall“ zusammen mit Jacqueline Wachall mit der Videoinstallation „Weltschmerz“ für die Lehrwerkstatt in Burbach. „Für mich ist es eine Ehre und Wertschätzung, eingeladen zu werden, das heißt, dass man gesehen wird, und auch dass das, was man macht, ankommt. Ich bin jedes Mal total beglückt, wenn ich ausgewählt werde. Ich habe schon als Studentin teilnehmen dürfen“, kommentiert Klaudia Stoll ihre diesjährige Beteiligung. Urban Art-Künstler Reso alias Patrick Jungfleisch nimmt zum ersten Mal an einer Landeskunstausstellung teil – und hatte nicht damit gerechnet: „Ich habe mir gar keine Gedanken über die anstehende Landeskunstausstellung gemacht. Dass ich ebenso wie Raks (Daniel Hahn), Cone the Weird (Colin Käsekamp) und Retro (Alex Hoffmann) in diesem Jahr dabei sein kann, freut mich natürlich, denn als Urban-Art-Künstler hat man immer noch mit der Akzeptanz der etablierten Kunstszene zu kämpfen. Urban Art stellt für viele weiterhin eine Subkultur für eine eingeschränkte Szene dar“, erklärt Reso. „Gerade weil wir hier in der Großregion keine Kunstmesse haben, ist es für Künstler schwierig, sich am Markt zu etablieren. Ein Land sollte sich positionieren. Das erfüllt die Landeskunstausstellung, denn sie zeigt einen Querschnitt von dem was künstlerisch passiert“, ergänzt Reso mit Blick auf die Außenwahrnehmung einer großangelegten Bestandsaufnahme.

Auch Gregor Hildebrandt, seit Jahren in Berlin lebend und arbeitend, sieht der kommenden Landesschau in freudiger Erwartung entgegen. Seine Installationen werden, wie auch Werke seines früheren Lehrers und Impulsgebers Francis Berrar, in der Lehrwerkstatt gezeigt. Dass sie beide am gleichen Standort ausgestellt werden, freut ihn ganz besonders. „Als ich noch im Saarland lebte und die Landeskunstausstellung ‚Kunstszene Saar‘ hieß, stellten hier alle meine ‚Helden‘ aus, allen voran Thomas Gruber und Francis Berrar. In unserem Selbsthilfe-Atelier in der Dudweilerstraße in Saarbrücken träumten wir dann davon, wie wunderbar es wäre, wenn wir hier auch mal mitmachen könnten“, erinnert sich Hildebrandt an frühere Zeiten als eine Einladung zur Landeskunstausstellung in unerreichbarer Ferne schien.

„Ein Land sollte
sich positionieren“

Cornelieke Lagerwaard stehen noch arbeitsreiche Wochen bis zu den Eröffnungen der einzelnen Standorte bevor, aber sie ist optimistisch, bis dahin alles zu schaffen. „Die Abstimmung mit den einzelnen Häusern, welcher Künstler an welchem Standort gezeigt wird, ist bereits abgeschlossen. Vor Ort nehmen die jeweiligen Museumsleiter die Hängung vor, darin sind sie frei. Sie kennen ihr Haus am besten, darauf vertraue ich. Alle Beteiligten wurden von Anfang an eingebunden. Erst wenn alle brennen für die Sache, wird’s wirklich gut.“


Wer sich vorab über die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler sowie die Standorte informieren möchte, dem sei die Facebook-Seite „Landeskunstausstellung SaarArt“ empfohlen. Die überflüssige Geheimniskrämerei früherer Jahre, welcher Künstler denn nun dabei sein wird, ist glücklicherweise überwunden. Die Teilnehmer werden hier in Einzelporträts vorgestellt, und das lässt Vorfreude auf einen spannenden, saarländischen Kunstfrühling aufkommen, bei dem es nicht nur neue künstlerische Positionen, sondern auch einige bislang weitgehend unbekannte Orte zu entdecken gilt.

Dr. Elke Schwarz

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