„Musik ist mein persönliches Wellness-Programm"
„Musik ist mein persönliches Wellness-Programm"
31. Oktober 2014

Reinhold Beckmann (58) ist aus dem anspruchsvollen deutschen Fernsehen nicht mehr wegzudenken. Aber nicht nur als Moderator beweist er Leidenschaft, sondern auch als Sänger. Am 15. November kommt der Hamburger mit seiner Band nach Spiesen-Elversberg. Mit FORUM sprach er über seine TV-Show, soziales Engagement und das Leben als Musiker.

Herr Beckmann, warum haben Sie nach 15 Jahren Talk zunächst einen Schlussstrich gezogen?
Es war eine schöne Zeit, in der ich viele Erfahrungen gemacht habe, die ich auf keinen Fall missen möchte. Die Begegnung mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten hat mein Leben in all den Jahren geprägt. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man etwas Neues wagen muss. Das hat mich nicht nur als Journalist immer gereizt, sondern auch meinen Weg beim Fernsehen begleitet. Ich glaube, den richtigen Zeitpunkt für meinen Ausstieg gewählt zu haben und freue mich auf das neue Reportage-Format.

Welche Menschen und Themen haben Sie in über 600 Sendungen am meisten bewegt?
Da gab es einige Gäste, mit denen ich mich eng verbunden fühlte. Wie etwa Loki Schmidt, die mich fast wie ihren eigenen Sohn behandelte. Aber meist waren es eher unbekannte Personen, die sehr bewegende Geschichten mitgebracht und mich berührt haben. Zum Beispiel Olga Kolesnikova, die Witwe eines russischen Soldaten, der beim Unglück des U-Bootes Kursk ums Leben kam. Ich vergesse nicht, wie sie über die Liebe zu ihrem Mann erzählte und die russische Politik für ihre Verantwortungslosigkeit anklagte. Oder Ingrid Betancourt, die fast sieben Jahre Gefangene der Guerillabewegung FARC im kolumbianischen Urwald war. Was sie aus dieser Zeit berichtete, ging uns allen unter die Haut.

Bei Ihnen wurden abseits des Klatsch-Niveaus viele persönliche Schicksale offenbart und diskutiert. Es trafen etwa auch Menschen aufeinander, deren Lebensgeschichten sich zwar überschnitten haben, die sich zuvor allerdings noch nicht kannten – etwa Corinna Ponto, die Tochter des von der RAF ermordeten Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, und Julia Albrecht, deren Schwester Susanne eine der Mittäterinnen war. Denken Sie, solche Talk-Runden waren eine Art Therapie für die Betroffenen?
Ich habe mich nicht in der Rolle des Gesprächstherapeuten gesehen, auch wenn manche Begegnungen für die Beteiligten zu Erlebnissen wurden, die sehr einschneidend waren. Das lag auch daran, dass wir bei uns am Tisch ohne Studiopublikum sprachen. Es war also eine sehr persönliche Gesprächssituation, in der sich die Beteiligten offen begegnet sind. Das habe ich ebenso wie meine Gäste sehr geschätzt.

Das Ende von „Beckmann“ war nicht das Ende Ihrer Talkrunden. Nächstes Jahr startet eine neue wöchentliche Reportage-Sendung bei ARD.
Ja, ich gehe raus aus dem Studio und rein ins Leben und darauf freue ich mich. Nicht zuletzt deswegen, weil ich damit an meine journalistischen Erfahrungen anknüpfe, mit denen ich beim Fernsehen mal begonnen habe. Ich kann jetzt Menschen auf ganz andere ungewöhnliche Art begegnen und Themen aufgreifen, die mich und die Zuschauer umtreiben.

Denken Sie, dass Menschen in der gewohnten Umgebung anders erzählen?
Es kommt in erster Linie darauf an, dass sich ein Gesprächspartner ernst genommen fühlt. Dann ist er auch bereit, sich auf ein Thema einzulassen. Das liegt weniger an der Umgebung, sondern vielmehr an der Haltung, mit der wir Journalisten auf die Menschen zugehen. Ich habe da in mehr als 600 Talksendungen viel dazu gelernt.

Sie engagieren sich für zahlreiche Organisationen wie soziale Projekte. Unter anderem haben Sie mit Freunden „NestWerk e.V.“ gegründet – einen Verein, der sich für benachteiligte Jugendliche einsetzt. Inwiefern unterstützt dieser die Jugendlichen? Schauen Sie hin und wieder selbst dort vorbei und verfolgen Sie auch die Schicksale und das Leben der Schützlinge?
„NestWerk“ kümmert sich um Jugendliche aus sozialen Brennpunkten Hamburgs. Wir begleiten sie im Alltag mit Angeboten für eine sinnvoll genutzte Freizeit. Und wir fördern auch die Integration in Bildung und Beruf. Vor allem versuchen wir, das Selbstbewusstsein der jungen Leute zu stärken, damit sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können und eine Perspektive für sich erkennen. Ich selbst bin nicht in jede Aktivität eingebunden, aber häufig vor Ort und weiß genau, was gerade läuft. Wir haben ein tolles Team und immer mehr junge Leute nehmen unsere Angebote an. Höhepunkt jedes Jahr ist natürlich der „Tag der Legenden“, mit dem wir unsere Arbeit sichern und ausbauen können. Für dieses Ereignis und die langen Vorbereitungen bin ich ein paar Wochen im Sommer beschäftigt. Aber das ist ein großes Vergnügen und man bekommt viel zurück.

Sie sind nicht nur Journalist, Engagierter, Sport-Begeisterter und Familienmensch, sondern ebenfalls leidenschaftlicher Musiker. Bis zum Start Ihrer neuen Sendung werden Sie sich auf die Musik konzentrieren und mit Ihrer Band touren, mit der Sie dieses Jahr Ihr erstes Album veröffentlicht haben. Sind Sie aufgeregt vor Ihrer ersten großen Tour?
Klar, das gehört absolut dazu und macht den Reiz jedes Konzertes aus. Aber wir sind mit unserer Band zuvor schon ein paar Jahre in kleinen Kulturhäusern und Musiktheatern unterwegs gewesen. Da wissen wir ungefähr, was auf uns zukommt. Doch jeder Auftritt ist ein neues Abenteuer.

Wie wird Ihr Touralltag aussehen?
Wir sind zusammen im Kleinbus unterwegs, so wie sich das gehört. Ganz schön eng, aber das passt schon. Immerhin kennen wir uns seit Jahren und haben schon viele Konzerte hinter uns. Jeden Tag eine neue Stadt und ein unbekanntes Publikum, das ist natürlich eine ganz ungewohnte Erfahrung. Ich bin gespannt, wie wir das hinbekommen.

Seit wann machen Sie Musik? Wie hat es begonnen?
Ich spiele seit meiner Kindheit Gitarre und hatte auch als Jugendlicher schon mal eine ziemlich laute, aber schlechte Band. Mit der jetzigen Band hat es nach einem Auftritt von mir in der ersten Sendung von „Inas Nacht“ begonnen. Danach fragte mich einer der Musiker, ob wir nicht etwas zusammen machen wollen. Kurz darauf haben wir uns zu einer ersten Session getroffen. Seitdem spielen wir zusammen und ich denke mir oft: Warum hast du das nicht viel früher gewagt? Schon bald entstanden die ersten Songs und wir waren öfter zu Gast in kleinen Clubs. Diese neue Leidenschaft genieße ich jetzt so oft es geht. Aber mit unserer ersten CD haben wir ganz bewusst eine Weile gewartet.

Sie schreiben alle Texte. Wie und wo entstehen diese? Zwischen Shows und Terminen oder ziehen Sie sich zum Schreiben in Ruhe zu Hause zurück?
Es sind eher zufällige Ideen und spontane Eingebungen. Und in den Songs geht es meist um Beobachtungen, die ich in meinem Leben mache. Das kann mal etwas böse sein oder auch poetisch. Der Alltag ist ja gespickt mit Geschichten, die Stoff für ein Lied hergeben. So zum Beispiel meine Liebe zur Metzgerstochter Charlotte. Sie stand im Schatten des Hackbeils und ich war ein kleiner Bub, der knapp bis zur Theke mit der Fleischauslage reichte. Sie eroberte mein Herz, denn sie hatte für mich immer eine Scheibe Schinkenwurst parat. So entstand die fleischige Liebesballade „Charlotte“.

Welche Musik hören Sie privat?
Ich bin ein Kind der 70er. Alles, was in und durch Woodstock entstand, hat mich damals musikalisch beeinflusst. Ich mag aber auch Musik, die auf kluge und ironische Art und Weise mit der deutschen Sprache umgeht. Früher gehörten dazu auch Georg Danzer, Rainhard Fendrich und Ludwig Hirsch. Ich mag die leicht vergiftete Poesie der österreichischen Liedermacher. Mittlerweile gibt es viele gute Autoren, die gute deutsche Texte schreiben.

Am 15. November werden Sie mit Ihrer Band in Spiesen-Elversberg zu Gast sein. Worauf dürfen sich die Besucher freuen?
Auf eine Band, die sich musikalisch vielseitig und überraschend ihr Publikum erspielen will. Am liebsten gehen wir erst nach vier Zugaben nach Hause. Mal sehen, ob es klappt. Wir werden alles tun, damit das auch in Spiesen-Elversberg so läuft.

Bei all Ihren facettenreichen Tätigkeiten: Hat sich Ihre Familie noch nicht beschwert, dass Sie zu wenig Zeit mit ihr verbringen?
Meine Kinder sind inzwischen aus dem Haus, aber selbst sehr musikverrückt und spielen Instrumente. Sie verstehen sehr gut, dass ihr Vater mit der Band auf Tour ist. Weihnachten sind wir alle wieder zu Hause.

Bleibt da überhaupt noch Zeit für Sie selbst, um mal tief Luft zu holen und auszuspannen?
Musik zu machen, empfinde ich als mein persönliches Wellness-Programm, das bei allen anderen Aufgaben für viel positive Energie sorgt. Deshalb freue ich mich auch jetzt schon, wenn es mit
den Reportagen bald richtig losgeht…

Interview: Kristina Scherer

 

 

INFO:  Tourtermine Beckmann & Band 2014
8. November, Aachen
9. November, Dortmund
11. November, Niedernhausen
12. November, Bad Homburg
14. November, Aschaffenburg
15. November, Spiesen-Elversberg
16. November, LUX-Mamer
18. November, Kempten
19. November, München
21. November, Kusel
22. November, Freudenburg
24. November, Mannheim
25. November, Augsburg
26. November, Freiburg
27. November, CH-Luzern
28. November, CH-Zürich
02. Dezember, A-Salzburg
03. Dezember, A-Linz
04. Dezember, A-Graz
05. Dezember, A-Wien
07. Dezember, Dresden
09. Dezember, Erfurt
11. Dezember, Halle
12. Dezember, Potsdam
13. Dezember, Rostock
15. Dezember, Berlin
16. Dezember, Neuruppin

 

 

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