Aus dem Feld geschlagen
Aus dem Feld geschlagen
8. Januar 2016

Feldlerche, Feldhase und Feldhamster haben außer einem Namensbestandteil zwei andere Dinge gemeinsam: Als Kulturfolger kommen sie hierzulande nur selten in Schutzgebieten vor, sondern meist in der Agrarlandschaft. Und sie leiden unter einer Landwirtschaft, die möglichst viel Boden möglichst effizient nutzt – nicht zuletzt zum großflächigen Anbau von Mais und Raps.

Es gehört zur Tragik vieler Tiere der offenen Feldflur, dass es sie einerseits hierzulande ohne die Arbeit der Bauern kaum gäbe. Denn im Wesentlichen nur dort, wo in Mitteleuropa die hier naturräumlich typischen Wälder gerodet wurden, um Äcker, Wiesen und Weiden zu schaffen, können Tierarten offener und halboffener Landschaften in großer Zahl leben. Doch wiederum die Landwirte sind es, die mit ihren Maschinen, ihren Pestiziden und ihrem Kunstdünger dafür sorgen, dass sogenannte Kulturfolger immer stärker zurückgedrängt werden. Dazu tragen auch Produktionszwänge bei, unter denen Bauern tatsächlich oder ihrem Eindruck nach wirtschaften müssen.

Lapidar stellt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn in seinem ersten umfassenden Artenschutzreport vom Mai 2015 fest: „Die größte Gefährdungsursache für die Arten ist die Landwirtschaft.“

Starker Rückgang in den Tierbeständen

Die Arten der offenen Agrarlandschaft „leiden fast alle“, sagt die Landschaftsökologin Ruth Petermann vom BfN, so etwa Rebhuhn und Kiebitz, aber auch viele Insekten und andere unauffällige Arten – ganz zu schweigen von früher häufigen Ackerkräutern wie dem Acker-Hahnenfuß oder dem in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr selten gewordenen Sommer-Adonisröschen. Deutlich wird der Bestandsrückgang bei Tieren, deren Name verrät, dass sie auf Landwirtschaftsflächen leben:  Feldhase, Feldlerche und Feldhamster.

Der ursprünglich aus Osteuropas Steppen stammende Feldhamster (Cricetus cricetus) hat nicht nur unsere Kulturlandschaft, sondern auch unsere Alltagssprache bereichert. Zu Hamsterkäufen lassen Menschen sich hinreißen, wenn sie befürchten müssen, dass notwendige oder begehrte Güter bald knapp werden könnten. Dieses Horten ist typisch für den Feldhamster. Denn um den Winter zu überstehen, schafft er zur Haupterntezeit im Spätsommer und Frühherbst einige Kilogramm Futter in seinen ungefähr metertiefen Bau in guten Lehm- und Lössböden. Er frisst gerne Hülsenfrüchte, Rüben und Maiskörner, Klee und Kartoffeln, aber auch die Blätter des Klatschmohns und andere Ackerkräuter – vorausgesetzt, er findet genug davon. Und das ist das Problem.

„Der Feldhamster hat das Pech, nicht in Schutzgebieten, sondern vor allem auf der bewirtschafteten Fläche in der Agrarlandschaft zu leben“, sagt Ruth Petermann vom Fachgebiet Zoologischer Artenschutz des BfN. Auch finde der Nager auf den von ihm bevorzugten Getreide-, Luzerne- und Rübenfeldern oft nicht mehr genug Futter, um überwintern zu können, denn die Landwirtschaft nutze die Felder inzwischen zu effizient. „Es wird für den Hamster zu früh und häufig zu gründlich geerntet; Stoppelfelder werden meist rasch wieder umgepflügt“, sagt die BfN-Expertin.

Im Idealfall könnte der Hamster pro Jahr dreimal Junge werfen, doch dazu bräuchte er genug Nahrung und Deckung zu seinem Schutz vor Beutegreifern wie Mäusebussard, Wiesel, Iltis oder Rotfuchs. Da aber in der heutigen Feldflur wegen des verbreiteten Anbaus von Mais und anderer Energiepflanzen sowohl verwertbares Futter als auch Brachflächen fehlen, auf denen er sich gut verbergen könnte, „wird er von Fressfeinden rasch entdeckt und gefressen“. Eine mögliche Abhilfe hiergegen sind eigens angelegte Hamsterstreifen mit einer Kulturart, die dann Sichtschutz vor Feinden böte, wenn auf angrenzenden Flächen bereits alles abgeerntet ist. Hilfreich wäre es auch, Felder mit Getreidestoppeln nach der Ernte wenigstens für die Dauer von etwa zwei Wochen nicht umzubrechen, damit der Hamster ausreichend fündig werden kann.

Die Zeit drängt. Nach der Roten Liste bedrohter Tierarten in Deutschland von 2009 gilt der Feldhamster als „vom Aussterben bedroht“. Dabei wurde er nach BfN-Angaben in den westdeutschen Bundesländern noch bis 1982, in den ostdeutschen bis 1989 verfolgt. In Sachsen-Anhalt oder Thüringen gibt es auch heute noch deutlich mehr Hamster als beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, wo Nachweise seiner Art Ruth Petermann zufolge „an einer Hand abgezählt werden können“.

Als ausgestorben hingegen gilt er in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, wo die Böden oft sandiger und deshalb ohnehin weniger für Hamster geeignet sind. Dem gelbbraun und schwarz-weiß gemusterten Tier mit auffallend weißen Pfoten wird großflächig wohl nur ein Wandel in der EU-Agrarpolitik helfen können – hin zu einem extensiveren Anbau mit mehr Brachflächen und weniger Nutzungsdruck.

Feldhamster-Schutzgebiete auszuweisen wäre sehr schwierig, da der Nager in Deutschland auf fruchtbaren Böden vorkommt, die auch Landwirte gerne bestellen. Vielleicht hilft es dem Pelztier ja, dass er von der Schutzgemeinschaft Deutsches Wild zum „Wildtier des Jahres 2016“ gekürt worden ist.

Ein zunehmend bedrohter Kulturfolger ist auch die Feldlerche (Alauda arvensis), ursprünglich ein Bodenbrüter in Steppen und anderem Offenland. Auffällig singend, steht das Lerchenmännchen dort in der Luft und zirpt oder trillert oft mehrere Minuten lang.

Landebahnen im Getreide-Dschungel

Auch für die Feldlerche sind der um sich greifende Anbau von Mais und Raps und knapper gewordenes Brachland zum Problem geworden. Gerade der hoch aufragende und den Boden stark beschattende Mais bietet ihr keinen geeigneten Lebensraum. Weder findet sie hier genügend Nahrung – im Sommer Insekten, Spinnen, Würmer und kleine Schnecken, im Winterhalbjahr Samen, Keimlinge und neu austreibendes Blattgrün – noch kann sie sich vor Feinden gut verbergen, weil die bodennahe Krautschicht in Maiskulturen durch das Spritzen von Herbiziden unterdrückt wird. Versprühte Insektizide gegen Maisschädlinge verringern zusätzlich das Nahrungsangebot, wobei Jungvögel auf tierisches Futter sogar angewiesen sind.

Spätestens, wenn eine Ackerfrucht den Boden zu 90 Prozent bedeckt, kann die Feldlerche dort nicht mehr überleben, weil sie höchstens noch in Traktorspuren oder auf Feldwegen Nahrung findet. Auch das Auffliegen und Landen in Mais- und Rapskulturen ist für den Vogel nur schwer möglich.

Ohnehin ist die Feldlerche auf höchstens 25 Zentimeter hohen, gerne auch lückenhaften Bewuchs von Kräutern und Gräsern angewiesen, um ihre Jungen aufzuziehen. Die Eier legt das Weibchen in eine Mulde, die es in möglichst nackten Boden scharrt. Nicht umsonst gefallen dem Vogel steppenartige, allenfalls mit Buschwerk durchsetzte Graslandschaften, wie sie in Deutschland zum Beispiel ehemalige Truppenübungsplätze bieten, die offengehalten werden, indem Schafe sie beweiden.

Da wesentliche Lebensvoraussetzungen der Feldlerche immer seltener erfüllt sind, „ist ihr Bestand seit 1990 um knapp die Hälfte zurückgegangen“, sagt Ruth Petermann. Paradiesisch für den Vogel mit der aufstellbaren Haube wären bereits Brachflächen, die ein bis zwei Jahre nicht bearbeitet werden. Auch eigens unbestellte Flecken – etwa zwei von 20 Quadratmetern pro Hektar Acker – können den Bruterfolg des Vogels spürbar steigern. Der Naturschutzbund NABU nennt diese sogenannten Lerchenfenster „Landebahnen im Getreide-Dschungel“.

Schließlich wäre es auch für den Feldhasen (Lepus europaeus) „von Vorteil, in unserer Agrarlandschaft den Anteil des Brachlandes wieder zu erhöhen und störungsfreie Bereiche mit guter Deckung zu schaffen, urteilt Petermann.“ Denn nicht das Agrarland an sich sei das Problem für den Hasen oder andere Tiere der Feldlandschaft, sondern dessen zu intensive Bearbeitung „nach dem Aufkommen einer hochindustriellen Landwirtschaft“. Es sollte Landwirten und Agrarpolitikern nicht gelingen, den Hasen und andere bedrohte Kulturfolger gänzlich aus dem Feld zu schlagen.

 Walter Schmidt

 

 

 

INFO:  Artenschutz-Report
Beate Jessel findet klare Worte: „Der Zustand der Artenvielfalt in Deutschland ist alarmierend, denn ein Drittel der auf Roten Listen erfassten Arten ist im Bestand gefährdet.“ Damit werde bislang „das nationale Ziel verfehlt, den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten“, sagte die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) zum Artenschutzreport ihrer Behörde in Berlin. „Wir müssen dringend unsere Anstrengungen verstärken, um den Artenrückgang zu stoppen.“
Immerhin 31 Prozent der über 32.000 Tier-, Pflanzen- oder Pilzarten, die für die ungefähr 60 bundesdeutschen Roten Listen von Experten auf ihre Gefährdung hin untersucht worden sind, gelten als bedroht – mithin also fast jede dritte Art. Etwa vier Prozent der Arten gelten sogar als ausgestorben. Hinzu kommen als extrem selten geltende Arten, solche auf der Vorwarnliste sowie ungefährdete Spezies.
Insgesamt leben in Deutschland rund 48.000 Tier-, etwa 9.500 Pflanzen- und über 14.000 Pilzarten. In den Roten Listen kommen obendrein auch ungefährdete Arten vor.
Von jenen Tierarten in Deutschland, über die genügend bekannt ist, sind rund 30 Prozent in ihrem Bestand gefährdet und etwa fünf Prozent ausgestorben. Nahezu 28 Prozent der Wirbeltierarten, worunter Süßwasserfische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere fallen, seien aktuell bestandsgefährdet. Bei den wirbellosen Tieren, zu denen beispielsweise Insekten gehören, gelten sogar knapp 46 Prozent der bislang über 6.000 untersuchten Arten und Unterarten als bestandsgefährdet, extrem selten, verschollen oder bereits ausgestorben.
Auch die Situation der Brutvogelarten hat sich nach Angaben des BfN in den vergangenen zwölf Jahren spürbar verschlechtert: Die Bestände von immerhin 34 Prozent der Brutvogelarten nahmen mehr oder weniger stark ab. Keine guten Nachrichten auch von den Zugvögeln: Hier sind fast 25 Prozent der Arten bestandsgefährdet.

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