Berliner Unikat
Berliner Unikat
22. April 2016

In der Hauptstadt ist er längst eine Institution: Juppy – Lebenskünstler, Hausbesetzer, „Zirkusdirektor“ und Mitgründer der legendären Ufa-Fabrik.

Der Hut ist sein Markenzeichen – und er trägt ihn bei allen Wetter- und Gemütslagen. Auch an diesem Vormittag, als Juppy uns sichtlich aufgewühlt im kleinen Infozentrum der Berliner Ufa-Fabrik trifft. Ein paar Tage zuvor ist einer der alten Mitstreiter aus der Gründungszeit des Kulturzentrums gestorben – und Juppy erinnert sich bei einem Milchkaffee an die verrückten Anfangsjahre der heutigen Kultur-Institution in Berlin-Tempelhof.

Ende der 60er-Jahre war Juppy, der mit bürgerlichem Namen Josef Becher  heißt und in Trittenheim geboren ist, zum Studieren nach Berlin gekommen. An der Hochschule der Künste schrieb er sich im Bereich Architektur ein, engagierte sich im Asta-Vorstand. Doch bald stand für ihn fest, dass er nicht als Architekt dazu beitragen wollte, „menschenfeindliche Bettenburgen“ zu bauen, und so versuchte er sich als Antiquitätenhändler und Schmuckdesigner. 1972 gründete er mit Freunden eine erste Kommune, eine „Lebensgemeinschaft nach demokratischen Grundsätzen“.

„Verblüffenderweise geschah nichts“

Die Idee, unter einem Dach gemeinsam zu leben und zu arbeiten, fand großen Anklang. Immer mehr Interessierte kamen hinzu, größere Räumlichkeiten mussten gefunden werden. Und zwar nicht nur zum Wohnen sondern auch für die vielen Aktivitäten, die sich nach und nach entwickelten, vom Sambatrommeln bis hin zum Selbstverteidigungstraining.

„Aber Ende der 70er-Jahre war klar, dass wir dringend nach einem geeigneten Gelände suchen mussten, um in so großer Zahl weiter gemeinsam leben und arbeiten zu können“, erzählt Juppy. Über Bekannte hörten sie vom Ufa-Gelände im Bezirk Tempelhof. In den 20er-Jahren hatte die Ufa (Universum Film AG) dort Filme gedreht und später kopiert, synchronisiert und gelagert. Jetzt lag das Gelände brach. Die Bundespost hatte sich dagegen entschieden, hier einen Fuhrpark einzurichten, und Juppy und seine Mitstreiter entschlossen sich zu einer „friedlichen Übernahme“.

Mit Hilfe befreundeter Journalisten wurde das im Juni 1979 vorbereitet, eine Fahrradwerkstatt eingerichtet, Künstler zu Proben eingeladen, eine Band für einen Auftritt engagiert. Es wirkte, als ob eine Gruppe von Kreativen das Areal schon wochenlang besetzt hielt und in der „SFB-Abendschau“ lief ein entsprechender Beitrag. Die politisch Verantwortlichen waren überrumpelt, doch den „Besetzern“ des Ufa-Geländes sollte es nach und nach gelingen, sich Akzeptanz in der Berliner Politik zu verschaffen. „Natürlich waren die ersten Wochen extrem aufregend“, grinst Juppy, „wir mussten ja permanent damit rechnen geräumt zu werden. Verblüffenderweise geschah aber nichts.“

Ob das wohl daran lag, dass es den neuen Bewohnern des Ufa-Areals ein Anliegen war, mit Bezirks- und Landespolitikern aber auch den Nachbarn gut auszukommen? Ein Anknüpfungspunkt ergab sich aus dem Projekt der „Freien Schule“, in der Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse nach ihrem eigenen Tempo lernen können sollten. Nach anfänglicher Skepsis auch bei der damaligen Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien wurde die Schule genehmigt, Jahre später anerkannt und auch finanziell unterstützt.

Den eigentlichen Durchbruch als berlinweit anerkannter Kulturort erreichte die Ufa-Fabrik aber wohl durch ihren Zirkus, in dem die Mitglieder der „Ufa-Kommune“ als Jongleur, Musiker oder Akrobat auftraten, auch wenn sie im Hauptberuf Bäcker, Tischler oder Erzieherin waren. „Wir machten eine völlig neue Form von Zirkus, die man so bis dahin nicht kannte“, sagt Juppy. Mit Live-Musik und Kabarett wie beispielsweise von den „3 Tornados“.

Und mit einem „Zirkusdirektor“ – nämlich Juppy, der mit einer Hundenummer auftrat. Wie er zu seinem ersten vierbeinigen Zirkusstar kam? Im Tierheim Lankwitz sei das damals gewesen, ein Mischling mit „Bob-Marley-Frisur“ hatte es Juppy angetan. Doch er hatte nicht genügend Geld dabei, ein Mitarbeiter des Tierheims verkaufte ihm den Hund schließlich „an der Hintertür für 110 D-Mark“. Dem ersten „Zirkushund“ folgten weitere; aktuell ist es ein strubbeliger Charmeur mit herzerweichendem Blick, der uns jetzt klar macht, dass es Zeit für einen Spaziergang übers Ufa-Gelände ist.

Also geht es erst einmal zur ehemaligen „Schatzkammer der Ufa“, wo früher die Filmrollen gelagert wurden. Heute ein zweigeschossiger weißgetünchter Bau mit Übungsräumen für Percussion und Tanz. Und gleich gegenüber die Freilichtbühne, geschützt von einem zeltartigen Dach. Hier gibt’s in den Sommermonaten Comedy, Theater und Musik. Ganzjährig bespielt wird dagegen der große Theatersaal nebenan, der erst kürzlich einen Anbau bekommen hat. Auf der Bühne treten hauptsächlich Comedians und Kabarettisten auf, es gibt aber auch Abende mit Zirkus, Tanz oder dem „1. Berliner Ukulele Festival“. Seit Beginn haben sich Juppy und seine Mitstreiter für ein Kulturprogramm mit Bandbreite stark gemacht. Dafür gibt es auf dem Gelände unterschiedliche Bühnen. Für Kino, Tango-Musiker, ein „Beatboxmusical“ oder ganz kleine experimentelle Formate.

„An der Hintertür
für 110 D-Mark!“

Die Förderung des Nachwuchses, das sei ihm und dem ganzen Team der Ufa-Fabrik besonders wichtig, sagt Juppy. Schon seit den 80er-Jahren gibt es daher einen Kinderzirkus, 1986 wurde das erste Kinderzirkus-Festival auf die Beine gestellt. Und damals wie heute können Kinder und Jugendliche hier professionelle Anleitung im Jonglieren oder der Akrobatik bekommen, ihre kreativen Talente ausprobieren und durch Auftritte ein bisschen selbstbewusster werden. Auch Juppy ist dann dabei, führt als „Zirkusdirektor“ durch das Programm – bei den Aufführungen auf dem Ufa-Gelände und bei auswärtigen Gastspielen.

Mindestens genauso gefragt wie die „Zirkusschule“ ist der Kinderbauernhof. Wer hierhin möchte, muss an einigen streitbaren Gänsen vorbei. Hat man die aber erst einmal passiert, dann kommt schnell ein Villa-Kunterbunt-Gefühl auf. Ein Teich, auf dem sich Enten plustern, eine kleine Koppel mit struppigen Ponys, gerade in den Ferien und an den Wochenenden ist dieser Teil der Ufa-Fabrik fest in Kinderhand. Denn wo sonst hoppeln Kaninchen frei herum? Wo sonst kann man ein Huhn auf den Arm nehmen oder die Schweine Rudi und Rosa füttern?

Juppy bückt sich kurz, um eines der Kaninchen zu streicheln. Und erzählt vom Affen Charlie, der aus artfremder Privathaltung befreit und für kurze Zeit Bewohner des Ufa-Geländes wurde. „Es war aber schnell klar, dass wir den Affen hier nicht halten konnten“, sagt Juppy. „Er riss dauernd aus, saß dann stundenlang auf einem der Dächer. Oder aber biss und trat, das war schließlich zu gefährlich.“ Eine von so vielen Geschichten, die Juppy und die Ufa-Fabrik miteinander verbinden. Und die er nur allzu gern erzählt.

Nach wie vor lebt der Endsechziger auf dem Ufa-Gelände, bezieht eine bescheidene Rente, ist aber mittendrin im Geschehen und bei seiner „großen Familie“, Sohn Hannes miteingeschlossen. Ein Lebenskünstler, der sich seit seiner Jugend Konventionen verweigerte, weder sein Studium abschließen noch längere Zeit festangestellt arbeiten wollte. Der aber Träume hatte.

Viele davon sind heute tatsächlich Realität. Aus dem 1979 noch brach liegenden Gelände mit den maroden Gebäuden ist längst eine „Stadt in der Stadt“ geworden. Mit Wohnungen und Büros, mit Bühnen und Proberäumen. Mit einer Bäckerei, einem Bauernhof und einem Nachbarschaftszentrum samt Yogakurs bis zum Beratungsangebot. Das alles versorgt mit nachhaltiger Energie dank der Solarmodule auf den Dächern.

Mitunter ist Juppy selbst von dieser rasanten Entwicklung überrascht. Da habe die Realität die Träume doch glatt eingeholt, sagt er. Und wer weiß, wie sich das alles noch weiterentwickelt, Ideen jedenfalls hat er noch genug.



In der Ufa-Fabrik findet vom 22. bis 24. April das 30. Berliner Kinderzirkus-Festival statt.

Merken

Merken

Bild der Woche