"Fanatismus schadet nur"
"Fanatismus schadet nur"
2. Oktober 2014

Dr. Jürgen Birmanns, Arzt für Gesundheitskunde und Ganzheitsmedizin, hält Kurse und Vorträge über Vollwertkost. Im FORUM-Interview spricht er über Nutzen und Risiken der vegetarischen und veganen Ernährung.

Herr Dr. Birmanns, wer lebt gesünder: Allesesser, Vegetarier oder Veganer?
Der normale Esser lebt nicht gesund. Die übliche Hausmannskost enthält leider viele Auszugsmehlprodukte und Fabrikzuckerarten. Und zu viel artfremdes tierisches Eiweiß. Unsere Vorfahren haben ja auch schon Fleisch gegessen, aber nicht in so großen Mengen. Heutzutage kann man in unserer Gesellschaft geradezu von einer Eiweißmast sprechen. Vegetarisch – aber vollwertig – ist die bessere Ernährung.

Wie ernähren Sie sich denn selbst?
Seit ich 26 bin, ernähre ich mich aus ethischen Gründen vegetarisch. Ich bin aber kein Pudding-Vegetarier, sondern esse eine vitalstoffreiche Vollwertkost.

Pudding-Vegetarier?
Jemand, der Fleisch meidet und ansonsten Sojadrinks, Tofuwürfel, Zucker und so weiter isst. Sowas ist nicht gesund. Der Fleischverzicht ist erst mal gut für die Tiere und auch gut für den Klimaschutz. Aber für die Gesundheit reicht es nicht, einfach nur auf Fleisch zu verzichten.

Eine Sonderform der vegetarischen Ernährung ist der Veganismus, der Verzicht auf alle tierischen Produkte. Vegan ist momentan schwer in Mode. Auch bei Ihren Patienten?
Ja, gerade bei jungen Menschen. Insbesondere bei jungen Frauen. Viele machen es aus ethischen Gründen. Veganismus wird zurzeit vor allem durch verschiedene Internetforen gefördert. Und durch Bücher, zum Beispiel von Rüdiger Dahlke. Für viele ist es sogar eine Art Ersatzreligion geworden.

Birgt das gesundheitliche Risiken?
Oft fehlen die Kenntnisse, eine vollwertige Ernährung zusammenzustellen. Dann kann es zu Mangelerscheinungen kommen. Wer sich für den Veganismus entscheidet, sollte sich vollwertig ernähren, um nicht zu meinem Patienten zu werden.

Sind Ihnen denn schon mal Patienten mit Mangel­­er­scheinungen begegnet?
Ja, durchaus. Als Folge von Diäten und einseitigen Ernährungsweisen. Fanatismus schadet nur. Ich schaue mir immer im Einzelfall an, wie sich ein Patient ernährt.

Vielen Ihrer Patienten empfehlen Sie den Verzicht auf tierisches Eiweiß, also Fleisch, Fisch, Quark, Käse und Joghurt. Was bringt das?
Eine tiereiweißfreie Vollwertkost hilft zum Beispiel bei rheumatischen Erkrankungen, bei Hautekzemen, Asthma, Allergien, Heuschnupfen. So können Sie ein Ekzem ganz ohne Salbe wegkriegen. Da ist die Ernährungsumstellung also gleichzeitig eine wirkungsvolle Therapie. Ansonsten, wenn Sie diese Krankheiten nicht haben, können Sie auch gerne eine abwechslungsreiche vitalstoffreiche Vollwertkost essen und müssen tierisches Eiweiß nicht vollständig meiden. Es ist jedoch aus gesundheitlicher Sicht immer sinnvoll, Fleisch und Milchprodukte zu reduzieren. Insbesondere H-Milch. Die ist sehr minderwertig.

Ihre tiereiweißfreie Vollwertkost ist so eine Art Mittelding zwischen vegan und vegetarisch: Pflanzenkost plus Butter, Sahne und Honig. Warum nicht rein pflanzlich?
Es sind wertvolle Naturprodukte. Butter und Sahne enthalten ungesättigte Fettsäuren und Vitamine, sie sind außerdem sehr gut verträglich. Sie gehören zu unserer traditionellen Küche, und außerdem genießt man diese Lebensmittel ja nur in geringen Mengen.

Und wenn ich mich rein vegan ernähren möchte?
Butter ist kein Muss. Sie können auch hochwertige kaltgepresste Pflanzenöle verwenden.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) rät in Schwangerschaft, Stillzeit sowie im gesamten Kindesalter von einer veganen Er­nährung ab, warnt vor einer Unterversorgung mit Energie, Protein, Eisen, Calcium, Jod, Zink, Omega-3-Fettsäuren sowie den Vitaminen B2, B12 und D. Das ist ja eine ganze Latte an essenziellen Stoffen, die einem da fehlen, oder?
Die Warnungen der DGE sind übertrieben. Sie beziehen sich auf eine Ernährung mit Fabriknahrungsmitteln. Diesen Veganismus aber meine ich nicht. Die Kost muss alle Vitalstoffe enthalten. Die DGE war immer schon industriefreundlich. Sie empfiehlt Produkte der Nahrungsmittelindustrie wie etwa Jodsalz. Bei einer vollwertigen Ernährung brauchen Sie keine angereicherten Produkte oder Nahrungsergänzungsmittel.

Und wenn ich trotzdem etwas nehme, nach dem Motto: Es kann ja nicht schaden?
Ich kann nur davon abraten. Es könnte insbesondere bei den Vitaminen E, A und D zu gesundheitsschädlichen Überdosierungen kommen. Bitte verwenden Sie auch kein jodiertes oder fluoridiertes Speisesalz.

Gibt es Fälle, in denen Nahrungsergänzungsmittel, also Vitamin- oder Mineralstoffpräparate, notwendig sind?
Nur bei schweren Krankheiten. Ansonsten nicht, auch nicht bei Schwangeren, wenn sie sich vitalstoffreich und vollwertig ernähren.
Der Deutsche Vegetarierbund rät, bei veganer Ernährung sollte die Versorgung mit Vitamin B12 und D durch entsprechend angereicherte Produkte und Nahrungsergänzungsmittel abgesichert werden.
Vitamin D bildet Ihr Organismus selbst, wenn Sie in die Sonne gehen. Beim Vitamin B12 muss man zwischen Laborwerten und dem Krankheitsbild unterscheiden. Der Bedarf an B12 ist äußerst gering, und die Leber kann das Vitamin sehr lange auf Vorrat speichern. B12-Quellen sind alleine Mikroorganismen wie Hefen oder Pilze. Das Vitamin B12 in Rindfleisch und Kuhmilch stammt von den Darmbakterien des Rindes und aus exogenen Quellen, also der Nahrung. Auch die menschliche Darmflora produziert B12. Allerdings herrscht momentan Streit darüber, ob genug davon resorbiert werden kann. Oft aber wird diese B12-Problematik dramatisiert, um vegetarische oder vegane Ernährung in Verruf zu bringen. Ich sehe hier kein echtes Problem. B12-Mangel droht jedoch bei bestimmten Krankheiten, etwa bei chronischer Darmentzündung, bei Magenerkrankungen oder nach Magen-Darm-Operationen.

Die Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann und Markus Keller haben für den Deutschen Vegetarierbund eine Ernährungspyramide aufgestellt. Da sind verschiedene Lebensmittel nach ihrer empfohlenen Menge aufgelistet. Ist das eine sinnvolle Orientierung?
Diese Ernährungspyramide ist zumindest besser als die Pyramide der DGE. Es werden Vollkornprodukte empfohlen, was ich begrüße. Aber eigentlich ist das Zeitalter der Pyramiden vorbei. So eine Ernährungspyramide ist für mich ein fauler Kompromiss. Ihre Spitze sollte man absägen, denn Dinge wie Alkohol und Süßigkeiten tragen ja nichts zu einer gesunden Ernährung bei. Die Kollath-Tabelle halte ich für sinnvoller. Es wundert mich, dass Leitzmann die nicht empfiehlt, er kennt sie doch.

Das ist anzunehmen, denn Leitzmann selbst hat das Vorwort der aktuellen Ausgabe des Buches „Die Ordnung unserer Nahrung“ verfasst, worin der Ernährungsforscher Werner Kollath diese besagte Tabelle veröffentlichte. Die Erstauflage stammt aber schon von 1942. Ist da die aktuelle Ernährungs­pyramide nicht fortschrittlicher?
Nein, denn sie basiert auf der alten Ernährungslehre, die an Kalorien orientiert war. Ich finde aber eine qualitative Betrachtung wie bei Kollath fortschrittlicher als eine quantitative. Wir von der Gesellschaft für Gesundheitsberatung GGB e. V., deren zweiter Vorsitzender ich bin, suchen die Lebensmittel nach dem Grad ihrer Lebendigkeit aus.

Nach dieser Tabelle würde das bedeuten: lieber einen Apfel statt Apfelkompott, Rohmilchkäse statt Schmelzkäse, Butter statt Margarine?
Genau. Nehmen wir als Beispiel die empfohlenen Vollkornprodukte: Viele Menschen kaufen Vollkornbrot und denken, damit ernähren sie sich gesund. Meist wird so ein Brot aber nicht aus frisch gemahlenem Getreide gebacken. Dann fehlen wertvolle Vitalstoffe. Deshalb ist es wichtig, auf die Qualität zu achten, und zum Beispiel einen guten Bäcker zu wählen, der sein Korn selbst frisch mahlt.

Kommen wir abschließend nochmals zu den angesprochenen Mangelerscheinungen. Wie vermeide ich die konkret?
Durch die richtige Auswahl der Lebensmittel. Achten Sie auf Naturbelassenheit, Frische und auf kontrolliert biologischen Anbau. Kombinieren Sie die ersten drei Spalten der Kollath-Tabelle, das sichert die Versorgung mit Vitalstoffen. Mein Fazit: Essen und trinken Sie nichts, wofür Werbung gemacht wird.

Interview: Peter Böhnel

Info

Bücher zum Thema
Neuer Ratgeber:
lse Gutjahr, Matthias Jung (Hrsg.): Vegan – vegetarisch – vollwertig. EMU 2014 (erscheint im Oktober),
144 Seiten, 16,80 Euro.
ISBN: 978-3-89189-213-8

Aktuelles Standardwerk der Ernährungswissenschaft:
Claus Leitzmann, Markus Keller: Vegetarische Ernährung. Ulmer 2013 (3. aktualisierte Auflage),
380 Seiten, 22,99 Euro.
ISBN: 978-3-82523-873-5

Der Klassiker von 1942:
Werner Kollath: Die Ordnung unserer Nahrung. Haug 2005 (17. unveränderte Auflage),
344 Seiten, 39,99 Euro.
ISBN: 978-3-83047-210-0




Merken

Merken

Bild der Woche