Fleischlos Allergien los
Fleischlos Allergien los
13. März 2015

Heuschnupfen und Neurodermitis mit der richtigen Ernährung stoppen? Eine tiereiweißfreie Vollwertkost kann helfen. Doch sie erfordert viel Disziplin und Durchhaltevermögen – und stellt die etablierte Ernährungsmedizin auf den Kopf.

Sönke Brummerloh aus Osnabrück blickt auf eine typische Allergiker-Laufbahn zurück: „Ich wurde bereits als Baby von Neurodermitis und seit der Schulzeit zusätzlich von Heuschnupfen und Allergien geplagt“, erzählt der 35-Jährige. „Der Heuschnupfen ging im Februar los, wenn die Haselnüsse anfingen zu blühen. Weiter ging es im Frühling mit den Birken und im Sommer mit den Gräsern.“ Im Herbst und Winter hatte er Probleme durch seine Hausstaub-Allergie. „Mir ging es also im Prinzip das ganze Jahr über schlecht“, so Brummerloh. Hinzu kamen Kreuzallergien auf immer mehr Nuss- und Obstsorten. „Äpfel, Erdbeeren, Kirschen, Kiwis, Zitrusfrüchte und vieles mehr waren tabu. Auch bei Tomaten musste ich vorsichtig sein. Schließlich kam während meines Studiums noch eine Weizenallergie dazu“, erzählt er und fasst zusammen: „Es war schwierig, etwas zu essen, das nicht zu Hautjucken und Ekzemen führte.“

„Mir ging es das ganze Jahr schlecht“

Heute machen sich diese Probleme kaum noch bemerkbar. Sönke Brummerloh führt dies auf eine radikale Ernährungsumstellung zurück. Zusammen mit seiner Frau Melanie ernährt er sich seit drei Jahren vollwertig und vegetarisch. Dazu haben die beiden einen Blog ins Leben gerufen. Auf vollwert-blog.de berichten sie – beide von Beruf Informatiker – von den positiven gesundheitlichen Auswirkungen, und sie veröffentlichen ihre Lieblingsrezepte. Der Blog stößt auf großes Intereresse: „Wir zählen 40.000 Besucher im Monat“, so Sönke Brummerloh. „Und wir erhalten Rückmeldungen von Lesern, die ebenfalls positive Erfahrungen mit ihrer Ernährungsumstellung gemacht haben.“

Doch was spielt die Nahrung für eine Rolle, wenn man keine direkte Nahrungsmittelallergie hat? Abseits der etablierten Ernährungsmedizin hat sich ein alternativer Ansatz herausgebildet: Dass die gesamte Ernährungsweise ursächlich an der Entstehung von Allergien beteiligt sei. Diese Theorie geht zurück auf den Arzt und Buchautor Max Otto Bruker (1909-2001), der seit der Nachkriegszeit die deutsche Vollwert-und Bio-Szene maßgeblich beeinflusste. Kritiker weisen auf mangelnde klinische Studien, Befürworter auf Brukers 60 Jahre Praxiserfahrung hin. Bei bestimmten chronischen Erkrankungen empfahl Bruker eine Ernährungsform, die er „tiereiweißfreie vitalstoffreiche Vollwertertkost“ taufte. Sie soll zwei bedeutende Nachteile heutiger „Zivilisationskost“ eliminieren: Ein Zuwenig an Vitalstoffen (darunter Vitamine, Mineralstoffe, Faserstoffe, essentielle Fettsäuren) und ein Zuviel an tierischem Eiweiß (also Fleisch/Fisch, Wurst, Käse, Quark, Joghurt). Beides, so die Theorie, belaste unseren Eiweißstoffwechsel.

Die Brukersche Kost ähnelt stark dem heute hippen Veganismus, aber der Schwerpunkt liegt nicht auf Ethik, sondern auf Gesundheit. Raffinierte Kohlenhydrate (Zucker, Auszugsmehl) werden abgelehnt. Frische und Naturbelassenheit spielen eine zentrale Rolle.

Die Erkenntnis, dass eine vollwertige Ernährung gesund ist und viele Krankheitsrisiken drastisch senken kann, hat sich in der Ernährungsmedizin mittlerweile durchgesetzt. Nicht aber die Sache mit dem tierischen Eiweiß. Für Sönke Brummerloh jedoch war diese Komponente entscheidend im Kampf gegen seine Allergien. Er und seine Frau hatten ihre Ernährung bereits auf eine „normale“ Vollwertkost umgestellt, inklusive tierischer Lebensmittel wie Quark oder Käse. „Im Januar 2012 aß ich aus Versehen Haselnüsse und bekam geschwollene Lippen“, erinnert sich Brummerloh. Der Arzt Dr. Jürgen Birmanns, der die Therapie-Tradition von Bruker pflegt, riet Brummerloh zum entscheidenden Schritt: Tiereiweiß weglassen. „Nach zwei bis drei Monaten hatte die Haselnuss keinen Effekt mehr. Mit einem Mal ging alles wieder. Ich habe alle vormals problematischen Nahrungsmittel wieder vertragen“, sagt Brummerloh. Auch die Heuschnupfenbeschwerden traten in diesem Jahr nicht mehr auf – das erste Mal seit über 20 Jahren. „Solch eine massive Verbesserung hatte ich nicht erwartet.“

Nicht bei jedem klappt es so schnell wie bei Sönke Brummerloh. „Bei Heuschnupfen erleben Sie zwar in der Regel schon in der nächsten Saison eine subjektive Besserung. Doch bis er richtig weg ist, kann es anderthalb bis drei Jahre dauern“, erklärt Jürgen Birmanns. „Und wenn man nicht konsequent umstellt, hat man weiterhin Symptome.“ Auch andere Allergien, etwa gegen Tierhaare, könnten sehr hartnäckig sein, so Birmanns. Bei Hautekzemen jedoch könne sich der Erfolg bereits nach zwei bis drei Wochen einstellen. „Aber nur, wenn auch die Salben und Cremes abgesetzt werden.“ Alle diese Erfordernisse sind eine Herausforderung für den Patienten, nehmen ihn in die Verantwortung. Birmanns: „Die wenigsten Menschen sind dazu bereit. Denn der Patient braucht viel Disziplin und Geduld.“ Oft sei es bequemer, das Allergen zu meiden. Manchmal braucht es auch einen starken Leidensdruck, bis sich der Patient zur Lebensänderung aufraffen kann.

40.000 Besucher im Monat lesen mit

Sönke Brummerloh jedenfalls ist heute, drei Jahre nach seiner Ernährungsumstellung, nahezu geheilt. „Ich habe nur noch leichte Hautprobleme, aber das hängt bei mir mit Stress zusammen“, sagt er. Brummerloh muss immer noch nahezu tiereiweißfrei leben. Isst er zu viel Käse, muckst sich wieder der Heuschnupfen. Damit aber kann er leben: „Bleibe ich konsequent, spüre ich von den Pollen nichts mehr.“

Peter Böhnel

Mehr Infos unter: vollwert-blog.de oder www.ggb-lahnstein.de

INFO

Gibt den Ausschlag: Tiereiweiß


Warum soll man bei Allergien, Heuschnupfen und Hautekzemen (Neurodermitis) tierisches Eiweiß meiden? Jürgen Birmanns erklärt es so: „Das tierische Eiweiß wird vom Körper als artfremdes Protein betrachtet, im Gegensatz zum arteigenen (der Muttermilch) und zum Pflanzeneiweiß. Die sogenannten M-Zellen der Darmschleimhaut haben Kontakt mit den großmolekularen Proteinen der Nahrung“, so Birmanns. „Hier kommt es vermutlich zum Kontakt zwischen dem Antigen (Fremdeiweiß) und speziellen Abwehrzellen, die dann eine Antikörperbildung in Gang setzen.“ Durch diese Ablenkung und Überlastung des Immunsystems könne es zu Störungen in der Reaktion auf andere Stoffe kommen, etwa Pollen. „Die Allergie-Ursache ist die gestörte Antigen-Antikörper-Reaktion.“ Im Umkehrschluss bringe der Verzicht aufs Tiereiweiß die nötige Entlastung. „So kann die Körperabwehr wieder ihre nötige Immuntoleranz entwickeln.“





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