Grollende Tieftöner
Grollende Tieftöner
23. September 2016

Während Elefantenbullen außerhalb von Phasen sexueller und aggressiver Gereiztheit bisher als recht schweigsam galten, zeigt eine Studie der Universität Wien sie von einer deutlich mitteilsameren Seite – für Menschen aber nicht hörbar.

Elefantenbullen eilt ein ähnlicher Ruf voraus wie Männern: Sie gelten als maulfaul, ob nun zu Recht oder nicht. „Sag doch mal was“, entfährt es Frauen, die sich die Sprachlosigkeit ihrer Lebenspartner nicht länger –nun ja – anhören wollen. Oder schlimmer noch: Sie erkundigen sich auf Autofahrten bei dem schweigenden Mann neben ihnen: „Woran denkst du eigentlich gerade?“ Das müssen sich männliche Elefanten, soweit bekannt, zwar nicht fragen lassen, doch unter Zoologen gelten sie im Vergleich zu den rege kommunizierenden Elefantenkühen eher als schweigsame Zuhörer, als Einzelgänger obendrein. Wie es aussieht, könnte das aber eher an einer Blick- oder besser Hörverengung der Wissenschaftler liegen. Denn bisher haben sich Elefantenforscher vornehmlich mit der Kommunikation weiblicher Elefanten befasst, die stets in sehr sozialen Herden leben.

Weibliche Dickhäuter kommunizieren rege

Über männliche Dickhäuter sei auf diesem Feld deshalb „vergleichsweise wenig bekannt“, sagt die Zoologin Angela Stöger von der Abteilung für Kognitionsbiologie der Universität Wien. Sie und ihr Kollege Anton Baotic kommen nach der Analyse der Stimmen von zehn männlichen Elefanten aus Südafrika zu dem Schluss: „Es stimmt, dass Elefantenbullen im Vergleich zu Weibchen weniger vokalisieren.“ Aber wenn sie loslegten und extrem tief grollten (im Englischen „Rumble“ genannt), „dann hat das wirklich Bedeutung“. Und dann ist es ratsam, genau hinzuhören.

Die Grundschwingung beim Grollen liegt bei ausgewachsenen Elefantenbullen bei nur acht bis zehn Hertz (Schwingungen pro Sekunde). Menschen können diese Laute im sogenannten Infraschall-Bereich nicht hören; ihre Hörschwelle bei tiefen Tönen liegt bei etwa 20 Hertz, was zudem für jüngere Menschen mit guten Ohren gilt. Deshalb sind auch die Töne von Elefantenkühen für Menschen nicht zu vernehmen, denn sie liegen Stöger zufolge in der Regel bei 14 bis 16 Hertz. Damit seien sie „aber deutlich höher“ als die Laute großer Elefantenbullen.

Deren tiefes Grollen ist auch die Folge ihres gewaltigen Körpers, der viel Resonanzraum biete – ebenso wie der lange sogenannte Vokaltrakt der Bullen, der es inklusive Rüssel auf bis zu drei Meter bringen kann. Ein ausgewachsener Elefantenbulle wiegt rund sieben Tonnen, etwa doppelt so viel wie ein ausgereiftes Weibchen. „Bei Elefanten stehen das Alter und ihre Größe in einem engen Zusammengang, zumal die Tiere ein Leben lang wachsen“, sagt Angela Stöger. Und auch die Stimmbänder seien in der Regel umso größer und damit die Stimme umso tiefer, je größer der Körper des Elefanten insgesamt ist.

„Deshalb sagt die Stimme des Elefanten seinen Artgenossen zunächst einmal, wie groß er ist“. Außerdem, ob sie es mit einem älteren oder jüngeren Exemplar zu tun haben. Darin liege auch für die Weibchen eine wichtige Information: „In einer freilebenden Elefantenpopulation kommen meist erst die älteren Bullen bei der Paarung zum Zug.“

Doch die Stimme eines Elefanten übermittelt noch weitere Informationen. „Die Laute sind individuell verschieden“, sagt Stöger. Dickhäuter, die einander kennen, wissen also gleich, wer da etwas mitteilen will, denn „Elefanten haben ein großes soziales Wissen“, was auch von Delfinen bekannt ist. Zudem verändern sich die Laute der Bullen, wenn sie sich in der sogenannten Musth befinden, einer Phase großer Unruhe, Aggressivität und sexueller Erregung. In den Blutgefäßen der Bullen kreist in dieser Zeit sehr viel des männlichen Geschlechtshormons Testosteron. Die Bullen wirken dann auf Geschlechtsgenossen dominant, mitunter auch auf körperlich überlegene, die nicht erregt sind.

In diesem Zustand sind die Bullen unberechenbar; in Zoos oder bei Arbeitselefanten in Ländern wie Indien oder Thailand müssen Tierpfleger beziehungsweise Elefantenführer (Mahuts) dann extrem vorsichtig sein; manchmal werden die Bullen sogar zeitweise angebunden, bis sie sich wieder beruhigt haben. Jedenfalls ist es hilfreich für Artgenossen, sehr genau herauszuhören, ob ein – obendrein kräftiger – Bulle in dieser Rauschphase ist „und welchen Aggressivitätsgrad ihr Artgenosse gerade hat“, merkt Stöger an. „An den Lauten erkennen sie nämlich, ob sie dem Bullen dann besser aus dem Weg gehen oder ob sie sich ihm ruhig nähern können.“

In weiteren Experimenten wollen die Wiener Forscher ihren Verdacht erhärten, dass es die Stimme ist, die alle genannten Informationen über größere Distanzen übermittelt; dass also die Elefanten ihre tief grollenden Artgenossen gar nicht sehen müssen. Dazu finden derzeit Playback-Versuche statt, bei denen Elefanten mit Hilfe eines großen, etwa 300 Kilogramm schweren Basslautsprechers mit den Lauten von Bullen beschallt werden. „Wir beobachten dann die Reaktion der Tiere, um Rückschlüsse auf die tatsächliche Funktion und Bedeutung der Laute ziehen zu können“, erklärt Stöger das Vorgehen. Aber es sei eigentlich auch schon bekannt, dass Elefanten ihre Laute „über größere Distanzen verwenden“, um miteinander zu kommunizieren. Allerdings „arbeiten wir dabei nur mit Luftschall“. Es geht also bei den geplanten Versuchen nicht um einen Test der Annahme, dass die grauen Riesen einen Teil des Infraschalls auch über Schwingungen des Erdbodens wahrnehmen können.

Stimme vermittelt Aggressivitätsgrad

Insgesamt wiesen die bisherigen Erkenntnisse aus Feldexperimenten im Sommer 2015 schon jetzt darauf hin, „dass die akustische Kommunikation auch für das männliche Elefantensozialsystem sehr wichtig ist“. Über ihre Forschung haben Stöger und Baotic in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ berichtet.

Walter Schmidt

 

 

INFO:  Woher kommt unsere Stimme?
Ein brummender Bass beeindruckt uns deutlich stärker als ein Mann mit Fistelstimme. Vor wenigen Jahren haben US-Forscher um Casey Klofstad von der Universität Miami die überzeugende Wirkung tiefer Stimmen experimentell bestätigen können. Der Politikwissenschaftler fand heraus, dass sowohl Männer als auch Frauen Menschen mit sonorer Stimme den Vorzug geben, wenn es darum geht, ihnen Positionen mit hoher Verantwortung anzuvertrauen. Dabei spielte es keine Rolle, welchem Geschlecht die Auserwählten angehören. Auch deshalb könnten Frauen es schwerer als Männer haben, höhere und damit als dominant geltende Positionen in Politik und Wirtschaft zu ergattern, denn männliche Stimmen sind deutlich häufiger tief als weibliche.
Ein zweiter möglicher Schluss aus der 2012 veröffentlichten Studie: Dass viele Frauen tiefe Männerstimmen bevorzugen und erotischer finden als hohe, sei kein Zufall, sondern das Ergebnis biologischer Selektion. „Männer mit männlicheren, weil tieferen Stimmen, sind größer, körperlich kräftiger und aggressiver“, urteilen Klofstad und seine Ko-Autoren. Gesteuert werde dies von Hormonen, vor allem vom Anteil des Testosterons im Blut. Dieser beeinflusst während der Pubertät auch das Größenwachstum des Kehlkopfes und damit das Längenwachstum der Stimmlippen: „Je höher der Testosteronspiegel, desto länger werden die Stimmlippen – und umso tiefer die Stimme“, urteilt Klofstad.
Dass es nützlich sein könnte, allein von der Stimme – also ohne die Hilfe des Augenscheins – auf die Dominanz und physische Kraft eines Individuums schließen zu können, haben andere Wissenschaftler belegen können. Eine 2010 veröffentlichte Studie von Forschern um den US-amerikanischen Evolutionspsychologen Aaron Sell ist zu dem Ergebnis gelangt, dass Männer wie Frauen anhand der Stimme eines Mannes ziemlich treffend dessen Oberkörper-Kraft einschätzen können.
Die Forscher folgerten daraus dreierlei: Erstens ist es für das Überleben von Menschen offenbar von Anfang an hilfreich gewesen, vor allem die Kraft des männlichen Oberkörpers zu erkennen. Zweitens war seit jeher zweckmäßig, sich von den beim Kampf so wichtigen Arm- und Brustmuskeln eines möglichen Feindes auch akustisch ein treffendes Bild machen zu können, zum Beispiel bei Nacht, Nebel oder versperrter Sicht. Und drittens sollte ein überlebenswilliger Mensch dies auch dann schaffen, wenn der bedrohliche Fremde eine andere Sprache nutzt – sehr hilfreich in einem fremden Land.

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