Jeder von uns  hat etwas  Dunkles in sich
Jeder von uns hat etwas Dunkles in sich
29. Januar 2016

Nele Neuhaus, Jahrgang 1967, zählt zu den meistgelesenen Krimi-Autorinnen des deutschsprachigen Raums. Ihre Taunus-Krimis erreichten allein in Deutschland eine Gesamtauflage von fünf Millionen Exemplaren. Mit FORUM sprach sie über das Schreiben, Vorbilder, Glaube und Sterbehilfe.

Frau Neuhaus, für Ihren schriftstellerischen Erfolg haben Sie hart gearbeitet. Welches waren die größten Hürden in Ihrem Leben?
Die größte Hürde war wohl die, dass ich keine Chance hatte, mein erstes Manuskript irgendwo unterzubringen. Damals, vor 15 Jahren, gab es Self-Publishing noch nicht, E-Books waren noch keine Alternative zum Buch. Niemand gab mir einen Rat, wie ich es anfangen sollte. Dann stieß ich auf eine Schreibwerkstatt auf der Webseite einer Autorin und schrieb ihr eine Mail. Ihre ausführliche Antwort mit vielen Tipps und Ratschlägen war sehr hilfreich – dafür bin ich bis heute dankbar. Ich schickte mein Manuskript an eine Literaturagentur und bekam zum allerersten Mal eine Meinung zu meinem Text. Zwar lehnte der Agent mein Manuskript ab, weil er es für nicht vermittelbar hielt. Seine Ratschläge haben mich aber dazu gebracht, meinen eigenen Weg einzuschlagen und nicht mehr länger nach einem Verlag zu suchen. Heute sind wir übrigens befreundet und der Agent verzieht noch immer das Gesicht beim Gedanken daran, dass er „Unter Haien“ damals abgelehnt hat. Das Buch hat sich später über 700.000 Mal verkauft und stand auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste.


Was bedeutet Ihnen das Schreiben?
Schreiben ist mein Leben, zweifellos. Seit meiner frühesten Kindheit schreibe ich. Zuerst Geschichten in Schulhefte, später Liebes-, Pferde- und Abenteuergeschichten auf der Schreibmaschine, sogar Drehbücher. Gerade in meiner Jugend habe ich schwierige Lebenssituationen, Liebeskummer und schulische Probleme in meinen Geschichten verarbeitet. Bis heute bin ich ein Schreib-Maniac: egal ob Bücher, Briefe, E-Mails, SMS oder Whatsapp – ich bin eine leidenschaftliche Liebhaberin des geschriebenen Wortes.


Was macht für Sie die Faszination Krimi aus?
Im Krimi kann man Spannung aufbauen und die Abgründe der Menschheit aufzeigen, die wohl jeder kennt. Es muss für mich nicht unbedingt ein blutrünstiger Killer sein oder ein Psychopath, der reihenweise Menschen dahinmordet. Viel aufregender finde ich es, ganz normale Menschen in Situationen zu bringen, in denen sie nur noch einen Mord als vermeintlichen Ausweg sehen. Gefühle wie Neid, Hass, Eifersucht, Rache, Missgunst, aber auch die Angst vor der Aufdeckung eines Fehlers, der Verlust von Ansehen und Vermögen sind für mich wichtige Auslöser von Mord und Totschlag. Außerdem fasziniert es mich, in einem Krimi die heutige Gesellschaft zu beschreiben, aktuelle Probleme und Themen zum Inhalt einer Geschichte zu machen. Durch diese scheinbare Realität bekommt der Krimi dann eine Authentizität, die mich als Autorin, aber auch meine Leser fesselt.

Was denken Sie, was Leser so an menschlichen Abgründen fasziniert?
… dass man sie so gut nachvollziehen kann. Jeder von uns hat etwas Dunkles in sich, das er aber am liebsten vor der Welt verbirgt. In einem Roman werden solche Eigenschaften oder Denkweisen potenziert und bis zum Äußersten ausgereizt. Ich vermute, dass es die Leser von Kriminalromanen – zu denen ich mich selbst auch zähle – am meisten fasziniert, wenn sie irgendetwas in einer Geschichte wiederfinden, was sie nachvollziehen können. Dabei ist man als Leser aber nur unbeteiligter Zuschauer, kann sich also angenehm und ungefährdet gruseln.

Welche Ihrer Bücher erforderten die aufwendigsten Recherchearbeiten, und wie sahen diese aus?
Am aufwendigsten war sicherlich die Recherche zu „Unter Haien“, das in der Finanzwelt von New York spielt. Ich hatte eine Idee, aber mir fehlte das Handwerkszeug, und ich musste mir alles über Investmentbanking, Computerhacking, die Stadtpolitik in New York und die Geschichte der New Yorker Mafia anlesen. Heute wäre das wahrscheinlich einfach, es gibt über alle Themen jede Menge Literatur, und das Internet macht einem das Recherchieren leicht. Mitte bis Ende der 90er-Jahre, als ich das Buch schrieb, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Ich hielt mich stundenlang in Bibliotheken und Buchhandlungen auf, las Stapel von Büchern, bis ich mir das nötige Fachwissen angeeignet hatte. Dann konnte es erst mit dem eigentlichen Schreiben losgehen. Alles in allem habe ich sicherlich acht Jahre an dem ersten Buch geschrieben.

Wie lange schreiben Sie nun an einem Buch?
Mittlerweile kann ich mir nicht mehr so viel Zeit lassen. Außerdem habe ich den handwerklichen Teil der schriftstellerischen Arbeit gelernt und viel Erfahrung damit, wie ich an ein neues Buch herangehe. Früher habe ich aus reinem Vergnügen und ins Blaue geschrieben. Heute entwerfe ich den Plot, also die Geschichte, vorher genau, denke mir sorgfältig alle Handlungsstränge und Figuren aus, wobei ich trotzdem noch genug Spielraum für spontane Veränderungen offenlasse. Meine Krimis schreibe ich in etwa acht bis zehn Monaten, angefangen von der allerersten Idee bis zur Korrektur der Druckfahnen. Für die Jugend-Pferde-Bücher brauche ich ungefähr zwei Monate, denn da fällt die Recherche weg. Immerhin habe ich schon mein Leben lang mit Pferden zu tun und kenne mich aus. Meine Romane um Sheridan Grant, die ich unter meinem Mädchenname Nele Löwenberg veröffentliche, sind nicht ganz so aufwendig und durchgeplant wie die Krimis, hier habe ich die meiste Freiheit. Da diese Bücher in den USA spielen, muss ich doch sehr akribisch recherchieren, aber das macht mir viel Freude. „Straße nach Nirgendwo“ habe ich in fünf Monaten geschrieben. Wenn ich in der Schreibphase bin, dann schreibe ich jeden Tag, manchmal von morgens bis abends, auch an Wochenenden. Das fällt mir aber nicht schwer, denn schließlich ist mein Beruf auch meine Leidenschaft und mein allerliebstes Hobby. Pausen gönne ich mir natürlich auch, besonders gerne zum Lesen auf dem Balkon oder gemütlich auf dem Sofa.


In welcher Atmosphäre arbeiten Sie am liebsten?
Ich arbeite grundsätzlich an meinem Schreibtisch. Da habe ich alles, was ich brauche, um mich herum: Recherche-Unterlagen, Fachliteratur. Ich bin keine Laptop-, Café- oder Park-Schreiberin. Die nüchterne Büro-Atmosphäre, wo mich nichts unnötig ablenkt, ist am besten für meine Kreativität. Ich höre nicht einmal Musik, und es gibt keinen Fernseher in meinem Arbeitszimmer.

Worüber würden Sie niemals ein Buch verfassen?
Ich habe kein Interesse, über Politik zu schreiben. Ebenso wenig interessiert mich erotische Literatur à la „Shades of Grey“.

Kann es passieren, dass jemand, der Sie besonders verstimmt hat, in Ihren Krimis „verarbeitet“ wird?
Nein, das wäre ja viel zu nett! Menschen, die mich ärgern, tauchen aber gelegentlich als nicht besonders sympathische Nebenfiguren auf. In meinem letzten Krimi habe ich mir zum Beispiel den Namen eines sogenannten Krimikritikers ausgeliehen, der mir durch seine ständigen und ziemlich unsubstantiierten Kritiken negativ aufgefallen ist.

Haben Sie Vorbilder?
Meine Vorbilder sind Menschen, die gegen alle Widerstände ihren Weg gegangen sind, ohne dabei rücksichts- oder respektlos zu sein. Menschen, die Verantwortung übernehmen und empathisch sind. Das müssen nicht zwangsläufig berühmte Menschen sein, aber sie müssen sich und ihren Werten treu bleiben, das ist für mich wichtig und vorbildlich.

Was wollten Sie schon immer einmal machen, haben sich aber nicht getraut?
Alles, was ich jemals machen wollte, habe ich getan, und es hat sich gut angefühlt. Ich bin in keiner Weise adrenalinsüchtig, insofern habe ich nie den Wunsch verspürt, Fallschirm zu springen oder mich an einem Gummiband von Baukränen zu stürzen. Ich bin in die Länder gereist, in die ich immer reisen wollte, bin mit einem Pferd in den Rocky Mountains unterwegs gewesen und habe Pferde gezüchtet. Meine Träume sind sehr bodenständig und deshalb auch erfüllbar. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich innerlich absolut zufrieden bin und nie das Gefühl habe, ich hätte etwas verpasst.

In Ihrem aktuelles Buch „Die Lebenden und die Toten“ geht es um Organspende. Haben Sie einen Organspende-Ausweis?
Ich habe keinen. So lange es nicht mehr Transparenz gibt, werde ich auch keinen ausfüllen. Ich war lange Jahre Blutspenderin, weil ich eine seltene Blutgruppe habe. Nach meiner Herzklappen-OP rieten mir die Ärzte aber davon ab. Ich bin für mich der Meinung, dass eine Organspende etwas absolut Freiwilliges ist – eine Spende eben, keine Verpflichtung. Nach Abwägung aller Tatsachen habe ich mich momentan dazu entschieden, keine Organspenderin zu sein. Ich habe allerdings den allerhöchsten Respekt für Menschen, die Organspender sind, denn jeder von uns kann in die Situation kommen, aus der ihm nur ein gespendetes Organ helfen kann.

Sie beschäftigen sich viel mit menschlichen Abgründen und dem Tod. Wie ist Ihre Meinung zu Sterbehilfe?
Ich bin eine Befürworterin der Sterbehilfe. Auch wenn mein christlicher Glaube Selbstmord ächtet. Es gibt aber so grausame Krankheiten, die unheilbar sind und von denen man sich erlösen können sollte, wenn man es denn will. In meinem Bekanntenkreis sind zwei Menschen an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) gestorben und ihr Siechtum bei klarem Verstand mit anzusehen, zu erleben, was es für die Erkrankten bedeutete, ihren geliebten Angehörigen als hilfloser Pflegefall zur Last zu fallen, ohne das ändern zu können, war einschneidend. In solchen Fällen sollte man als Mensch entscheiden dürfen, ob man sterben will, bevor man bei lebendigem Leib erstickt.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Ja. Der Glaube ist ein festes Geländer für mich, immer da. Im Notfall kann ich mich an ihm festhalten. Glaube bedeutet für mich nicht, zwangsläufig jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, sondern vor allen Dingen, nach christlichen Werten zu leben. Das versuche ich jeden Tag bewusst zu tun. Es vergeht kein Tag, an dem ich Gott nicht für das danke, was ich erlebt habe. Manchmal danke ich ihm auch für Dinge, die auf den ersten Blick nicht unbedingt positiv sind, die mir aber bewusst machen, dass auch die finsteren Täler zum Leben gehören. Glaube, Demut und Dankbarkeit sind die Leitlinien meines Lebens.

Woran arbeiten Sie aktuell?
Am achten Taunuskrimi, der im Oktober 2016 erscheinen soll.

Interview: Kristina Scherer

 

 

INFO:
Buchtipp:
„Die Lebenden und die Toten“
Von Nele Neuhaus
Ullstein Verlag
Taschenbuch: 10,99 Euro
Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro

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