Jeder von uns könnte  abrutschen
Jeder von uns könnte abrutschen
5. Dezember 2014

Frank Zander, Jahrgang 1942, tummelt sich seit nun mehr 40 Jahren im Showgeschäft. Am 22. Dezember veranstaltet der Musiker, Entertainer, Schauspieler und Maler zum 20. Mal sein Weihnachtsfest für obdachlose und bedürftige Menschen in Berlin.

Herr Zander, spätestens seit Ihrem Song „Oh, Susi“, der damals auf den Index gesetzt wurde, besaßen Sie den Ruf als Skandal-Musiker. Hatten Sie diesen
bewusst provoziert?
Nein, es war einfach nur die verrückte Idee, alle Worte, die auch nur im Geringsten anstößig sein könnten, mit Geräuschen zu unterlegen. Ich habe schon immer irre Geräusche geliebt und auf meiner ersten Scheibe „Wahnsinn“ waren oft selbstgebastelte Explosionen und anderer akustischer Blödsinn zu hören. Als dann auch noch der Bayerische Rundfunk „Oh, Susi“ auf den Index packte – Zitat: „Aus Gründen des guten Geschmacks können wir Platz eins von Frank Zander leider nicht senden“ – wurde es ein Riesenhit in Deutschland,  Österreich und der Schweiz. Heute würde sich darüber niemand mehr aufregen.

War Ihr Lebenswandel denn tatsächlich so skandalös?
Ach nein. (lacht) Chaotisch war mein Leben schon immer, aber nicht skandalös.  Eigentlich kann ich mich an keine Skandal-Schlagzeile aus den letzten 40 Jahren erinnern. Im Januar erscheint mein neuer Song „Ich bin immer noch der Alte“ – da lasse ich in bester Blues-Manier mein Leben Revue passieren: Viel Wahnsinn, viele verrückte Projekte, Shows und Songs, aber keine Skandale. Ich bin sogar seit über 40 Jahren mit derselben Frau verheiratet.

Sie singen, musizieren, synchronisieren, schauspielern, entertainen und zeichnen ohne Unterlass. Ist es für Sie vorstellbar, sich irgendwann einmal aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen oder ziehen Sie den Un-Ruhestand vor?
Einen kompletten Rückzug kann ich mir nicht vorstellen. Etwas ruhiger treten – okay. Aber ganz mit der Musik, der Malerei oder dem Schauspielern aufhören ist für mich unvorstellbar. Ich habe immer noch so viele Ideen und Projekte im Kopf. Um die alle umzusetzen benötige ich noch etwa 120 Jahre. Gerade habe ich ein Angebot für einen Kinofilm auf dem Tisch, arbeite am eigenen „Fischologie“-Kalender und an ein paar neuen Songs, bin offizieller Kiezkneipen-Bewahrer in Berlin und dann kommt ja noch die alljährliche Weihnachtsfeier. Dazu jede Woche noch neue Vornamen, die ich für die ganz persönliche Geburtstags-CD einsinge – ein ewiger Dauerbrenner…

Würden Sie sich an das Jurypult einer TV-Casting-Show wie „Das Supertalent“ setzen?
Nein, das ist nicht mein Ding. Zu jeder Darbietung etwas Quotenmäßiges plaudern gefällt mir nicht.

Was denken Sie, treibt erfolgreiche Musiker früherer Generationen wie Marianne Rosenberg oder Heino dazu?
Nun ja – es ist schon verlockend, vor einem Millionenpublikum zu sitzen und ich glaube, auch für gestandene Künstler ist es eine Art Werbe-Jungbrunnen. Viele der jungen Zuschauer kennen die Künstler der 60er und 70er nicht mehr. Geld spielt da eher eine Nebenrolle.

Wo leben Sie hauptsächlich: in Berlin oder auf Ibiza? Sind Sie auf Ibiza eher zum Relaxen oder wird dort auch gearbeitet?
Die meiste Zeit lebe und arbeite ich in Berlin, freue mich dann aber umso mehr auf die Insel. Meist reisen meine Frau und ich im Herbst oder Frühjahr. Im Sommer ist auf Ibiza die Hölle los. Das spüre ich umso mehr, weil unsere kleine Wohnung direkt am berühmten „Café del Mar“ liegt. Gearbeitet wird aber zum Leidwesen meiner Frau auch dort. Ich habe Staffelei und Pinsel dabei sowie ein eigenes kleines Tonstudio, um neue musikalische Ideen festzuhalten. Wenn ich aber bei Schweinewetter in Berlin Sehnsucht nach dem Meer habe, klicke ich einfach auf meine eigene Webcam und schaue mir den Sonnenuntergang an.

Lassen Sie uns über Ihr traditionelles Weihnachtsprojekt sprechen. Auch dieses Jahr werden Sie wieder mit Ihrer Familie, Freunden, Sponsoren und Helfern ein großes Weihnachtsfest für Obdachlose und Bedürftige geben. Und Sie feiern Jubiläum: Es ist das 20. Fest, das dieses Jahr im „Estrel Hotel“ Berlin stattfindet. Sind Sie stolz, bedürftigen Menschen schon so oft Freude bereitet zu haben?
Klar bin ich stolz, aber nicht nur auf mich, sondern auf alle, die mitmachen: meine Familie, meine Freunde, das Hotel, die sozialen Einrichtungen, die Helfer, die Sponsoren und, und, und. Natürlich bin ich auch stolz auf meine Auszeichnungen wie das Bundesverdienstkreuz oder die Ehrennadel von Berlin. Ich nutze solche Preise gerne, um neue Sponsoren zu gewinnen und genieße es auch, in den Medien meine Meinung sagen zu dürfen. Ich spiele gerne mal den modernen Robin Hood.

Wie entstand vor über 20 Jahren die Idee, solche Feste zu veran­stalten?
Nun ja, der Weg zum Bahnhof Zoo, um ein kleines Paket für Obdachlose abzugeben, gehörte schon vor 1995 zu meinem alljährlichen Weihnachtsritual. Vor 18 Jahren hatte meine damalige Plattenfirma die Idee, eine CD-Veröffentlichung zu nutzen, um arme Menschen einzuladen. Dieses Beispiel kam von Bruce Springsteen, der in New York Obdachlose zu seiner Release-Party einlud. Das Ganze war zwar gut gemeint, ging aber nach hinten los. Auf den Rat einiger Presseleute ließen wir die Veröffentlichungsparty sausen und kümmerten uns nur um die 120 armen Menschen. Diese erste Feier im Schloss Diedersdorf war ein voller Erfolg und für uns eine wunderbare Erfahrung. Es wurden jährlich mehr Gäste, bis wir 1999 mit unserer Feier in das Estrel Festival Center zogen. Ich lernte den Hotelbesitzer kennen und seitdem durften wir unsere Feier im ganz großen Saal veranstalten.

Am 22. Dezember werden Sie 3.000 Gäste begrüßen. Erhalten denn alle Einlass, die gern teilnehmen möchten? Oder muss hier ausgelost werden oder Ähnliches?
Wir lassen über die sozialen Stationen in Berlin kostenlose Einlassbändchen verteilen. Bei Aufwärmstellen, Essenausgaben und Notübernachtungen der Stadt hängen Plakate mit den Informationen, wo man sich die Bändchen abholen kann und wann die Busse zur Feier abfahren. Das klappt sehr gut. Natürlich ist die Anzahl der Bändchen begrenzt,  aber das versteht eigentlich jeder. Aber auch für Gäste, die ohne Bändchen am Tag der Veranstaltung zum Hotel kommen, haben wir noch ein Kontingent vor Ort. Sind dann auch diese Bändchen alle, haben wir als kleinen Trost noch Geschenketaschen.

Wie viele Obdachlose zählt Berlin derzeit?
Offiziell werden von den Behörden circa 4.000 Obdachlose genannt, aber die Hilfsverbände gehen von einer weitaus höheren Zahl aus – schätzungsweise 8.000 bis 10.000.

Worauf dürfen sich Ihre Gäste dieses Jahr freuen? Wie sieht das Programm aus?
Wie in jedem Jahr lasse ich mir es nicht nehmen, jeden Gast persönlich am Eingang zu begrüßen. Das dauert schon einmal eine ganze Stunde. Danach gehen die Gäste in den festlich geschmückten Saal mit über 250 Tischen, einem zwölfköpfigen Friseur-Team und vielen Kleiderständen. Es gibt eine kurze Ansprache von meinem Sohn und meinem Texter Hanno Bruhn, die beide von Anfang an dabei waren. Kurz darauf startet auch schon das Bühnenprogramm mit vielen bekannten Künstlern. Verraten darf ich an dieser Stelle aber nicht alles, denn es wird auch Überraschungen geben. Nina Hagen, Semino Rossi, Jürgen Drews, Linda Feller um einige zu nennen, haben bereits fest zugesagt und werden für Stimmung sorgen. Dann werden circa 3.000 Gänsebraten verteilt. Es ist unglaublich, aber nach knapp 15 Minuten hat wirklich jeder der Gäste sein Weihnachtsessen. Nachdem ich mit meiner Band und dem Song „Nur nach Hause“ das Finale eingeläutet habe, erhält jeder Gast am Ausgang noch eine Geschenketasche mit vielen nützlichen Dingen wie Schals, Handschuhen oder Schokolade.

Worauf freuen Sie sich bei dem Fest?
Ich freue mich auf die Begegnungen mit den Menschen, denn um sie geht es an diesem Abend. Viele vergessen vor lauter Kaufrausch, dass Weihnachten ein christliches Fest ist. Es geht weniger um Materielles, als um das familiäre Beisammensein.

Ist die Stimmung durchweg ausgelassen oder gibt es auch traurige Momente?
Natürlich sind wir alle immer sehr gerührt und auch berührt, wenn die Ärmsten der Armen den Saal betreten. Aber diese Menschen vertrauen uns und sie wollen an diesem Tag auch nicht bemitleidet werden. Es kann ganz schnell gehen und jeder von uns könnte abrutschen, durch Krankheit oder durch schwere Schicksalsschläge.

Welche Gesprächsthemen haben Sie und Ihre Gäste an diesen Abenden?
Unterschiedlich – mal diskutieren wir über unseren Fußballverein Hertha BSC, mal geht es um die Familie oder Freunde – eigentlich ganz normale Themen. Im letzten Jahr kam ein kleines Mädchen auf mich zu und sagte, sie wäre ein Kind der Feier! Als ich etwas verdutzt schaute, erklärte sie mir, dass ihre Mutter vor zehn Jahren auf unserer Weihnachtsfeier hoch schwanger war, als die Wehen kamen. Unser Ärzteteam hat die werdende Mutter gleich ins Krankenhaus gefahren und das Baby kam Minuten später auf die Welt. Eine sehr berührende Geschichte.

Bedanken sich viele persönlich bei Ihnen?
Natürlich bedanken sich viele bei mir, denn ich stehe für die Feier und trage auch die Verantwortung. Es bedanken sich aber auch viele Menschen, denen es gut geht, denn sie sind froh, dass jemand ehrlich und authentisch eine solche Feier auf die Beine stellt.

Setzen Sie sich auch außerhalb von Weihnachten für Obdachlose und bedürftige Menschen ein?
Ich werde das ganze Jahr über auf unsere Feier angesprochen und natürlich versuchen wir auch, in anderen Bereichen zu helfen. Anfang des Jahres zum Beispiel konnten wir ein neues Arztmobil für die Caritas finanzieren. Dieses Mobil fährt ganzjährig durch die Stadt und behandelt Obdachlose ohne Wenn und Aber –
eine tolle Sache. Ein kleiner Zander-Fisch ziert nun die Tür vom Bus. Für die Krankenstation am Bahnhof Zoo habe ich zusammen mit dem rbb Fernsehen einen Aufruf zur Renovierung gestartet. Der Berliner Stadtmission konnte ich einen neuen Einsatzwagen vermitteln und erst kürzlich konnten wir ein neues Schild für eine zentrale Beratungsstelle bezahlen.

Können Sie gut abschalten nach solchen Erlebnissen oder begleiten Sie persönliche Schicksale noch lange?
Ich brauche ein bis zwei Tage, dann habe ich alles wieder richtig eingeordnet. Das ist auch wichtig, denn ich möchte mit meiner Familie im kleinen Rahmen auch noch feiern. Meine Frau brutzelt dann eine Gans, meine Schwiegertochter, mein Sohn und mein Enkel bereiten alles vor und ich schmücke den Baum – so ganz normal eben.

Interview: Kristina Scherer

 

 

INFO:
Wer mehr über Frank Zander erfahren möchte, findet auf folgenden Internetseiten viele Infos:
www.frank-zander.de
www.zander-malt.de
Weitere Infos zum Obdachlosenfest von Frank Zander finden Sie unter: www.obdachlosenfest.de
Spendenkonto:
Diakonisches Werk
Berlin-Brandenburg e.V.
Bank für Kirche und Diakonie
BLZ: 350 601 90
Konto-Nr.: 44 44 0
Kennwort: Weihnachten mit Frank
BIC: GENODED1DKD
IBAN:
DE48 3506 0190 0000 0444 40

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