Kampf  dem Boykott
Kampf dem Boykott
2. August 2013

Die 100. Ausgabe der Tour de France war aus deutscher Sicht die erfolgreichste seit dem Sieg von Jan Ullrich 1997. Fünf Etappensiege gab es, doch in der Heimat nahm kaum jemand davon Notiz. Der Radsport kämpft in Deutschland um seine Existenz.

Das hatte er selber nicht für möglich gehalten: Zum Abschluss der 100. Tour de France sprintete Marcel Kittel unter dem Abendhimmel von Paris zum Etappensieg auf den Champs Élysées. Von seinen Teamkollegen optimal in Position gebracht, zog er den Sprint von vorne an, seine härtesten Kontrahenten André Greipel, Mark Cavendish und Peter Sagan im Rücken, und drückte sein Rad als Erster über den Zielstrich. Zum ersten Mal seit über 20 Jahren triumphierte wieder ein Deutscher an dem für Kittel „schönsten Ort, um eine Etappe zu gewinnen.“ Begonnen hatte die Erfolgsgeschichte des großen Blonden mit den blauen Augen jedoch schon drei Wochen zuvor an einem kaum weniger aufregenden Ort, der „Insel der Schönheit“, Korsika.

Chris Froome siegte souverän. Schon machen Doping-Gerüchte die Runde.

In einem von Stürzen und Defekten seiner Konkurrenten geprägten Finale hatte Kittel die erste Etappe der Jubiläums-Tour für sich entschieden und wurde dafür sogar mit dem Gelben Trikot belohnt. Der zweite Coup gelang ihm in Saint-Malo, zwei Tage später gewann Kittel in Tours. Wenige Minuten nach diesem Sieg erschien der Deutsche zum Interview im französischen Fernsehen France 2. Seine gute Laune wirkte ansteckend auf den Moderator der Sportsendung L’Après Tour, die täglich nach dem Ende der Etappen ausgestrahlt wird. Gérard Holtz, Doyen der französischen Radsport-Berichterstattung, verabschiedete Kittel mit den Worten „Er ist wirklich toll; sein strahlendes Lachen, sein Charme, was für ein intelligenter und sympathischer Bursche!“ Wenig später stellte er fest: „Und doch: Es ist schon paradox. Der fünfte deutsche Etappensieg, und das zu einem Zeitpunkt, an dem das Erste Deutsche Fernsehen die Tour de France boykottiert.“ Wenngleich sich nicht nur die ARD, sondern auch das ZDF entschlossen haben, die Tour nicht mehr live zu übertragen, und die ARD noch mit einem kleinen Team vor Ort war, spiegelt diese Aussage das Unverständnis der Franzosen über die deutsche Haltung wider. Zumal die Gastgeber bis zur viertletzten Etappe warten mussten ehe sie in L’Alpe d’Huez den einzigen Tagessieg eines Einheimischen bejubeln durften.

Hätte Gérard Holz die verbliebene Berichterstattung im deutschen Fernsehen verfolgt, würde er seine Formulierung vom „Boykott“ wohl trotzdem bestätigt sehen: Es schien, als hätten Beiträge über die Tour de France überhaupt nur dann eine Chance auf Veröffentlichung, wenn das Wort „Doping“ darin vorkam. Fast schon zwanghaft wirkte diese Art der Berichterstattung, ganz so, als müsse man sich ständig dafür entschuldigen, dass man überhaupt von der Tour berichtet. Nicht anders sah es in den meisten Printmedien aus. Dass es für die ARD immer schwieriger wird, ihre Boykott-Haltung aufrechtzuerhalten, zeigt indes die Aussage ihres Sport-Koordinators Axel Balkausky, der angab, man sei nicht wegen Doping aus der Berichterstattung zur Tour ausgestiegen, sondern wegen sinkender Einschaltquoten. Es muss kein Zufall sein, dass diese Meldung in einem zeitlichen Zusammenhang zu den Doping-Enthüllungen im 100-Meter-Sprint steht. ARD und ZDF werden vom 10. bis 18. August 2013 großflächig von der Leichtathletik-WM in Moskau berichten.

Hoffen auf eine bessere Zeit: Marcel Kittel (links) und André Greipel stehen für den Neuanfang des deutschen Radsports.

Dabei bietet gerade die junge Garde um Marcel Kittel die Chance, sich wieder vermehrt mit Radsport zu beschäftigen. Der 25-Jährige hat sich schon vor einiger Zeit mit seinem Teamkollegen John Degenkolb und dem deutschen Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die sich von der Generation Ullrich abheben und dem Radsport in Deutschland verlorene Glaubwürdigkeit zurückgeben will. Alle drei setzen sich für ein Anti-Doping-Gesetz und Haftstrafen für erwischte Doper ein und fordern damit Maßnahmen, die nicht einmal der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und vermutlich nächste Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Dr. Thomas Bach, ergreifen will. Dennoch ist es aus deutscher Sicht unvorstellbar, was Gérard Holtz dem – bis zum Auftauchen Kittels – schnellsten Mann der Welt, Mark Cavendish, nach dessen Etappensieg in Saint-Armand-Montrond gestand: „Mark, ich bin Ihr Fan. Ach was, ich bin nicht nur Ihr Fan, ich bin der Präsident des Mark-Cavendish-Fanclubs!“ Solch eine Annäherung an Leistungssportler birgt Gefahren, sie bedeutet aber nicht, dass man ständig unkritisch sein muss. „Chris – schauen Sie mir tief in die Augen und sagen Sie mir: Können wir Ihnen trauen?“, fragte Holtz den neuen Toursieger Christopher Froome schon nach der ersten Pyrenäen-Etappe, die der gebürtige Kenianer souverän für sich entschieden hatte. Als Froome dann auch noch eine an den unseligen Lance Armstrong erinnernde Attacke am Mont Ventoux ritt, schien selbst der Radsport-Liebhaber Holtz vom Glauben abzufallen. ARD-Reporter Florian Nass kommentierte: „Es ist diese Dominanz, diese Überlegenheit, die beides bewirkt: Faszination und Misstrauen. Das ist das selbst verschuldete Dilemma des Profi-Radsports.“

Neue Doping-Enthüllungen um Erik Zabel (links) und Jan Ullrich erschweren den Neustart.

Tony Martin will dem entgegentreten. „Ich hoffe sehr, dass diese Erfolge den Radsport in Deutschland pushen“, gab er nach seinem Sieg im Zeitfahren am Mont-Saint-Michel zu Protokoll. Der 28-Jährige war nach 33 Kilometern völlig entkräftet im Ziel zusammengebrochen und musste dann fast fünf Stunden warten ehe sein Etappensieg feststand. Ausgerechnet der letzte Starter des Tages, der in Gelb fahrende Christopher Froome, hatte Martins Zwischenzeiten unterboten, doch am Ende fehlten dem Engländer elf Sekunden auf den Deutschen. Für viele eine Beruhigung, denn man neigt dazu, Martin zu glauben – auch wenn man schon bei den später des Dopings überführten Stefan Schumacher oder Patrik Sinkewitz von einer neuen Generation gesprochen hatte und dafür bitter enttäuscht worden war.

Dritter deutscher Etappensieger 2013 wurde André Greipel, der in Montpellier die Sprintelite hinter sich ließ. Zwar kann man den 31-Jährigen nicht mehr zur neuen Generation hinzuzählen, doch auch der Rostocker tritt immer wieder offensiv gegen Doping ein. Am Ende konnten die deutschen Fahrer die inoffizielle Nationenwertung mit sechs zu fünf Tagessiegen gegenüber England für sich entscheiden. Hinzu kommen vier zweite Plätze, unter anderem vom 24-jährigen John Degenkolb. Was aber bringt diese Welle des deutschen Erfolgs der krisengeschüttelten Sportart?

Sicher ist, dass die großen deutschen Fernsehanstalten in absehbarer Zeit nicht zur Live-Berichterstattung zurückkehren werden. Dieses Feld überlässt man weiterhin dem Spartensender Eurosport, der sich im Verlauf der Tour über Rekord-Einschaltquoten freuen durfte – obgleich oder gerade weil dort das Thema Doping nur eine untergeordnete Rolle spielte. Ist es also ein starkes Zeichen für unabhängigen Journalismus, wenn sich die deutschen Medien mit aller Macht dagegen wehren, von der emotionalen und kulturellen Wucht des Ereignisses Tour de France mitgerissen zu werden? Hier sind Zweifel angebracht, solange zahlreiche Redaktionen in Deutschland die Falschmeldung einer großen deutschen Nachrichtenagentur über eine angeblich wegen zu vieler Nachfragen zum Thema Doping frühzeitig abgebrochene Pressekonferenz von Chris Froome am Ruhetag für glaubwürdiger halten, als die Berichte der internationalen Journalistenschar vor Ort. Die Tour de France wird in Deutschland eben mit Doping gleichgesetzt, das gilt für weite Teile der Medien und Zuschauer. Gleichzeitig war entlang der Tour-Strecke wieder ein vermehrtes Aufkommen deutscher Radfans festzustellen.

Spätestens seit Lance Armstrong weiß jedoch niemand mehr, ob er den Leistungen der Profis, allen voran denen eines Gesamtsiegers, trauen kann. Insofern ist es beruhigend, dass Marcel Kittel ein reiner Sprinter ist. Sein letzter Streich begann in Versailles, dem Sitz der Könige von Frankreich, und endete nach der Umkreisung des Triumphbogens. Seitdem funkelt ein Stern mehr über dem Place de l‘Étoile. Die Tour wird Kittel aber niemals gewinnen.

Andreas Ganz

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