Zerstören und Erneuern
Zerstören und Erneuern
8. August 2014

Rekord von deutschen Siegen, Begeisterung der Franzosen und ein italienischer Strahle­mann. Die Tour de France 2014 blieb ohne Doping-Fall. Nun wächst die Hoffnung auf eine Renaissance einer „verseuchten“ Sportart.

Die Tour de France ist stark. Sie hat die Macht, sich selbst zu zerstören. Aber hat sie auch die Kraft, sich zu erneuern? Wie immer war die Frankreich-Rundfahrt auch in diesem Jahr prall gefüllt mit vielen kleinen und großen Geschichten, mit Momenten des Dramas und des Jubels, mit Tränen der Freude und des Schmerzes, alles vor der Kulisse traumhafter Landschaften. Das ist es, was sie so einzigartig macht, und nur das hat sie vor dem sicheren Dopingtod bewahrt. Insofern ist 2014 ein besonderes Jahr, denn selbst die schärfsten Kritiker müssen einräumen, dass es bei der vergangenen Tour de France weniger betrügerisch zuging als je zuvor in diesem Jahrtausend. Das ist immerhin ein Anfang. Dabei hat es das Schicksal nicht mit allen Fahrern gut gemeint, doch geschah ihr Leid mitunter zum Vorteil der Tour.

Der Favorit Chris Froome fiel bereits früh aus

Beispiel Christopher Froome: Der große Favorit fiel in Nordfrankreich, auf den Straßen entlang der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges. Mit Brüchen an beiden Händen musste der Vorjahressieger das Rennen schon nach fünf Tagen beenden. Dabei hatte er auf der dantesken Höllenfahrt zum Wald von Arenberg noch nicht einmal die gefürchteten Kopfsteinpflaster-Passagen erreicht. Froome war sichtlich nervös zu seiner Titelverteidigung aufgebrochen und hatte es nicht geschafft, sich aus den obligatorischen Stürzen der ersten Tage herauszuhalten. Sein Ausscheiden sorgte hie und da für Aufatmen – ein Fahrer weniger, dessen Glaubwürdigkeit niemand so recht einzuschätzen vermag außer ihm selbst. Kaum besser erging es seinem vermeintlich größten Herausforderer Alberto Contador. Zwar hatte es dieser – mehr schlecht als recht aber unverletzt – durch die „Hölle des Nordens“ geschafft. Doch ein Sturz in den Vogesen zwang den Spanier zur Aufgabe – noch einmal Aufatmen hie und da.

Dominiert wurde das Rennen fortan von Vincenzo Nibali aus dem kasachischen Astana-Team um den Sportlichen Leiter Alexander Vinokourov. Letzterer ist den Radsport-Kennern heute mehr als notorischer Betrüger in Erinnerung denn als der spontane Angreifer, der einst den hochwillkommenen Kontrapunkt zum abgeklärten Kontrollfreak Lance Armstrong darstellte. Nibali selbst jedoch ist in Sachen Doping unbelastet, seine Leistung etwa bei der Auffahrt zur Planche des Belles Filles in den Vogesen wurde vom französischen Sportwissenschaftler Antoine Vayer, der sich als ehemaliger Mitarbeiter beim Skandal-Team Festina vom Saulus zum Paulus gewandelt hat, als „menschlich“ eingestuft – im Gegensatz zu der von Chris Froome vor zwei Jahren an gleicher Stelle. Schon am zweiten Tag in Sheffield zeigte Nibali, die Nummer drei der Favoriten auf den Gesamtsieg, warum er den Spitznamen „der Hai“ trägt: Auf den letzten Kilometern ließ er seine Kontrahenten mit einem unvermittelten Angriff hinter sich und wurde dafür mit Etappensieg und Gelbem Trikot belohnt. Der 29-Jährige baute seinen Vorsprung auf die Konkurrenten aus, indem er mit erstaunlicher Eleganz bei katastrophalen äußeren Bedingungen durch vom Regen in Rutschbahnen verwandelte Kreisverkehre und über die gefürchteten Kopfsteinpflaster-Passagen des Nordens schwebte. Nicht ein echter Berg war gefahren, da hatte der Sizilianer schon zweieinhalb Minuten Vorsprung auf Alberto Contador. Der Spanier, seit einem nachgewiesenen Doping-Vergehen nur noch zweifacher Tour-Sieger, kam jedoch gar nicht dazu, diese Zeit aufzuholen, denn er brach sich in den Vogesen das Schienbein.

Auch Doping-Sünder Contador musste aussteigen

Überhaupt legte die Tour de France 2014 einen wahrhaft furiosen Start hin. Millionen bejubelten die Fahrer entlang der Straßen in Nord-England, Menschenmengen wie man sie zuletzt bei den Tour-Etappen mit Ziel in Freiburg, Karlsruhe oder Saarbrücken gesehen hatte. Marcel Kittel, derzeit bester Sprinter der Welt, raste in einem schwierigen Finale der ersten Etappe ins Gelbe Trikot und bewies auch in London und Lille seine Ausnahmestellung. Landsmann André Greipel sprintete in Reims zum Sieg. Tony Martin gewann am Ende der ersten Tour-Woche die Mittelgebirgs-Etappe nach Mulhouse mit einer spektakulären Alleinfahrt gegen das gesamte Peloton und siegte erwartungsgemäß kurz vor dem Ende der Tour beim Einzelzeitfahren. Den Schlusspunkt setzte abermals Kittel, der zum zweiten Mal in Folge auf den Champs Elysées in Paris triumphierte. Insgesamt gab es sieben deutsche Etappensiege bei einer Tour de France – ein neuer Rekord, aufgestellt von Fahrern, die sich seit Jahren gegen Doping positionieren und deren Leistungen nachvollziehbar erscheinen.

Bester Bergfahrer der Tour 2014 wurde Rafal Majka, der nur aufgrund dubioser Blutwerte seines Teamkollegen Roman Kreuziger in das Tour-Aufgebot seiner Mannschaft Tinkoff-Saxo gerutscht war. Dessen Teamchef Bjarne Riis erbrachte bei seinem Tour-Sieg 1996 Leistungen, die nach Vayers Messungen nicht menschenmöglich waren und ist auch als Sportlicher Leiter nie in den Verdacht geraten, Doping abzulehnen. Selbst auf den Verantwortlichen der beiden französischen Teams AG2R und FDJ, deren Fahrer die Gunst der Stunde nutzten, um auf das Abschluss-Podium der Tour 2014 zu stürmen, liegt der Schatten der Doping-Vergangenheit.

Dennoch empfindet der deutsche Doping-Chefankläger Werner Franke Freude darüber, dass es erstmals seit 30 Jahren wieder zwei Franzosen auf das Podium geschafft haben.

Als ein „gutes Zeichen für den Radsport“ bezeichnet Franke das Abschneiden der französischen Fahrer, die am meisten von den Ausfällen der Tour-Favoriten zu profitieren wussten. Radsport-Begeisterung wie lange nicht mehr bei unseren Nachbarn, als die jungen Romain Bardet und Thibaut Pinot in den Alpen und Pyrenäen mit den Besten um die Wette kletterten und Tony Gallopin am Nationalfeiertag in Gelb fahren durfte. Während Vincenzo Nibali in einer eigenen Liga zu fahren schien, fiel die Entscheidung im Kampf um die verbleibenden Podiumsplätze erst beim Zeitfahren am vorletzten Tag: Routinier Jean-Christophe Péraud landete in der Gesamtwertung auf Rang zwei, Dritter wurde die Zukunftshoffnung des französischen Radsports, Thibaut Pinot. Dass Nibali fast acht Minuten Vorsprung auf die Verfolger herausfuhr, muss man indes nicht als Doping-Beweis werten. Dafür war die Konkurrenz für den Sieger der Vuelta a España 2010 und des Giro d’Italia 2013, bei aller Freude über französische Erfolge, die der arg gebeutelten Tour de France sichtlich gut taten, einfach zu schwach.

Kommen die Öffentlich-Rechtlichen zurück?

Der renommierte Pharmakologe Fritz Sörgel will Doping bei der Tour 2014 „nicht seriös annehmen oder ausschließen“, was angesichts der Vergangenheit des Rennens schon eine gute Nachricht ist. Bislang sind jedenfalls alle Doping-Proben der vergangenen Tour wie schon 2013 unauffällig. Das mag den Oberbürgermeister von Münster, Markus Lese, dazu bewogen haben, sich mit Tour-Direktor Christian Prudhomme zu treffen, um mit ihm einen Tour-Start 2017  zu besprechen. Prudhomme würde nur zu gerne den deutschen Markt zurückerobern, daher durfte das deutsche Team Netapp an der Tour teilnehmen – und machte dabei eine hervorragende Figur. Im nächsten Jahr wird die Mannschaft in dem mittelständischen Unternehmen Bora einen deutschen Sponsor erhalten. All dies führt inzwischen sogar bei den Fernseh-Verantwortlichen in Deutschland zum Nachdenken, ob der TV-Bann, mit dem die Tour 2011 von ARD und ZDF belegt wurde, noch aufrechterhalten werden kann. Auch wenn einigen von ihnen im Verlauf der Live-Übertragungen im französischen Fernsehen der Schreck in die Glieder gefahren sein dürfte, als Kommentator Thierry Adam bereits den Wiedereinstieg für 2015 verkündete.

Ganz soweit ist man noch nicht. Immerhin hat der Radsport 2014 aber ein Kapitel aufgeschlagen, das von Hoffnung auf Veränderung dieser über Jahre hinweg nahezu komplett verseuchten Sportart genährt wird. Und das ist viel mehr als man vor dem Start der diesjährigen Tour erwarten durfte.

Andreas Ganz



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