Zwischen Tradition und Moderne
Zwischen Tradition und Moderne
4. Juli 2014

Vom 5. bis zum 27. Juli messen sich die besten Radfahrer der Welt wieder beim traditionsreichsten Rennen des Planeten – der Tour de France, die in diesem Jahr in England beginnt. Dieses Mal geht es aber nicht nur ums sportliche Kräftemessen.

Christian Prudhomme, fühlt sich der Tradition verpflichtet. Der Tour-Direktor liebt den Radsport der Frühzeit, als die Rennen nicht von einzelnen Teams kontrolliert wurden bis zum Schluss; als die Fahrer wagemutige Attacken ritten, ohne dass sie von ihrem Sportlichen Leiter per Funk dazu aufgefordert oder zurückgepfiffen wurden; als sich die Teilnehmer auf ihre Intuition und ihre Stärken verließen und nicht auf einen kleinen Computer, der ihnen ihre aktuellen körperlichen Werte darstellt. Und so kreierte Prudhomme gemeinsam mit dem neuen Streckenchef der Tour de France, Thierry Gouvenou, einen Parcours, der vom ersten bis zum letzten Tag für Spannung sorgen soll. Doch so sehr der Radsport auch in seinen Traditionen verwurzelt ist, so gibt er sich auf vielen Gebieten sehr modern. Daher ist es im Selbstverständnis der Tour de France keineswegs paradox, dass der Start der ersten Etappen 2014 in England erfolgen wird. In der Heimat des Teams Sky, dem man nachsagt, es arbeite mit den modernsten Methoden im Profiradsport, und das die Tour-Sieger der beiden vergangenen Jahre hervorgebracht hat: Bradley Wiggins und Christopher Froome.

Zunächst geht es am 5. Juli von Leeds nach Harrogate, wo Mark Cavendish unbedingt zum ersten Mal in seiner ruhmreichen Karriere das Gelbe Trikot erobern will. Doch spätestens seit dem vergangenen Jahr lehrt der deutsche Sprinter Marcel Kittel vom Team Giant-Shimano den Briten das Fürchten. Der 26-Jährige trug im vorigen Jahr für einen Tag Gelb und gewann insgesamt vier Etappen. Kittels Teamkollege John Degenkolb ist ebenfalls Sprinter, allerdings einer, der die harten Rennen mit knackigen Anstiegen liebt. Somit dürfte die zweite Etappe nach Sheffield genau nach seinem Geschmack sein. Härteste Konkurrenten Degenkolbs werden auf diesem Abschnitt Typen wie der Slowene Peter Sagan oder der Ire Daniel Martin sein.

Tour im Zeichen des Ersten Weltkriegs

Christian Prudhomme dürfte insgeheim sogar davon träumen, dass hier die Favoriten auf den Gesamtsieg zum ersten Mal aus der Deckung kommen. Tags darauf in London ist mit einem Massensprint vor dem Buckingham Palace zu rechnen. Anschließend geht es nach Frankreich – und damit zurück zu Tradition und Geschichte.

Vor genau 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus. Ehemalige Tour-Sieger wie François Faber, Lucien Petit-Breton oder Octave Lapize ließen in diesem verheerenden Krieg ihr Leben. Auch die Erinnerung an den Gründer und ersten Direktor der Tour de France, Henri Desgrange, lebt wieder auf. Im August 1914 schrieb er in seiner Zeitung „L’Auto“ (einer Sportzeitung!) einen flammenden Aufruf an seine Landsleute: „Meine lieben französischen Jungs! ‚L’Auto‘ erscheint nun schon seit 14 Jahren und hat euch niemals einen schlechten Rat gegeben, oder? Also hört mir zu: Die Preußen sind Dreckskerle… Es wird Zeit, mit diesen dummen Übeltätern Schluss zu machen, die uns seit vier Jahren daran hindern, zu leben, zu lieben, zu atmen und fröhlich zu sein.“

1917 ließ sich Desgrange sogar freiwillig an die Front schicken und hatte das Glück, mit dem Leben davonzukommen. Die fünfte Etappe der Tour 2014 wird am 9. Juli in der belgischen Stadt Ypern beginnen, wo es erstmals zum Einsatz von Giftgas gekommen war. Auf den folgenden Etappen werden die Schlachtfelder an der Somme, der Chemin des Dames oder auch das Beinhaus von Douaumont passiert. Es werden eindringliche Momente sein. Denn plötzlich wird es gespenstisch still, wenn der Zirkus rund um die Fahrer sein buntes, immer strahlendes Treiben für einige Kilometer einstellt.

Die Tradition lebt aber auch im Rennen weiter, denn von Ypern kommend müssen die Fahrer über die berühmt-berüchtigten Kopfsteinpflaster Nordfrankreichs rattern. Es sind insgesamt nur 15 Kilometer, verteilt auf neun Sektoren, doch kann man hier das Rennen bereits verlieren. Ein Defekt oder Sturz zu einem frühen Zeitpunkt, und der Traum vom Tour-Sieg ist ausgeträumt. Die Nervosität der Favoriten dürfte vor dieser Etappe ihr höchstes Level erreichen. Hier und wenige Tage später in den Vogesen wird die Tour 2014 vorentschieden; an den Anstiegen nach Gérardmer, dem Col de la Schlucht, dem Markstein und vor allem dem Col des Chevrères und der Zielankunft auf der Planche des Belles Filles.

Und da ist er wieder, der Widerspruch zwischen Tradition und Moderne: Wenn Vorjahressieger Christopher Froome im Sitzen, mit gespreizten Ellenbogen, den Kopf über dem Lenker und damit an die Heroen der Anfangstage erinnernd, den Berg hinaufmarschiert. Allerdings in einer Trittfrequenz, die die Fahrer vor 100 Jahren auf ihren 15 Kilogramm schweren Rädern ohne Freilauf und Gangschaltung nicht hinbekamen. Hinter ihm wird Alberto Contador, dessen Wiegetritt moderner wirkt als Froomes Sitzposition, der aber in seinem Denken ein Fahrer der alten Schule ist, den Berg hinauftanzen.

Der Spanier hatte Froome bei der Generalprobe zur diesjährigen Tour de France, dem Critérium du Dauphiné, einen erbitterten Kampf geliefert und war als moralischer Sieger daraus hervorgegangen. Allerdings nicht als sportlicher Gewinner. Zunächst hatte Vorjahressieger Froome das Gelbe Trikot des Gesamtführenden getragen, dann Contador. Doch am Ende siegte Andrew Talansky. Am letzten Tag ging der Amerikaner früh mit einer Ausreißergruppe, die sich mehr und mehr von Contador und Froome entfernte. Rund 20 Kilometer vor dem Ziel setzte Contador zu einer spektakulären Aufholjagd an, bestrebt, sein Gelbes Trikot nicht kampflos abzugeben und gleichzeitig dem Kontrahenten Froome, der nicht folgen konnte, einen psychischen Schlag zu versetzen. „Das ist der Radsport von früher!“, jubelten die Kommentatoren im deutschen und französischen Fernsehen. Dennoch war es irgendwie beruhigend, dass Contador am Ende einige Sekunden zu Talansky fehlten.

Vincenzo Nibali, der dritte Topfavorit auf den Tour-Sieg 2014, konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit den Großen mitspielen. Ob der „Hai von Messina“ das nötige Niveau erreichen wird, muss sich in den Vogesen zeigen.  Der erste Berg der höchsten Kategorie wartet auf der 13. Etappe mit dem 18,2 Kilometer langen Schlussanstieg nach Chamrousse in den französischen Alpen. Tags darauf geht es über den höchsten Punkt der Tour, den 2.360 Meter hohen Col d’Izoard. Ein beängstigender Anstieg, der an seinem höchsten Punkt an eine Mondlandschaft erinnert, rund 40 Kilometer vor dem Ziel auf dem Risoul. Alberto Contador und Co. haben bei der Dauphiné-Rundfahrt gezeigt, dass sie keineswegs gewillt sind, sich von den Sky-Fahrern bis zum letzten Berg ziehen zu lassen, um dort Froomes Hochgeschwindigkeits-Tritt zu bestaunen. Auch hier wird daher Radsport „à l’ancienne“ erwartet, so wie in den Zeiten eines Gino Bartali, der 1938 durch einen historischen Ritt über den Izoard den Grundstein zu seinem ersten Tour-Sieg legte.

Es folgt eine Übergangsetappe nach Nîmes, die womöglich durch vom Meer wehenden Seitenwind beeinflusst wird. Eine Spezialität von Contadors Tinkoff-Saxo-Team besteht darin, das Feld bei diesen Bedingungen auseinanderzureißen. Christopher Froome geriet 2013 bei solch einer Gelegenheit in Bedrängnis und höchste Panik. Der Spanier Alessandro Valverde verlor sogar sämtliche Chancen auf den Gesamtsieg.

Die endgültige Entscheidung über den Toursieg 2014 wird schließlich auf drei heftigen Pyrenäen-Etappen und im Zeitfahren am vorletzten Tag fallen. Beim Kampf gegen die Uhr strebt Tony Martin nach dem Tagessieg. Der deutsche Weltmeister im Zeitfahren wird aber in den vorausgehenden 18 Etappen auch sein Glück als Ausreißer versuchen, beflügelt von einem tollen Coup, den er bei der Baskenland-Rundfahrt landete. Zum Abschluss geht es am 27. Juli traditionell auf die Champs-Élysées in Paris, wo Marcel Kittel zum zweiten Mal in Folge den zu erwartenden Massensprint gewinnen will. Damit geht eine Tour de France zu Ende, deren Kurs ein abwechslungsreiches Rennen verspricht und die stets die Balance zwischen Tradition und Moderne sucht.

Andreas Ganz

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