Die App, die integrieren hilft
Die App, die integrieren hilft
27. Januar 2017

Manche Vokabeln lassen sich nur schwer merken. Das Saarbrücker Sprach-Projekt DaFür nimmt genau dieses Problem unter die Lupe und reichert seine Gratisplattform mit kurzen Lernvideos an. Damit gewann die Lernplattform für Flüchtlinge nicht nur einen Preis, sondern erinnert auch manch einen Deutschen an die Regeln des Zusammenlebens.

Unsicher mustert Faris Semir den vor ihm ausgebreiteten Fragebogen. Zwei ihm unbekannte Vokabeln machen es dem Syrer unmöglich, den Antrag weiter auszufüllen. Dabei hatte der junge Mann aus Damaskus doch so gut vorgelegt: Die Fragen nach seinem Vor- und Nachnamen beantworte Faris Semir noch mit Leichtigkeit. Auch die Frage nach seinem Alter kostet den Flüchtling keine Mühe. Und jetzt das: „Männlich und weiblich, was bedeuten diese beiden Wörter?“, wendet sich der junge Mann etwas verlegen an seinen Begleiter. „Männlich steht für den Mann und weiblich für die Frau“, erklärt der Integrationshelfer. Der deutschsprachige Freund begleitet Faris Semir bei seinem ersten Behördengang und hilft dem jungen Syrer dabei, sich sprachlich zurechtzufinden. „Sie sind ein Mann, also kreuzen Sie männlich an“, betont der Helfer und weist auf das richtige Kästchen. Faris Semir nickt zustimmend und macht ein schwungvolles Häkchen an der angewiesenen Stelle. Doch schon bei der darauffolgenden Frage braucht der 29-Jährige eine erneute Hilfestellung. „Ich verstehe auch dieses Wort nicht“, gesteht Faris und runzelt die Stirn. „Haushaltsvorstand – was bedeutet das?“, bittet er seinen Integrationshelfer abermals um Aufklärung.

Zu Hause lernen
und unterwegs

Eigentlich eine alltägliche Situation. Doch handelt es sich bei dieser Szene um eine kurze Filmsequenz: Knapp drei Minuten dauert das Lernvideo mit dem Titel „Ein Formular ausfüllen“ und ist einer der zahlreichen Lernfilme von DaFür, einem kostenlosen E-Learning-Portal für die sprachliche Integration von Flüchtlingen. Damit sichert sich das im Saarland entstandene Projekt eine absolute Sonderstellung und räumte sogar den bundesweit begehrten Innovationspreis des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung in Bonn ab. Denn im Gegensatz zu anderen Lernplattformen trumpft DaFür neben klassischen Funktionen wie Vokabular, Grammatik und Leseverstehen mit sogenannten authentischen Situationsfilmen auf – zahlreichen selbstgedrehten Lernvideos mit echten Ansprechpartnern. Sie dienen den Neuankömmlingen als visuelle Ergänzung zu den klassischen Vokabeltrainern und veranschaulichen den Gebrauch von gelernten Wörtern in authentischen Gesprächssituationen.

„Im Mittelpunkt unserer Lernmodule stehen unter anderem solche Alltagssituationen wie Behördengänge, Wohnungssuche, Telefonieren und Freizeitgestaltung“, erklärt Tina Flauder, Dozentin für Deutsch als Fremdsprache bei der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (HTW). Zusammen mit dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) kümmert sich Flauder vor allem um die inhaltliche Umsetzung der umfangreichen Lernmodule und entwickelt parallel auch Drehbücher für kurze DaFür Videosequenzen. Diese bauen sich logisch aufeinander auf. Semir startet bei einer Behörde, sucht sich eine Wohnung, geht zur Tafel und versucht anschließend, auch im Berufsleben Fuß zu fassen.

„Somit ist Faris Semir unsere Identifikationsfigur“, beschreibt Flauder das vom saarländischen Software-Unternehmen Eurokey ins Leben gerufene Projekt. „Und wir begleiten unseren Beispielflüchtling – in Wirklichkeit heißt Semir Haxhi Skondrani und studiert biomedizinische Technik – bei seiner Integration in Deutschland.“ Er bleibt dabei der einzige Hobby-Schauspieler, der Rest der vor der Kamera auftretenden Personen sind reale Partner aus der Region.

Mit ihrer Hilfe konzipiert Flauder auch die Drehbücher: Nach einem Vorgespräch, bei dem vor allem die wichtigsten Fragen und die damit verbundenen Vokabeln geklärt werden, setzt die Dozentin eine kurze authentische Szene auf. Das DaFür-Filmteam – bei der rund achtköpfigen Gruppe engagieren sich neben Deutschen auch Mitarbeiter mit Migrantenhintergrund – setzt anschließend Flauders Vision vor der Kameralinse um. „Bei manchen Filmen können sogar unsere deutschen Mitbürger etwas lernen“, spielt Flauder mit einem Lächeln auf die fachspezifischen Lernvideos an. Dazu gehören solche Filme wie die „Mülltrennung“ oder der „Besuch eines Wertstoffhofs“. Neben der Vermittlung von Sprache bringt DaFür seinen Nutzern so auch gesellschaftliche und ökologische Aspekte des Lebens in Deutschland näher. Papier gehört somit in einen Container, Biomüll in eine Bio-Tonne und alte Batterien werden in einem Wertstoffhof abgeladen.

Auch Gleichberechtigung spielt bei DaFür eine große Rolle: Alle Ansprechpartner, denen Faris Semir auf seinem Integrationsweg begegnet – abgesehen von einem Feuerwehrmann –, sind weiblich. Auch der Besuch beim Arzt führt den jungen Flüchtling aus Damaskus zu einer Frau. „Bei der Untersuchung macht sich Semir dann vor der Ärztin frei und lässt sich abhören“, fasst Flauder den Inhalt des Videos zusammen. Damit möchte DaFür auch in gewisser Weise sensibilisieren und den Flüchtlingen ihre Scheu und zum Teil auch Scham vor solchen Situationen nehmen.

Module auch für Politik, Ökologie
und Gesellschaft

Ein weiter Trumpf der DaFür-Plattform ist der Ansatz zum sogenannten Blended Learning, also einer Mischung aus Präsenzveranstaltungen und E-Learning-Material für zu Hause. „Somit kann DaFür neben der Ergänzung zu personengestützten Sprachkursen auch als Selbstlernmaterial genutzt werden“, erklärt Ludwig Kuhn. Ein Fernsehbeitrag brachte den Geschäftsführer von Eurokey vor rund einem Jahr auf die Idee, das Projekt in dieser Form zu starten. „Die meisten Jugendlichen, die nach Deutschland kommen, haben ein Smartphone. Das war auch mein Ansatz für DaFür“, erklärt Kuhn. Das saarländische Softwareunternehmen entwickelte also die App und ergänzt die Gratis-Lernplattform mit einem Online-Auftritt. „Unsere Module sind auf circa 15 Minuten ausgelegt“, so Kuhn, „somit können die Nutzer auch unterwegs, wie zum Beispiel während einer Busfahrt, bequem lernen.“

Mittlerweile zählt das Portal über 10.000 Downloads, Tendenz steigend. Es kommen aber auch weitere Module hinzu. „Die ersten acht Module vermitteln die sprachlichen Niveaustufen A1 und A2“, fasst Kuhn zusammen, „sie richten sich also an Sprachanfänger.“ Doch DaFür entwickelt sich auch stetig weiter: Das neue Modul „Demokratie“ – hier geht es um die politische Seite Deutschlands – richtet sich schon an Fortgeschrittene.


Julia Indenbaum

Alle Materialien sind kostenlos
abrufbar unter www.dafür.saarland

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