Von Faha  nach Paraguay
Von Faha nach Paraguay
29. August 2014

Agrar-Industrie gegen bäuerliche Landwirtschaft: Für einen Tag stand das nordsaarländische Dörfchen Faha im Mittelpunkt einer globalen Debatte um Fairness und Nachhaltigkeit unserer Lebensmittelerzeugung.

Die mächtigen Stalltüren stehen weit geöffnet. Die Sonne gibt sich in diesem ansonsten ziemlich verregneten Sommer ausnahmsweise die Ehre und lässt den Hof von Landwirt Joachim Boesen in schönster Bauernhofidylle erstrahlen. Die Kühe im lichtdurchfluteten, weitläufigen Stall genießen es offenkundig. Sie dürften kaum ahnen, dass ihre Lebensbedingungen gerade im Zentrum eines Gesprächs vor ihrer Stalltür stehen, das den Bogen vom Saargau nach Paraguay über den Senegal und zurück nach Faha schlägt.

Es dürfte nicht allzu oft vorkommen, dass man sich in dem kleinen Ortsteil von Mettlach nahe der luxemburgischen Grenze bewusst macht, Teil einer globalisierten Welt zu sein. Einer Welt, in der die Lebensbedingungen der Landbevölkerung in Südamerika oder Afrika und die von Joachim Boesen, seiner Frau Monika und seinen beiden Töchtern Anna und Marie sehr wohl etwas miteinander zu tun haben. Und dass hinter der schönen Bauernhofidylle eine knallharte Realität steht:

Zehn Ideen für Quereinsteiger

Warum ist Milch billiger als Wasser? Warum verhungern Menschen, wenn sie allein durch die in Europa und Nordamerika weggeworfenen Nahrungsmitteln dreimal satt werden könnten? Fragen, die auf einem Plakat der Kampagne „ERNA goes fair“ prangen, das demnächst als Unterrichtsmaterial in saarländischen Oberstufen Diskussionsstoff liefern soll. Themen wie fairer Handel und faire Landwirtschaft gehörten „unbedingt“ in die Schule, wie „alles, was in unserer Gesellschaft eine Rolle spielt“, unterstreicht Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD), der sich auch um Entwicklungszusammenarbeit kümmert. Auch die Stadt Merzig macht mit, stellt ab 16. September das Rathaus für eine Austellung zur Verfügung. „Es gibt keine fertigen Antworten“, sagt der Minister. Gerade Schüler müssten einen eigenen Einstieg in das Thema finden, sich kompetente Antworten selbst erarbeiten.

„ERNA goes fair“ ist ein Projekt der „Aktion 3. Welt Saar“ mit Partnern wie dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DBG) Saar oder dem Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). Es geht um den Erhalt einer bäuerlichen Landwirtschaft. Denn: „Landwirtschaft wird es immer geben. Die Frage ist nur: welche? Eine bäuerliche oder eine industrielle?“, fasst Roland Röder von der „Aktion 3. Welt Saar“ die gemeinsame Basis zusammen. Gleichzeitig betont er: „Es gibt nicht den einen Königsweg“. Deshalb sind auf dem Agrarplakat „zehn Ideen“ dargestellt, „Quereinstiege“, wie Röder sagt, um sich dem Thema zu nähern.

Da sind die Vegetarier oder Veganer, die ihren eigenen Zugang zur Frage einer fairen Landwirtschaft haben, oder Gewerkschafter, die im Zusammenschluss von Bauern die Chance sehen, „gemeinsam mehr zu erreichen,“ zählt Röder einige der Facetten auf, die sich unter der Kampagne auftun. ERNA steht übrigens für „ERnährungssicherheit und NAchhaltigkeit“.

Vor drei Jahren ins Leben gerufen, ist es ein bundesweit einzigartiges Vernetzungsprojekt mit den zentralen Fragen: „Woher kommt unser täglich Brot? Unsere Milch, unser Fleisch, Gemüse und Obst? Wer produziert das wie? Und wie hätten wir es denn gerne?“.

Dass bei diesen Themen die Debatte schnell emotional und ideologisch werden kann, ist Röder sehr wohl bewusst. „Es geht nicht darum, die eine Wahrheit zu verkünden“, betont er deshalb. Aber sehr wohl darum, Position zu beziehen.

Den Hof von Joachim Boesen für die Präsentation auszuwählen, war nahe liegend: Boesen ist Landesvorsitzender des Bundes deutscher Milchviehhalter, und: sein Hof steht so ziemlich für alle Probleme, vor denen die bäuerliche Landwirtschaft steht. Mit rund 80 Kühen gehört er zu den mittelgroßen. Es ist ein konventioneller Betrieb mit Bio-Elementen, zum Beispiel dem Verzicht auf genveränderte Futtermittel. Die Preise, die er für die Milch bekommt, sind kaum auskömmlich, obwohl die Milchpreise derzeit vergleichsweise gut sind. Für ein Bullenkalb erzielt er momentan gerade mal ein Drittel dessen, was als angemessen bezeichnet werden könnte. Und über all dem schwebt die Frage, wie und ob es überhaupt weitergehen könnte, wenn er, der den Hof nun in der siebten Generation betreibt, aufhört. Für Minister Commerçon steht fest, „dass wir der Weltgemeinschaft einen Schaden zufügen, wenn wir so weitermachen“. Roland Röder wird da deutlicher: „Wir dürfen die Zukunft der Landwirtschaft nicht den sogenannten Experten überlassen“. Die hätten schließlich dazu beigetragen, „dass wir die Katastrophe haben, die wir haben: Dass Bauern ganz miese Preise bekommen, dass immer mehr Höfe sterben, in die Insolvenz, den Konkurs getrieben werden“.

Oliver Hilt

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