Von Händel bis zu  „Rock Around The Clock“
Von Händel bis zu „Rock Around The Clock“
17. Februar 2017

Die Orgel gilt als Königin der Instrumente. In ihrem Schatten steht ihre kleine Schwester, die Drehorgel. Noch vor 100 Jahren war sie in Berlin mit ihrem typischen Sound überall zu hören, heute findet man sie fast nur noch auf Volksfesten. Und es gibt nur noch ganz wenige Meister, die sie bauen und reparieren können – wie Axel Stüber in Marzahn.

Organetto, Lirekasse, Organillo, Scharmanka, Verglec, Draai­orgel: Drehorgeln sind ein internationales Phänomen. Und auch, wenn sie aus Straßen und Hinterhöfen fast verschwunden sind – Drehorgelspieler und -freunde gibt es noch eine ganze Menge. Liebhaber des Instruments finden sich nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern weltweit.


Einen gewissen Anteil daran hat wahrscheinlich auch Axel Stüber. In seiner Werkstatt im Keller seines Marzahner Wohnhauses baut und restauriert er mit seinen Mitarbeitern Drehorgeln. Gelernt hatte er eigentlich Orgelbau in Frankfurt/Oder, 1977 kam er nach Berlin, weil er eine Werkstatt übernehmen konnte. Die hat er bis 1995 weiter geführt und Kirchenorgeln gebaut. Doch ihn faszinierten auch die kleinen Geschwister der „Königin der Instrumente“.

Stüber begann, Drehorgeln selbst zu entwerfen und herzustellen.

Stüber-Drehorgeln
für Sammlerherzen

Und das läuft, für solche Einzelanfertigungen gibt es Abnehmer? Oh ja: „Das sind oftmals Leute, die Spaß an mechanischer Musik haben und die Geräte sammeln”, erklärt der Orgelbaumeister. „Deshalb sind diese Stücke aufwendig gestaltet mit Intarsien, Messingbeschlägen und handgemalten Berlinbildern.” Er hat sich inzwischen einen Namen gemacht und genießt großes Ansehen weltweit. Seine Instrumente schickt er in die USA und die Schweiz, nach Russland, Frankreich und Israel, selbst nach Albanien gab es schon eine Lieferung. Eine Stüber-Orgel steht sogar in einem Museum in Seoul, Korea.

Die Kurbel oder das Schwungrad sieht man von außen. Doch was geschieht im Inneren? Durch das Drehen wird das Balgsystem betätigt. Das hält den Luftstrom immer auf einem konstanten Druck, auch wenn mit unterschiedlicher Geschwindigkeit gekurbelt wird. Kein Gejaule also, wenn jemand nicht so geübt ist! Die Luft gelangt dann über viele Ventile zum Pfeifenwerk. Verbreitet sind Instrumente mit 20 und 31 sogenannten „Tonstufen“. Nicht viele – aber dafür können sie unterschiedlich klingen, mal nach Trompete, mal nach Flöte. Denn eine Drehorgel kann fünf bis sechs Register haben.

Die Ventile im Orgel-Bauch werden pneumatisch, mechanisch oder elektromagnetisch angesteuert, früher mit einer Stiftwalze und später mit einem Papierstreifen. Seit den 80er-Jahren gibt es auch Instrumente mit einem Mikrochip. „Das macht aber keinen Spaß”, meint Axel Stüber kopfschüttelnd. „Das hat mit Traditionspflege nicht viel zu tun.”

Stüber hat bis 1990 die Papierstreifen noch selbst gefertigt, inzwischen gibt es genügend Anbieter. „Wir haben hier rund 400 verschiedene Musiktitel im Angebot” sagt er und zeigt stolz auf das große Regal, „das geht von Händel bis zu ‚Rock Around The Clock‘“.

Dabei wurde sogar speziell für die Drehorgel komponiert. So verarbeitete der Drehorgelbauer Carl Frei für seine Stücke verschiedene europäische Musiktraditionen. Kurt Weill ließ sich für die Premiere der Dreigroschenoper die „Moritat von Mackie Messer“ extra von Giovanni Bacigalupo für Drehorgel arrangieren.
Eine echte Cocchi, Bacigalupo & Graffigna-Orgel aus dem ehemaligen Berliner Drehorgel-Zentrum an der Schönhauser Allee wartet auch in der Werkstatt unter dem liebevoll gestalteten Ausstellungsraum auf ihre Restaurierung. Altes Handwerk zum Anfassen, an den Wänden hängen säuberlich sortiert Werkzeuge vom dicken Hammer bis zur feinsten Feile. Daneben Tische und Regale mit säuberlich sortierten Pfeifen aus Holz oder Metall oder leicht angeschrammten Gehäusen, die auf Überarbeitung warten.

Berliner Leierkästen
als Exportschlager

Viele von ihnen alt und viele aus Berlin. Denn nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gab es einen wahren Drehorgel-Boom in der Stadt: „Kriegsinvaliden erhielten damals noch keine Rente, sie mussten sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen“, erzählt Axel Stüber. „Deswegen bekamen sie eine Spielgenehmigung.“ Die Folge: Bei Drehorgelverleihern und -bauern blühte das Geschäft. Das zog auch viele Zuwanderer an, richtige Orgelbauer-Dynastien entstanden, wie die der Familie Bacigalupo. Schon damals waren Leierkästen ein Exportschlager, die Orgeln aus Berlin wurden bis nach Amerika und Mexiko exportiert. Die Bacigalupos überdauerten: Sie hatten bis 1975 eine Werkstatt in der Schönhauser Allee. „Gucken Sie mal genau hin, wenn Sie an den Schönhauser-Allee-Arkaden vorbeikommen“, empfiehlt Stüber. „Da erinnert eine Stele an die einstigen Werkstätten.“

Die Zeiten, als die Leierkastenmänner – gerne mit einem lebendigen Äffchen auf der Orgel – durch die Berliner Hinterhöfe zogen, sind definitiv vorbei. Dennoch hört man den alten Modellen noch ihren Zweck an: „Die waren lauter als zum Beispiel die in Süddeutschland“, sagt Stüber und lacht. „Die Mietskasernen waren hoch – und auch die Leute im oberen Stock sollten ja noch was mitbekommen und Groschen herunterwerfen.“


Um 1933 gab es rund 800 zugelassene Drehorgelspieler, heute sind es vielleicht 60 oder 70, die das als Hobby betreiben. In Berlin braucht man übrigens dafür keine Spielgenehmigung: Drehorgelspiel gilt als kulturelles Erbe, und das soll gepflegt werden.

Axel Stüber baut nicht nur Drehorgeln, er spielt sie auch. Mit Hingabe, am liebsten klassische Stücke. Kein Wunder, dass er auch auf Drehorgelfestivals gern mit dabei ist. In den Sommermonaten findet man ihn dann in Wien, Thun oder im Elsass, in Polen, Holland oder Ungarn.

Wer nicht so weit reisen möchte, um sich mal international beschallen zu lassen: Vom 30. Juni bis zum 2. Juli ist dieses Jahr das „Internationale Drehorgelfest Berlin“. Über 100 Drehorgelspieler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Holland, Dänemark, England, Schweden, Finnland, Estland und den USA werden auf dem Breitscheidplatz spielen. Und für einen gibt es einen ganz besonderem Grund, dann mit dabei zu sein: Der 30. Juni steht ganz im Zeichen des 40. Betriebsjubiläums von Axel Stüber.


Regina Friedrich

Merken

Merken

Bild der Woche