„Die Zahnmedizin  wird digital“
„Die Zahnmedizin wird digital“
14. Juli 2017

Dr. Kathrin Peters, bekannt aus Printmedien und TV, arbeitet seit fast 30 Jahren als Zahnärztin. Im Interview spricht sie über die richtige Zahnpflege, die Entstehung von Karies, neue Errungenschaften in der Zahnmedizin und Ästhetik.

Frau Dr. Peters, wie sieht die optimale Zahnpflege aus?
Wir Zahnärzte empfehlen gerne weiterhin dreimal täglich Zähne putzen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, jede Zahnfläche mindestens einmal am Tag gründlich gereinigt zu haben. Die Zahnzwischenräume sollten täglich – am besten abends nach dem Putzen –
mittels Zahnseide und/oder Zwischenraumbürsten gesäubert werden – denn gerade in diesen schlecht zugänglichen Bereichen treiben die Bakterien ihr größtes Unwesen.

Welche Fehler kann man beim Zähneputzen machen?
Das fängt schon beim richtigen Equipment an. Ich empfehle meinen Patienten fluoridhaltige Zahnpasta und Schallzahnbürsten, denn die reinigen bei gleicher Putzzeit gründlicher als die Handzahnbürste. Außerdem sind sie sehr schonend, da sie nur mit wenig Druck über die Zähne geführt werden. Und damit sind wir schon beim Fehler Nummer eins. Häufig wird mit viel zu viel Kraft geputzt. Der Druck auf Zähne und Zahnfleisch sollte nur bei 150 bis 200 Gramm liegen. Außerdem ist die richtige Putztechnik entscheidend. Meinen kleinen Patienten sage ich immer, sie sollen versuchen, mit der Zahnbürste den Zahn auszumalen. Das klappt wunderbar. Den Erwachsenen empfehle ich, die Zahnbeläge „wegzufegen“. Also von Rot nach Weiß auszuwischen. Einfach die Zahnbürste schräg zum Zahnfleisch hin ansetzen und dann ausfegen. Außerdem rate ich dazu, dies konzentriert vor dem Spiegel zu tun und nicht mit dem Blick in den Fernseher, um etwa den Elfmeter nicht zu verpassen. Fast genauso wichtig wie Zähneputzen und Zahnzwischenraumpflege ist die regelmäßige Zungenreinigung. Auch dafür gibt es Hilfsmittel wie zum Beispiel den Zungenschaber. Die konsequente häusliche Pflege sollte bei jedem von uns durch regelmäßige professionelle Zahnreinigung ergänzt werden. Denn: „Nobody is perfect“. Sie glauben gar nicht, wie sich meine Prophylaxe-Mitarbeiter freuen, wenn sie bei mir in einem versteckten Winkel noch etwas Zahnbelag aufspüren.

In den letzten Jahren betrachten viele Fluorid in Zahncremes kritisch. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Ich denke, dass viele Menschen dem Fluorid so kritisch gegenüberstehen, liegt sicher auch an einem chemischen Missverständnis. Sie verwechseln das Spurenelement Fluorid mit dem hochgiftigen Gas Fluor. Der Nutzen des Fluorids für unsere Zahngesundheit ist auf höchstem wissenschaftlichem Niveau untersucht worden. Ich bin jetzt seit 27 Jahren als Zahnärztin tätig und konnte im Verlauf der Jahre miterleben, dass durch die zunehmende Verbreitung fluoridhaltiger Zahnpasten, dank regelmäßiger Individualprophylaxe bei Kindern und durch die professionelle Zahnreinigung bei Erwachsenen Karies rückläufig ist. Fluorid verbessert nachweislich die Remineralisierung der Zähne, härtet sie und macht sie resistenter gegen Säuren. Zudem hemmt es das Bakterienwachstum und ist für mich in der präventiven Zahnmedizin unersetzbar. Wird Zahnpasta ordnungsgemäß angewendet, ist das darin enthaltende Fluorid vollkommen unbedenklich. Ein 60 Kilogramm schwerer Erwachsener müsste zirka 15 Tuben Zahnpasta am Tag verspeisen, um einen bedenklichen Grenzwert zu erreichen. Also gilt auch beim Fluorid wie bei vielen anderen Dingen unseres täglichen Lebens: Die Dosis macht das Gift!


Manche Menschen naschen viel, ohne dass ihre Zähne Schäden davontragen, manche ernähren sich gesund und haben des Öfteren Karies. Woran liegt das? Spielt hier die Veranlagung eine Rolle?
Es ist gemein, aber die Anfälligkeit für Karies ist tatsächlich genetisch bedingt. Eine aktuelle Studie zeigt, dass das Kariesrisiko mit geschlechtsabhängigen genetischen Unterschieden verknüpft ist. Hintergrund ist die Beobachtung, dass Frauen ein durchschnittlich höheres Kariesrisiko haben als Männer. Trotzdem kann die Entstehung einer Karies nicht ausschließlich auf die erbliche Veranlagung zurückgeführt werden. Faktoren wie etwa die Form der Zähne, Stellung und Struktur spielen auch eine wesentliche Rolle. Außerdem ist Karies eine Infektionskrankheit. Das Bakterium Streptococcus mutans ist dabei der Hauptbösewicht. Es kann einfache Zucker zu Säuren abbauen, die dann die Zähne zerstören. Und dabei gehört dieser üble Zeitgenosse gar nicht zu unserer ursprünglichen Mundflora, sondern wird von Mund zu Mund übertragen. Das zeigt, Kariesentstehung ist multifaktoriell! Ob nun genetisch vorbelastet oder nicht: Was hilft, ist, dem Streptococcus gar keine Nahrung anzubieten. Und da sind wir wieder bei der gründlichen Zahnpflege und beim Fluorid.

Wird es in naher Zukunft möglich sein, Karies stets schmerzfrei mit dem Laser statt mit Betäubungsspritze und Bohrer zu entfernen?
Wir sind heute schon so weit, Karies nahezu schmerzfrei durch den Laser zu entfernen. Dabei wird die Karies verdampft, ohne dass der Zahn berührt wird, auch die ungeliebten Vibrationen fallen weg. Doch leider stößt diese Art der Behandlung schnell an ihre Grenzen. Denn häufig sitzt die Karies unter einer alten Zahnfüllung, die wiederum nur durch den klassischen Bohrer entfernt werden kann. Durch die Entfernung mittels Laser könnte es zur Entstehung gefährlicher Dämpfe kommen. Außerdem ist es nicht möglich, mit dem Laser eine Form in den Zahn zu präparieren, wie wir sie etwa zur Aufnahme von Keramikfüllungen brauchen. Derzeit hat sich der Laser deshalb in der Praxis zur reinen Kariesentfernung noch nicht so durchgesetzt.

Gibt es neue Errungenschaften in der Zahnmedizin?
Ich bin immer wieder fasziniert, in was für einem rasenden Tempo sich die Zahnmedizin weiterentwickelt. Mein Berufsalltag hat heute nur noch marginal mit dem zu tun, was ich vor 30 Jahren in der Uni gelernt habe. Unser Praxisteam war gerade in Köln auf der internationalen Dental-Schau, auf der alle zwei Jahre die neuesten Entwicklungen der dentalen Welt vorgestellt werden. Highlight der Messe waren die Weiterentwicklungen in der digitalen Zahnmedizin. Auch wir nutzen in unserer Praxis seit eineinhalb Jahren einen ­intraoralen Scanner, um unseren Patienten das unangenehme Abformen der Zähne zu ersparen. Anstelle einer mäßig schmeckenden Abformmasse hat der Patient eine hochauflösende Kamera im Mund, die den gesamten Mundbereich in einem Rutsch abscannt. Wir erreichen somit mehr Komfort, eine noch höhere Präzision und eine geringere Behandlungszeit für unsere Patienten. Auf der Messe wurde ebenfalls eine Kariesbehandlung ohne Bohren oder Laser, das sogenannte Icon-Verfahren vorgestellt. Es basiert auf einer Infiltrationsmethode, mit der die Karies im frühen Stadium behandelt und gestoppt werden kann, sodass der Zahn im Anschluss dauerhaft geschützt ist.


Einige Patienten entscheiden sich für ein Bleaching. Ist dieses mit Schmerzen verbunden?
Wir haben im vergangenen Jahr in ein neues Bleaching-Equipment investiert. Bei diesem Verfahren wird zur Verstärkung des Wirkstoffs eine speziell hierfür entwickelte Lampe eingesetzt. Und natürlich haben wir uns zur Probe erst mal gegenseitig damit behandelt. Die Ergebnisse waren großartig! Die Empfindlichkeiten während und nach der Behandlung hätten unterschiedlicher nicht sein können. Eine Mitarbeiterin spürte gar nichts, eine andere hatte über Stunden immer mal wieder Schmerzblitze. Es sollte allerdings immer davon ausgegangen werden, dass in den Tagen nach dem Bleichen mit einer erhöhten Heiß-Kalt-Empfindlichkeit zu rechnen ist.

Ist ein Bleaching für jeden geeignet?
Patienten, die bereits unter einer erhöhten Empfindlichkeit durch freiliegende Zahnhälse oder stark abradierten Kauflächen leiden, ist grundsätzlich von einer Zahnaufhellung abzuraten. Gleiches gilt bei unbehandelten Entzündungen des Zahnfleisches und des Zahnhalteapparates. Auch muss ein Bleaching bei sehr jungen Patienten, deren Zähne noch eine große Nervenhöhle und damit eine höhere Sensibilität aufweisen, als kritisch angesehen werden. Wichtig ist es außerdem, zu bedenken, dass Kronen und Füllungen durch das Bleaching ihre Farbe nicht verändern werden. Diese müssen anschließend entsprechend des neuen Farbtons ausgetauscht werden.

Stimmt es, dass festes Kokosöl die Zähne natürlich aufhellt?
Das sogenannte Ölziehen soll neben einer zahnaufhellenden Komponente auch entzündungshemmend in Bezug auf Zahnfleischentzündungen wirken. Wissenschaftliche Studien mit repräsentativen Fallzahlen dazu bleiben jedoch bisher aus.


Gibt die Gesundheit der Zähne Aufschluss über die körperliche Gesundheit?
Wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre zeigen, wie sehr die Mundgesundheit in enger Wechselwirkung mit der Gesundheit des ganzen Körpers steht. Auch in den Zahnarztpraxen vollzieht sich ein Umdenken und es steht immer mehr die globale Gesundheit unserer Patienten im Mittelpunkt. So können Erkrankungen des Körpers in einem frühen Stadium bereits in der Mundhöhle erkannt werden. Andersherum können Erkrankungen in der Mundhöhle wie die Parodontitis das Risiko für bestimmte Allgemeinerkrankungen verstärken. Diese Entzündungen machen sich durch Rötung, Schwellung und blutendes Zahnfleisch bemerkbar. Dabei können Bakterien aus der Mundhöhle in die Blutbahn gelangen und an anderen Stellen des Körpers ihr Unwesen treiben. So wird zum Beispiel der Zusammenhang zwischen Parodontitis und der Entstehung von Herzinfarkt, Schlaganfall und Arteriosklerose diskutiert. Bei schwangeren Frauen mit krankhaften Veränderungen des Zahnhalteapparates steigt das Risiko einer Frühgeburt sowie anderer Komplikationen, wie zum Beispiel ein geringeres Geburtsgewicht. Neuer ist die Erkenntnis, dass auch Bakterien aus dem Zahnbelag und aus den Zahnfleischtaschen für eine Lungenentzündung verantwortlich sein können. Deshalb: Wer mit gesunden Zähnen lebt, der hat gut lachen. Denn, wie es um den Zustand unserer Mundgesundheit bestellt ist, hat einen großen Einfluss auf die Gesundheit unseres ganzen Körpers.

Interview: Kristina Scherer-Siegwarth

Weiter  Informationen finden Sie unter: www.zahnaerzte-in-harvestehude.de

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