Ab in die Mitte!
Ab in die Mitte!
18. März 2016

Warum wir einerseits gerne mal im Mittelpunkt stehen, aber dies – wörtlich verstanden – auch fürchten. Das Zentrum ist jedenfalls ein ebenso verlockender wie heikler Ort.

Wenn ein Löwenrudel eine Gruppe von Elefanten angreift, so wie äußerst eindrucksvoll im Naturfilm „Unsere Erde“ aus dem Jahr 2007, bilden die Dickhäuter einen wehrhaften Kreis um ihre Jungtiere – oder zumindest eine dem Kreis nahekommende Formation. Sie nehmen die Jungelefanten schützend, gewissermaßen im Schulterschluss, in ihre Mitte. Auch andere Säugetiere handeln bei Gefahr so ähnlich, und der Mensch tut es ihnen gleich.

Dass die Tiere sich dabei weder im Rechteck noch im Dreieck und erst recht nicht trapezförmig aufstellen, liegt schon daran, dass von allen flächigen Gebilden der Kreis bei gegebenem Umfang den größten Inhalt aufweist – oder salopp gesagt: Eine bestimmte Zahl von Elefanten kann, indem sie sich kreisförmig aufstellt, mehr Jungtiere und geschwächte Herdenmitglieder als durch irgendeine andere Formation schützen.

Allerdings kann es in der Mitte auch ungemütlich werden. Das weiß jeder, der bei einer Vorstellungsrunde zu Beginn eines Seminars schon mal in die Mitte eines Stuhlkreises treten und von sich erzählen musste. „Die Aktionen in der Mitte sind für den Akteur häufig ein Wechselbad der Gefühle – und das ist gerade das Wirksame und Wertvolle“, urteil Armin Poggendorf, Leiter des Projekts Teamdynamik an der Hochschule Fulda. „Die unterschwellige Furcht, mit seinem Beitrag durchzufallen, mit seiner Meinung danebenzuliegen, emotional außen vor zu sein oder nicht wirklich zum Team zu passen, gehört ebenso dazu wie das Hochgefühl, endlich im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.“

Elefanten bilden bei Gefahr einen schützenden Kreis

Wer in die geometrische Mitte einer Gruppe genommen wird, erhält buchstäblich von allen anderen Gruppenmitgliedern Zuwendung, denn alle wenden sich dem Teammitglied in der Mitte zu, richten sich nach ihm oder ihr aus – und genau das kann den Puls der Person im Zentrum beschleunigen. Sie fühlt sich ausgeliefert.

Aus vielen von ihm inszenierten gruppendynamischen Prozessen weiß Poggendorf, was in einem Menschen vor sich geht, der sich in der Kreismitte den Blicken aller anderen aussetzt. Der Platz in der Mitte sei „mit einem Kontrollverlust verbunden, woran sich mancher erst gewöhnen muss“, sagt der Leiter des Instituts für Angewandte Teamdynamik in Künzell bei Fulda. „Wenn neue Teilnehmer sich noch nicht gerne in die Mitte eines Kreises stellen wollen, haben sie durchaus nachvollziehbare Begründungen.“ Der eine hat „nicht gern Menschen im Rücken“, ein anderer findet es unhöflich, einem Teil der Zuhörer „den Rücken zuzukehren“, ein dritter sagt, er möge „nicht gern so hoch über den anderen stehen“ – was jemand tut, der sich buchstäblich im Mittelpunkt befindet, während alle anderen ihn sitzend umringen.

Schutzlos in der Mitte

Während Showstars oder Sänger auf einer Konzertbühne häufig das ganze Publikum vor sich und den Rücken frei- haben, weiß jeder im Zentrum Stehende, dass die Blicke eines großen Teils der Zuhörer auf seinen Rücken gerichtet sind. Unvertraute Menschen aber hat niemand gerne im Rücken; hier greifen uralte raumpsychologische Schutzmechanismen. Diese zeigen sich zum Beispiel daran, dass wir in einem Gasthaus, vor allem in einem uns unbekannten, meist einen Sitzplatz am Rande wählen. Dieser gestattet es uns, den ganzen Raum zu überblicken, während wir eine schützende Wand hinter uns wissen. Kaum jemand indessen wählt in einem leeren Restaurant einen Platz mitten im Gastraum.

„Wer in der Mitte steht, hat Menschen um sich herum, das heißt, er hat sie vor, neben und hinter sich“, erklärt Poggendorf das Besondere an der Zentralposition. Menschen „hinter sich zu wissen“, könne „als Bedrohung, aber auch als Rückenstärkung empfunden werden“. Aus der Mitte scheint es kein Entrinnen zu geben, man fühlt sich leicht umzingelt, auch, wenn es sich in aller Regel nicht um Feinde handelt, die einen umgeben. Wer seine Zuhörer alle nacheinander anschauen möchte, muss sich ihnen aktiv zuwenden, sich dazu um die eigene Achse drehen, immer wieder andere Menschen in den Blick nehmen.

Viele Menschen suchen nach der eigenen Mitte

Jedenfalls macht es etwas mit einem Gruppenmitglied, das sich in die Mitte wagt. Laut Poggendorf sollte ein Teamtrainer dem Betreffenden klarmachen: „Du kommst niemals so aus der Mitte zurück, wie du hineingegangen bist.“ Dort, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, finde nämlich eine Wandlung statt, „eine Transformation, vor der sich viele fürchten“. Wer sich in der Mitte aufhalte, „wird sich verändern, er kann etwas loslassen, denn er kann und muss nicht mehr opponieren, nicht mehr dominieren“. Er oder sie „wird geschützt, gehalten“. Der im Mittelpunkt Stehende „kann die Konkurrenz aufgeben, die Kontrolle abgeben, die Konvention verlassen, sodass etwas Neues entstehen kann“.

Eine ganz bestimmte Mitte wollen alle finden: die eigene, was immer damit gemeint ist. Wer diesen Begriff im weltweiten Netz sucht, über den ergießt sich ein Schwall von Treffern. Wer seine Mitte gefunden hat, ruht nach gängiger Sichtweise in sich, schwankt nicht im an- und abschwellenden Wind von Stimmungen und Launen, ist im Gleichgewicht und wird nicht so leicht durch abwertende Meinungen oder Angriffe anderer Menschen umgeweht. Ein solcher Mensch scheint das Urteil der anderen nicht mehr zu brauchen, er genügt sich selbst – was der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel vor 200 Jahren noch ganz anders sah. Ihm zufolge formt sich das Selbstbewusstsein eines Menschen dadurch, dass andere ihn anerkennen und wertschätzen. Der Mensch ist danach ein soziales Wesen und in gewisser Weise abhängig vom Du, um zum Ich zu finden – und also zu seiner Mitte.

Walter Schmidt




 

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