Achtsamkeit gegen Stress
Achtsamkeit gegen Stress
8. April 2016

Der Diplom-Soziologe und Sozial­psychologe Wolfgang Caspari ist Lehrer für Neuro­feedback, Chi Gong und Mindful­ness-Based Stress­ Reduction (MBSR), also für Stress­bewältigung durch Achtsam­keit. Seinen Teilnehmern bringt er – neben verschiedenen Körper­übungen – auch bei, wie sie ihre Gedanken­welt beob­achten können, ohne diese stress­verursachend zu bewerten.

Stress – allein dieses Wort kann in unserem Körper schon für Unruhe und ein ungutes Gefühl sorgen. Und jeder kennt dieses Gefühl: Man verspürt ein Ungleichgewicht, ist vielleicht sogar „außer sich“. Dabei ist Stress eine ganz natürliche Reaktion unseres Körpers, der versucht, Belastungen auf seine Weise zu bewältigen.

Der größte Teil dieses erlebten Ungleichgewichtes entsteht durch uns selbst: Wir grübeln, hadern mit der Vergangenheit oder machen uns aufgrund der Unplanbarkeit unserer Zukunft verrückt. Versagensängste und Ungewissheiten diktieren unseren Alltag. Die Gegenwart gerät aus dem Blick. Die Folgen sind depressive Verstimmungen, Ängste, körperliche Symptome wie Bluthochdruck, Magenbeschwerden, Hautirritationen oder Konzentrationsstörungen.

Wirksame Methode in vielen Kliniken

„Als Menschen sind wir allerdings mit der Gabe des bewussten Handelns ausgestattet“, erklärt Wolfgang Caspari. „Wir haben die Fähigkeit, unsere eigenen Gedanken und deren Folgen zu beobachten.“ Diese Fähigkeit bezeichnet man als Achtsamkeit. „Sie ermöglicht es uns, bewusst wahrzunehmen, was im gegenwärtigen Augenblick in uns geschieht. Damit werden wir weniger den Automatismen in uns ausgeliefert und können das Ruder selbst in die Hand nehmen“, sagt der 65-Jährige.


Genau hinsehen und hinfühlen, von Autopilot auf manuelle Steuerung umschalten; den kleinen und großen Katastrophen des Alltags nicht mehr ausweichen, sie nicht wegträumen. Das ist es, was auch Wolfgang Caspari vor zehn Jahren machen wollte, als sein Leben anfing zu stagnieren: „Ich war in einer Situation, in der ich einfach nicht mehr weitergekommen bin. Ich habe dann einen Kurs bei Jon Kabat-Zinn in Würzburg belegt, einem Amerikaner, der zu dieser Zeit in Deutschland war.“

Der Mikrobiologe und Verhaltensmediziner Jon Kabat-Zinn entwickelte in den 1970er-Jahren an der Universität von Massachusetts – gemeinsam mit dem vietnamesischen Zen-Lehrer Thich Nhat Hanh – aufgrund klinischer Erfahrungen mit Patienten eine bis dahin in der Medizin nicht bekannte Sichtweise. Es handelt sich hierbei um eine einfach zu erlernende Methode der Eigenbeobachtung der Gedanken und der körperlichen Vorgänge, im Verlauf dessen der Übende sich seiner eigenen Stress verursachenden und Stress aufrechterhaltenden Gewohnheiten bewusst wird.

„Der Übungsweg besteht darin, sich zunächst unter Anleitung und später alleine, der gewohnheitsmäßigen Verhaltensmuster bewusst zu werden. Dies geschieht über die Wege der Sitz- und Gehmeditation, durch einfach zu erlernende Yoga- beziehungsweise Chi-Gong-Übungen und durch die nicht-bewertende Wahrnehmung der Körpervorgänge, den sogenannten Body Scan“, erklärt Caspari.

Dieses Üben der Achtsamkeit führte Kabat-Zinn vor rund 40 Jahren in das Therapiekonzept bei Schmerzpatienten ein. Inzwischen wird MBSR in Hunderten von Kliniken weltweit als wirksame Methode zur Bewältigung von stressbedingten Erkrankungen, als Vorsorge- und Begleitmethode im Gesundheitswesen, aber auch in Schulen, Verwaltungen und Betrieben als gesundheitsfördernde betriebliche Maßnahme angewandt. Deutsche Krankenkassen fördern diese Methode sogar im Rahmen ihrer Prophylaxe-Maßnahmen.


Kabat-Zinn ermutigte Personen, den Blick auf sich selbst zu wenden, die eigenen Ressourcen zwischen all ihrem Leid zu erkennen, und beschreibt seine Methode selbst als „Kunst, die uns lehrt, uns selbst und die Welt auf eine andere, neue Weise zu sehen und mit unserem Körper, mit unseren Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen bewusst umzugehen. Sie bringt uns bei, das Leben und uns selbst nicht ganz so ernst zu nehmen und öfter mal zu lachen, während wir nach bestem Vermögen versuchen, unser Gleichgewicht, den Ort der inneren Mitte zu finden und in ihm zu bleiben.“

Für den Erziehungswissenschaftler Wolfgang Caspari änderten sich nach der Kursteilnahme bei Kabat-Zinn vor zehn Jahren viele Dinge seines Lebens grundlegend. Er ließ sich im Anschluss daran selbst zum MBSR-Lehrer ausbilden, ist in seiner neuen Funktion unter anderem seit nunmehr sechs Jahren im Gefängnis auf der Lerchesflur in Saarbrücken tätig. „Ich arbeite sowohl mit den Insassen als auch mit den dortigen Beamten zusammen“, erzählt Caspari und ergänzt: „Die Gefangenen lassen sich vollkommen auf das Angebot ein. Bei einigen sind mittlerweile sogar die Pin-up-Girls von den Zellenwänden verschwunden, das Kopfkissen wird regelmäßig zum Meditationskissen umfunktioniert.“

Neben der Arbeit im Gefängnis bietet Caspari zudem täglich – von montags bis samstags – Achtsamkeitsübungen in seiner Saarbrücker Akademie für Stressbewältigung an. Hinzu kommen jeden Mittwoch von 18.30 bis 20 Uhr Achtsamkeitsabende und an zwei Samstagen im Monat von 9.30 bis 16 Uhr sogenannte Achtsamkeitstage. Darüber hinaus arbeitet der Sozialpsychologe auch noch drei Mal in der Woche mit ADHS-Kindern in zwei psychologischen Praxen im Saarland zusammen.

Das Herzstück seiner Arbeit ist und bleibt allerdings der von Kabat-Zinn übernommene MBSR-Acht-Wochen-Kurs. „MBSR ist eine Methode, die eingeübt werden muss“, sagt Caspari. Aus diesem Grund entwickelte Jon Kabat- Zinn einen systematischen Acht-Wochen-Kurs, in dem die Grundhaltungen zum Beobachten der Gedankenwelt und die Körperübungen erlernt werden.


Der Kurs beginnt – wie bei Kabat-Zinn – auch bei Wolfgang Caspari immer mit einem Vorgespräch. Danach folgen sieben Termine à eineinhalb Stunden und ein ganzer Übungstag, ein sogenannter Achtsamkeitstag. „Damit der Kurs Erfolg hat, ist das Üben zu Hause unbedingt notwendig; Entschlossenheit und Ernsthaftigkeit sind unabdingbar“, erklärt der Diplom-Soziologe. Hierzu werden Materialien in Form von CDs und Skripten im Kurs ausgegeben.

Zu Hause üben ist unbedingt notwendig

Wie bereits erwähnt, beruht MBSR auf den vier Säulen der Sitz- und Gehmeditation, dem Yoga beziehungsweise Chi Gong und dem Body Scan. Die Sitzmeditation wird in vollkommener Stille ausgeführt. „Durch dieses stille Verweilen und das Beobachten des Atems wird unser Blick nach innen gerichtet und wir werden uns unseres Gedankenkinos bewusst“, erklärt Caspari. Die Übung besteht hierbei im nichtwertenden Beobachten dieses Gedankenflusses.


Während der Gehmeditation mache „das Gehen ohne den Zweck der Zielerreichung in achtsamer und langsamer Weise uns unsere Bewegungsabläufe und unsere alltagsübliche Hetze bewusst“, so Caspari weiter. Verbunden mit dem Atem führt dies zu mehr Gelassenheit und einem neuen Sinn für Zeit. „Die einfachen Yoga- beziehungsweise Chi-Gong-Übungen im Stehen und im Liegen führen uns zu neuem Körperbewusstsein und zu verloren geglaubten körperlichen Raumerfahrungen“, sagt der ausgebildete Chi-Gong-Lehrer. „Und beim Body Scan, dem Herzstück der MBSR, gehen wir zu guter Letzt zirka 45 Minuten lang auf systematische Weise in Gedanken alle Teile unseres Körpers durch, beginnend beim linken kleinen Zeh und endend beim Scheitelpunkt.“ Hierdurch entsteht ein intensiver Körperbezug und eine nicht gekannte Verantwortlichkeit für den Körper.


„Diese Übungen können allerdings nur Wurzeln schlagen – und hier ist Geduld nötig – wenn sie in den alltäglichen Tagesablauf integriert werden“, meint Caspari. „Der Body Scan wird zunächst am besten mit der entsprechenden Anleitungs-CD geübt. Stilles Sitzen, Gehen und Chi Gong benötigen einen festen Platz im Alltag, unabhängig von Lust oder Unlust zum Tun.“ Mit zunehmender Übung, Caspari bezeichnet diesen Schritt als „Neukonditionierung“, können diese Übungen „überall und jederzeit ausgeführt werden – ohne dass dies Außenstehende überhaupt wahrnehmen“, so der 65-Jährige.

„Das Ergebnis ist eine größere Gesundheit, mehr Lebens- und Arbeitskraft, eine gelingende Work-Life-Balance und eine erhöhte Kommunikationskompetenz“, verspricht Wolfgang Caspari. „Ich selbst konnte durch diese Übungen meinen Bluthochdruck senken, bin jetzt viel gelassener und ausgeglichener.“ Das lässt sich sogar messen und beweisen, und zwar durch das sogenannte Neurofeedback, welches Caspari als ausgebildeter Lehrer ebenfalls mit seinen „Patienten“, beispielsweise den ADHS-Kindern, durchführt.


Beim Neurofeedback, auch EEG-Feedback genannt, werden Gehirnstromkurven, sogenannte EEG-Wellen, von einem Computer in Echtzeit analysiert und auf einem Computerbildschirm dargestellt. Die auf diese Weise ermittelte Frequenzverteilung, die vom Aufmerksamkeits- beziehungsweise Bewusstseinszustand, beispielsweise wach, schlafend, aufmerksam, entspannt oder gestresst, abhängig ist, kann für das Training – mittels Feedbacktraining – genutzt werden. „So ist es zum Beispiel auch Sportgrößen wie Sebastian Vettel, der sich dieser Methode ebenfalls bedient, möglich, durch Rückmeldung des eigenen Hirnstrommusters eine bessere Selbstregulation zu erreichen“, erklärt Caspari.


Das neueste Projekt des Sozialpsychologen – oder besser gesagt, das aus seiner Bekanntschaft mit der Diplom-Sozialarbeiterin und -pädagogin Monika Mersdorf entstandene Unternehmen mit Firmensitz in Püttlingen – heißt „Weitsicht“. Hier bringen Caspari und die Trainerin für Stressmanagement und Entspannungsübungen den Teilnehmern durch Ausgleichsübungen, Zenbo Balance und das Zusammenspiel von Atmung und Bewegung in verschiedenen Übungsformen bei, wie man richtig entspannt, zur inneren Ruhe findet, und wie man Konflikte und Stress – auch mittels Kommunikation – vermeidet. „Ärgere dich nur dann, wenn du etwas verändern kannst“, lautet in diesem Fall das Motto von Monika Mersdorf.


„Aufgrund der großen Nachfrage bekommen wir ab dem 1. Mai noch einen zusätzlichen, 45 Quadratmeter großen Entspannungsraum dazu“, freut sich die 46-jährige Kommunikationsberaterin, die gemeinsam mit ihrem Unternehmens-partner auch neue Stressmanager und Wirtschaftsmediatoren ausbildet.
Noch mehr Arbeit also für Wolfgang Caspari. Aber wenn einer weiß, wie man mit diesem Stress umzugehen hat, dann sicherlich er.

Jeff Pluijmaekers

 

 

INFO:  CD-Tipp:
BODY SCAN.
Stressbe­wäl­tigung durch
Achtsamkeit. Wolfgang Caspari.
Infos, Termine, Anmeldungen
und Kosten finden Sie unter:
www.mbsr-saarland.de
Beratung, Konfliktmanagement, Kommunikation finden Sie unter:
www.weitsicht-cmn.de

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