Alles nur  geträumt
Alles nur geträumt
29. April 2016

Eigentlich ist nichts dabei, wenn eine Frau morgens bei einem Blick ins Badezimmer feststellt, dass ihr Ehemann unter der Dusche steht. Nicht so bei Pamela Ewing, gespielt von Victoria Principal, in der TV-Serie „Dallas“. Denn ihr Mann Bobby war Monate zuvor gestorben, als er ihr bei einem Attentatsversuch das Leben rettete. Vor 30 Jahren, am 29. April 1986, „starb“ Bobby Ewing im deutschen Fernsehen.

Es war die fast schon legendäre Zeit, als es in Deutschland nur drei Fernsehprogramme gab. Zwar war bereits 1984 der Privatsender RTLplus aus der Taufe gehoben worden, aber mit dem, was RTL heute ist, lässt sich das Angebot von damals nicht einmal ansatzweise gleichsetzen. Die öffentlich-rechtlichen Sender erzielten Einschaltquoten von 40 Prozent und mehr, heutzutage fast undenkbar. Was dort lief, war am nächsten Morgen bei der Arbeit oder in der Schule Tagesgespräch.

1981 hatte die ARD einen spektakulären Coup gelandet: Die Serie „Dallas“ war der absolute Top-Hit im US-Fernsehen; nun sollte das Familienepos auch Deutschland erobern. Dass „Dallas“ in den USA zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren lief, war damals keineswegs unüblich. Die ARD sendete die ersten sieben Staffeln durchgehend, um den zeitlichen Abstand nach und nach zu verkürzen.

„Dallas“ erzählte die Geschichte einer reichen Familie, den Ewings aus Dallas, Texas; von ihren Familienproblemen,  geschäftlichen Schwierigkeiten und natürlich ihrem Liebesleben. Das kenne man doch alles aus den täglichen Seifenopern und Endlos-Serien, sagen Sie? Sicher, aber „Dallas“ war quasi die Blaupause, an der sich – weltweit – solche Serien zukünftig orientieren sollten.

Der Ewing-Clan lebte auf der South­fork-Ranch und bestand im Wesentlichen aus dem Patriarchen Jock (Jim Davis) und seiner Frau Eleanor, genannt „Miss Ellie“ (Barbara Bel Geddes). Der älteste Sohn J.R. wurde gespielt von Larry Hagman. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich der intrigante Fiesling mit dem markanten Stetson-Hut und dem süffisanten Lachen zum Stereotyp des Serien-Bösewichts und zur TV-Ikone. Verheiratet war er mit Sue Ellen (Linda Gray), die wegen J.R.s recht freier Interpretation „ehelicher Treue“ häufig Trost im Alkohol suchte.

Anders als sein Bruder versuchte der jüngste Sohn Bobby (Patrick Duffy) stets, seine Geschäfte auf ehrliche Art abzuwickeln, was zu häufigen Konflikten zwischen den beiden führte. Bobby hatte den Unmut der Familie auf sich gezogen, indem er ausgerechnet Pamela heiratete (damit beginnt die Serie), die Tochter von Jocks ehemaligem Geschäftspartner und späterem Erzfeind Digger Barnes. Dessen Sohn Cliff (Ken Kercheval) war wiederum der ewige Rivale von J.R., wobei er allerdings meist den Kürzeren zog.

Nur gelegentlich trat der mittlere Ewing-Sproß Gary (Ted Shackleford) auf, der mit seiner Frau nach Kalifornien gezogen war. Die beiden sollten später ihren eigenen Serienableger bekommen, „Knots Landing“ („Unter der Sonne Kaliforniens“), in dem verschiedene „Dallas“-Figuren immer wieder Gastauftritte hatten. Ihre Tochter Lucy (Charlene Tilton) hatten sie allerdings in der Obhut der Großeltern auf Southfork zurückgelassen, wo die junge Dame regelmäßig für Turbulenzen sorgte. Ebenfalls zum Stammpersonal zählte Vorarbeiter Ray Krebbs (Steve Kanally), der sich später als unehelicher Sohn Jocks heraustellen sollte.

Über Jahre hinweg wurde im Hause Ewing geliebt und gehasst, intrigiert und betrogen, geheiratet, geschieden und wieder geheiratet. Regelmäßig tauchten verschollen geglaubte Verwandte auf, wodurch meist dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit ans Licht kamen. Fasziniert beobachtete das TV-Publikum, wie J.R. sich ständig neue Tricks und Schurkereien einfallen ließ, um seine Macht und sein Vermögen zu mehren. Hinzu kamen seine zahlreichen Affären, die für ihn aber meist Mittel zum Zweck waren, um seine Ziele zu erreichen.

Sein Bruder Bobby hingegen war stets bemüht, das moralisch Richtige zu tun, obwohl auch er das Spiel mit Intrigen und schmutzigen Tricks durchaus beherrschte. Seine anfangs glückliche Ehe begann zu kriseln, er stürzte sich in eine Affäre mit seiner Jugendliebe Jenna Wade (dargestellt von der Elvis-Witwe Priscilla Presley). Auch Pamelas Halbschwester Katherine Wentworth begann, einen Keil zwischen Pam und Bobby zu treiben, den sie für sich selbst haben wollte. Ihr Vorhaben gelang, die Ehe wurde geschieden, doch ihre Liebe von Bobby nicht erwidert.

Patrick Duffy hatte große Zukunftspläne

Nachdem „Dallas“ inzwischen über sieben Staffeln gelaufen war, begann Patrick Duffy, die Serie mehr und mehr als „Klotz am Bein“ zu empfinden. Er glaubte fest daran, dass er bessere Angebote bekommen könnte, insbesondere aus Hollywood, die er aber wegen seiner Dauerverpflichtung nicht annehmen konnte. Die Produzenten konnten ihn nicht umstimmen und gaben seinem Verlangen schließlich nach. Doch sein dramatischer Abschied aus der Serie sollte sich als Bumerang erweisen.

Das Szenario, das man sich dafür ausgedacht hatte, war Folgendes: Nach dem Scheitern seiner Ehe verlobt sich Bobby mit Jenna Wade, erkennt aber kurz vor der geplanten Hochzeit, dass er Pamela noch liebt. Daraufhin bittet er sie, ihn ein zweites Mal zu heiraten. Es folgt die unvermeidliche gemeinsame Liebesnacht. Am nächsten Morgen begleitet Pamela Bobby zu seinem Wagen, da geschieht das Unfassbare: Plötzlich rast ein Auto auf die beiden zu, Bobby kann Pamela gerade noch zur Seite schubsen, er selbst wird jedoch überfahren und schwer verletzt. Als Fahrerin stellt sich Pamelas Halbschwester heraus, deren Liebe zu Bobby sich in blanken Hass verwandelt hat. Sie kommt selbst bei dem Mordanschlag ums Leben.

Duffy erinnerte sich später an Victoria Principals schauspielerische Leistung in dieser Szene: „Dass Pamela auf mich zukriecht und in den Arm nimmt, war komplett improvisiert. Victoria hat sich das nicht vorher ausgedacht, sie tat in diesem Moment intuitiv das Richtige. Der Schrei, den sie danach ausstieß, war ohrenbetäubend. Sie war so auf ihre Rolle fokussiert, dass sich in diesem Augenblick für sie alles real anfühlte.“

Bobby stirbt schließlich im Krankenhaus im Kreise der Familie. „Wir haben so viel Zeit vergeudet, wir hätten heiraten sollen.“ Fans rätseln bis heute, an wen er diese letzten Worte richtet, denn Pamela und Jenna stehen nebeneinander an seinem Sterbebett. Selbst beim sonst so eiskalten J.R. sehen wir Tränen, als er stammelt: „Tu mir das nicht an, Bobby. Verlass mich nicht!“ Steve Kanally (Ray Krebbs) erinnert sich: „Da wurden Realität und Fiktion schon vermischt. Was mich betrifft, waren die Tränen echt. Bobbys Tod fühlte sich wirklich ‚echt‘ an, und außerdem würde ich nicht mehr mit meinem Freund Patrick Duffy zusammenarbeiten. Das ging uns allen irgendwie so.“

Patrick Duffy: „Der Ton des Herzmonitors sollte nach dem Stillstand noch etwas länger zu hören sein, damit die Kameras genug Zeit hatten, die Reaktionen in den Gesichtern einzufangen. Doch der Ton hörte und hörte nicht auf, und als wir uns umdrehten, sahen wir Regisseur Leonard Katzman in Tränen aufgelöst. Er war außerstande, das Kommando ‚Cut!‘ zu geben, um die Szene zu beenden.“ Was damals niemand wusste: Auch Katzman hatte beschlossen, wegen anhaltender Probleme mit dem Produzenten Philip Capice auszusteigen.

Ohne Bobby ging es mit „Dallas“ bergab

Die Zuschauer waren nicht wirklich begeistert. War „Dallas“ einst auf Platz eins des Quoten-Rankings gewesen, fiel die Serie nun auf Platz sechs ab. Bobby war eine beliebte Figur, und der passende Gegenpart zu J.R. gewesen, der Bruderkampf war das Salz in der Suppe gewesen. Der Führungsstil von Philip Capice war höchst umstritten, der fehlende Einfluss von Leonard Katzman machte sich schnell bemerkbar. Larry Hagman machte schließlich seinen Einfluss als Star der Serie geltend. Er bestand darauf, dass Capice gefeuert und Katzman zurückgeholt werde. Er selbst wolle sich darum kümmern, dass Patrick Duffy zurückkehren würde. Wie das in der Serie funktionieren soll, werde sich schon finden. Und so geschah es dann auch.

Wenige Wochen zuvor hatte sich Patrick Duffy eingestehen müssen, dass aus seinen hochfliegenden Hollywood-Plänen nichts werden sollte. „Am liebsten würde er wieder bei ‚Dallas‘ einsteigen,“ gestand er seiner Frau scherzend, „aber das würde wohl nicht funktionieren“. Carlyn Duffy widersprach und schlug das Szenario vor, das den Zuschauern wenige Monate später präsentiert wurde. Zuvor jedoch waren zwei weitere mögliche Lösungen erwogen worden: 1) Im letzten Moment waren Lebenszeichen bei Bobby festgestellt worden, dies sei aber auf dessen Wunsch bis zur völligen Genesung vor der Familie geheim gehalten worden. 2) Ein Betrüger hat sich durch eine Gesichtsoperation in Bobby verwandelt und tischt Version 1 als Geschichte auf.

Genommen aber wurde Variante 3, eine Idee, die nicht nur Carlyn Duffy hatte, sondern auch Leonard Katzman: Das komplette Geschehen seit Bobbys neuerlichem Antrag sei nichts anderes gewesen als Pamelas Traum nach der gemeinsamen Nacht. Darum ist der Mann, der ihr morgens unter der Dusche fröhlich „Guten Morgen“ wünscht, nicht Mark Graison, den sie am Tag zuvor im Traum geheiratet hat, sondern – Überraschung! – Bobby. Niemand hatte es vorher gewusst. Niemand außer Duffy, Hagman und Katzman. Patrick Duffy hatte angeblich einen Werbespot für ein irisches Shampoo gedreht; die Szene hatte Katzman erst unmittelbar vor der Ausstrahlung hineingeschnitten.

Als zum Beginn der nächsten Staffel die Auflösung präsentiert wurde, waren Zuschauer und Kritiker richtig sauer. Sie hatten Zeit investiert, um neuen Handlungssträngen zu folgen, und sich an neue Figuren gewöhnt, und nun soll das alles ein Traum gewesen sein? Zuvor hatte es einen Bombenanschlag auf J.R. gegeben, dem vermutlich – das sollte das eigentliche Staffelfinale sein – dessen Frau Sue Ellen zum Opfer fallen würde, und dann so etwas? Zudem hatte Patrick Duffy nach seinem Ausscheiden vollmundig erklärt: „Ich werde nicht zurückkommen, ich will die Zuschauer nicht betrügen.“

Die Macher der Ableger-Serie „Unter der Sonne Kaliforniens“ sahen sich vor das Problem gestellt, dass Bobbys Tod auch auf die dortige Handlung Einfluss genommen hatte. An diesem Punkt trennen sich die Gemeinsamkeiten: In Kalifornien bleibt Bobby tot und begraben, in Zukunft würde es keine gegenseitigen Gastauftritte mehr geben.

Das Ende der Serie kam im Jahr 1991

Obwohl „Dallas“ stets sein Stammpublikum behielt, fiel die Serie danach in der Gunst des Massenpublikums stark ab. Die 14. und letzte Staffel wurde 1990/91 ausgestrahlt und rangierte nur noch auf Platz 61. In Deutschland war es ähnlich verlaufen. Hier war erschwerend hinzugekommen, dass bereits Anfang April 1986, drei Wochen vor Ausstrahlung von Bobbys Tod, bekannt geworden war, dass er zurückkehren würde.

Aber auch aus einem anderen Grund sollte sich die Diskussion darüber in Deutschland in Grenzen halten. Der Titel des deutschen Spielfilms „Der Tag als Bobby Ewing starb“ thematisiert die Tatsache, dass es praktisch zeitgleich erste Meldungen gab, in einem Atomkraftwerk im ukrainischen Tschernobyl habe es möglicherweise einen Störfall gegeben. Nun hatte man andere Sorgen.

Heiko Baumann

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