Alternde Gesellschaft
Alternde Gesellschaft
16. Dezember 2016

Die Menschen werden heutzutage immer älter. Nach einer aktuellen Studie sollen sie aber nicht die 115-Jahre-Grenze überschreiten können. Stimmt das? Einige Wissenschaftler zweifeln die Ergebnisse allerdings an und wollen keine Obergrenze festlegen.

In seinem Pass ist als Geburtsdatum der 31. Dezember 1870 vermerkt. Damit wäre der Indonesier Mbah Gotho mit fast 146 Jahren der älteste Mensch der Welt. Allerdings gibt es erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit des offiziellen Dokuments aus seiner damaligen Heimat Java. Von daher wird in der Regel die Französin Jeanne Calment genannt, wenn es um den bisher ältesten Menschen geht. Sie wurde 1875 im südfranzösischen Arles geboren, war bis ins hohe Alter fit, obwohl sie fast lebenslang rauchte. Mit 100 Jahren fuhr sie noch Fahrrad, mit 120 Jahren nahm sie eine Techno-CD auf. Sie starb 1997 im stolzen Alter von 122 Jahren und 164 Tagen. Aktuell gilt die am 29. November 1899 im piemontesischen Civiasco zur Welt gekommene Italienerin Emma Morano als ältester lebender Mensch der Welt. Ihr hohes Alter schreibt sie dem guten Essen zu, frische Pasta und drei Eier täglich, zwei roh, eins gekocht.

In Deutschland, wo heute knapp 14.000 Bürger leben, die 100 Jahre oder älter sind, konnte noch niemand im Laufe der Geschichte älter als 115 Jahre werden. Rekordhalterin ist bislang die am 3. August 1871 im preußischen Posen geborene Augusta Holtz, die bei ihrem Tod im Oktober 1986 115 Jahre und 79 Tage auf der Welt verbracht hatte.

Als Altenhochburg gilt Villagrande Strisaili. Es handelt sich um eines von 14 Bergdörfern im Osten der Insel Sardinien, in denen pro 100.000 Einwohner 31 über Hundertjährige leben. Es hat sich zu einer Art Echtzeitlabor entwickelt, wo Biologen, Genetiker und Demografen versuchen, dem Rätsel der Langlebigkeit auf die Spur zu kommen. Verblüffend zudem, dass in der Region Männergenauso lange leben wie Frauen. Obwohl normalerweise in industrialisierten Ländern die Lebenserwartung der Männer durchschnittlich um sieben Jahre niedriger liegt als die der Frauen.


Sonderfälle wie die genannten können faszinieren, aber auch die interessante Frage aufwerfen, wie alt der Mensch maximal werden kann. Ob es für die natürliche Lebenszeit des Menschen eine Obergrenze gibt. Genau auf diese Frage haben US-amerikanische Forscher unter Leitung von Jan Vijg vom Albert Einstein College of Medicine in New York City eine Antwort gesucht. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen lautet: Die Obergrenze der Lebenserwartung liege bei 115 Jahren. Ausnahmen wie Jeanne Calment könne es immer wieder geben, aber die Chance, dass ein Mensch tatsächlich mal 125 Jahre alt werden könne, taxierten sie auf eins zu 10.000.

Die Ergebnisse der aktuellen Studie scheinen das Ende einer für die Menschheit insgesamt sehr positiven Entwicklung anzudeuten. Denn seit dem 19. Jahrhundert ist die Lebenserwartung in den meisten Ländern der Welt kontinuierlich gestiegen. Lag sie bei Menschen, die im Jahr 1900 in Frankreich geboren wurden, noch bei wenig mehr als 45 Jahren, werden im Jahr 2000 geborene Kinder ein durchschnittliches Alter von mehr als 75 Jahren erreichen. Nach aktuellen Berechnungen des Statistischen Bundesamtes wird die Lebenserwartung für zwischen 2012 und 2014 geborene Jungen gut
78 Jahre, für Mädchen gut 83 Jahre betragen. Den Anstieg der Lebenserwartung um mehr als 30 Jahre innerhalb eines Jahrhunderts führen Experten vor allem auf den medizinischen und technologischen Fortschritt zurück. Der habe früher zunächst die Säuglings- und Kindersterblichkeit eingedämmt, heute vor allem die vorzeitige Sterblichkeit im höheren Alter. Neben der durchschnittlichen Lebenserwartung ist auch das Maximalalter zum Zeitpunkt des Todes in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gestiegen.

Vor diesem Hintergrund scheint die Schlussfolgerung naheliegend, dass die Menschen unter optimalen Bedingungen künftig noch ein weitaus höheres Alter erreichen können. Dem scheinen nun die Untersuchungen von Jan Vijg und Kollegen klar zu widersprechen. Anhand der Geburt- und Sterbedaten, die sie aus der Human Mortality Database ablesen konnten, die vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock gemeinsam mit dem Department of Demography der University of California in Berkeley für 38 Länder geführt wird, konnten die Wissenschaftler zunächst nachweisen, dass der Anteil alter Menschen – über 70 Lenze – in einem Jahrgang von Jahr zu Jahr größer wurde. Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Betrachteten die Forscher nämlich die Daten sehr alter Menschen jenseits der 100 Jahre, war das nur noch begrenzt der Fall.

In einem zweiten Schritt analysierten die Forscher die Angaben zum Maximalalter zwischen 1968 und 2006 aus Frankreich, Japan, Großbritannien und den USA, genau den vier Ländern mit der weltweiten Höchstzahl an sogenannten Supercentenarians, Menschen mit mindestens 110 Lebensjahren. Dabei zeigte sich ein rapider Anstieg des Höchstalters zwischen den 70ern und frühen 90ern. „Demografen und Biologen haben argumentiert“, so Jan Vijg, „es gebe keinen Grund anzunehmen, dass der derzeitige Anstieg der maximalen Lebensspanne demnächst endet. Aber unsere Daten sprechen dafür, dass das bereits geschehen ist, und zwar in den 90er-Jahren.“ Mit dem Maximalalter eines Menschen bei 115 Jahren. „Weitere Fortschritte im Kampf gegen Infektionen und chronische Krankheiten mögen“, so Vijg, „die zu erwartende Lebensdauer zwar verlängern, aber nicht die maximale Lebensspanne.“

Anstieg der Lebens­erwartung in
den 90ern stagniert?

Dieses Studienergebnis wurde jedoch von manchen Wissenschaftlern heftig kritisiert. Vor allem von James Vaupel, der am Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung die Arbeitsbereiche Altern, Langlebigkeit und Evolutionäre Demografie leitet. Studien wie die von Vijg und Co. würden nur publiziert, weil es vielen seiner Kollegen als plausibel erscheine, dass die maximale Lebensspanne nicht viel weiter ansteigen könne. Speziell in den Ländern Frankreich, Italien und vor allem Japan, wo für alle im Jahr 2015 Geborenen die weltweit höchste Lebenserwartung von 83,7 Jahren prognostiziert werde, könne er bislang keine Stagnation bezüglich des Maximalalters erkennen. Vaupels zufolge gibt es ohnehin bislang keinerlei gesicherte Hinweise auf eine natürliche Obergrenze der Lebenszeit. „Vor 100 Jahren“, so Vaupel, „nahm man an, dass die Lebenserwartung niemals 65 Jahre überschreiten werde. Als dann der Gegenbeweis sichtbar wurde, wurde die Grenze wieder und wieder nach oben verschoben.“

Auch Vaupels Kollegin Linda Partridge, Direktorin am Kölner Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns, ist skeptisch hinsichtlich einer Lebensaltersobergrenze: „Es gibt keine Zeitbombe, die in einem bestimmten Alter losgeht. Wir sind nicht darauf ‚programmiert’, zu sterben.“ Partridge hält es durchaus für möglich, dass künftige Generationen eine noch höhere Lebensspanne erreichen können. „Wir können die Zukunft auf Grundlage der Studie nicht vorhersagen.“ Allein schon deshalb nicht, weil noch längst nicht im Detail geklärt werden konnte, was genau den Menschen überhaupt altern lässt. Laut Partridge könnten dabei Faktoren wie Schäden am Erbgut, Fehlfunktion von Stammzellen, Störungen im Immunsystem oder Ausfallen von Qualitätskontrollen in Zellen und Geweben eine wesentliche Rolle spielen. Auch der diesjährige Nobelpreisträger für Medizin, Yoshinori Ohsumi, hat sich mit Grundlagenforschung zum Thema Altern beschäftigt. Und dabei herausgefunden, dass sich Körperzellen zum Teil selbst fressen, um gesund zu bleiben.


Peter Lempert

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