Amphibien in Gefahr
Amphibien in Gefahr
22. April 2016

Nachdem ein tödlicher Schadpilz den Feuersalamander in den Niederlanden fast ausgerottet hat, sind nun auch auf deutschem Boden die ersten toten Schwanzlurche gefunden worden. Wissenschaftler sind alarmiert. Noch ist unklar, wie das weitere Vordringen nach Deutschland und in andere Länder verhindert werden kann.

Es lag wohl am milden Frühwinter 2015, dass die Feuersalamander im Belgenbachtal zwischen Monschau und Simmerath, direkt westlich des Nationalparks Eifel, so spät im Jahr noch einmal in größerer Zahl aktiv wurden. Hervorgelockt von überraschend hohen Lufttemperaturen, hatten sie ihre schon bezogenen Winterquartiere, zum Beispiel in Boden- und Felsspalten oder unter Baumwurzeln, noch einmal verlassen.

Doch eine ganze Reihe von ihnen, so ist zu befürchten, hat dieses Luftschnuppern offenbar nicht überlebt. Biologen auf der Suche nach dem schwarz-gelben Lurch fanden jedenfalls um den Monatswechsel im November und Dezember allein im Belgenbachtal 22 Feuersalamander – und darunter 16 tote Exemplare. Auch im Solchbachtal zwischen Zweifall und Vossenack im Eifeler Hürtgenwald sowie im nicht weit davon entfernten Tal der Weißen Wehe haben Mitarbeiter zweier Biologischer Stationen der Region zwei an einem Pilz verendete Feuersalamander gefunden – außerdem mehrere damit infizierte, aber noch lebende Exemplare.

Der Biogeograph Stefan Lötters von der Universität Trier und seine Fachkollegen mussten nicht lange rätseln, woran die auffällig gemusterten Amphibien gestorben waren: Selbst fünf der noch lebenden Tiere, so stellte sich später im Labor heraus, waren mit dem für die Salamander meist tödlichen Tröpfchenpilz Batrachochytrium salamandrivorans (Bs) infiziert. Dessen zweiter Namensbestandteil bedeutet so viel wie Salamander-Fresser.

Der Bs-Pilz mag es nicht gerne warm

Dieser Pilz war auch der Grund, warum die seit Längerem besorgten Forscher durch drei Bachtäler in der Nordwesteifel und andere Amphibien-Biotope gestapft waren. Sie wollten feststellen, ob der Bs-Pilz von den Niederlanden oder Belgien her den Sprung über die deutsche Grenze geschafft hatte, wie schon seit Längerem erwartet worden war. Und siehe da: Er hatte! Es waren die ersten deutschen Bs-Funde in freier Wildbahn. Die ersten Entdeckungen des Pilzes in Deutschland überhaupt machten Wissenschaftler ebenfalls 2015 bei einem privaten Halter, also nicht im Freiland. „Die kühlen Temperaturen während der Funde in der Nordeifel waren für den Pilz gut“, sagt Lötters. Er mag es nämlich nicht gerne warm und  vermehrt sich besonders gut bei lediglich zehn bis 15 Grad Celsius. Temperaturen also, wie sie häufig in Europa vorkommen. Ab etwa 25 Grad hingegen stirbt er.

Das heißt: Der Pilz kann mit überaus tödlichen Folgen vielerorts in Europa zuschlagen. Nicht unbedingt in heißen Sommern zwar, doch besonders dann, wenn die wärmere Jahreshälfte kühl ausfällt. Oder wenn milde Frühjahrs- und Herbsttemperaturen die Feuersalamander und andere Lurche sozusagen hinterm warmen Ofen ihrer Winter-Unterschlupfe hervorlocken – mitten hinein ins Verderben.

Denn der Pilz ist ein echter Killer: Steckt sich ein Feuersalamander oder ein Molch damit an, stirbt er innerhalb weniger Tage. Überall auf seiner Haut bilden sich teils tiefe Geschwüre, schließlich regt sich das Tier immer weniger und bewegt sich dabei zunehmend unkoordiniert. Der Salamander nimmt ab und wirkt apathisch, bis er an dem Parasiten zugrunde geht. Und auch viele andere Amphibien reagieren so.

Innerhalb
weniger Tage tot

Der Bs-Pilz ist eng verwandt mit einem in Fachkreisen schon viel länger bekannten, gattungsgleichen Pilz namens Batrachochytrium dendrobatidis (Bd). Fachleute nehmen an, dass diesem seit den 80er-Jahren weltweit über 200 Amphibienarten zum Opfer gefallen sein könnten. Wäre dem so, hätte keine andere bekannte Tierkrankheit die Artenvielfalt derart verringert. Ausgemerzt wurden vom Bd-Pilz jedoch bisher hauptsächlich tropische Lurche in Australien und Lateinamerika; die Amphibien der gemäßigten Breiten blieben weitgehend verschont. Das schien sich schlagartig im Jahr 2010 zu ändern, als in den Niederlanden die Feuersalamander in bedenklichem Tempo zu sterben begannen: Bis 2013 fielen 96 Prozent des ursprünglichen Bestandes einem Schadpilz zum Opfer. Doch wie Wissenschaftler um die Biologin An Martel von der belgischen Universität Gent herausgefunden haben, war es diesmal ein anderer Übeltäter – einer, der sein Unwesen bei niedrigeren Temperaturen treibt als sein in den Tropen wütender Verwandter.

Es handelte sich um eben jenen Schadpilz Bs, der im vergangenen November und Dezember auch im Eifeler Belgenbachtal etliche Feuersalamander dahingerafft hatte. Im Falle des Belgenbachs sprachen die Wissenschaftler sogar von einem „Massensterben“, weil sie kaum lebende und fast keine nicht befallenen Lurche fanden.

Auch in den Niederlanden und Belgien greift der Salamander-Pilz weiter um sich. Das zeigen Feldstudien seit 2010, zu deren Ergebnissen auch die alarmierenden Funde in der deutschen Nordeifel gehören. Insgesamt wurden in den drei Ländern 55 geeignete Biotope untersucht und an immerhin 14 von ihnen fand sich der Schadpilz auf Schwanzlurchen. Betroffen waren – außer dem Feuersalamander – Berg- und Teichmolche.

Annemarieke Spitzen-van der Sluijs, Erstautorin der neuen Studie, schätzt das Grenzen übergreifende Gebiet, in dem der Bs-Pilz bereits Amphibien befallen hat, auf bis zu 10.000 Quadratkilometer – mehr als bisher angenommen. „Das kann entweder darauf hinweisen, dass der Pilz sich ausgebreitet hat, oder dass er schon seit Längerem an Stellen auftritt, die bislang nicht als befallen galten“, sagt die niederländische Biologin. „Das Vorhandensein des Pilzes kann zunächst leicht unentdeckt bleiben, weil die Hautverletzungen erst kurz vor dem Verenden der Tiere auftreten.“

Noch tappen die Forscher bei manchen Fragen im Dunkeln. Ist der Pilz wirklich so brandgefährlich und tötet schon kurz nach dem ersten Auftreten in einem Bachtal oder Tümpel die meisten oder gar alle dort lebenden Feuersalamander und anderen Molche? Oder gibt es bloß einige gefährliche Varianten oder Stämme des Pilzes – und andere, die eher harmlos sind? War der Pilz womöglich schon lange in den Gebieten, wo man ihn in den letzten Jahren durch gezielte Suche erstmals fand? Und würde man ihn sehr oft auch anderswo in Deutschland finden, wenn man nur an vielen Amphibien-Standorten emsig nachforschte? Zudem könnten die einzelnen, regionalen Feuersalamander-Populationen „unterschiedlich gut gegen den Pilz gewappnet sein, weil sie vielleicht ganz andere Mikroben auf ihrer Haut haben, die den Pilz womöglich bekämpfen“, sagt Lötters. „Das alles muss erst erforscht werden.“

Viele Fragen
sind noch offen

Unklar ist auch, wie der Pilz sich ausbreitet. Tragen Wanderer an ihren Stiefeln die Pilzsporen in bis dahin unbelastete Gebiete – so wie es beim tropischen Bd-Pilz nachgewiesen werden konnte? Oder verschleppen die infizierten Salamander selbst den Pilz? Das aber sei Stefan Lötters zufolge „nicht ausschlaggebend“, weil die Tiere sehr langsam unterwegs sind und während ihres Lebens meist nur wenige hundert Meter weit kriechen. Obendrein sterben sie oft bereits nach sechs oder sieben Tagen an dem Parasiten, hätten also gar nicht viel Zeit für eine Fernreise mit ihrem Peiniger.

Die europäische Fachwelt ist jedenfalls seit der Studie An Martels vor drei Jahren höchst besorgt bis alarmiert – spätestens seit den ersten Salamander-Totfunden in Deutschland nun auch das Bundesamt für Naturschutz in Bonn.

Im Wissenschaftsjournal Science warnten Martel und Lötters schon 2014 vor einem Massensterben der in Europa vorkommenden Salamander und Molche. In Deutschland sind neben dem Feuersalamander und dem hierzulande nur in den Alpen lebenden Alpensalamander der Faden- und der Kammmolch, der Donau-Kammmolch sowie der Teich- und der Bergmolch in großer Gefahr. Fröschen kann der Pilz nichts anhaben.

Die Biologin Annemarieke Spitzen-van der Sluijs erbittet nun die Hilfe der Öffentlichkeit: Erkennbar kranke oder tote Salamander oder Molche sollten bei den für Naturschutz zuständigen Stellen gemeldet werden, „damit wir die Verbreitungskarte des Pilzes in Europa weiter füllen können“.

Walter Schmidt

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